Archiv der Kategorie: Klassentreffen; 50 Jahre Abitur

Goldenes Klassentreffen

Im Juni 2024 flatterte ein Brief aus meiner Heimatstadt in mein Email-Postfach.

Der Inhalt dieser Nachricht: eine Einladung zum alle 5 Jahre stattfindenden Ehemaligentreffen der Gymnasiasten aber auch speziell zu 50 Jahre Abitur! Ja unfassbar! Es ist 50 Jahre her, dass ich das Abitur ablegte und anschließend auch mein Zuhause verließ, um in die „weite Welt“, sprich in meinen Studienort Münster zu ziehen.

Das Schreiben enthielt Einladung, vorläufige Planungen für das Wochenende vom 29.08. – 31.08.2025 sowie eine Liste mit den Namen und, wenn vorhanden, Adressen der damaligen MitschülerInnen.

Die Nachricht löste unterschiedliche Gefühle in mir aus. Es war eine Mischung aus Neugier, was aus all den Menschen geworden ist, und eine schale Erinnerung an ein Treffen zum 20jährigen Abitur, an dem ich teilgenommen hatte und einigermaßen enttäuscht nach Hause zurückgekehrt war. Die Erinnerung daran ist nur noch sehr bruchstückhaft, aber wie gesagt, eher negativ besetzt. Nach meiner Wahrnehmung hatte sich an den „Strukturen“ von damals nicht viel verändert. Man unterhielt sich mit den wenigen, mit denen man auch zur Schulzeit in engerem Kontakt gewesen war. Ich möchte die Freude an ein Wiedersehen mit diesem kleinen Kreis nicht schmälern, aber ich hatte mir mehr versprochen. Im Nachhinein glaube ich, dass es auch mir an der nötigen Initiativ gemangelt hatte, offensiv auf meine anderen MitschülerInnen von damals zuzugehen.

Nun, weitere 30 Jahre sind ins Land gegangen.

Bis auf eine Mitschülerin, die ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes jetzt einfach mal Andrea nenne, hatte ich über die Jahre keinerlei Kontakte mehr. Andreas‘ und meine Wege kreuzten sich nach langer Zeit, als sie mit ihrem kleinen, mit meinem Sohn etwa gleichaltrigem Sohn in meine Stadt zog. Auch das ist nun schon wieder 34 Jahre her. Ein glücklicher Zufall, denn wir konnten unsere Freundschaft erneuern und nun beraten, ob wir gemeinsam zu dem Treffen fahren sollten. Andrea war ähnlich skeptisch gestimmt wie ich. Wir kamen aber recht schnell überein, es zu wagen! Was konnte schon passieren. Würde uns die Stimmung enttäuschen, könnten wir uns einfach vorzeitig „vom Acker machen“, wenn nicht, umso besser. Würden wir nicht hinfahren, beraubten wir uns der Möglichkeit einer positiven Erfahrung.

Nun begannen die Gespräche über vergangene Zeiten. Gemeinsam gingen wir die Liste der damaligen MitschülerInnen durch und tauschten unsere Erinnerungen und die wenigen Informationen über deren jeweiligen Verbleib aus. Später erfuhren wir, dass 18 unserer MitschülerInnen verstorben sind.

Und dann kam zwangsläufig die Frage nach der Kleiderordnung!

Es handelte sich, wie gesagt, auch um das alle 5 Jahre stattfindende Treffen der Ehemaligen . In der Programmvorschau war die Rede von Festakten und Tanzabend auf der altehrwürdigen „Wilhelmshöhe“. Also vermuteten wir, dass das Ganze vielleicht auch einen eher ehrwürdigen Charakter haben könnte und gegebenenfalls entsprechende Kleidung erfordern würde. Wir hatten halt keine Ahnung, mussten aber feststellen, dass wir kleidungsmäßig gegebenenfalls überhaupt nicht ausgerüstet waren!

Beide durchforsteten (der Begriff ist für die Anzahl der zumindest in meinem Kleiderschrank vorhandenen Kleidung schon ein wenig übertrieben) wir jeweils unseren Bestand. Auf einem Tanzabend war ich schon Jahre nicht mehr gewesen….freute mich aber sehr auf „gepflegten“ Tanz – so meine Vorstellung. Nun, ein paar rote halbhohe Stiefel, die ich mir vor Jahren zum Salsa tanzen gekauft hatte, passten noch. Ich kaufte einen dunkelblauen Blazer, den ich mit weißer Bluse und – wahrscheinlich aus der Reihe fallend – mit einer grauen Jeans kombinieren wollte. Andrea verweigerte die Anschaffung neuer Kleidung/Schuhe und entschied sich ebenfalls für Jeans mit Sneakers, obenrum aber doch für eine elegant/sportliche Bluse mit Blazer.

Zu Hause zog ich den Blazer erwartungsfroh noch einmal an und musste feststellen, dass er sich angesichts seines Gewichts wie Blei auf meine Schultern legte – so mein Gefühl. Also brachte ich ihn wieder zurück ins Geschäft!

Danach probierte ich aus meinem Repertoire dann noch verschiedene Varianten im Hinblick auf mögliche Wetter- und Stimmungslagen aus. Eine leichte Sommerhose erschien mir passend. Als ich sie – zu meiner Ehrenrettung – schon vor Sommerbeginn gekauft hatte, saß sie noch ein bisschen straff um den Bauch. Es bedurfte einiger körperlicher Anstrengungen, um sie passend zu machen. Andrea hatte sich – wie ich später feststellte – auch noch mit einer extra Garnitur gewappnet gegen Kleckern. Sie hatte einschlägige Erfahrungen. Ihre Vorsorge sollte sich als durchaus berechtigt erweisen, als wir nach dem oben erwähnten Festakt Giros-Suppe aus der Kantine unserer ehemaligen Schule serviert bekamen. Ich hatte dieses Mal Glück…denn das Kleckern ist mir ein sehr bekannter Vorgang.

Das große Ereignis rückte näher. Andrea und ich unterhielten uns noch öfter über unsere Vorbereitungen, mehr noch aber über unsere Gefühlslagen. Warum taten wir uns so schwer, einfach loszufahren und uns auf eine positive Erfahrung zu freuen? Und dann kamen wir zu dem Schluss, dass es den anderen Menschen vermutlich auch nicht anders erging als uns, denn immerhin hatten Andrea und ich sehr ähnliche Gedanken und Gefühle: wie würde es werden, wie würden wir aufgenommen, was würde man sich erzählen…..

Alleine wäre wohl keine von uns gefahren!

Abfahrt Freitag, 13:00 Uhr

Ankunft: 14:15, Andrea brachte mich bei meiner Schwester vorbei, die noch in meiner Heimatstadt wohnt. Sie selbst übernachtete ebenfalls bei Verwandten ganz in der Nähe .

15:30: Beginn der Veranstaltung: Erste Begegnung in einem Café in der Innenstadt. Das Wetter ist gut. Wir können im offenen Teil des Cafés sitzen. Es ist eng und laut. Wir bekommen Namensschilder auf die Kleidung geklebt, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat.

Denn: erkennt man noch jemanden nach 50 Jahren? Tatsächlich: 2 Personen habe ich auf Anhieb erkannt, alle anderen nicht spontan.

Es gibt einige herzliche Umarmungen, die schon mal das Eis brechen!

Ich habe mir vorgenommen, dieses Mal über den Kreis meiner damaligen Klicke, wenn ich das so nennen darf, hinauszugehen und auch möglichst viele andere MitschülerInnen anzusprechen. Das ist der Unterschied zu unserem Treffen von vor 30 Jahren. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass die anderen auch offener und interessierter sind, sich die jeweiligen Lebensgeschichten anzuhören. 50 Jahre sind eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns noch einmal sehen?

Nach dem Kaffeetrinken geht es zu Fuß auf die „Wilhelmshöhe“. Ein auch für mich und die anderen ein denkwürdiger Ort, da wir dort unseren Tanzkursus besucht hatten, der damals noch obligatorisch war. Die meisten Frauen erinnern sich auch heute noch an die für sie unangenehme Situation, als wir den Jungs in einer Reihe gegenüber standen und sie uns mit einem Spurt auf unsere Seite „auswählen“ durften! Zum Abschlussball mussten die Mädchen den Jungs ein Taschentuch mit deren Namen sticken (!). An mein Kleid kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es wird wohl ein langes Abendkleid gewesen sein, vermutlich in hellblau, meiner Lieblingsfarbe.

Während ich mit einigen anderen zur Wilhelmshöhe gehe und wir dort schon mal bei schönem Wetter im Biergarten Platz nehmen, wird auf dem Marktplatz noch ein Fackelzug vorbereitet, der offensichtlich traditionell als Zeichen der Verbundenheit untereinander zur Wilhelmshöhe durchgeführt wird. Leider sind Fackelzüge heutzutage anders konnotiert!

An diesem Abend erzählen wir uns viele Geschichten…aus 50 Jahren Leben.

Am Samstagmorgen findet in unserer ehemaligen Schule eine Generalversammlung der Ehemaligen statt. Das ersparen Andrea und ich uns. An dem anschließenden Festakt möchten wir aber teilnehmen, aus Neugier. Auch hier stand im Vorfeld die Kleiderfrage! Aber auch dieses Mal die Erkenntnis, dass sich Dinge ändern und ändern müssen oder können. Jeder kam dorthin, wie er oder sie oder ….es wollte, die meisten „casual“. Es wurden die Honoratioren und anderen besonderen Gäste begrüßt und den Veranstaltern Dankesreden gehalten Anschließend folgte ein Vortrag von einem Ehemaligen, der über sein Fachgebiet, die Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen bei Kleinkindern und den Stand der Forschung bei künstlichen Herzen und anderen Ersatzteilen berichtete. Durchaus hörenswert. Also auch noch ein intellektueller Schmaus.

Anschließend können wir unser alte Schule und was inzwischen daraus geworden ist, besichtigen. Es entspinnen sich rege Erzählungen über Lehrer, deren Besonderheiten im Positiven wie Negativen. Jede/r kann etwas beitragen und es wird viel gelacht. Manche wissen noch, in welchem Klassenraum wir gesessen hatten. All das habe ich vergessen. Nur zwei Bilder kommen wieder: ich sitze in einem oberen Stockwerk in der Bibliothek, in der ich in der Pause ausgeholfen habe, und schaue auf den Schulhof. Was ging damals in meinem Kopf vor? Manchmal fühlte ich mich außen vor.

Dann kommt die Erinnerung wieder an die Theke in der Pausenhalle, wo man in der Pause Getränke – Milch, Kakao usw. erwerben konnte. Vielleicht auch Brötchen? Süßigkeiten gab es bei einem Kiosk, der direkt vor der Schule lag. Wie praktisch.

Andrea und ich fahren zurück zum Marktplatz und trinken dort in aller Ruhe einen Cappuccino und lassen das bisherige Treffen an uns vorüberziehen. Es ist schon sehr anstrengend, sich die ganze Zeit zu unterhalten, vor allem, weil es meist sehr laut ist, man ist von vielen anderen sprechenden Menschen umgeben und es ist schwierig, intensivere Gespräche zu führen.

Insgesamt sind wir aber sehr positiv gestimmt.

Am Nachmittag stehen noch weitere Besichtigungen zur Auswahl. Mein Rücken macht mir Probleme und so fahre ich zu meiner Schwester, die ich auch nicht so oft sehe, und ruhe mich bis zum frühen Abend aus.

Und nun der Tanzabend auf dem Programm. Ich mache mich im Rahmen des Möglichen schick und packe meine roten Stiefel ein. Der Tanz soll erst um 20:00 Uhr beginnen (tatsächlich dann erst um 21:00 Uhr, so dass wir uns zunächst im Biergarten wieder treffen, dort essen und trinken und wieder Gespräche, Gespräche…und Blasmusik, die uns unerwartet begleitet…Ich treffe einen Klassenkameraden wieder, der mir wegen seines frohen Gemüts in Erinnerung geblieben ist. Wir erkennen uns beide nicht wieder, aber als er lacht, weiß ich, das ist er! Das ist schon interessant: manche Menschen habe ich nicht auf Grund ihre Gesamterscheinung wiedererkannt, sondern an einem Detail, das sie auszeichnet und das mir über all die Jahre im Gedächtnis geblieben ist. Wie schön!

Ich warte darauf, dass nun endlich der Tanzabend beginnt. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir ja alle ohne Partner dort sein würden und sich so die Gelegenheit zu einem Paartanz durchaus ergeben könnte. Fehlanzeige! Tatsächlich hatte es sich bis zu Corona um einen „traditionellen“ Tanzabend mit Abendgarderobe gehandelt. Nun hatte man entschieden (wahrscheinlich auch zu Recht?), die Veranstaltung der neuen Zeit anzupassen und ist umgeschwenkt auf einen Disko-Abend. Kleiderordnung brauche ich nicht, aber einen gepflegten Tanzabend mit Stand- oder auch lateinamerikanischen Tänzen, wie wir sie in der Tanzschule gelernt hatten, hätte mich gefreut. Nun, das war nun ein richtiger Negativpunkt für mich persönlich!

Am Sonntagmorgen kann man noch an einem ökumenischen Gottesdienst und /oder an einem zünftigen Frühschoppen auf dem Markt teilnehmen.

Andrea und ich entscheiden uns, nach Hause zurückzufahren. Es war genug der Gespräche… für dieses Mal.

Wenn ich dieses Treffen zusammenfassen soll: ich bin froh, daran teilgenommen zu haben!

Ich habe mich sehr gefreut, meine ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen wieder zu treffen und mich mit vielen von ihnen unterhalten zu haben. Für ein nächstes Mal würde ich mir mehr Gelegenheiten suchen, um mit dem einen oder der anderen in Ruhe auch mal tiefgründigere Gespräche zu führen. Es ist doch so spannend, zu hören, was die Menschen so alles erlebt haben und wie sie auf die Welt blicken.

Ich habe es in der Hand, mich ausgeschlossen zu fühlen oder auf die Menschen zuzugehen . Die anderen haben bestimmt ähnliche Ängste wie ich! Kleiderordnungen gibt es nicht mehr. Mit Standardtanz bin ich offensichtlich eine Außerirdische. Es war gut, das Treffen über mehrere Tage auszudehnen, um Gelegenheit zu haben, sich mit möglichst vielen Leuten zu unterhalten. Manchmal war das Programm dem Alter geschuldet für mich physisch herausfordernd.

Vielen Dank an meine Freundin „Andrea“, die mich chauffiert hat und mit der ich das ganze Event vor, während und anschließend bereden konnte!

Und auch an die Veranstalter und vielen Helfer, die uns dieses „einmalige“ Erlebnis ermöglicht haben, ein tiefes Danke!