Und dann bist du einfach weg

Und dann

bist du

einfach

weg

aus den Augen

aus dem Hier und Jetzt

auf dem Weg

in eine andere Welt

ein anderes Sein

ein neues Heim

in eine neue Gestalt?

Es war wie gestern

als ich dich

zum letzten Mal sah

friedlich in deinem Bette

so schien es

wenn dort nicht dein Röcheln

den Raum erschaudern

und unser Schweigen gefordert hätte

um dich stille auf

auf deinem letzten Weg

zu begleiten

dir die Hand zu halten

schweigend ein Gebet zu sprechen

und dich einem Höheren

zu übergeben

ich betrachtete dich in diesem

scheinbaren

Frieden

denn du kämpftest um jede Sekunde

in diesem Leben

sagten die Ärzte

du hattest Angst

vor dem

was da kommen könnte

und musstest dich doch beugen

alles schien so friedlich

alles schien so natürlich

so richtig

aber was ging in dir vor

was hättest du uns noch sagen wollen

hättest du uns deine Wut, deine Angst deine Verzweiflung

entgegengeschrieen

oder hättest du mit uns noch deine Erinnerungen geteilt

und schließlich dem Leben den Abschied erklärt?

Oder war so besser

dir den Frieden des Opiats zu schenken

und die Angst zu lindern?

Als es vorbei war

sagten wir:

Jetzt hat er es geschafft

Ja, aber was wissen wir schon von dem,

was sich abspielt in diesen letzten Tagen, Stunden, Sekunden?

Was bleibt

Die Trauer, die Verzweiflung, der Zorn

Auf den Tod,

Der euch den Mann, den Vater, den Opa

Aus euren Armen nahm

der zarte Trost

dass das Leid nun ein Ende hat

Dass es keines Wortes mehr bedarf

Dass sich der Lebenskreis vollendet hat

und du bleibst in unseren Herzen

Mit allem, was du für uns warst

Mit deinen Stärken und Schwächen

Mit den Höhen und Tiefen

Deines Lebens

Und mit deiner Liebe

Und du bleibst in unseren Herzen

Dort sehen wir dich

Dort fühlen wir dich

Dort bist du

Für immer

Einmal ist es zu Ende

Lange Zeit verdrängen wir es. Ich spreche einfach in der Wir-Form, da ich mir nicht vorstellen kann, dass es euch anders geht als mir. Wir sind mit allem anderen beschäftigt, was uns das Leben abfordert oder natürlich auch an schönen Seiten bietet. Und doch werden wir schon früh mit der Endlichkeit allen Lebens konfrontiert, wenn z.B. unsere Großeltern sterben. Wir verstehen noch nicht wirklich – behaupte ich aus heutiger Sicht – was das bedeutet und warum das so ist. Unsere Eltern trösten uns mit dem Hinweis, dass der Opa oder die Oma jetzt im Himmel sind und es ihnen dort gut geht. Mich hat der Tod meiner Großeltern damals schon trotz der Tröstungen der Eltern aus der Bahn geworfen, aber weder mir noch meinen Eltern war wahrscheinlich klar, was der Grund für meine Schlafstörungen und Ängste war.

Viel Zeit ist seither ins Land gegangen mit den besagten anderen Aufgaben, die sich zwischen mich und den Tod stellten. Und das war auch gut so, behaupte ich.

Vor acht Jahren brach die Erkenntnis der Endlichkeit dann endgültig und brachial in mein Leben ein durch den Tod meines Mannes. Ich besaß noch keine Mechanismen, damit umzugehen. Es gab auch gar keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Die Ereignisse verlangten nach Bewältigung. Nicht, dass ich mich darum gerissen hätte, aber es war nun mal so und im Nachhinein geschah das Notwendige und die Anerkenntnis, dass es so ist, wie es ist. Und es hat meinen Blick auf das Leben verändert und mich demütiger gemacht.

Klar, der Tod gehört zum Leben dazu, heißt es immer. Das ist richtig und im Sinne eines Fortbestehens und sich Erneuerns des Lebens unabdingbar. Aber dann denke ich manchmal, er könnte mich vielleicht von der Regel ausnehmen. Ich bin noch ganz gerne hier! Leider weiß ich, dass es in dieser Hinsicht keine Ausnahmen gibt, und bei Lichte betrachtet macht es auch keinen Sinn weiterzuleben, wenn alle Menschen um dich herum das Zeitliche segnen. Alles logisch, trotzdem schwer zu ertragen, dass es irgendwann – und dieses irgendwann rückt unweigerlich immer näher – auch für mich zu Ende sein wird.

Und die Einschläge kommen immer näher. So sagt es der Volksmund. Schauspieler, die mich mit ihren Rollen fast ein ganzes Leben begleitet, erfreut und berührt haben, sterben dahin (gerade eben Jan Fedder), KollegInnen, NachbarInnen, Bekannte. Das ganze Leben ist ein Abschiednehmen. Wir hören das nicht gerne, aber es ist so. Mancher Abschied hat sich indes als segensreich und (über-)lebenswichtig erwiesen als erster Schritt in eine neue Richtung. Aber wohin geht es jetzt? Im Alter?

Ich muss zugeben, dass es mir auf Anhieb schwer fällt, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Und letztlich ist es doch so: da hast du dich durch alle Phasen des Lebens mehr oder weniger erfolgreich gekämpft. Nein, das kann, darf und muss man durchaus als Erfolg werten. Du hast viele Erfahrungen in jeder Richtung gemacht und hast dich bestenfalls schließlich selbst gefunden und weißt, wie der Hase läuft und dann Puff – und alles ist vorbei. Nichts bleibt von alledem. Deine Habseligkeiten werden zusammengekehrt und dann war es das. Was ist die Schlussfolgerung aus alledem?

Ich weiß es nicht! Punkt!

Nun hat mal ein recht kluger Mann gesagt: Man versetze sich in die letzten Stunden seines Lebens und frage sich: Habe ich all das verwirklicht, was mir wichtig war? Habe ich mich so verhalten, wie ich es mir mal vorgenommen hatte, so dass ich die Welt jetzt in Ruhe verlassen kann? Man könnte mir antworten, dass das alles egal ist, wenn danach sowieso nichts mehr kommt. Nebenbei bemerkt: manche Menschen verhalten sich tatsächlich nach dem Motto „nach mir die Sintflut“. Aber erstens wissen wir ja nicht, ob da noch was kommt, ob wir nicht doch zur Rechenschaft gezogen werden. Aber allemal müssen wir vor uns selbst am Ende Rechenschaft über das ablegen, was wir auf der Erde getan oder unterlassen haben. Das ist für mich auf jeden Fall ein Kriterium über den Sinn meines Lebens und insofern ist die Idee, sich einmal ans Ende des eigenen Lebens zu denken und sich die o.g. Fragen zu stellen, durchaus sinnvoll (wie der Begriff schon sagt).

Und ich gehe mal davon aus, dass dieses Gedankenspiel Folgen haben wird derart, dass durchaus und höchstwahrscheinlich Gedanken hochkommen, die wir vielleicht lange, lange Zeit verdrängt haben. Gedanken oder Plände oder Vorstellungen, die wir vor langer Zeit gehabt haben und die dann durch den Lauf des Lebens verloren gegangen sind oder auch unterdrückt wurden. Für mich ist es auf der einen Seite die Frage, ob ich meinen „Werten“ – und ich finde, diese Frage ist heutzutage bedeutsamer denn je – treu oder mir/anderen etwas schuldig geblieben bin. Man denke nur an die Bewegung „Fridays for future“, die uns Erwachsene massiv mit der Frage konfrontiert, was wir getan bzw. unterlassen haben, um diese Welt für unsere Kinder zu erhalten. Denn schließlich – und da wird deutlich, dass wir nicht nur für uns selbst verantwortlich sind – ist es unsere Aufgabe, wenn es denn eine für alle verbindliche gibt – unseren Kindern oder allgemein den nachfolgenden Generationen einen noch lebenswerte Erde zu hinterlassen. Ob das noch gelingt, naja? Aber der Ansatz ist, denke ich, klar.

Ich habe gerade das Buch „Solange es leicht ist“ von Hermann van Veen zu Ende gelesen und darin Sätze gelesen, die mich tief berührt haben in ihrer Einfachheit

„Burn-out, Depression und Selbstmordgedanken kann man am besten mit einer Gute-Taten-Kur bekämpfen. Jetzt erhältlich in deinem Inneren…Geht’s dir dreckig, brennt dir eine Sicherung durch, willst du jeden, der anders ist, aus dem Land schmeißen, vom Dach runterspringen, jemandem die Kehle durchschneiden? Dann hilf einem anderen und damit dir selbst“ (S. 154/155).

Ich weiß, so dramatische Zustände wie eine echte Depression oder Burn-out kann man vermutlich nicht so einfach heilen, aber die Gedanken auch mal weglenken von sich selbst auf die, denen es schlechter geht oder ganz einfach auf die Mitmenschen und ihnen zu helfen oder eine Freude zu bereiten, kann so viel Freude auf beiden Seiten kreieren.

So ist es mir mit meiner ehemaligen Nachbarin gegangen:

Vor etwas mehr als einem Jahr kam sie, Frau R., mit 96 Jahren ins Altersheim. Wir haben über die Jahre nie besonders viel Kontakt gehabt. Guten Tag und guten Weg. Als sie älter wurde, änderte sich das. Ihre nächsten Verwandten verstarben über die Jahre, so dass am Ende kaum noch jemand übrig blieb und Frau R. manchmal offensichtlich einsam war (vielleicht stand sie auch schon mal hinter der Tür, wenn sie hörte, dass jemand die Treppe herunter kam) und suchte ein kurzes Gespräch. „Ich muss ganz ehrlich sagen“ klingt es noch in meinem Ohr. So leitete sie gerne ihre Erzählungen von früher ein. Frau R. war bodenständig, immer freundlich und lief und lief und lief über die Jahre ihre Kilometer zu Fuss. Sicher ein Grund, warum sie so alt geworden war. Dann vor einem Jahr ging es plötzlich nicht mehr. Die Augen waren schlecht geworden. Sie fiel immer wieder hin und kam Knall auf Fall ins Altersheim.

Ich besuchte sie sporadisch und musste feststellen, dass sie – wie man landläufig sagt – nachließ. Laufen konnte sie allein nicht mehr und das Altersheim sah es sicherlich auch gerne, dass sie im Rollstuhl blieb. Die Sprache wurde undeutlicher und bei meinem letzten Besuch hatte ich Mühe, ihrem Erzählfluss noch zu folgen. Aber sie schien zufrieden. Sie war eh nicht der Typ, der sich beklagte. Sie fühlte sich gut behandelt. Trotzdem haderte sie damit, dass sie ihr Zuhause verloren hatte. Das ist auch ganz „normal“. Aber sie freute sich jedes mal so sehr, wenn ich kam. Wie gesagt, wir hatten bis dahin kein besonders enges Verhältnis gehabt, aber sie freute sich und ich nahm sie in den Arm. Das waren auch für mich ergreifende Momente!

Nun, kurz vor Weihnachten wollte ich sie wieder besuchen. Als ich ins Altersheim eintrat, war mir wie immer etwas mulmig. Es ist jedes Mal, als träte man in eine eigene Welt ein, eine in sich abgeschlossene Welt. Und man weiß nie, was auf einen zukommt.

Ich ging zu „ihrem“ Zimmer und spürte, dass etwas passiert war. Die Tür war nicht geschlossen. Ein um die Klinke gewickeltes Tuch verhinderte das Zuschlagen und sollte offensichtlich ermöglichen, die Bewohnerin im Auge zu behalten. Und dann fiel mein Blick auf das Namensschild: Dort stand ein anderer Name! Ich hatte damit rechnen müssen, aber das es nun soweit war, machte mich doch beklommen. Die Schwester berichtete mir, dass Fr. R. schon vor einem Monat friedlich eingeschlafen sei. Sie habe wohl gespürt, dass es zu Ende ging und immer wieder gesagt, dass sie ein schönes Leben gehabt hatte.

Im Nachhinein habe ich gedacht, warum ich sie nicht öfter besucht hatte! Ja, es hätte mich keine Mühe gekostet und ich hätte ihr (und mir natürlich auch) eine große Freude bereitet. Also, bevor es dazu kommt … hätte, hätte, Fahrradkette… .lieber gleich handeln.

Buchtipps für das Neue Jahr

Eigentlich wollte ich euch meine neuen Buchtipps ja noch vor dem Fest und vielleicht für das Fest mit auf den Weg geben, aber wie das so ist vor Weihnachten. Jetzt erst, am 2. Weihnachtstag, ist es ein bisschen ruhiger und ich möchte euch kurz 3 Bücher vorstellen, die ich kürzlich gelesen habe und dir mir – versteht sich von selbst – gut gefallen haben:

1. Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann.

Beim Recherchieren las ich gerade, dass das Buch auf der Spiegelbestsellerliste stand oder noch steht (?). Spiegelleser wissen in diesem Fall also mehr als ich.

Als Liebhaberin von etwas skurrilen Geschichten und Menschen bin ich also bei Leky fündig geworden: Wenn die alte Selma aus einem Dorf im Westerwald mal wieder im Traum ein Okapi sieht, gerät das ganze Dorf in Panik, denn nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit wird innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand den Tod erleiden. Jeder fragt sich, ob er der nächste sein wird, natürlich gilt das auch für die weibliche Bevölkerung. Die Bewohner suchen Rat bei einer Kräuterhexe, aber für diesen Fall ist auch sie machtlos. So tummeln sich in dem Dorf eine ganze Menge merkwürdiger Typen, von denen aber keiner links liegen gelassen oder „ausgestoßen“ wird. Naja, auf jeden Fall bringt es alle zum Nachdenken, was sie noch zu regeln hätten, falls es dieses Mal sie treffen würde. Sie schreiben Briefe mit allerlei Beichten und Bekenntnissen, die jetzt einfach raus müssen. So auch der Optiker, Selmas langjähriger Freund, der schon einen Koffer voll angefangener Briefe mit seinen Liebeserklärungen zu Hause verbirgt, die er nie vollendet geschweige denn verschickt hat. Wenn das Schicksal sich jemand anderen ausgesucht hat, wird die Post heimlich wieder aus dem Briefkasten geholt. Dann war es das mit der Wahrheit.

Selma kümmert sich liebevoll um Luise, ihre zu Beginn der Erzählung 10jährige Enkelin, deren Eltern mit sich selbst und ihrer Dauerehekrise beschäftigt sind. Luise verbringt ihre Zeit mit ihrem Schulfreund Martin…als das erste große Unglück passiert. Der Roman rankt sich um das Leben von Luise innerhalb dieses etwas merkwürdigen und doch liebenswerten Dorfes. Freud und Leid, das überwunden werden muss. Wie im richtigen Leben, aber auch irgendwie schräg. Wie gesagt, ich mag das sehr und finde die Skurrilitäten von Leky auch durchaus gelungen.

2. Alte Liebe von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder

Dieses Buch ist schon 2009 erschienen. Ich war im Frühjahr auf der LitCologn bei einer Lesung aus diesem Buch mit Mariele Millowitsch und Walter Sittler, zwei Schauspieler, die ich sehr schätze und die diesem Buch im wahrsten Sinne des Wortes Leben eingehaucht haben. Es handelt sich um den Dialog eines alternden Ehepaares, Lore und Harry. Nach fast vierzig Jahren Ehe stellen sich beide die Frage, wie es mit ihnen weitergehen soll. Aufhänger ist die bevorstehende 3. Heirat ihrer Tochter, bei der beide kein gutes Gefühl haben, weil ihre Tochter ihr Leben bis dato – sie ist jetzt schon 30 und hat eine Tochter – einfach nicht in den Griff bekommen hat und jetzt ein steinreichen, aber absolut nicht „aussagekräftigen“ Industriellen heiraten will. Sie wäre damit alle finanziellen Sorgen los und versorgt, aber das ist nach Meinung der Eltern auch alles, oder auch nichts, worauf man stolz sein könnte. Lore und Harry streiten also des langen und breiten darüber, ob sie beide zu der Hochzeitsfeier reisen sollen. Harry will partout nicht, Lore eigentlich auch nicht, aber sie will ihre Tochter auch nicht enttäuschen. Aber das ist nur der äußere Anlass einer Auseinandersetzung der beiden mit ihrer Ehe und dem älter werden. Jeweils einer von beiden ergreift das Wort und schildert seine Sicht der Dinge….Schließlich entscheiden sie, zu der Hochzeit der Tochter zu fahren. Aber das ist nicht alles…..bitte weiterlesen.

Ich habe natürlich die hervorragende Darstellung der beiden Schauspieler im Kopf und weiß nicht, wie es dem Leser ohne diese Bilder geht. Aber allemal ein literarisches Kleinod, das die uns alle umtreibenden Fragen des Alterns (in einer Ehe) mit einer Mischung aus Komik und Tragik erzählt.

3. Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff ist kein unbekannter Autor, mir aber bisher nur aus launigen Auftritten in Talkshows geläufig. Erst bis zur Hälfte gelesen, reicht es allemal für eine Empfehlung. Meyerhoff ist auf dem Gelände einer von seinem Vater geleiteten psychiatrischen Klinik aufgewachsen und hat schon von daher genug Stoff , den er in seinen Romanen verarbeiten kann/muss.

Nachdem einer seiner Brüder tödlich verunglückt, gerät sein bis dahin halbwegs stabiles Leben ins Wanken, nein er verliert den Boden unter den Füßen. Nach einem Aufenthalt in Amerika weiß er nicht, wie es weiter gehen soll. Zwei Optionen gehen ihm durch den Kopf:

  1. Die romantische Vorstellung von einer Stelle als Zivildienstleistender in einem Münchener Kinderhospital mit Unterkunft im Schwesterwohnheim
  2. Bewerbung bei der Schauspielschule München

Völlig unerwartet stolpert er letztlich in die Schauspielausbildung.

Er kann bei seinen Großeltern in deren Villa in München leben, durchaus ein Vorteil bei den Mieten in der Stadt.

Nun erleben wir sein Hin- und Hergeworfensein zwischen dem abgezirkelten und nicht zu knapp mit Alkohol begossenen Leben seiner Großeltern und den bis an die physischen und psychischen Grenzen gehenen Herausforderungen der Ausbildung mit, immer mit einem tragikkomischen Blick auf die Dinge…

Viel Spaß beim Lesen….

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Elke Heidenreich: Alte Liebe, Buch
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Novembertag

Es soll Menschen geben, die sich an einem Regentag erfreuen, wie andere an Sonnenschein. Gegönnt sei es ihnen von Herzen, denn selbst ich als Sonnenanbeterin habe mich in den letzten Wochen tatsächlich auch über jeden Regentropfen gefreut, den die Erde nach der langen Trockenperiode denn auch begierig aufsog.

Nun, denke ich, ist das Maß und der Keller vielleicht schon wieder voll, hatte es doch in den letzten Tagen mehr oder weniger ununterbrochen gegossen. Es regnete, wie der Engländer zu sagen pflegt „cats and dogs“ , also tatsächlich Katzen und Hunde. Ich werde mich noch einmal geistig in dieses Bild hineindenken und versuchen zu ergründen, welchen Hintergrund dieser Vergleich haben könnte für die Inselbewohner. Wobei es sich vielleicht auch nicht mehr lohnt, sich darüber Gedanken zu machen, zumal die Briten selbst es ja in der Mehrheit vorziehen, wieder ihr eigenes Süppchen zu kochen (vielleicht mit den vom Himmel gefallenen Hunden und Katzen) und sich nicht darum scheren, wie es ihren Nachbarn damit geht.

Für mich regnete es also Bindfäden, um dem etwas Logisches oder zumindest bildhaft Einleuchtendes entgegenzustellen.

Früher, ja früher, also jetzt nicht mehr bzw. weniger, warf ich mir an solchen Tagen meinen gelbleuchtenden Umhang über, stülpte die dazugehörige gelbe Kapuze mit Schirm über den Kopf und verband die beiden rechts- und linksseitig heraushängenden Schnüre miteinander, damit die Kapuze auch bei heftigen Windboen in Stellung blieb. Wenn der Regen hingegen ausartete in Wolkenbrüche, gab es zusätzlich eine Regenhose und zu guter Letzt noch Stulpen, die ich mir über die Schuhe zog, damit auch Beine und Füße während der Radfahrt – natürlich handelt es sich um mein Radfahreroutfit – trocken blieben. So sollte es sein. Leider endeten diese Fahrten immer mit dem gleichen Ergebnis: Kapuze und Schirm gaben nur Sicht nach vorn, ein Blick zur Seite oder gar zurück, wie er sich auch für Radfahrer in bestimmten Situationen empfiehlt, war nicht möglich mit den entsprechenden Risiken, unerwartet an- oder umgefahren zu werden. Sicht ist ohnehin zuviel gesagt, denn der Schirm an der Mütze verhinderte nicht, dass Regentropfen von außen an die Brille klatschten, während die Gläser gleichzeitig von innen wegen der Wärmeentwicklung beschlugen und erblindeten. Weiter ging es dann also im Blindflug mit oder, um der Blindheit womöglich bzw. vergeblich ein Schnippchen zu schlagen, ohne Brille. Das Ergebnis wäre das Gleiche….. Ich sehe im Geiste meine radfahrenden Leser und Leserinnen wissend nicken.

Muss ich extra erwähnen, wie unangenehm das Tragen der Regenbekleidung jeweils ist und anschließend eigentlich einen kompletten Wechsel der darunter befindlichen Wäsche erforderlich macht? Nein, ihr kennt das!

Nun wurde vor einiger Zeit bei uns im Büro im Rahmen von Umbauarbeiten auch eine Dusche eingebaut. Wir rieben uns zunächst ungläubig die Augen und diskutierten bereichsübergreifend die Frage, warum eine Dusche bei der allgemeinen Raumknappheit… Der Ort blieb dementsprechend lange Zeit verwaist. Reine (qm-) Verschwendung, war die allgemeine Auffassung.

Aber dann kamen die Friday’s for future Demos und siehe da: Jetzt fahren die Kolleg*nnen auch bei Regen mit den Rad. Alles für’s Klima, prima! Denn danach gibt’s ja eine warme Dusche!

Also, ganz ehrlich: Bei Regen habe ich das Fahren mit dem Rad zur Arbeit eingestellt aus den oben dargelegten Gründen: Erst die ganze „Verpackung“: wahlweise fühle ich mich wie in einem Ganzkörperkondom oder einer in der Farbe verrutschten Burka. Den freundlichen Blick habe ich nur wegen der Kamera aufgesetzt.

Dann das Leben riskieren für nix, dann wieder auspacken, (im Betrieb duschen, umziehen, Haare trocknen)..herrje, nee, nee, nee. Das Klima in Ehren…der Bus tut’s auch!

Es ist wieder passiert: bin ganz woanders gelandet als vorgesehen. Aber jetzt zu dem eigentlich nur ganz kurzen Moment, der diesen Artikel ausgelöst hat. Vor einigen Tagen regnete es, wie gesagt, mal wieder. Ich musste zum Arzt. Die Praxis liegt nicht weit von mir entfernt und so wagte ich – es gab auch keine Möglichkeit, die 500 m mit dem Bus zu fahren – das Rad zu nehmen, nicht ohne mich vorher in die hinlänglich beschriebene Montur einzuwickeln. Ich fuhr also die kurze Strecke, stellte mein Fahrrad in einen nicht regengeschützten Ständer (hatte sogleich einen weiteren Grund mich zu ärgern) und begab mich in die Praxis. Dort packte ich mich dann notwendigerweise auch wieder aus und betrat nach meiner Anmeldung das Wartezimmer.

Ich legte mein Regencape auf der Hutablage ab – woanders war kein Platz – und setzte mich. Eine ältere Frau – eben so wie ich – musterte mich und fragte kurzerhand: „warum sind Ihre Beine nicht nass?“

Hm, einigermaßen überrascht über diese Frage geriet ich ins Nachdenken: also erstmal muss die Frau alles gut beobachtet und selbst Erfahrungen mit dem Radfahren im Regen gemacht haben. Zweitens muss sie bemerkt haben, dass ich Regenhose und Stulpen einfach aus-gelassen oder ausgelassen hatte, und drittens war ihr aufgefallen, dass ich trotzdem trockene Beine hatte. Wie konnte das gehen? Ich war baff. Ja wie? Ich stammelte etwas vor mich hin…wie ….äh, weiß ich auch nicht…..bin auch erstaunt…keine Ahnung..und tastete prüfend meine Beine ab um festzustellen, dass sie wirklich trocken waren. Naja, sagen wir, fast trocken, ein bisschen feucht. Ganz einfach: es hatte nur leicht geregnet und die Fahrstrecke war nur sehr kurz. Aber soweit kam ich mit meiner Erklärung gar nicht mehr, denn ich wurde in den Behandlungsraum gerufen.

Pass auf Kurti,

Es war schon fast dunkel, als ich behelmt auf dem Fahrrad mein Stammcafé verließ, in dem meine Bestellungen inzwischen keines Wortes mehr bedürfen, ebensowenig wie mich – wie es denn eigentlich üblich wäre – nach dem Preis zu erkundigen. Das ist Heimat, nicht wahr?

Behelmt deshalb, weil es natürlich dem Schutz meines Denkorgans dient, dem eine entsprechende Aufmerksamkeit gut tut und es außerdem vor weiteren Unfällen bewahren bzw. die Folgen in Grenzen halten soll. Man schaue sich jetzt kurz dieses Wort genauer an – ein Un fall – es handelt sich nicht einfach um einen Fall, der ja auch rein harmlos sein kann – nein, um einen Un fall. Hier verheißt die Vorsilbe Un- nichts Gutes. Auf den Vor – fall von vor genau zwei Jahren, dem ein An – fall von Amnesie folgte, will ich jetzt nicht näher eingehen. Er wurde zu Zeiten ausführlich beschrieben und hat eben zu dem konsequenten Tragen eines Helms geführt. Aber das nur nebenbei.

Ich fuhr also so vor mich hin, nicht ohne den Weg, auf welchem ich fuhr, genau zu beobachten und zu überlegen, welche Schwenkungen ich mit dem Lenkrad vorzunehmen hatte, um nicht auf dem zahlreich sich auf dem Rad- und nicht Blattweg ausbreitenden Laub auszugleiten. Damals muss genau dies geschehen sein – so kann ich nur mutmaßen, denn es fehlt mir jede Erinnerung an diesen Vor – Un- An-fall, außer das ich, wie gesagt, circa 15 min später irgendwie wieder zu Hause ankam, mein Familienmitglied sofort mein merkwürdig abwesendes Verhalten wahrnahm und entsprechende Rettungsaktionen einleitete …

Ich schweife wieder ab, aber diese Vorgeschichte ist natürlich nicht un – wichtig, um meiner Beschreibung folgen zu können.

Zu den widrigen Bedingungen auf dem Radweg gesellte sich die zunehmende Dunkelheit und meine altersbedingt verminderte Nachtsicht.

Allerdings nahm ich in einiger Entfernung zwei dunkle Gestalten wahr, – Fuß-, nicht Un-gänger, denn hier teilen sich rechtmäßig Fußgänger und Radfahrer den Weg. Messerscharf schloß ich aus den un-scharfen Silhouetten, dass es sich um weibliche Wesen nicht geringen Umfangs handelte, die den Weg vereinnahmten. Ich näherte mich und überlegte noch, wie ich reagieren sollte – klingeln oder nicht – man kann es ja nie richtig machen, als ich eine Stimme hörte, die besorgt ausstieß: „Pass auf Kurti“

Nun suchte ich folgerichtig diesen Kurti und fragte mich nebenbei sofort, wer und wie er wohl sein könnte, sah aber nur besagte Frauen, die jetzt allerdings zur Seite gingen, ohne sich umgesehen zu haben. Ob sie meine Gedanken erahnt und dem eindringlichen Ton meiner Klingel entgehen wollten?

Aber wo war nun Kurti, der aufpassen sollte?

Ich senkte meinen Blick zur Erde und sah dort etwas Kleines herumwuseln. Bei näherem Hinsehen – ich musste schon recht dicht auffahren – erkannte ich ein kleines Hundewesen, das mit seiner Nase im Laub herumstöberte und sich um die ausgestoßene Warnung des Frauchens nicht recht scherte. Das war er also, Kurti.

Da Kurtilein nicht spurte, wurde der Ansage durch Ziehen an der Kurti-Leine Nachdruck verliehen. Keine Chance für Kurti, den Gehorsam zu verweigern.

Vergnügt fuhr ich weiter auf der jetzt freien Bahn und hing noch eine Weile meinen Gedanken nach, was Kurti wohl zu der ganzen Sache gesagt hätte? Und ob der mal groß gewesen war?

halb voll oder halb leer

das ist immer wieder die Frage, oder anders gesagt, wie begegne ich persönlich dem Leben und was es mir vor die Füße wirft? Ist meine Glas immer noch halb voll oder schon halb leer?

Werde ich schon mit einer bestimmten Grundhaltung geboren oder entwickelt sie sich je nach den Erfahrungen, die ich in frühester Kindheit mache?

Fragen, die sich Generationen vor mir und vermutlich auch nach mir immer wieder stellen, aber eine klare Antwort darauf habe ich bisher nicht gefunden.

So bleibt mir nichts anderes, als in mich zu gehen und zu forschen, wie es dort aussieht und wie es um meine ureigenste Lebenseinstellung bestellt ist.

Und dann die nächste Frage: Was nützt mir diese Einstellung? Das Leben ist, wie es ist und was es ist, und daran gibt es nichts zu rütteln. Ich muss da durch, ob ich will oder nicht! Weglaufen gilt nicht und geht auch nur bedingt.

Und wenn ich weglaufe, kommen dann nicht an der nächsten Ecke neue, viele härtere Prüfungen auf mich zu?

Fragen, Fragen, Fragen….

Als ich gerade anfangen wollte, diesen neuen Beitrag zu schreiben, hat sich so eine Herausforderung eingestellt, unerwartet, ungebeten und zur Unzeit (Freitagmittag): Meine Gastherme im Badezimmer gab einen lauten Knall von sich (ich beobachte schon längere Zeit, dass sich die Zündung recht geräuschvoll in Gang setzt, aber so lange es dabei blieb, gab es keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Jetzt bekomme ich gerade einen Anruf, dass der Heizungsmonteur noch vorbei kommt. Ouf. Das nur als Einschub und Beispiel aus dem täglichen Leben, was so ganz plötzlich auf einen zukommt…Ich könnte jetzt fluchen und meckern und mich beklagen…Nützt das was? Nein, aber es entlastet…und gibt dem Stress eine Stimme – hahaha. Mal abwarten, was der Monteur sagt. Je nachdem kann ich mich dann wieder beruhigen oder mich ärgern, dass das Wasser und die Heizung vermutlich über das Wochenende kalt bleiben werden, was bei den derzeitigen Temperaturen auch nicht gerade ermutigend ist. Aber erstmal abwarten.

So, nun aber zurück zu den philosophischen Überlegungen, wenn man das so nennen darf. Ich denke schon, denn meine persönliche „Antwort“ auf die Geschehnisse des Lebens ist auch entscheidend für meine Lebensqualität und mein Lebensgefühl, den Begriff finde ich schöner.

Einschub: Der Heizungsmonteur war da und hat Entwarnung gegeben. Da kann eigentlich nichts passieren. Im Ernstfall schaltet sich die Therme selbständig ab. Am Montag kriegt sie neue Elektroden, dann soll wohl wieder alles in Ordnung sein, hoffentlich.

Erste Grundregel in solchen Fällen also: Erstmal die Ruhe bewahren, den Kopf einschalten und überlegen, was zu tun ist. Jau, das hättet ihr sicherlich auch so gesagt! Jaaaa, bei mir ist das meistens allerdings anders. Ich schiebe auch schnell mal Panik und male mir alle möglichen Szenarien aus. Aber immerhin bin ich mir dessen bewusst und weiß, was ich stattdessen eigentlich tun sollte. Also, in diesem Fall den Monteur rufen, der glücklicherweise auch noch nicht ins Wochenende unterwegs war. Ja, Glück gehabt. Schön! Ich könnte über einige andere Fälle in meinem Leben berichten oder meinen Sohn berichten lassen, ojoijoi. Aber das lassen wir an dieser Stelle. Hier geht es um das Grundsätzliche.

Grundsätzlich schwanke ich immer zwischen beiden Polen hin und her. Mal überwiegt die pessimistische Seite, mal wende ich mich dem Pluspol zu und versuche, es heiter zu nehmen. Kommt natürlich immer darauf an, worum es geht.

Jetzt möchte ich den Begriff der „Resilienz“ in die Debatte werfen – ich gehe natürlich davon aus, dass ihr das Thema dieses Beitrages umgehend in eure Umfeld einbringen und diskutieren werdet – der seit einiger Zeit überall herumgeistert. Er beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, kurz gesagt, mit dem Leben fertig zu werden, vor allem auch mit schweren Ereignissen. Und da gibt es eben sonne und sonne, solche, die mit einer ausgeprägten Resilienz ausgestattet sind, und andere, ich sage mal, derart gesegnet sind. Ein Beispiel: vor Jahren hatte ich eine Nachhilfeschülerin, sie war so um die 16 Jahre alt. Ihr Vater war krebskrank und ist seinem Leiden schließlich auch erlegen. Die Eltern waren getrennt, das Mädchen lebte bei ihrem Vater und hat sich um ihn bis zuletzt gekümmert! Die Mutter wollte auch nach dem Tod des Vaters nichts von ihr wissen. Sie lebte zunächst eine Weile in dem Haushalt ihrer Schwester. Man kann sich vorstellen, dass das alles nicht so einfach war. Sie beendete das Gymnasium nicht (das stand auch vorher schon im Raum) und begann eine Ausbildung. Jetzt sah ich, das Ganze ist sicher schon 10 Jahre her, wenn nicht mehr, dass sie offensichtlich erfolgreich ist in ihrem Beruf. Was für ein tolles Mädchen und was für eine Kraft. Wo sie die hergeholt hat, weiß ich nicht, aber ich vermute doch, dass es sich um eine genetische Prädisposition handelt (heißa Claudia). Sie hat eine besondere innere Stärke mitbekommen.

Die Frage ist jetzt, ob man sich ein gewisses Maß an Resilienz zulegen oder sie erwerben kann? Es gibt Studien, die besagen, dass es auf jeden Fall hilfreich und notwendig ist, ein positives, unterstützendes Umfeld zu haben. Derartige Untersuchungen wurden bei Kindern gemacht, die schwere Traumata erlitten hatten.

Man muss nicht gleich in diese Extemvarianten gehen, aber ein gesundes und ggfs auch liebevolles Umfeld ist sicher sehr, sehr hilfreic und kann das Vertrauen ins Leben stärken.

Es kann sein, dass mir das Leben übel mitspielt, keine Frage, und es gibt sicherlich Situationen, mit denen wir konfrontiert werden, die unsere Resilienz schlichtweg überschreiten, das will und kann ich gar nicht bestreiten, aber, ja, ich glaube, es gibt auch in den schlimmsten Lebenslagen noch Momente, in denen ich etwas Positives, Hilfreiches, Ermutigendes finden kann. Es lohnt sich, danach zu suchen, wenn man nicht ganz verzweifeln will.

Aber ich bin auch mir selbst verantwortlich! Was ich weiter vorne beschrieben habe, dass das Leben so ist, wie es ist, und man daran nichts ändern kann, stimmt nur bedingt. Denn das Leben ist auch das, was ich ihm zuschreibe zu sein: Das Glas ist deshalb eben halb voll oder halb leer. Und darüber entscheide ich. Ich kann auch alles mögliche und alle möglichen um mich herum dafür verantwortlich machen, wenn es mir schlecht geht, aber in erster Linier bin ich verantwortlich, für mich und meine Handlungen und für das, was ich sage! Punkt!

Und an meiner Einstellung zum Leben kann ich arbeiten. Ich habe die Wahl, wie ich die Dinge betrachte.

Mir fällt gerade Victor Egon Franke (sind die Vornamen richtig), der Begründer der Logotherapie ein. Er war im Konzentrationslager und daran nicht zerbrochen und hat eine Therapie begründet, die darauf gründet, die noch vorhandenen gesunden Kräfte des Menschen zu stärken.

Also in diesem Sinne: Nicht rummeckern, sondern machen.

Möge euer Glas immer halbvoll sein!

Optimismus, Optimistisch, Pessimismus

Mein Vater

Ja, Papa, was würdest du dazu sagen, wenn du dies lesen würdest, dass ich jetzt, nachdem du schon 23 nicht mehr bei uns bist, einen Artikel über dich schreibe? Ich habe das Gefühl, dass ich das gerade jetzt tun muss, um dir noch einmal anders näher zu kommen und dir vielleicht auch gerechter zu werden.

Mein Vater war Jahrgang 1924, 1996 im Alter von 72 Jahren nach schwerer Krankkeit verstorben. Das ich seine Geschichte jetzt noch einmal beleuchte, hängt sicher damit zusammen, dass er mir in der letzten Zeit nach sehr langer Zeit und intensiv wieder in meinen Träumen begegnet ist. Und damit, dass ich mir seit längerem wieder Gedanken darüber mache, wer ich eigentlich bin (wird jetzt wirklich Zeit) und warum ich hier auf diesem Planeten wandele. Die nächste Frage ist, inwieweit ich das Leben lebe, das ich mir irgendwann – sei es vorgeburtlich oder in meinen noch kindlichen oder späteren Träumen – ersonnen und beschlossen zu verwirklichen habe.

In diesem Zusammenhang hatte ich vor einiger Zeit eine „Sitzung“, in der ich mich im Zustand tiefer Entspannung von dicken Schichten von „Pech und Schwefel“ befreit habe, die mich wie ein Panzer umgaben und das repräsentierten, was mich von meinem eigentlichen Sinn ablenkt, fernhält…. Ich fühlte mich anschließend wie befreit und habe auch den Eindruck, dass ich diese Freiheit in Gedanken und Handlungen mehr und mehr in die Realität umsetze. Nicht, dass das einfach wäre, aber ein, wenn auch später Anfang, mich selbst noch intensiver zu entdecken.

Und dann eben diese Träume über meinen Vater. Er ist mir immer wieder begegnet in seiner Krankheit und Hilflosigkeit, nie als der Mann, der er zuvor gewesen war. Aber wer war er? Für mich zu Lebzeiten immer ein bisschen unnahbar, kaum in der Lage, seine Gefühle zu seinen Familienmitgliedern zu zeigen, nach außen der elegant gekleidete Strahlemann, bei Familienfeiern immer der Entertainer, stets bemüht, kein Schweigen oder Fragen aufkommen zu lassen.

Aber auch der unermüdliche, um das finanzielle Wohl der Familie bemühte Vater, der neben der Arbeit noch zahlreiche (politische Ämter) bekleidete und als nebenberuflicher Journalist Artikel über alles Mögliche bis hin zum örtlichen Kaninchenzuchtverein zu schreiben, um das Familieneinkommen zu erhöhen. Daneben war er auch ein Macho, der seine Frau und ihre Erwerbsarbeit nie gewertschätzt und sie oft verletzt hat. Soviel Wahrheit muss sein.

Und dann habe ich mir jetzt noch einmal Gedanken über ihn und sein Leben gemacht, als ich mit jemandem über seine Geschichte sprach: Wir haben zu Hause kaum einmal über seine Zeit als Marinesoldat gesprochen. Er muss 17 oder 18 Jahre gewesen sein, als er in den Krieg ziehen musste. Kann man sich das vorstellen? In dem Alter an die Front und den Feind bekämpfen? Menschen töten müssen? Wie gesagt, darüber hat er nie gesprochen, dann lieber über die Eroberungen, die er als fescher Soldat in Uniform gemacht hat. Was soll er auch sonst erzählen. Eine unbeschwerte Jugend hat er nicht gehabt. Gegen Ende des Krieges wurde „sein“ Zerstörer vom Feind abgeschossen, er konnte sich zusammen mit einem Kumpel schwimmend an das französische Ufer retten, wo sie von zwei französischen Frauen erstmal versteckt und versorgt wurden. Was alles genau geschah, weiß ich nicht, nur dass er daraufhin Fronturlaub bekam und anschließend nicht mehr an die Front zurückgekehrt ist (er war also strenggenommen ein Deserteur) und bei seiner Familie blieb, die er zufällig und zum Glück auf einem Bahnhof bei Bremen unversehrt traf. Dort sah er auch zum ersten Mal meine Mutter und soll sofort gedacht haben: Das wird meine Frau. Was dann auch so kam.

1950 heirateten die beiden, meine Mutter 25, er 26 Jahre alt, beide kriegstraumatisiert, beide auf der Suche nach Halt, beide mittellos. Meine Mutter hatte keine Gelegenheit gehabt, ihre Ausbildung zu beenden und dann kam auch schon ihre erste Tochter, um die sie sich kümmern musste, neben der schweren Arbeit beim Bauern. Und mein Vater war von nun der der Ernährer. Oft Geldmangel, schwere Arbeit, nichts Richtiges zu essen und von den Bauern bestenfalls misstrauisch beäugt. Später Umzug nach Lingen und Arbeits- aufnahme auf der Raffinerie Lingen. Finanziell ging es langsam besser. Immer noch harte 3-Schichtarbeit. Ich kam zur Welt, also noch ein Esser mehr.

In den 60er Jahren dann Wahl zum freigestellten Betriebsrat bis zu seinem Arbeitsende (die erste Kandidatur ging daneben, verbunden mit einer schweren Depression). Langsam besserten sich die Verhältnisse. Einmal im Jahr Urlaub an der Nordsee, Wohlstand auf unterer Skala, aber immerhin. In den 90er Jahren dann Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für sein politisches und gewerkschaftliches Engagement. Ich war und bin stolz auf ihn und was er geleistet hat, auch wenn wir uns in der Vater-Kind-Beziehung erst in seinen letzten Lebensjahren etwas näher gekommen sind, als er sich aufopferungsvoll um meine sehr kranke Mutter gekümmert und damit aus meiner Sicht viel wieder gut gemacht hat an ihr.

Und jetzt ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass er keine wirkliche Wahl im Leben gehabt hat. Er musste in den Krieg, er musste für die Familie sorgen. Er brauchte eine Arbeit, die genug Geld einbrachte für die ganze Familie, und da war die harte Schichtarbeit, die einen bescheidenen Wohlstand ermöglichte, usw. usf. Und es gab damals niemanden, dem er sich mit seiner Kriegsvergangenheit anvertrauen konnte, wo eine Verarbeitung möglich gewesen wäre. Vielmehr wurde die ganze Periode möglichst tot geschwiegen. Mein Vater war – für mich glaubhaft – kein Anhänger der Partei gewesen. Und wir als Kinder stellten trotzdem immer wieder bohrende Fragen, wie das alles hatte geschehen können. Niemand wollte davon noch etwas wissen. Was muss das für eine Last gewesen sein!

Um noch einmal darauf zurückzukommen. Solche Lebenswege waren damals an der Tagesordnung. Lebensentwürfe wurden zerstört, konnten sich gar nicht entwickeln, ein Ausbruch aus den Gegebenheiten war schwer wenn nicht unmöglich. Das zum Thema Freiheit und Selbstbestimmung. Was haben wir hier im Vergleich dazu für Möglichkeiten! Sicher, wenn man sich die derzeitigen Entwicklungen anschaut, weiß man auch nicht , wohin das Ganze noch führt, aber bis hierhin hat meine Generation doch fast alle Möglichkeiten gehabt, zumindest die nachfolgende Generation, nachdem es den Deutschen wirtschaftlich besser ging und auch die finanziellen Voraussetzungen gegeben waren, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellte.

Ich empfinde Trauer für meinen Vater, dass er nicht die Möglichkeiten gehabt hat, frei zu entscheiden, was er aus seinem Leben machen wollte. Sicher hat er seinem Leben einen Sinn gegeben, denn der Journalismus und der Einsatz für seine Kollegen entsprach auch seinem Naturell. Aber daneben hat es bestimmt noch andere Träume gegeben und auch den Wunsch nach mehr Freiheit in der Entscheidung, den er nicht leben konnte oder/und tief vergraben musste.

Papa, trotz allem bin ich stolz auf dich und ich danke dir, dass du mir und unserer Familie ein Zuhause gegeben und es uns allen ermöglichst hat, einigermaßen wohlbehütet (daran hat Mama allerdings den größeren Anteil gehabt) und ohne Not aufzuwachsen.

Das vielleicht für alle, die mit ihren Eltern hadern. Sie haben das getan, was ihnen möglich war. Vergessen wir nicht, was sie alles durchstehen mussten. Ich sollte das nicht verallgemeinern. Eltern waren auch fehlgeleitet oder haben wohlwissend fatale Entscheidung getroffen, was wir ihnen vielleicht nicht verzeihen können, aber überlegen wir mal kurz, ob wir standhaft geblieben wären angesichts der allumfassenden Propaganda und Gehirnwäsche.

Das war eine Hommage an dich, mein Vater…

…Sagehorn

wann habe ich eigentlich den letzten Beitrag geschrieben? Ist schon ziemlich lange her und wahrscheinlich kommt dieser Moment bei jedem irgenwann einmal, der Moment, in dem man sich ausgebrannt fühlt und ganz einfach etwas anderes in den Lebensmittelpunkt tritt. So muss es wohl auch bei mir gewesen sein. Und jetzt habe ich Lust, mal wieder loszulegen, naja, ich sollte etwas vorsichtiger sei mit Vorhersagen, und erstmal mit einem Beitrag beginnen und dann sehen, wohin die Reise geht…

Letzte Woche habe ich mich mal wieder auf den Weg nach Pinneberg zu meiner Freundin gemacht (letztes Jahr, genau, habe ich schon davon berichtet, bzw. von den Widrigkeiten des Bahnfahrens).

Was soll ich sagen? Die Hinfahrt verlief ohne Störungen und Zeitverzögerungen. Ich fuhr eine Stunde früher los als das letzte Mal, damit ich bei unerwarteten Ereignissen mehr Spielraum hatte. Wie gesagt, hin verlief alles reibungslos und wir beide – meine Freundin und ich – verbrachten eine schöne Zeit miteinander. Nur so viel: Freundschaften sind ein hohes Gut und sollten gepflegt werden, gerade in fortgeschrittenem Alter, wo man nicht weiß, wie lange man noch auf Gottes Erden wandert. Wundert euch nicht über diese Aussage, sie klingt in meinem Alter vielleicht noch verfrüht, aber ich wurde in der letzten Zeit damit konfrontiert, dass Menschen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis eben diese Welt plötzlich verlassen haben. Das gibt nicht nur zu denken, was zählt.

Wie gesagt, alles gut gegangen bis zur Rückfahrt. Es gab von der Bahn ein Angebot, dass man, ich steige jetzt auf Frau um, denn es geht in diesem Fall ja um mich, mit einer Bahncard 50 zweiter Klasse noch bis Anfang September Einzelfahrten in der ersten Klasse fahren konnte. Das hat mich unter anderem dazu bewogen, meine Freundin jetzt noch schnell zu besuchen.

Gesagt, getan: Rückfahrt in der 1. Klasse. Frau gönnt sich ja sonst nichts. Übringens, geht es euch auch so, dass ihr euch den Wagen und die reservierte Sitzplatznummer nicht merken könnt und zigmal die Reservierung wieder aus der Tasche ziehen müsst, um die Nummern nachzuschauen? Dann habe ich einen Trick: Merkt euch beide Nummer als eine Zahl:

also z.B. Wagen 4, Platz 83: ich merke mir die Zahl 483. Das funktioniert hervorragend, aber vielleicht seid ihr auch schon auf diese Idee gekommen. Ich finde es einfach faszinierend, dass das so gut klappt.

Nachdem ich also in mein Abteil eingestiegen und mir ein netter mitreisender Zollbeamter meine Tasche ins Gepäcknetz befördert hatte, ging es los (zuvor musste ich natürlich von Pinneberg mit der Regionalbahn noch nach Hamburg fahren und dort in den IC umsteigen, der Vollständigkeit halber.

Los gings in schneller Fahrt bis Bremen, also die halbe Strecke schon hinter mir. Oder auch nicht. Kurz hinter Bremen hielt der Zug plötzlich auf freier Strecke, wie man so schön sagt. Wir mussten eine, wenn dieses Mal auch nur recht kurze Zeit warten, bis die nette Fahrbegleiterin durchsagte, dass vor uns am Gleis Rauch aufstiege und man abwarten müsse, was dort los sei. Zum Glück hatte ich wieder ein Lunchpaket von meiner Freundin im Gepäck, das ich nun auspackte und auf den Inhalt überprüfte: 1 Apfel, 1 Banane, 1 Tafel Lindtschokolade, Salbei-Bonbons, Päckchen mit Schokowaffeln, Tomaten und Aprikosen. Eine ausgewogene Mischung, die als Überbrückung reichen dürfte. Wie schön, dass es Freundinnen gibt!

Wir wurden weiter darüber auf dem Laufenden gehalten, dass offensichtlich ein Firmengebäude am Gleis in Brand geraten war, und wir nun abwarten müssten, bis sich die Lage klärt. Später wurde die Ankunft der Feuerwehr vermeldet, wann es weitergehen würde, konnte man noch nicht voraussagen. Eine Nachfrage beim Zugpersonal ergab, dass wir auf einer anderen, sogenannten Milchkannenstrecke weiterfahren würden. Na Prost! Nach 40 min (nach dieser Zeit waren die Vorräte aus meiner Lunchbox denn auch fast erschöpft) ging es zunächst zurück Richtung Bremen. Hinter Bremen hielt der Zug erneut, damit der Lokführer in die Lok am anderen Ende umsteigen und auf einer anderen Strecke in die Gegenrichtung weiterfahren konnte.

Nun standen wir dort so herum und so langsam wuchs mir nun doch ein Horn, weil es nicht vorwärtsging. Das Horn wuchs mir vorne aus der Stirn – es war eindeutig ein Nas-horn und reckte sich gen Himmel. Da ich selbst nicht erkennen konnte, wo wir uns befanden, befragte ich das Horn: Sage – mal -Horn, kannst du sehen, wo wir sind? „Sagehorn“ kam die Antwort. Ich reagierte: Was meinst du? „Sagehorn“ schallte es wiederum von meiner Stirn in meine Ohren. Ich fühlte mich auf den Arm genommen: Sage mal, willst du mich veräppeln? Warum äffst du mich nach. Die Farbe des Horns wechselte von meeresblau über neidgelb zu giftgrün und das Horn stieß erneut „SAGEHORN“ aus. Ich sah den Farbwechsel mit Schrecken im Zugfenster und erkannte die Gefahr. Jetzt mal ganz in Ruhe Horn, sage mir noch mal, was du draußen siehst? Die Sache w

urde ernst. Das Horn blinkte nun in feuerwehrrot und ich musste befürchten, dass es im nächsten Moment Feuer und Rauch speien würde.

Gott sei Dank – wenn ich diese Redewendung benutzen darf – aber die Lage hatte sich wirklich gefährlich zugespitzt, fuhr der Zug wieder an und dem Horn ging vorübergehend die Puste aus. Diesen kurzen Moment nutzte ich, um mich zu erheben und nun mit eigenen Augen zu sehen, wo wir uns befanden: und tatsächlich, wir waren in SAGEHORN zwischengeparkt. Also hatte das Horn wahr gesagt. Und ich hatte ihm nicht geglaubt, meinem eigenen Horn. Und jetzt, als der Zug wieder los fuhr, konnte ich mich nicht einmal mehr für mein mangelndes Vertrauen entschuldigen, denn das Horn war mir nichts, dir nichts wieder in seine Schmollecke verschwunden, bis zum nächsten Zwischenfall mit der Deutschen Bahn.

Integrität

„Frohe Ostern“, was immer das für dich/euch heißen mag: Ostereier suchen, in der Familie zusammenkommen, gut essen, in die Natur gehen und das schöne Wetter genießen, mal wieder in die Kirche gehen und sich des eigentlichen Sinns dieser Tage erinnern….

Bei mir ist es von allem ein bisschen.

Für heute habe ich mir jedenfalls vorgenommen, mich mal wieder zu melden nach längerer Zeit. Keine Termine, keine Zeitpläne…Muße, um mich an den Computer zu setzen.

Die Frage nach dem Sinn all dessen, was man hier so tut in dieser eigentlich sehr kurzen Spanne auf der Erde, habe ich mir schon oft gestellt, ohne wirklich eine Antwort zu finden. Die Existenzialisten meinen, es gäbe keinen Sinn, die menschliche Existenz sei schlichtweg absurd. Wahrscheinlich stand schon jeder von uns mal vor einem derartigen schwarzen Loch, vor der Frage, wozu das alles?

Nun mal nicht gleich in Trübsinn verfallen an diesem sonnigen Tag.

Ich habe immer Menschen bewundert, die schon sehr früh wussten, was sie „werden“ wollten, die mit ganzer Leidenschaft ein Ziel verfolgt haben, die insofern ihren Sinn gefunden hatten. Ob sie dabei tatsächlich glücklicher waren oder sind, kann ich nicht sagen. Ich vermute es . So etwas habe ich leider für mich nicht kennenlernen dürfen. Sicher, es gab bestimmte Sachen, die ich auch mit Leidenschaft getan habe, aber einen Lebenssinn habe ich darin nicht erkannt.

Mir gefällt der Ansatz besser bzw. habe ich keinen anderen, als dass das Leben selbst, wie es sich jeden Tag neu präsentiert und neue Aufgaben stellt, die gelöst werden wollen, den Sinn vorgibt. Manchmal ergibt sich die Bedeutung des Gelebten auch erst im Nachhinein oder sehr viel später. Für mich persönlich sind es eher die wirklichen Herausforderungen, also die schwierigen Situationen und deren Bewältigung, die ich als sinngebend empfunden habe.

Vor kurzem bin ich auf eine Diskussion zum Thema Integrität gestoßen, die mich sehr bewegt hat und noch bewegt, denn auch wenn ich mir dessen nicht vollends bewusst war, so spielt Integrität eine große Rolle in meinen Leben.

Ich ziehe immer gerne Wikipedia zu Rate für Definitionen:

„Persönliche Integrität ist die fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln. Grundlage des Wertesystems ist eine religiös, politisch oder humanistisch begründete Ethik. Ein integrer Mensch lebt und handelt in dem Bewusstsein, dass sich seine persönlichen Überzeugungen, Maßstäbe und Wertvorstellungen in seinem Verhalten ausdrücken. Persönliche Integrität ist als Treue zu sich selbst gekennzeichnet worden. Sie achtet aber ebenso die Integrität und Würde der Mitmenschen und strebt danach, diese nicht zu verletzen.“

Gar nicht so einfach, kann ich da nur sagen, aber gefühlsmäßig hat das Bewusstsein darüber bei mir zugenommen, wann ich nicht im Einklang mit meinen Wertvorstellungen handele. Und wenn ich tief in mich hineinhöre, nehme ich deutlich die Signale wahr, wenn ich dagegen „verstoßen“ habe. Das mag sich engstirnig oder wer weiß wie anhören, aber es gibt glaube ich in jedem von uns eine innere Stimme, die unablässig Nachrichten sendet, wir sind nur nicht immer auf Empfang oder wollen es auch nicht sein. Ein unverfängliches Beispiel: Jemand übernimmt sich mit seiner Arbeit, ist auch am Wochenende immer ansprechbar, findet keine Ruhe mehr. Er oder sie hört nicht auf die innere Stimme, die warnt, dass es so nicht weitergehen kann. Es folgen zunächst leichtere Krankheiten. Es beginnt vielleicht mit Rückenschmerzen…bei weiterem Ignorieren dieses Zeichen werden die Krankheiten schwerer und schwerer. Das hat nicht unbedingt etwas mit einem persönlichen Wertesystem zu tun – es sei denn, die Person hat das unbedingte Streben nach Aufstieg zu ihrem Lebenssinn erkoren – aber doch mit dem allgemeinen Wert, dass der Mensch in Würde sollte leben können mit einem Ausgleich zwischen Arbeit und Ruhezeit.

Für mich ist Aufrichtigkeit ein wichtiger Wert und ich merke immer wieder, wie schwer es ist, immer aufrichtig zu sein. So zum Beispiel, aufrichtig mit anderen Menschen zu sein, wenn ich dadurch potentiell in eine Konfliktsituation gerate. Andererseits kann ich die Situation, in der ich nicht aufrichtig bin, nur sehr schwer ertragen. Nun bin ich schon im fortgeschrittenen Alter und habe das Gefühl, in dieser Hinsicht noch ganz viel an mir arbeiten zu müssen, damit ich wirklich integer bin.

Aufrichtig und Integrität sind für mich zwei Seiten einer Medaille . Wenn ich aufrichtig bin, stehe ich zum meinen Werten, zu denen auch die Wahrhaftigkeit gehört. Nun, wo steht geschrieben, welche Werte universell sind? Kommt die Seele mit einem Satz von allgemeingültigen Werten in diese Welt und bleibt sie nur gesund, wenn wir diesen Werten folgen, oder sind Werte nur sozial definiert? Wissen wir nicht. Ich fühle aber ziemlich genau, wenn ich etwas tue, was meinem Bewusstsein oder Unterbewusstsein von falsch oder richtig widerspricht.

Natürlich will ich hier nicht einem perfekten, fehlerfreien Verhalten das Wort reden. Könnte und wollte ich gar nicht. Darum geht’s nicht, sondern, wie es oben in der Definition von Integrität heißt, dass man sich selbst treu bleibt und die Integrität und Würde des Anderen respektiert.


Das wäre zumindest eine Frage, die ich am Ende meines Lebens gerne mit „ja“ beantworten würde. Wenn das vielleicht auch noch kein Lebensinn an sich ist, so würde es das Leben doch etwas weniger absurd machen.

Übrigens habe ich dazu vor Ostern noch eine Deutung zu Jesus und seiner Bedeutung für uns gehört: Jesus war einer von uns, einer wie wir, der auch sein ganzes Leben um Integrität gekämpft hat und bis zum letzten Moment gezweifelt hat. Das möge uns trösten.

Ich wünsche euch einen schönen, unbelasteten Tag!

Frau, Weiblich, Profil, Macht

…heute mal was ganz anderes aus dem Hause RACHUT. Eine Eigenkreation! Ha, wer hätte das gedacht!

Ich und ein eigenes Rezept. Ein Widerspruch in sich. Nichtsdestotrotz:

Frikadellen für multiple Allergiker, ohne Ei, ohne Brötchen, also ohne die sonst für das Gelingen von Fleischklopsen (der Begriff gefällt mir gar nicht, wurde aber aus stilistischen Gründen gewählt, um eine Wortwiederholung zu vermeiden) absolut erforderlichen Ingredienzien.

Frikadellen habe ich schon immer ganz gut hingekriegt mit den oben genannten Zutaten aus Mutters Küche. Nun habe ich in der Familie jemanden, der zu der Gruppe der oben genannten Personen gehört und bei dem immer besonders auf die verschiedenen Unverträglichkeiten geachtet werden muss. Rumexperimentiert habe ich immer mal wieder. Die Ergebnisse konnten nicht überzeugen. Das Fleisch war zu trocken, die Konsistenz mal zu locker, mal zu fest.

Nur die Ruhe, gleich geht’s los.

Wie die Idee in die Welt bzw. in meinen Kopf kam, weiß ich nicht mehr, aber iss ja auch egal jetzt.

Also, hier die Zutaten. Ich mache immer gleich ein paar mehr Frikadellen, die reichen dann (hoffentlich) etwas länger:

  • 500 gr Rindfleisch vom Bio-Landwirt (a und b sind nicht zwingend, darf natürlich auch gemischtes Hack sein, Bio-Hack macht ein besseres Gewissen und schmeckt auch besser)
  • 1 Portion Suppengemüse
  • etwas Reismehl
  • Salz, Pfeffer, andere Gewürze nach Belieben.

Das ist schon alles!

Vorbereitung:

Das Suppengemüse reinigen und in kleine Würfel schneiden, Petersilie waschen und kleinschneiden (noch einfacher geht’s mit einem elektrischen Mixer), Gemüse in Öl anschwitzen und bei niedrigster Temperatur garen, Wasser ist dann meist nicht erforderlich, sonst wird die Frikadellenmasse später auch zu feucht.

Das gegarte Suppengemüse  mit dem Gehackten mischen, mit Salz und Pfeffer würzen und Petersilie zugeben. Etwas Reismehl o.ä. zum Andicken hinzufügen. Wem die Menge Suppengemüse zu viel erscheint, kann die Menge natürlich reduzieren.

Alles in heißem Öl anbraten, Temperatur runterschalten und durchbraten.

Schon fertig!

Wir finden, dass das echt lecker schmeckt! Sieht man/frau doch, oder?

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Guten Appetit! und ich freue mich auf eure Rückmeldungen!

Claudia