Sonntags unterwegs in Corona-zeiten

Nun, wie geht es Euch mit Corona? Resigniert, frustriert, trotzdem fröhlich, sorgenvoll, wütend? Alles ist möglich, die ganze Bandbreite von Gefühlen. Im Moment drängen sich die Sorgen um die wirtschaftliche Existenz vieler von uns in den Vordergrund, nachdem sich die gesundheitliche Situation auf ein wenn auch sehr fragiles, aber händelbares Maß eingependelt hat. Alles hängt auch und in erster Linie davon ab, wie verantwortlich wir alle mit den Sicherheitsvorkehrungen umgehen und uns danach richten. Ich fühle , soweit ich die Situation überhaupt nachvollziehen kann, mit den vielen betroffenen Unternehmern und Arbeitnehmern mit, und hoffe, dass eine allmähliche Wiederaufnahme des wirtschaftlichen Lebens gelingt. Scheitern oder Erfolg wirken sich schließlich auf das gesamte gesellschaftliche Leben, sprich auf uns alle aus.

Jetzt zum Thema Masken. Gestern wurde ich schon gleich von einem Mitarbeiter des Supermarktes, in dem ich häufig einkaufen gehe, am Eingang danach gefragt, wo meine Maske sei (ganz freundlich, vielleicht wollte er mich auch nur necken, das macht er öfter). Ich fühlte mich ertappt (war ich doch der Meinung, die Maskenpflicht gelte erst ab kommenden Montag), konnte eben diese Maske aber sogleich aus meiner Tasche ziehen und mich damit bewehren. Für mich ist das absolut in Ordnung und notwendig, wenn wir nicht wieder in schlechtere Infizierungszahlen zurückfallen wollen!

Eine Maske zu tragen, finde ich – wie viele andere sicher auch – nicht unbedingt bequem und angenehm, aber sie gibt mir auch ein gewisses Gefühl der Sicherheit, vorausgesetzt, sie wird von allen anderen auch angelegt. Das ist das geringste Problem. Es gibt so viele verschiedene Modelle und nicht alle sind gleich geeignet. Da heißt es auch ein wenig ausprobieren. Selber nähen hatte ich ja schon ziemlich zu Anfang der Debatte wegen mangelnder Erfolgsaussichten für mich ausgeschlossen.

Das andere ist die soziale Isolation, unter der wir alle leiden. Daran hat sich bisher auch wenig geändert. Immerhin treffe ich mich inzwischen mit meiner Freundin sonntags zu einer Radtour mit anschließendem Kaffeetrinken auf einer Parkbank mit entsprechendem Abstand, versteht sich. Mit einem Kaffee to go (ich habe was gegen diesen ganzen Müll, aber da die Bäckerei, in der wir den Kaffee erwerben, aus hygienischen Gründen keine mitgebrachten Porzellanbecher akzeptiert, was angesichtes der Infektionsgefahr aktuell einsichtig ist, gehe ich schlechten Gewissens über diesbezügliche Bedenken hinweg). Es ist uns einfach sehr wichtig, dass wir uns auch physisch begegnen und miteinander sprechen können, und der Kaffee gibt uns das Gefühl von ein ganz bisschen Normalität. Bei Telefonaten geht so viel verloren an Vertrautheit. Dabei muss ich immer wieder an die Menschen in den Altersheimen denken, die ihre Verwandten nicht sehen und fühlen können. Was für ein Elend. Ob meine Mutter das damals verstanden hätte? Ich glaube nicht und ich glaube auch nicht, dass sie es überstanden hätte, von ihren Töchtern so ganz getrennt zu sein.

Und jetzt möchte ich Euch schildern, wie mein Ausflug von letzter Woche Sonntag, den ich allein unternommen habe, verlaufen ist. Er steht, denke ich, symptomatisch für die allgemeine Situation.

Ich hatte mich entschlossen, nach langer Zeit mal wieder in ein beliebtes Naherholungsgebiet zu radeln. Das Internet gab mir keine klare Antwort auf die Frage, ob das an einem See gelegene Café in irgendeiner Weise geöffnet sein würde. Trotzdem machte ich mich auf den Weg. Es geht schließlich in erster Linie um die Bewegung an der frischen Lust, um den Kopf durchzublasen und trübe Gedanken zu verscheuchen. Es waren allerhand Menschen unterwes zum See und dort angekommen, fand ich sie allerorten auf den wenigen Bänken oder im Gras sitzend vor.

Und: das Café hatte geöffnet im Notbetrieb, d.h. die Räumlichkeiten waren natürlich geschlossen, aber es gab einen Außer Haus-Verkauf mit Getränken, Kuchen und ein, zwei kleinen Speisen. Ohhhh, wie schön!

Draußen standen mehrere Schilder mit Verhaltensregeln, die ich studierte. Eins davon besagte, dass man seine Bestellung per Telefon aufgeben sollte. Fragezeichen in meinem Kopf. Ich stand direkt vor dem Café und sollte telefonisch bestellen. Erst nachdenken…Wahrscheinlich, damit die Kontakte am Verkaufsschalter so gering und kurz wie möglich gehalten werden konnten. Da kam mir ein Mann mit einem dicken Stück Kuchen entgegen und ich fragte ihn, ob er auch telefonisch bestellt hätte. Er verneinte und meinte, er sei erst auf der Toilette gewesen und hätte dann direkt bestellt. Gut. Das machte ich dann auch, ich meine bestellen. Eigentlich wollte ich nur einen Cappuccino trinken, aber der Mitarbeiter pries die selbstgebackene Käsesahnetorte in den höchsten Tönen an (so habe ich es jedenfalls wahrgenommen), dass ich ein Stück dazu bestellte: Cappuccino im Pappbecker, Torte auf Papptablett, das Ganze zum Abtransportieren auf Kellnertablett. Zum allgemeinen Erscheinungsbild: Die Zuwegung zum Café war mit den jetzt überall aufleuchtenden rot-weißen Bändern zu den sonstigen Sitzplätzen abgesperrt. Ich ging den Weg herunter und setzte mich am Ende auch die Steine, die den Weg begrenzen. Die einzige verfügbare Bank in angemessener Nähe war besetzt. Wie es nun eigentlich geschehen konnte, weiß ich nicht, jedenfalls verlor die Käsesahnetorte auf dem Papptablett ihr Gleichgewicht und kippte zur Seite. Geistesgewärtig griff meine freie Hand zu und unter die Sahnetorte! Da stand ich nun: Tablett in der einen Hand, Käsesahnetorte in der anderen. Aber was für ein Glück, denn die Torte war gerettet. Vorsichtig beförderte ich sie zurück auf ihre Unterlage, nicht ohne Schäden an der äußeren Erscheinung, aber eben essbar. Ich gestehe, ich konnte nicht widerstehen und leckte die Reste auf meiner Hand kurzerhand und weggedreht von übrigen Publikum ab. Was sollte ich auch sonst machen.

Es dauerte nicht lange und eine ebenfalls ältere Frau näherte sich. Auch sie studierte die diversen Hinweisschilder und murmelte in sich hinein, dass sie kein Telefon dabei hätte. Schließlich fragte sich mich, ob ich per Telefon bestellt hätte, was ich verneinte. Nach einer Weile kam sie mit Kaffee und gebackenem Käsekuchen wieder. Vielleicht hatte sie geahnt, dass das mit der Beförderung von Sahnetorte schwierig werden konnte. Nun wusste sie nicht so recht, wo sie sich hinsetzen sollte und schaute sich hilfesuchend um. Dann kam sie auf mich zu und meinte, dann würde sie sich zu mir setzen. Ich neigte meinen Oberkörper instinktiv weit nach hinten, den Kuchen in meiner Hand wohl beobachtend, und bat sie, sich doch weiter weg etwas zu suchen. Schließlich nahm sie direkt gegenüber auf der anderen Seite der Mauer Platz. So mampften wir nun endlich in Ruhe jede ihren Kuchen. Derweil beobachtet ich eine Szene, die sich auf dem Spazierweg unterhalb des Cafés ereignete. Da stand ein älteres Ehepaar an seinen Fahrrädern und machte sich dort zu schaffen. Ein kleiner Hund wuselte um sie herum. Ein anderes Paar ging vorbei – ich habe nicht genau gesehen, was passiert ist, aber ich vermute, der vorbeigehende Herr hat den kleinen Hund übersehen und angerempelt, ohne dass letzterer große Verletzungen davon getragen zu haben schien, soweit ich es beurteilen konnte. Jedenfalls blökte die Hundebesitzerin den Herrn an. Der wusste gar nicht, wie ihm geschah, ging ein paar Schritte weiter und blökte zurück. Dann kam aus der Gegenrichtung ein anderer älterer Herr mit einer jüngeren Frau in Begleitung vorbei und meinte, ob es denn wohl nötig wäre, in den ohnehin schwierigen Zeiten so einen Aufstand zu machen. Oh, das hätte er besser gelassen. Die Frau begann, ihn wirklich unflätig zu beschimpfen und hinterher zu rufen. Nur ein Auszug: ich würde dem Arschloch am liebsten in den Hintern treten. Ihr Begleiter sagte dazu nichts. Der ältere Herr war etwas überrascht über diese Reaktion und bekam auch wohl etwas Angst. Mann, Frau und Hund verließen den Ort. Kurze Zeit später kam der ältere Herr wieder zurück und wollte sich im Café etwas kaufen bzw. für seine Tochter und die Enkelkinder, die ich jetzt auch wahrnahm. Er fragte mich, wie das Verfahren wäre und verschwand Richtung Verkaufsstand. Zurück, jeder mit einem Eis in der Hand, machte der Herr mich und die andere Frau auf den Steinen darauf aufmerksam, dass es verboten sei, sich dort hinzusetzen, da ein Schild verlange, dass man 50m Abstand halten müssen beim Verzehr seiner Speisen. Weder ich noch die Frau hatten dieses Schild gesehen. Formal gesehen hatte der Herr wohl recht, aber in diesem Fall entschieden wir uns, dort sitzen zu bleiben, denn wo sollten wir hin und wir blieben in angemessenem Abstand sowohl vom Verkaufsstand als auch von den zirkulierenden Menschen. Der ältere Herr insistierte noch ein oder zweimal. Letztlich ging er mit dem Hinweis, dass er uns aber nicht verraten würde! Na, wer weiß?

Gerade noch hatte er sich über das übergriffige Verhalten der Dame mit dem Hund beschwert, nun betätigte er sich in gleicher Weise als Wärter der öffentlichen Ordnung. Sei’s drum. Kaffee und Kuchen haben in der Sonne hervorragend geschmeckt und ich habe mir den Tag nicht verderben lassen….

Wie der alte Mann so treffend gesagt hatte: muss man sich in ohnehin schon schwierigen Zeiten auch noch so aufregen und vor allem so unfreundlich sein. Eigentlich sind doch Toleranz und Solidarität gefragt. Ja, so sind wir Menschen eben.

Ich vermute, Ihr werdet ähnliche Szenen erleben. Viele Menschen sind angespannt oder einfach auf Krawall gebürstet, weil sie mit der Situation nicht klar kommen. Aber es ist für uns alle nicht einfach! Und beleidigen lassen muss man sich sowieso schon nicht.

Also, immer schon freundlich bleiben.

Eure Claudia

Käsesahnetorte

Darf ich auch mal traurig sein?

In den letzten Wochen sprießen allerorten Artikel, Videos, Podcasts zum Thema Corona aus dem Boden, nicht zuletzt, weil wir alle mehr oder weniger in Quarantäne leben und der Kontakt mit der Außenwelt sich auf ein Minimum beschränkt muss. Was das mit uns macht, wird überall spürpar, so auch in dem Bedürfnis, sich irgendwie mitzuteilen. Nichts, was vordem selbstverständlich war, hat noch Bestand. Sagen wir, was für uns hier selbstverständlich war: Einkaufen, Shoppen, kulturelle Veranstaltungen, im Café sitzen, Arztbesuche, zur Arbeit gehen usw. usf. Alles, was unser Leben ausgemacht hat, oder was wir dafür gehalten haben.

So habe ich mit mehreren meiner FreundInnen zumindest telefoniert, um zu hören, wie es ihnen gerade ergeht. Und es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie groß die Bandbreite der möglichen Reaktionen ist: Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind alle nicht mehr ganz jung – so zwischen 70 und 90 – aber alle haben sie ihre ganz persönliche Sicht auf die Dinge, die von Verzweiflung über die Situation und im wahrsten Wortsinn Mitleiden mit den betroffenen Mitmenschen über ein fast stoisches Annehmen der Lage bis hin zu kreativen Ideen der Freizeitgestaltung und Kontaktpflege per Computer reichen. Ich bin irgendwo in der Mitte.

Gut so, wenn wir erfinderisch werden und versuchen, die Situation irgendwie zu meistern (nun nicht gerade, in dem wir uns auf ein Warentransportband setzen und auf dem Kauf von Toilettenpapierpaketen bestehen – ich berichtete darüber).

Gut so, wenn wir ein Auge auf die Nachbarn und Feunde haben und schauen, wie es ihnen geht und ob wir etwas für sie tun können. Das ist überhaupt das Beste, was wir tun können. Dann besteht weniger die Gefahr, dass wir in Depression abgleiten. Tun ist besser als leiden.

Gutes Wetter empfiehlt sich immer für einen Spaziergang oder eine Radtour. Morgendliche Gymnastik mit dem Bayerischen Rundfunk bringt den Kreislauf in Schwung und strukturiert auch schon den morgen (morgens von 07:20 – 7:35 Uhr und von 08:30 – 08:45 Uhr mit verschiedenen Angeboten, nachzuschauen unter Tele-Gym).

Ich war schon drauf und dran, selbst zur Tat zu schreiten und mir meinen eigenen Mund-Schutz zu nähen, war dann aber doch ganz froh, als ich professionell genähte Exemplare in der Apotheke ergatterte, deren Erlös überdies dem hiesigen Kinderhospizverein zugute kommt (!). Froh deshalb, weil die Aktion mir vermutlich keine Freude gebracht hätte mit meinen rudimentären Nähkenntnissen und meiner sprichwörtlichen Ungeduld bei kleinteiligem Arbeiten. Also dann besser Frustvermeidung.

Wie gesagt, ich irgendwo immer in der Mitte zwischen Optimismus und depressiver Verstimmung. Depressiv, wenn ich sehe, dass es so vielen anderen Menschen noch viel schlechter geht als mir (mir geht es eigentlich überhaupt nicht schlecht: ich habe zu essen, ein Dach über dem Kopf, eine Arbeit und bin nicht infiziert). Wütend, wenn ich bestimmte Politiker höre und sehe, die die Pandemie erst runterreden und jetzt Gott und der Welt die Schuld daran geben und denen es offensichtlich egal ist, wenn tausende von Menschen sterben müssen. Wütend auch, wenn im Netz Menschen unqualifiziert fordern, mit dem ganzen „Quatsch“ sprich Eindämmungsmaßnahmen aufzuhören und sich lauthals darüber beschweren, dass sie anschließend die Zeche werden zahlen müssen. Klar, dass da einiges auf uns zukommt, aber ich wünsche diesen Leuten wirklich nicht, dass sie sich infizieren und dann in eine heillos überfüllte Klinik mit überfordertem Personal eingeliefert werden. Denken die Leute über sowas nicht nach? Heute hat doch tatsächlich jemand gepostet, dass man die Angst vor dem Virus ( mit Totenkopf) nicht über die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang (wieder mit Totenkopf) stellen sollte. Ich kann die existentielle Angst vieler Unternehmer (ich weiß nicht, ob es sich um einen Unternehmer gehandelt hat) sehr gut verstehen, aber die wirtschaftlichen Interessen über das Leben vieler Menschen zu stellen, geht mir doch zu weit. Oder meint derjenige, dass er nicht zur Risikogruppe gehört und dass man die Alten ruhig opfern kann? Ich weiß es nicht. Man muss die Sachen auch zu Ende denken. Zumindest fehlen mir dann Vorschläge, wie man mit der Situation anders umgehen soll.Das ist der depressive und zornige Part in mir.

Und dann ist da manchmal auch Trauer. Worüber kann ich nicht so genau sagen, aber ich glaube, der Mangel an persönlicher Begegnung und Gesprächen macht mir am meisten zu schaffen. Wahrscheinlich geht es vielen von euch genauso!? Alles andere ist für mich irgendwie verzichtbar, sofern es nicht um die Existenzsicherung geht, aber das: das Gespräch, das sich nahe sein, das fehlt mir. Und das ist auch wieder einmal die entscheidende Frage: was ist wirklich von Bedeutung? Die Zeit, die wir sonst mit allerhand Aktivitäten füllen, ist jetzt manchmal beängstigend leer und zwingt zum Nachdenken. Oder es wird uns bewusst, dass das Leben, so wie wir es führen, „leer“ ist, dass es ihm an „Sinn“ fehlt. Das kann dazu führen, dass wir daran verzweifeln, dass wir agressiv werden und anderen die Schuld an der Misere geben oder unser Leben auf den Prüfstand und auf tragfähigere Füße stellen. Alles ist möglich. Letztlich haben wir als im Prinzip vernunftbegabte Wesen die Wahl, in welche Richtung wir gegen wollen.

Ja. ich gestehe mir in diesen Zeiten zu, traurig zu sein, die Trauer auch nicht zu verdrängen, sondern ihr auf den Grund zu gehen und zu schauen, was sie mir sagen will. Das ist nicht immer leicht, denn sie könnte mir sagen, dass in meinem Leben etwas nicht stimmt, dass ich die Priotitäten falsch setze und dann wird es ernst. Jetzt, in diesen unsicheren Zeiten, wird der Ruf der Seele – so will ich es mal für mich persönlich nennen – lauter und lässt sich nicht so einfach zudecken.

Ja mal schauen. Gegenwärtig ist von allem was dabei, was das Gefühlsleben so bietet.

Ich wünsche euch allen alles Gute….haltet die Ohren steif und die Augen offen füreinander, für Neues, Bewährtes, Tragendes und Schönes!

Ausflug ins Unbekannte in Corona-Zeiten

Freitagnachmittag. Strahlender Sonnenschein. Kein Wölkchen trübt den Himmel über mir. Kein Grund mehr, zu Hause zu bleiben, um Corona nicht zu begegnen. Denn an der frischen Luft fühlt er sich nicht wohl. Wird einfach weggeweht und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Also, raus mit dem Fahrradesel, Helm auf und los geht’s. Ach, diese Idee haben heute auch noch andere Leute. Es ist viel los auf dem „Feldweg“ neben den Gleisen. Mehr als derzeit auf der Autobahn, vermute ich. Fußgängerduos, Radler, Jogger, Familien mit Kindern. Endlich draußen, endlich Bewegung.

Ich mitten dazwischen. Wird manchmal schon schwierig, den erforderliche Abstand zu halten. Man glaubt es nicht. Aber isso. Kann ich ja verstehen, bin ja auch da bei. Endlich mal wieder ein bisschen Leben und wahrhaftige, echte Menschen.

Zunächst fahre ich durch einige Straßen meines Stadtteils, der „Wüste“, die ihren Namen ihrer früheren Beschaffenheit als Niedermoor und deshalb unbewohnbar (plattdeutsch „woest“) verdankt. Am Freibad „Moskau“ vorbei, (die Herkunft des Namens ist umstritten, eine mögliche Variante ist, dass sich dort schon im 19. Jh. ein Kaffeehaus mit dem Namen „Wüste“ befunden haben soll) unter der Eisenbahnbrücke hindurch, biege ich rechts ab und folge der Feldstraße jenseits der Bahngleise Richtung Burenkamp. Hier beginnt der erste steilere Anstieg auf dem ansonsten recht flachen Gelände und bringt mich schon etwas ins Schwitzen. Aber so soll es sein. Zur Rechten passiere ich die Kleingartensiedlung „Deutsche Scholle“ (aus welcher Zeit dieser Begriff wohl stammt?), wo die Einhaltung des Kontaktverbots außer Kraft gesetzt zu sein scheint. Nein, Familienaufläufe sind gestattet. Weiter gehts vorbei an Wiesen, auf denen Ziegen, Schafe und schottische Hochlandrinder mit ihrem Nachwuchs grasen oder sich sonnen.

Und schon geht es wieder bergauf Richtung Stadtteil Sutthausen. Ein bisschen neidisch bin ich immer noch auf die Radfahrer, die scheinbar mühelos jede Steigung meistern, aber natürlich im Gegensatz zu den wenigen „echten“ Radfahrgranaten mit Hilfsmotor.

Nach dem Anstieg überquere ich die Autobahnbrücke und überlege, dass ich vielleicht eine Abkürzung nehmen sollte, denn der Wind bläst mir doch recht heftig und unangenehm ins Gesicht. Mir war schon mehrfach ein Waldweg aufgefallen, der nach meiner Einschätzung genau so eine Abkürzung bzw. Halbierung des Weges bieten könnte. Nun muss man wissen, dass ich nicht unbedingt zu den Abenteurern gehöre. Aber manchmal packt es mich doch und ich muss die ausgetretenden Pfade verlassen und Neuland erkunden. Man muss außerdem wissen, dass ich vor vielen Jahren bereits einmal eine Abkürzung gedacht hatte gefunden zu haben…was gründlich schief gegangen ist und einen weiteren Beitrag wert wäre. Nun ist mir gerade bewusst geworden, warum der damalige Versuch u.a. mißglückt bzw. in die Hose gegangen ist: das Gelände gehört wohl noch zu den Ausläufern des oben genannten Niedermoors, wobei dieser Teil noch nicht trockengelegt ist. Ihr versteht.

Aber, wie gesagt, manchmal reitet mich der Teufel oder sonst was und ich bog in den Waldweg ein. Allerdings befanden sich noch andere Personen – Fußgänger – auf demselben, so dass ich davon ausging, dass selbige sich ja wohl auskennen würden. Ein Stückchen war der Weg gut befestigt, dann ging er in einen Trampelpfad und/oder Weg für Waldfahrzeuge über. Aber immer noch befahrbare Spuren, die immer tiefer wurden, die sich mit Wasser füllten oder notdürftig mit Kies verfüllt waren. Noch hielt ich mich wacker im Sattel.

Ermutigt wurde ich durch zwei schnittige, auch nicht mehr ganz junge Rennradfahrer im zünftigen grün-gelben Outfit, die mich freundlich grüßend überholten. Dann schaffe ich das auch, dachte ich vollmundig. Der Weg wurde zusehends beschwerlich und ich legte eine kurze Pause ein, um ein Foto zu schießen von diesem ursprünglichen Stück Wald.

Ganz weit vorne erkannte ich einen der Radrennfahrer, der offensichtlich dort stand und in meine Richtung blickte und fragte mich, ob sie auch eine Pause eingelegt hatten. Dann fuhr ich weiter bzw. irgendwann wechselte ich zwischen Schieben und Fahren, je nach Untergrund. Nach einiger Zeit kamen mir die beiden Radfahrer wieder entgegen und warnten mich, dass es dort hinten nicht weiter ginge… Achja. Offensichtlich waren sie genauso blauäugig wie ich ihrer Abenteuerlust gefolgt und ebenso reingefallen. So ist das, wenn man sich auf den Augenschein verlässt.

Das war für mich natürlich das Signal, ebenfalls umzukehren. Ich war ausgesprochen froh, als mir die ersten Fußgänger begegneten und ich wieder festen Grund unter die Räder bekam!

So endete dieser Ausflug und Anflug von Abenteurlust bis auf das Schlammbad, das mein Fahrrad genommen hat, ohne weiteren Schäden, und ich kehrte erschöpft aber doch glücklich und stolz, dass ich diese Prüfung bestanden hatte, nach Hause zurück.

Auf jeden Fall – ich hoffe, ich erinnere mich das nächste Mal an dieses Versprechen – folge ich nie mehr blindlings irgendwelchen Leuten……mögen sie auch noch so nett aussehen.

Viele Grüße aus dem Exil

Claudia

Zwischenruf – warum die Frage nach dem „WANN“ nicht weiterhilft…

Immer wieder und auf allen Kanälen wird tagtäglich von Journalisten, Moderatoren und in der Bevölkerung die Frage gestellt, wie lange die Sicherheitsvorkehrungen sprich Corona-Eindämmungsmaßnahmen einschließlich Ausgehverboten noch anhalten werden.

Dabei liegt doch alles auf der Hand: die vor circa einer Wocher beschlossenen rigiden Maßnahmen wie Schließung fast aller Geschäfte, Rezudierung der persönlichen Kontakte auf ein Minimum bis hin zum Kontaktverbot zu bestimmten Risikogruppen brauchen eine Weile, bis sie zum Tragen kommen, genau gesagt, erst Mitte der kommenden Woche wird sich an den Infektionszahlen zeigen, ob die Maßnahmen greifen. Bis dahin erübrigt sich jede weitere Spekulation. Dann wird abzuwarten bleiben, ob ein von uns allen erhoffter und notwendiger Rückgang sich als stabil und kontinuierlich erweist. Auch das braucht Zeit. Zeit, die sich nur dadurch beeinflussen lässt, dass wir alle uns weiter und konsequent an die Maßnahmen halten und nicht beginnen, diese langsam wieder zu lockern, weil die Infektionszahlen zurückgehen. Das wäre fatal, wie sich jeder vernünftig denkende Mensch ausrechnen kann.

Das Datum 20. April als nächster Prüftermin basiert auf dem oben dargestellten Szenario. Sollten die Zahlen nicht sinken, wird neu überlegt, ob die Maßnahmen nicht noch schärfer werden müssen, denn wir haben keine andere Chance, die Pandemie einigermaßen in Schach zu halten und so eine Verlangsamung der Infektionen und eine vernünftige Behandlung der Infizierten zu gewährleisten. Sonst bekommen wir hier bei uns auch italienische oder spanische oder amerikanische oder oder …Verhältnisse, die sich sicherlich niemand wünscht. Und: Jeder kann sich infizieren, und jeder kann sich schwer infizieren!

Das sind die Fakten. Fakten, die im Moment einfach nicht konkreter sein können, weil der Corona-Virus und seine Auswirkungen noch zu unerforscht sind, um weitere Prognosen abgeben zu können. Wir fahren – wie so schön gesagt wird -auf Sicht.

Da macht es keinen Sinn, auch seitens gewisser Politiker und Journalisten, die Frage aufzuwerfen, ob die Maßnahmen auch früher beendet werden können. Es macht einfach keinen Sinn, mehr noch: es verunsichert die Bevölkerung! Und das macht nicht nur keinen Sinn, sondern ist m.E. gefährlich, denn es verunsichter nicht nur sondern suggeriert, dass die Maßnahmen u.U. nicht oder nicht in dieser Weise notwendig sein könnten und ruft Kritiker – teilweise sicher auch mit zweifelhaften Motiven – auf den Plan.

Die andere Seite ist die wirtschaftliche, die ich in keiner Weise minimieren möchte. Ich glaube, wir können uns alle nicht vorstellen, wie das Szenario „nach“ Corona aussehen wird.

Aber, und das wiederhole ich noch einmal: die jetzigen Maßnahmen sind aus meiner Sicht absolut notwendig, und je besser sie über einen gewissen Zeitraum (zunächst bis Ende April) eingehalten werden, um so kürzer die Phase des Stillstands. Und in dieser Hinsicht vertraue ich der Politik, dass sie in diesem Fall alles tun wird und entsprechende Szenarien bereits ausarbeitet, wie es weiter gehen soll. All das ist schwierig genug und ich bin die letzte, die einem übermächtigen Staat das Wort reden würde, aber jetzt ist einfach auch persönliche Disziplin gefragt, um der Lage gerecht zu werden, ich wage nicht „Herr zu werden“ zu sagen.

Kurzum und noch einmal: Stellen wir nicht ständig die gegenwärtige Situation in Frage. Es heißt jetzt Geduld haben und die Entwicklungen abwarten. Die Daten sind gesetzt, die Maßnahmen getroffen. Je klarer die Ansagen, desto höher die Akzeptanz, und das brauchen wir im Moment!

Dass ist sozusagen der offizielle Teil der Debatte.

Aber was macht das Ganze mit uns persönlich? Wir geht es dir damit? Ich glaube, diese Krise erschüttert so manchen von uns in seinen/ihren Grundfesten. Seit dem 2. Weltkrieg hat es bei uns nichts Vergleichbares gegeben. Vielleicht die 68er Unruhen oder die RAF in den 70er Jahren. Auch das waren politisch sehr unsichere Zeiten, die ihre Spuren hinterlassen haben, die aber nicht diese persönliche Betroffenheit eines jeden von uns beinhalteten und darüber hinaus nicht so viele Opfer gekostet haben. Es lag glaube ich außerhalb des Vorstellungsvermögens der meisten von uns, dass es eine Situation wie die aktuelle jemals geben könnte. Wir waren gewohnt, zu jederzeit überall hingehen zu können (nein, das stimmt jetzt auch nicht, wenn ich an die EX-DDR denke), zu treffen, wen immer wir wollten, einzukaufen, wonach immer uns der Sinn stand. Und jetzt ist alles anders.

Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Keine Kultur, keine Events, keine Reisen, kaum noch Ablenkung. Wir werden damit konfrontiert, dass sich das Leben von heute auf morgen ändern kann, dass uns (fast) alles genommen wird, was immer so selbstverständlich war.

Daraus erwächst Verschiedenes: Aus der Not geboren, entwickeln sich überall kreative Ideen, wie man mit der neuen Lage umgehen kann. Menschen helfen sich, denken aneinander, fragen sich, wie es dem Nachbarn, der Nachbarin geht. Die Not anderer wird uns ins Bewusstsein gerufen und wir suchen nach Lösungen. Das ist die hoffnungsvolle Nachricht.

Die andere Seite der Medaille: Der Fall, der mich – wenn er nicht so dermaßen traurig wäre – zum Lachen gebracht hätte (ich habe trotzdem gelacht bei der Vorstellung) : Die ältere Frau, die sich in einer Droguerie auf das Warentransportband setzte, weil sie nicht akzeptieren wollte, dass sie nur ein Paket Toilettenpapier mitnehmen durfte. Die Frau, die in Handschellen gelegt zum Polizeiauto getragen werden musste! Das ist ja nur ein Extrembeispiel für die Unfähigkeit, mal über das eigene Toilettenpapier hinweg zu sehen.

Ich persönlich muss mich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie ich die Tage gestalte. Zuerst wird alles möglich in der Wohnung aufgeräumt, was schon lange mal gemacht werden sollte. Damit bin ich weitestgehend fertig.

Jetzt freue ich mich, dass es das Internet gibt, wo ich einige Bücher bestellt habe.

Das schöne Wetter hat es mir immer noch ermöglicht, jeden Tag eine Tour mit dem Rad zu unternehmen und ich habe festgestellt, dass viel mehr Leute als sonst unterwegs waren! Gut für die Gesundheit.

Und dann stelle ich fest, dass der Konsum schon einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Lebens ausmacht: Lebensmittel einkaufen, Kleidung, Kaffee trinken gehen usw. usf. Dienstleistungen in Anspruch nehmen: Bank, Frisör, Arzt, Servicepersonal uw. usf.

Alles Dinge, die für uns so selbstverständlich waren. Aber sind sie das? Und wie sieht es um uns herum und in der Welt aus? Wer verfügt über diesen Luxus, denn es ist ein Luxus, alles zu jederzeit zu bekommen und bezahlen zu können! Das dürfte uns jetzt klargeworden sein. Was ist mit den Flüchtlingen auf der ganzen Welt und speziell auf den griechischen Inseln, was haben die zum Leben? Haben sie kein Recht zumindest auf eine Basisversorgung mit Unterkunft, Nahrung, Kleidung und auch Toilettenpapier? Das sollten wir nicht vergessen und wir sollten auch nicht zu laut jammern.

So, nun ist es gut.

Wie ihr alle wahrscheinlich, schlage ich mich mit den obigen Fragen herum. Im Großen und Ganzen geht es mir gut. Ich bin, soweit ich weiß, nicht infiziert. Natürlich habe ich auch Ängste, wie es weiter geht, aber soweit ich das politische Handeln im Moment beobachte, habe ich doch ein ziemlich großes Vertrauen, dass wir noch halbwegs glimpflich davon kommen werden (obwohl mein Vertrauen in die Politik in den letzten Jahren eher gelitten hat, es ging mir zuviel um persönliche Befindlichkeiten und Profilierungsaktionen als um das Gemeinwohl bemühte Politik. Die wirklich wichtigen und die Bürger bewegenden Fragen wurden einfach nicht angepackt. Mal sehen, wie es nach der Krise weitergeht).

Was mir in meinem täglichen Leben am meisten fehlt, sind die persönlichen Kontakte mit Familie und Freunden, auch mit ArbeitskollegInnen. All das fehlt mir. Wir sollten uns also zukünftig mehr aufs Soziale konzentrieren und zu schätzen wissen, was wir alles haben anstatt immer auf das zu starren, was wir nicht haben! Das Glas ist halbvoll und nicht halbleer.

Bis dahin und euch allen alles Gute

Claudia

podcasten zur guten nacht

also, wenn ich ehrlich bin, und das ist ja eine meiner Lebensmaximen, wie meine treuen LeserInnen wissen, hatte ich lange Zeit keine wirkliche Vorstellung davon, was ein Podcast ist. Mein anderes Familienmitglied, welches schon länger nicht mehr unter meinem Dach weilt, mit dem ich aber immer noch in ständigem Austausch über digitale Neuerungen bin, konnte sich jeweils ein breites Grinsen nicht verkneifen, wenn ich ihm immer wieder mein Unwissen vortrug in der Hoffnung, es /er würde mich aufklären. Hat es/er auch getan, aber ich musste es erst persönlich erfahren und lehnte mich beruhigt zurück, als ich endlich eine Vorstellung von einem Podcast hatte. Dabei erinnerte ich mich an meine längst vergangene, aber zumindest in Teilen noch klar erinnerte Jugend, als ich so um die 13/14 Jahre alt war und freitags abends gespannt auf die Gespräche mit Dr…. (ja, hier müsste ich euch um Info bitten, denn ich bin sicher, dass manche von euch damals auch vor dem Radiongerät saßen und gespannt lauschten, was Doktor….zu sagen hatte. Also, wie hieß er denn noch. Nein, es war nicht Dr. Sommer aus der Bravo. Also, wer sich an den Namen noch erinnnert, möge es mich wissen lassen. Es macht mich kirre, wenn ich das nicht weiß..grrrr.

Also, wieder mal der langen Rede…

Ich hörte die ersten Podcasts meines Lebens und fühlte mich in gewisser Weise zurückversetzt in eben jene Zeiten meiner Jugend. Natürlich hinkt der Vergleich, aber sei es drum. Seit etwa einem Jahr höre ich regelmäßig verschiedene Podcasts von ebenfalls verschiedenen Autoren, wenn es mit dem Einschlafen mal wieder nicht klappt. Denn manchmal bin ich des Fernsehens müde und suche nach anderen Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen.


Dann überlege ich, wonach mir der Sinn steht und suche mir einem Podcast meines Vertrauens aus.

Ihr möchtet wissen, wem ich meine Ohren schenke? Meistens geht es  um geführte Meditationen (das sind nun keine Podcasts).  Auch da sind die Geschmäcker verschieden und die Auswahl groß. Mein Favorit war und ist in dieser Hinsicht Veit Lindau.

Nun bin ich kürzlich auf einen Podcast hingewiesen worden – den Einschlafenpodcast – na also, einen besseren Titel gibt es ja wohl gar nicht. Darin erzählt der Podcaster erstmal so ungefähr eine Stunde, was ihm so an Gedanken durch den Kopf geht, möglichst nicht zu oder gar nicht aufregend, damit der Zuhörer von seinen eigenen kreisenden Gedanken langsam Abstand gewinnt. Anschließend folgt noch ein Gedicht von R.M. Rilke und zum Schluss – zugegebenermaßen komme ich seltendst bis zu diesem Punkt – liest er noch ein Stück aus einem Buch seiner Wahl vor. Kant ist dabei eine seiner Lieblingslektüren, weil er sich im Studium mal mit den Philosophen auseinandergesetzt hat und die Komplexität der Sprache und Gedanken den Geist der Zuhörer gänzlich ins Reich der Träume befördern soll (oder aber ihn zur Verzweiflung bringt)

Irgendwie schon eine feine Sache,  sich in den Schlaf quaseln zu lassen.

Neben der Thematik sollte einem natürlich auch die Stimme des Podcasters entgegenkommen, sonst klappt das glaube ich nicht. Ach, damit ihr nicht mehr lange durch die Internet-Galaxien surfen musst:  sucht unter Tobi Baier’s Einschlafenpodcast, falls ich eure Neugier geweckt habe!

Demnächst könnte ich noch mal eine Übersicht erstellen über die verschiedenen Methoden zum besseren Einschlafen, die ich ausprobiert habe…

Vielleicht mache ich daraus auch mal einen Einschlafpodcast. Das ist doch mal eine Idee@


In diesem Sinne, eine gute Nacht

Und dann bist du einfach weg

Und dann

bist du

einfach

weg

aus den Augen

aus dem Hier und Jetzt

auf dem Weg

in eine andere Welt

ein anderes Sein

ein neues Heim

in eine neue Gestalt?

Es war wie gestern

als ich dich

zum letzten Mal sah

friedlich in deinem Bett

so schien es

wenn dort nicht dein Röcheln

den Raum erschaudern

und unser Schweigen gefordert hätte

um dich stille auf

auf deinem letzten Weg

zu begleiten

dir die Hand zu halten

schweigend ein Gebet zu sprechen

und dich einem Höheren

zu übergeben

ich betrachtete dich in diesem

scheinbaren

Frieden

denn du kämpftest um jede Sekunde

in diesem Leben

sagten die Ärzte

du hattest Angst

vor dem

was da kommen könnte

und musstest dich doch beugen

alles schien so friedlich

alles schien so natürlich

so richtig

aber was ging in dir vor

was hättest du uns noch sagen wollen

hättest du uns deine Wut, deine Angst deine Verzweiflung

entgegengeschrieen

oder hättest du mit uns noch deine Erinnerungen geteilt

und schließlich dem Leben den Abschied erklärt?

Oder war es so besser

dir den Frieden des Opiats zu schenken

und die Angst zu lindern?

Als es vorbei war

sagten wir:

Jetzt hat er es geschafft

Ja, aber was wissen wir schon von dem,

was sich abspielt in diesen letzten Tagen, Stunden, Sekunden?

Was bleibt

Die Trauer, die Verzweiflung, der Zorn

Auf den Tod,

Der euch den Mann, den Vater, den Opa

Aus euren Armen nahm

der zarte Trost

dass das Leid nun ein Ende hat

Dass es keines Wortes mehr bedarf

Dass sich der Lebenskreis vollendet hat

und du bleibst in unseren Herzen

Mit allem, was du für uns warst

Mit deinen Stärken und Schwächen

Mit den Höhen und Tiefen

Deines Lebens

Und mit deiner Liebe

Und du bleibst in unseren Herzen

Dort sehen wir dich

Dort fühlen wir dich

Dort bist du

Für immer

Einmal ist es zu Ende

Lange Zeit verdrängen wir es. Ich spreche einfach in der Wir-Form, da ich mir nicht vorstellen kann, dass es euch anders geht als mir. Wir sind mit allem anderen beschäftigt, was uns das Leben abfordert oder natürlich auch an schönen Seiten bietet. Und doch werden wir schon früh mit der Endlichkeit allen Lebens konfrontiert, wenn z.B. unsere Großeltern sterben. Wir verstehen noch nicht wirklich – behaupte ich aus heutiger Sicht – was das bedeutet und warum das so ist. Unsere Eltern trösten uns mit dem Hinweis, dass der Opa oder die Oma jetzt im Himmel sind und es ihnen dort gut geht. Mich hat der Tod meiner Großeltern damals schon trotz der Tröstungen der Eltern aus der Bahn geworfen, aber weder mir noch meinen Eltern war wahrscheinlich klar, was der Grund für meine Schlafstörungen und Ängste war.

Viel Zeit ist seither ins Land gegangen mit den besagten anderen Aufgaben, die sich zwischen mich und den Tod stellten. Und das war auch gut so, behaupte ich.

Vor acht Jahren brach die Erkenntnis der Endlichkeit dann endgültig und brachial in mein Leben ein durch den Tod meines Mannes. Ich besaß noch keine Mechanismen, damit umzugehen. Es gab auch gar keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Die Ereignisse verlangten nach Bewältigung. Nicht, dass ich mich darum gerissen hätte, aber es war nun mal so und im Nachhinein geschah das Notwendige und die Anerkenntnis, dass es so ist, wie es ist. Und es hat meinen Blick auf das Leben verändert und mich demütiger gemacht.

Klar, der Tod gehört zum Leben dazu, heißt es immer. Das ist richtig und im Sinne eines Fortbestehens und sich Erneuerns des Lebens unabdingbar. Aber dann denke ich manchmal, er könnte mich vielleicht von der Regel ausnehmen. Ich bin noch ganz gerne hier! Leider weiß ich, dass es in dieser Hinsicht keine Ausnahmen gibt, und bei Lichte betrachtet macht es auch keinen Sinn weiterzuleben, wenn alle Menschen um dich herum das Zeitliche segnen. Alles logisch, trotzdem schwer zu ertragen, dass es irgendwann – und dieses irgendwann rückt unweigerlich immer näher – auch für mich zu Ende sein wird.

Und die Einschläge kommen immer näher. So sagt es der Volksmund. Schauspieler, die mich mit ihren Rollen fast ein ganzes Leben begleitet, erfreut und berührt haben, sterben dahin (gerade eben Jan Fedder), KollegInnen, NachbarInnen, Bekannte. Das ganze Leben ist ein Abschiednehmen. Wir hören das nicht gerne, aber es ist so. Mancher Abschied hat sich indes als segensreich und (über-)lebenswichtig erwiesen als erster Schritt in eine neue Richtung. Aber wohin geht es jetzt? Im Alter?

Ich muss zugeben, dass es mir auf Anhieb schwer fällt, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Und letztlich ist es doch so: da hast du dich durch alle Phasen des Lebens mehr oder weniger erfolgreich gekämpft. Nein, das kann, darf und muss man durchaus als Erfolg werten. Du hast viele Erfahrungen in jeder Richtung gemacht und hast dich bestenfalls schließlich selbst gefunden und weißt, wie der Hase läuft und dann Puff – und alles ist vorbei. Nichts bleibt von alledem. Deine Habseligkeiten werden zusammengekehrt und dann war es das. Was ist die Schlussfolgerung aus alledem?

Ich weiß es nicht! Punkt!

Nun hat mal ein recht kluger Mann gesagt: Man versetze sich in die letzten Stunden seines Lebens und frage sich: Habe ich all das verwirklicht, was mir wichtig war? Habe ich mich so verhalten, wie ich es mir mal vorgenommen hatte, so dass ich die Welt jetzt in Ruhe verlassen kann? Man könnte mir antworten, dass das alles egal ist, wenn danach sowieso nichts mehr kommt. Nebenbei bemerkt: manche Menschen verhalten sich tatsächlich nach dem Motto „nach mir die Sintflut“. Aber erstens wissen wir ja nicht, ob da noch was kommt, ob wir nicht doch zur Rechenschaft gezogen werden. Aber allemal müssen wir vor uns selbst am Ende Rechenschaft über das ablegen, was wir auf der Erde getan oder unterlassen haben. Das ist für mich auf jeden Fall ein Kriterium über den Sinn meines Lebens und insofern ist die Idee, sich einmal ans Ende des eigenen Lebens zu denken und sich die o.g. Fragen zu stellen, durchaus sinnvoll (wie der Begriff schon sagt).

Und ich gehe mal davon aus, dass dieses Gedankenspiel Folgen haben wird derart, dass durchaus und höchstwahrscheinlich Gedanken hochkommen, die wir vielleicht lange, lange Zeit verdrängt haben. Gedanken oder Plände oder Vorstellungen, die wir vor langer Zeit gehabt haben und die dann durch den Lauf des Lebens verloren gegangen sind oder auch unterdrückt wurden. Für mich ist es auf der einen Seite die Frage, ob ich meinen „Werten“ – und ich finde, diese Frage ist heutzutage bedeutsamer denn je – treu oder mir/anderen etwas schuldig geblieben bin. Man denke nur an die Bewegung „Fridays for future“, die uns Erwachsene massiv mit der Frage konfrontiert, was wir getan bzw. unterlassen haben, um diese Welt für unsere Kinder zu erhalten. Denn schließlich – und da wird deutlich, dass wir nicht nur für uns selbst verantwortlich sind – ist es unsere Aufgabe, wenn es denn eine für alle verbindliche gibt – unseren Kindern oder allgemein den nachfolgenden Generationen einen noch lebenswerte Erde zu hinterlassen. Ob das noch gelingt, naja? Aber der Ansatz ist, denke ich, klar.

Ich habe gerade das Buch „Solange es leicht ist“ von Hermann van Veen zu Ende gelesen und darin Sätze gelesen, die mich tief berührt haben in ihrer Einfachheit

„Burn-out, Depression und Selbstmordgedanken kann man am besten mit einer Gute-Taten-Kur bekämpfen. Jetzt erhältlich in deinem Inneren…Geht’s dir dreckig, brennt dir eine Sicherung durch, willst du jeden, der anders ist, aus dem Land schmeißen, vom Dach runterspringen, jemandem die Kehle durchschneiden? Dann hilf einem anderen und damit dir selbst“ (S. 154/155).

Ich weiß, so dramatische Zustände wie eine echte Depression oder Burn-out kann man vermutlich nicht so einfach heilen, aber die Gedanken auch mal weglenken von sich selbst auf die, denen es schlechter geht oder ganz einfach auf die Mitmenschen und ihnen zu helfen oder eine Freude zu bereiten, kann so viel Freude auf beiden Seiten kreieren.

So ist es mir mit meiner ehemaligen Nachbarin gegangen:

Vor etwas mehr als einem Jahr kam sie, Frau R., mit 96 Jahren ins Altersheim. Wir haben über die Jahre nie besonders viel Kontakt gehabt. Guten Tag und guten Weg. Als sie älter wurde, änderte sich das. Ihre nächsten Verwandten verstarben über die Jahre, so dass am Ende kaum noch jemand übrig blieb und Frau R. manchmal offensichtlich einsam war (vielleicht stand sie auch schon mal hinter der Tür, wenn sie hörte, dass jemand die Treppe herunter kam) und suchte ein kurzes Gespräch. „Ich muss ganz ehrlich sagen“ klingt es noch in meinem Ohr. So leitete sie gerne ihre Erzählungen von früher ein. Frau R. war bodenständig, immer freundlich und lief und lief und lief über die Jahre ihre Kilometer zu Fuss. Sicher ein Grund, warum sie so alt geworden war. Dann vor einem Jahr ging es plötzlich nicht mehr. Die Augen waren schlecht geworden. Sie fiel immer wieder hin und kam Knall auf Fall ins Altersheim.

Ich besuchte sie sporadisch und musste feststellen, dass sie – wie man landläufig sagt – nachließ. Laufen konnte sie allein nicht mehr und das Altersheim sah es sicherlich auch gerne, dass sie im Rollstuhl blieb. Die Sprache wurde undeutlicher und bei meinem letzten Besuch hatte ich Mühe, ihrem Erzählfluss noch zu folgen. Aber sie schien zufrieden. Sie war eh nicht der Typ, der sich beklagte. Sie fühlte sich gut behandelt. Trotzdem haderte sie damit, dass sie ihr Zuhause verloren hatte. Das ist auch ganz „normal“. Aber sie freute sich jedes mal so sehr, wenn ich kam. Wie gesagt, wir hatten bis dahin kein besonders enges Verhältnis gehabt, aber sie freute sich und ich nahm sie in den Arm. Das waren auch für mich ergreifende Momente!

Nun, kurz vor Weihnachten wollte ich sie wieder besuchen. Als ich ins Altersheim eintrat, war mir wie immer etwas mulmig. Es ist jedes Mal, als träte man in eine eigene Welt ein, eine in sich abgeschlossene Welt. Und man weiß nie, was auf einen zukommt.

Ich ging zu „ihrem“ Zimmer und spürte, dass etwas passiert war. Die Tür war nicht geschlossen. Ein um die Klinke gewickeltes Tuch verhinderte das Zuschlagen und sollte offensichtlich ermöglichen, die Bewohnerin im Auge zu behalten. Und dann fiel mein Blick auf das Namensschild: Dort stand ein anderer Name! Ich hatte damit rechnen müssen, aber das es nun soweit war, machte mich doch beklommen. Die Schwester berichtete mir, dass Fr. R. schon vor einem Monat friedlich eingeschlafen sei. Sie habe wohl gespürt, dass es zu Ende ging und immer wieder gesagt, dass sie ein schönes Leben gehabt hatte.

Im Nachhinein habe ich gedacht, warum ich sie nicht öfter besucht hatte! Ja, es hätte mich keine Mühe gekostet und ich hätte ihr (und mir natürlich auch) eine große Freude bereitet. Also, bevor es dazu kommt … hätte, hätte, Fahrradkette… .lieber gleich handeln.

Buchtipps für das Neue Jahr

Eigentlich wollte ich euch meine neuen Buchtipps ja noch vor dem Fest und vielleicht für das Fest mit auf den Weg geben, aber wie das so ist vor Weihnachten. Jetzt erst, am 2. Weihnachtstag, ist es ein bisschen ruhiger und ich möchte euch kurz 3 Bücher vorstellen, die ich kürzlich gelesen habe und dir mir – versteht sich von selbst – gut gefallen haben:

1. Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann.

Beim Recherchieren las ich gerade, dass das Buch auf der Spiegelbestsellerliste stand oder noch steht (?). Spiegelleser wissen in diesem Fall also mehr als ich.

Als Liebhaberin von etwas skurrilen Geschichten und Menschen bin ich also bei Leky fündig geworden: Wenn die alte Selma aus einem Dorf im Westerwald mal wieder im Traum ein Okapi sieht, gerät das ganze Dorf in Panik, denn nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit wird innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand den Tod erleiden. Jeder fragt sich, ob er der nächste sein wird, natürlich gilt das auch für die weibliche Bevölkerung. Die Bewohner suchen Rat bei einer Kräuterhexe, aber für diesen Fall ist auch sie machtlos. So tummeln sich in dem Dorf eine ganze Menge merkwürdiger Typen, von denen aber keiner links liegen gelassen oder „ausgestoßen“ wird. Naja, auf jeden Fall bringt es alle zum Nachdenken, was sie noch zu regeln hätten, falls es dieses Mal sie treffen würde. Sie schreiben Briefe mit allerlei Beichten und Bekenntnissen, die jetzt einfach raus müssen. So auch der Optiker, Selmas langjähriger Freund, der schon einen Koffer voll angefangener Briefe mit seinen Liebeserklärungen zu Hause verbirgt, die er nie vollendet geschweige denn verschickt hat. Wenn das Schicksal sich jemand anderen ausgesucht hat, wird die Post heimlich wieder aus dem Briefkasten geholt. Dann war es das mit der Wahrheit.

Selma kümmert sich liebevoll um Luise, ihre zu Beginn der Erzählung 10jährige Enkelin, deren Eltern mit sich selbst und ihrer Dauerehekrise beschäftigt sind. Luise verbringt ihre Zeit mit ihrem Schulfreund Martin…als das erste große Unglück passiert. Der Roman rankt sich um das Leben von Luise innerhalb dieses etwas merkwürdigen und doch liebenswerten Dorfes. Freud und Leid, das überwunden werden muss. Wie im richtigen Leben, aber auch irgendwie schräg. Wie gesagt, ich mag das sehr und finde die Skurrilitäten von Leky auch durchaus gelungen.

2. Alte Liebe von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder

Dieses Buch ist schon 2009 erschienen. Ich war im Frühjahr auf der LitCologn bei einer Lesung aus diesem Buch mit Mariele Millowitsch und Walter Sittler, zwei Schauspieler, die ich sehr schätze und die diesem Buch im wahrsten Sinne des Wortes Leben eingehaucht haben. Es handelt sich um den Dialog eines alternden Ehepaares, Lore und Harry. Nach fast vierzig Jahren Ehe stellen sich beide die Frage, wie es mit ihnen weitergehen soll. Aufhänger ist die bevorstehende 3. Heirat ihrer Tochter, bei der beide kein gutes Gefühl haben, weil ihre Tochter ihr Leben bis dato – sie ist jetzt schon 30 und hat eine Tochter – einfach nicht in den Griff bekommen hat und jetzt ein steinreichen, aber absolut nicht „aussagekräftigen“ Industriellen heiraten will. Sie wäre damit alle finanziellen Sorgen los und versorgt, aber das ist nach Meinung der Eltern auch alles, oder auch nichts, worauf man stolz sein könnte. Lore und Harry streiten also des langen und breiten darüber, ob sie beide zu der Hochzeitsfeier reisen sollen. Harry will partout nicht, Lore eigentlich auch nicht, aber sie will ihre Tochter auch nicht enttäuschen. Aber das ist nur der äußere Anlass einer Auseinandersetzung der beiden mit ihrer Ehe und dem älter werden. Jeweils einer von beiden ergreift das Wort und schildert seine Sicht der Dinge….Schließlich entscheiden sie, zu der Hochzeit der Tochter zu fahren. Aber das ist nicht alles…..bitte weiterlesen.

Ich habe natürlich die hervorragende Darstellung der beiden Schauspieler im Kopf und weiß nicht, wie es dem Leser ohne diese Bilder geht. Aber allemal ein literarisches Kleinod, das die uns alle umtreibenden Fragen des Alterns (in einer Ehe) mit einer Mischung aus Komik und Tragik erzählt.

3. Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff ist kein unbekannter Autor, mir aber bisher nur aus launigen Auftritten in Talkshows geläufig. Erst bis zur Hälfte gelesen, reicht es allemal für eine Empfehlung. Meyerhoff ist auf dem Gelände einer von seinem Vater geleiteten psychiatrischen Klinik aufgewachsen und hat schon von daher genug Stoff , den er in seinen Romanen verarbeiten kann/muss.

Nachdem einer seiner Brüder tödlich verunglückt, gerät sein bis dahin halbwegs stabiles Leben ins Wanken, nein er verliert den Boden unter den Füßen. Nach einem Aufenthalt in Amerika weiß er nicht, wie es weiter gehen soll. Zwei Optionen gehen ihm durch den Kopf:

  1. Die romantische Vorstellung von einer Stelle als Zivildienstleistender in einem Münchener Kinderhospital mit Unterkunft im Schwesterwohnheim
  2. Bewerbung bei der Schauspielschule München

Völlig unerwartet stolpert er letztlich in die Schauspielausbildung.

Er kann bei seinen Großeltern in deren Villa in München leben, durchaus ein Vorteil bei den Mieten in der Stadt.

Nun erleben wir sein Hin- und Hergeworfensein zwischen dem abgezirkelten und nicht zu knapp mit Alkohol begossenen Leben seiner Großeltern und den bis an die physischen und psychischen Grenzen gehenen Herausforderungen der Ausbildung mit, immer mit einem tragikkomischen Blick auf die Dinge…

Viel Spaß beim Lesen….

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Elke Heidenreich: Alte Liebe, Buch
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Novembertag

Es soll Menschen geben, die sich an einem Regentag erfreuen, wie andere an Sonnenschein. Gegönnt sei es ihnen von Herzen, denn selbst ich als Sonnenanbeterin habe mich in den letzten Wochen tatsächlich auch über jeden Regentropfen gefreut, den die Erde nach der langen Trockenperiode denn auch begierig aufsog.

Nun, denke ich, ist das Maß und der Keller vielleicht schon wieder voll, hatte es doch in den letzten Tagen mehr oder weniger ununterbrochen gegossen. Es regnete, wie der Engländer zu sagen pflegt „cats and dogs“ , also tatsächlich Katzen und Hunde. Ich werde mich noch einmal geistig in dieses Bild hineindenken und versuchen zu ergründen, welchen Hintergrund dieser Vergleich haben könnte für die Inselbewohner. Wobei es sich vielleicht auch nicht mehr lohnt, sich darüber Gedanken zu machen, zumal die Briten selbst es ja in der Mehrheit vorziehen, wieder ihr eigenes Süppchen zu kochen (vielleicht mit den vom Himmel gefallenen Hunden und Katzen) und sich nicht darum scheren, wie es ihren Nachbarn damit geht.

Für mich regnete es also Bindfäden, um dem etwas Logisches oder zumindest bildhaft Einleuchtendes entgegenzustellen.

Früher, ja früher, also jetzt nicht mehr bzw. weniger, warf ich mir an solchen Tagen meinen gelbleuchtenden Umhang über, stülpte die dazugehörige gelbe Kapuze mit Schirm über den Kopf und verband die beiden rechts- und linksseitig heraushängenden Schnüre miteinander, damit die Kapuze auch bei heftigen Windboen in Stellung blieb. Wenn der Regen hingegen ausartete in Wolkenbrüche, gab es zusätzlich eine Regenhose und zu guter Letzt noch Stulpen, die ich mir über die Schuhe zog, damit auch Beine und Füße während der Radfahrt – natürlich handelt es sich um mein Radfahreroutfit – trocken blieben. So sollte es sein. Leider endeten diese Fahrten immer mit dem gleichen Ergebnis: Kapuze und Schirm gaben nur Sicht nach vorn, ein Blick zur Seite oder gar zurück, wie er sich auch für Radfahrer in bestimmten Situationen empfiehlt, war nicht möglich mit den entsprechenden Risiken, unerwartet an- oder umgefahren zu werden. Sicht ist ohnehin zuviel gesagt, denn der Schirm an der Mütze verhinderte nicht, dass Regentropfen von außen an die Brille klatschten, während die Gläser gleichzeitig von innen wegen der Wärmeentwicklung beschlugen und erblindeten. Weiter ging es dann also im Blindflug mit oder, um der Blindheit womöglich bzw. vergeblich ein Schnippchen zu schlagen, ohne Brille. Das Ergebnis wäre das Gleiche….. Ich sehe im Geiste meine radfahrenden Leser und Leserinnen wissend nicken.

Muss ich extra erwähnen, wie unangenehm das Tragen der Regenbekleidung jeweils ist und anschließend eigentlich einen kompletten Wechsel der darunter befindlichen Wäsche erforderlich macht? Nein, ihr kennt das!

Nun wurde vor einiger Zeit bei uns im Büro im Rahmen von Umbauarbeiten auch eine Dusche eingebaut. Wir rieben uns zunächst ungläubig die Augen und diskutierten bereichsübergreifend die Frage, warum eine Dusche bei der allgemeinen Raumknappheit… Der Ort blieb dementsprechend lange Zeit verwaist. Reine (qm-) Verschwendung, war die allgemeine Auffassung.

Aber dann kamen die Friday’s for future Demos und siehe da: Jetzt fahren die Kolleg*nnen auch bei Regen mit den Rad. Alles für’s Klima, prima! Denn danach gibt’s ja eine warme Dusche!

Also, ganz ehrlich: Bei Regen habe ich das Fahren mit dem Rad zur Arbeit eingestellt aus den oben dargelegten Gründen: Erst die ganze „Verpackung“: wahlweise fühle ich mich wie in einem Ganzkörperkondom oder einer in der Farbe verrutschten Burka. Den freundlichen Blick habe ich nur wegen der Kamera aufgesetzt.

Dann das Leben riskieren für nix, dann wieder auspacken, (im Betrieb duschen, umziehen, Haare trocknen)..herrje, nee, nee, nee. Das Klima in Ehren…der Bus tut’s auch!

Es ist wieder passiert: bin ganz woanders gelandet als vorgesehen. Aber jetzt zu dem eigentlich nur ganz kurzen Moment, der diesen Artikel ausgelöst hat. Vor einigen Tagen regnete es, wie gesagt, mal wieder. Ich musste zum Arzt. Die Praxis liegt nicht weit von mir entfernt und so wagte ich – es gab auch keine Möglichkeit, die 500 m mit dem Bus zu fahren – das Rad zu nehmen, nicht ohne mich vorher in die hinlänglich beschriebene Montur einzuwickeln. Ich fuhr also die kurze Strecke, stellte mein Fahrrad in einen nicht regengeschützten Ständer (hatte sogleich einen weiteren Grund mich zu ärgern) und begab mich in die Praxis. Dort packte ich mich dann notwendigerweise auch wieder aus und betrat nach meiner Anmeldung das Wartezimmer.

Ich legte mein Regencape auf der Hutablage ab – woanders war kein Platz – und setzte mich. Eine ältere Frau – eben so wie ich – musterte mich und fragte kurzerhand: „warum sind Ihre Beine nicht nass?“

Hm, einigermaßen überrascht über diese Frage geriet ich ins Nachdenken: also erstmal muss die Frau alles gut beobachtet und selbst Erfahrungen mit dem Radfahren im Regen gemacht haben. Zweitens muss sie bemerkt haben, dass ich Regenhose und Stulpen einfach aus-gelassen oder ausgelassen hatte, und drittens war ihr aufgefallen, dass ich trotzdem trockene Beine hatte. Wie konnte das gehen? Ich war baff. Ja wie? Ich stammelte etwas vor mich hin…wie ….äh, weiß ich auch nicht…..bin auch erstaunt…keine Ahnung..und tastete prüfend meine Beine ab um festzustellen, dass sie wirklich trocken waren. Naja, sagen wir, fast trocken, ein bisschen feucht. Ganz einfach: es hatte nur leicht geregnet und die Fahrstrecke war nur sehr kurz. Aber soweit kam ich mit meiner Erklärung gar nicht mehr, denn ich wurde in den Behandlungsraum gerufen.

Pass auf Kurti,

Es war schon fast dunkel, als ich behelmt auf dem Fahrrad mein Stammcafé verließ, in dem meine Bestellungen inzwischen keines Wortes mehr bedürfen, ebensowenig wie mich – wie es denn eigentlich üblich wäre – nach dem Preis zu erkundigen. Das ist Heimat, nicht wahr?

Behelmt deshalb, weil es natürlich dem Schutz meines Denkorgans dient, dem eine entsprechende Aufmerksamkeit gut tut und es außerdem vor weiteren Unfällen bewahren bzw. die Folgen in Grenzen halten soll. Man schaue sich jetzt kurz dieses Wort genauer an – ein Un fall – es handelt sich nicht einfach um einen Fall, der ja auch rein harmlos sein kann – nein, um einen Un fall. Hier verheißt die Vorsilbe Un- nichts Gutes. Auf den Vor – fall von vor genau zwei Jahren, dem ein An – fall von Amnesie folgte, will ich jetzt nicht näher eingehen. Er wurde zu Zeiten ausführlich beschrieben und hat eben zu dem konsequenten Tragen eines Helms geführt. Aber das nur nebenbei.

Ich fuhr also so vor mich hin, nicht ohne den Weg, auf welchem ich fuhr, genau zu beobachten und zu überlegen, welche Schwenkungen ich mit dem Lenkrad vorzunehmen hatte, um nicht auf dem zahlreich sich auf dem Rad- und nicht Blattweg ausbreitenden Laub auszugleiten. Damals muss genau dies geschehen sein – so kann ich nur mutmaßen, denn es fehlt mir jede Erinnerung an diesen Vor – Un- An-fall, außer das ich, wie gesagt, circa 15 min später irgendwie wieder zu Hause ankam, mein Familienmitglied sofort mein merkwürdig abwesendes Verhalten wahrnahm und entsprechende Rettungsaktionen einleitete …

Ich schweife wieder ab, aber diese Vorgeschichte ist natürlich nicht un – wichtig, um meiner Beschreibung folgen zu können.

Zu den widrigen Bedingungen auf dem Radweg gesellte sich die zunehmende Dunkelheit und meine altersbedingt verminderte Nachtsicht.

Allerdings nahm ich in einiger Entfernung zwei dunkle Gestalten wahr, – Fuß-, nicht Un-gänger, denn hier teilen sich rechtmäßig Fußgänger und Radfahrer den Weg. Messerscharf schloß ich aus den un-scharfen Silhouetten, dass es sich um weibliche Wesen nicht geringen Umfangs handelte, die den Weg vereinnahmten. Ich näherte mich und überlegte noch, wie ich reagieren sollte – klingeln oder nicht – man kann es ja nie richtig machen, als ich eine Stimme hörte, die besorgt ausstieß: „Pass auf Kurti“

Nun suchte ich folgerichtig diesen Kurti und fragte mich nebenbei sofort, wer und wie er wohl sein könnte, sah aber nur besagte Frauen, die jetzt allerdings zur Seite gingen, ohne sich umgesehen zu haben. Ob sie meine Gedanken erahnt und dem eindringlichen Ton meiner Klingel entgehen wollten?

Aber wo war nun Kurti, der aufpassen sollte?

Ich senkte meinen Blick zur Erde und sah dort etwas Kleines herumwuseln. Bei näherem Hinsehen – ich musste schon recht dicht auffahren – erkannte ich ein kleines Hundewesen, das mit seiner Nase im Laub herumstöberte und sich um die ausgestoßene Warnung des Frauchens nicht recht scherte. Das war er also, Kurti.

Da Kurtilein nicht spurte, wurde der Ansage durch Ziehen an der Kurti-Leine Nachdruck verliehen. Keine Chance für Kurti, den Gehorsam zu verweigern.

Vergnügt fuhr ich weiter auf der jetzt freien Bahn und hing noch eine Weile meinen Gedanken nach, was Kurti wohl zu der ganzen Sache gesagt hätte? Und ob der mal groß gewesen war?