Mein Vater

Ja, Papa, was würdest du dazu sagen, wenn du dies lesen würdest, dass ich jetzt, nachdem du schon 23 nicht mehr bei uns bist, einen Artikel über dich schreibe? Ich habe das Gefühl, dass ich das gerade jetzt tun muss, um dir noch einmal anders näher zu kommen und dir vielleicht auch gerechter zu werden.

Mein Vater war Jahrgang 1924, 1996 im Alter von 72 Jahren nach schwerer Krankkeit verstorben. Das ich seine Geschichte jetzt noch einmal beleuchte, hängt sicher damit zusammen, dass er mir in der letzten Zeit nach sehr langer Zeit und intensiv wieder in meinen Träumen begegnet ist. Und damit, dass ich mir seit längerem wieder Gedanken darüber mache, wer ich eigentlich bin (wird jetzt wirklich Zeit) und warum ich hier auf diesem Planeten wandele. Die nächste Frage ist, inwieweit ich das Leben lebe, das ich mir irgendwann – sei es vorgeburtlich oder in meinen noch kindlichen oder späteren Träumen – ersonnen und beschlossen zu verwirklichen habe.

In diesem Zusammenhang hatte ich vor einiger Zeit eine „Sitzung“, in der ich mich im Zustand tiefer Entspannung von dicken Schichten von „Pech und Schwefel“ befreit habe, die mich wie ein Panzer umgaben und das repräsentierten, was mich von meinem eigentlichen Sinn ablenkt, fernhält…. Ich fühlte mich anschließend wie befreit und habe auch den Eindruck, dass ich diese Freiheit in Gedanken und Handlungen mehr und mehr in die Realität umsetze. Nicht, dass das einfach wäre, aber ein, wenn auch später Anfang, mich selbst noch intensiver zu entdecken.

Und dann eben diese Träume über meinen Vater. Er ist mir immer wieder begegnet in seiner Krankheit und Hilflosigkeit, nie als der Mann, der er zuvor gewesen war. Aber wer war er? Für mich zu Lebzeiten immer ein bisschen unnahbar, kaum in der Lage, seine Gefühle zu seinen Familienmitgliedern zu zeigen, nach außen der elegant gekleidete Strahlemann, bei Familienfeiern immer der Entertainer, stets bemüht, kein Schweigen oder Fragen aufkommen zu lassen.

Aber auch der unermüdliche, um das finanzielle Wohl der Familie bemühte Vater, der neben der Arbeit noch zahlreiche (politische Ämter) bekleidete und als nebenberuflicher Journalist Artikel über alles Mögliche bis hin zum örtlichen Kaninchenzuchtverein zu schreiben, um das Familieneinkommen zu erhöhen. Daneben war er auch ein Macho, der seine Frau und ihre Erwerbsarbeit nie gewertschätzt und sie oft verletzt hat. Soviel Wahrheit muss sein.

Und dann habe ich mir jetzt noch einmal Gedanken über ihn und sein Leben gemacht, als ich mit jemandem über seine Geschichte sprach: Wir haben zu Hause kaum einmal über seine Zeit als Marinesoldat gesprochen. Er muss 17 oder 18 Jahre gewesen sein, als er in den Krieg ziehen musste. Kann man sich das vorstellen? In dem Alter an die Front und den Feind bekämpfen? Menschen töten müssen? Wie gesagt, darüber hat er nie gesprochen, dann lieber über die Eroberungen, die er als fescher Soldat in Uniform gemacht hat. Was soll er auch sonst erzählen. Eine unbeschwerte Jugend hat er nicht gehabt. Gegen Ende des Krieges wurde „sein“ Zerstörer vom Feind abgeschossen, er konnte sich zusammen mit einem Kumpel schwimmend an das französische Ufer retten, wo sie von zwei französischen Frauen erstmal versteckt und versorgt wurden. Was alles genau geschah, weiß ich nicht, nur dass er daraufhin Fronturlaub bekam und anschließend nicht mehr an die Front zurückgekehrt ist (er war also strenggenommen ein Deserteur) und bei seiner Familie blieb, die er zufällig und zum Glück auf einem Bahnhof bei Bremen unversehrt traf. Dort sah er auch zum ersten Mal meine Mutter und soll sofort gedacht haben: Das wird meine Frau. Was dann auch so kam.

1950 heirateten die beiden, meine Mutter 25, er 26 Jahre alt, beide kriegstraumatisiert, beide auf der Suche nach Halt, beide mittellos. Meine Mutter hatte keine Gelegenheit gehabt, ihre Ausbildung zu beenden und dann kam auch schon ihre erste Tochter, um die sie sich kümmern musste, neben der schweren Arbeit beim Bauern. Und mein Vater war von nun der der Ernährer. Oft Geldmangel, schwere Arbeit, nichts Richtiges zu essen und von den Bauern bestenfalls misstrauisch beäugt. Später Umzug nach Lingen und Arbeits- aufnahme auf der Raffinerie Lingen. Finanziell ging es langsam besser. Immer noch harte 3-Schichtarbeit. Ich kam zur Welt, also noch ein Esser mehr.

In den 60er Jahren dann Wahl zum freigestellten Betriebsrat bis zu seinem Arbeitsende (die erste Kandidatur ging daneben, verbunden mit einer schweren Depression). Langsam besserten sich die Verhältnisse. Einmal im Jahr Urlaub an der Nordsee, Wohlstand auf unterer Skala, aber immerhin. In den 90er Jahren dann Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für sein politisches und gewerkschaftliches Engagement. Ich war und bin stolz auf ihn und was er geleistet hat, auch wenn wir uns in der Vater-Kind-Beziehung erst in seinen letzten Lebensjahren etwas näher gekommen sind, als er sich aufopferungsvoll um meine sehr kranke Mutter gekümmert und damit aus meiner Sicht viel wieder gut gemacht hat an ihr.

Und jetzt ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass er keine wirkliche Wahl im Leben gehabt hat. Er musste in den Krieg, er musste für die Familie sorgen. Er brauchte eine Arbeit, die genug Geld einbrachte für die ganze Familie, und da war die harte Schichtarbeit, die einen bescheidenen Wohlstand ermöglichte, usw. usf. Und es gab damals niemanden, dem er sich mit seiner Kriegsvergangenheit anvertrauen konnte, wo eine Verarbeitung möglich gewesen wäre. Vielmehr wurde die ganze Periode möglichst tot geschwiegen. Mein Vater war – für mich glaubhaft – kein Anhänger der Partei gewesen. Und wir als Kinder stellten trotzdem immer wieder bohrende Fragen, wie das alles hatte geschehen können. Niemand wollte davon noch etwas wissen. Was muss das für eine Last gewesen sein!

Um noch einmal darauf zurückzukommen. Solche Lebenswege waren damals an der Tagesordnung. Lebensentwürfe wurden zerstört, konnten sich gar nicht entwickeln, ein Ausbruch aus den Gegebenheiten war schwer wenn nicht unmöglich. Das zum Thema Freiheit und Selbstbestimmung. Was haben wir hier im Vergleich dazu für Möglichkeiten! Sicher, wenn man sich die derzeitigen Entwicklungen anschaut, weiß man auch nicht , wohin das Ganze noch führt, aber bis hierhin hat meine Generation doch fast alle Möglichkeiten gehabt, zumindest die nachfolgende Generation, nachdem es den Deutschen wirtschaftlich besser ging und auch die finanziellen Voraussetzungen gegeben waren, sein Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellte.

Ich empfinde Trauer für meinen Vater, dass er nicht die Möglichkeiten gehabt hat, frei zu entscheiden, was er aus seinem Leben machen wollte. Sicher hat er seinem Leben einen Sinn gegeben, denn der Journalismus und der Einsatz für seine Kollegen entsprach auch seinem Naturell. Aber daneben hat es bestimmt noch andere Träume gegeben und auch den Wunsch nach mehr Freiheit in der Entscheidung, den er nicht leben konnte oder/und tief vergraben musste.

Papa, trotz allem bin ich stolz auf dich und ich danke dir, dass du mir und unserer Familie ein Zuhause gegeben und es uns allen ermöglichst hat, einigermaßen wohlbehütet (daran hat Mama allerdings den größeren Anteil gehabt) und ohne Not aufzuwachsen.

Das vielleicht für alle, die mit ihren Eltern hadern. Sie haben das getan, was ihnen möglich war. Vergessen wir nicht, was sie alles durchstehen mussten. Ich sollte das nicht verallgemeinern. Eltern waren auch fehlgeleitet oder haben wohlwissend fatale Entscheidung getroffen, was wir ihnen vielleicht nicht verzeihen können, aber überlegen wir mal kurz, ob wir standhaft geblieben wären angesichts der allumfassenden Propaganda und Gehirnwäsche.

Das war eine Hommage an dich, mein Vater…

Ein Kommentar zu „Mein Vater

  1. Ja liebe Claudia, die Hommage an deinen Vater hat mich sehr berührt. Er kann sie nicht mehr lesen, aber in deinem Herzen spürst du, dass er sie hören kann.
    Spontan fiel mir der Lieblingsschlager meiner Mutter ein:
    Hab‘ ich Dir heute schon gesagt, dass ich Dich liebe? (Chris Roberts 1971)
    Ich werde mich (noch mehr) bemühen, es meinen Liebsten zu sagen…

    Liebe Grüße von Hanna

    Gefällt 1 Person

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