Wenn ich nicht dabei gewesen wäre…

ein Ausflug nach Hamburg zum 80jährigen Jubiläum der ZEIT mit Hindernissen

Habe ich mich schon mal als leidenschaftliche Zeit-Leserin geoutet? Wenn nicht, dann ist das jetzt der Moment, denn die folgende Geschichte wäre ohne diese Tatsache nicht passiert.

Die Zeit feierte kürzlich ihr 80jähriges Bestehen. Ein stolzes Alter mit der gesamten Nachkriegsgeschichte im Gepäck. Als langjährige Leserin und den in bestimmten Kreisen zu beobachtenden Bestrebungen, die Demokratie und damit zu allererst die unabhängige Berichterstattung mit Fake News und Co zu untergraben, war es mir ein Bedürfnis, an den Ort der Zeitentstehung – Hamburg – zu fahren.

Das zur Vorgeschichte. Das Bahnticket hatte ich schon einige Zeit vorher gebucht und in meiner Google Wallet abgelegt, um zu demonstrieren, dass ich mich Neuerungen nicht verschließe im Rahmen meiner begrenzten digitalen Kenntnisse. Einen Papierausdruck konnte ich mir nicht verkneifen, wer weiß, wenn der Akku plötzlich leer ist…

Wie immer komme ich schon wieder ins Erzählen…

Aber jetzt zur Sache:

Am Reisetag begab ich mich rechtzeitig (dieses kleine Wort hat eine große Bedeutung für mich, denn mein Umgang mit der Zeit, die mir bei Unternehmungen jeglicher Art immer wieder im Nacken sitzt, ist besser geworden, aber ausbaufähig. Also, dieses Mal war ich pünktlich am Bahnhof. Ich kramte meinen Thermobecher aus meinem Rucksack, um mir beim Bäcker im Bahnhof ein Heißgetränk für die Reise einfüllen zu lassen.

Dann begab ich mich zum Gleis 3: Abfahrt des ICE nach Hamburg um 10:23 Uhr stand auf der Anzeigetafel. Alles gut, dachte ich. Pustekuchen. Schon kurze Zeit später vermeldete der Lautsprecher eine Verspätung von voraussichtlich 45 min aufgrund eines „Notfalleinsatzes“ am Gleis. Die Ansage wurde mehrfach wiederholt, auch noch nach 10:23 Uhr. Ich hatte mir bei der Reiseplanung einen kleinen Puffer von 45 min eingebaut für evt. Verspätungen, so dass Hoffnung bestand, das Ereignis doch noch halbwegs rechtzeitig zu erreichen.

Kurze Zeit später: „Der ICE nach Hamburg fährt heute auf Gleis 11 ein“. Meine potentiellen Mitreisenden und ich eilten die Treppe hinunter zu Gleis 11. Ich stand quasi noch auf der Treppe, als ein Zug mehr oder weniger ungebremst an uns vorbeirauschte. Ein Mann fragte ins Leere: War das jetzt unser Zug? Ich antwortete mehr zu mir selbst. Kann ich mir nicht vorstellen. Einige Zeit verging auf dem Bahnsteig. Ich überlegte mir als Alternative, einen anderen Zug zu nehmen und befragte entsprechend einen Bahnbeamten, der offentsichtlich für die Betreuung der Wartenden abgestellt war. Er antwortete mir, dass die Zugbindungen aufgehoben seien und ich jeden anderen Zug nehmen könne. Was ihn eigentlich beschäftigte, schob er nach: Ich verstehe nicht, warum der Zug ohne Halt durchgefahren ist. Wir wurden nicht benachrichtigt. War also doch „unser“ Zug gewesen.

Kurze Zeit später: -„Der ICE nach Hamburg fährt heute ausnahmsweise von Gleis 4“. Die ganze Karawane wieder los, diesmal Richtung Gleis 4. Dort angekommen, lief tatsächlich ein ICE ein. Es muss wohl der vorige ICE in Richtung Hamburg gewesen sein, der seinerseits eine Stunde Verspätung hatte. Meine Platzkarte hatte somit keine Gültigkeit mehr, aber ich fand noch eine Sitzgelegenheit. Es könnte noch klappen….

Auf freier Strecke hielt der Zug plötzlich an: Wir können im Moment nicht weiterfahren, da vor uns Jugendliche auf den Gleisen gesichtet worden seien, die auch noch Steine auf Züge geworfen hätten! Wo sind wir eigentlich? Wieder Wartezeit…

Die weitere Fahrt verlieg reibungslos bis kurz vor Hamburg: erneuter Halt.

Der Zugführer nahm’s mit Humor: Wir könnten erstmal nicht weiterfahren, weil vor uns noch mehrere Züge um Einfahrt in den Bahnhof baten, denen wir natürlich den Vortritt lassen müssten. Die Zeit rannte davon. Noch war ein kleiner Hofnungsschimmer.

Und dann noch einer oben drauf: Ein weiterer Unfall auf dem Gleis. Die Elektrizität im System müsse aus Sicherheitsgründen für die Bergungsarbeiten ausgeschaltet werden. Wie lange? Die Lichter gingen aus.

Ein Mann, der schon lange nervös im Gang stand, schaute immer wieder auf sein Handy, tätigte Anrufe….schimpfte. Kann ich verstehen, aber auf der anderen Seite gingen meine Gedanken zu den Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich vor den Zug zu werden. Wie schrecklich, Wie grausam. Ich hörte also auf dieser einen Fahrt von insgesamt 3 solcher Fälle!

Das soll bei allem nicht vergessen werden!

Nungut, die Wartezeit betrug ca 10 min. Es war nun 13 Uhr. Die Veranstaltung würde ohne mich beginnen.

Die Feier fand im Schauspielhaus Hamburg in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof statt. Ich lief mit Hilfe von Google Maps dorthin, verpasste zunächst den eher unscheinbaren Eingang, kehrte dann die paar Meter zurück und …stand vor verschlossenen Türen! Kein Plakat, das auf das Jubiläum hinwies. Ein bisschen hilflos blickte ich mich um…zwei Frauen näherten sich, ebenfalls unsicher . Sie fragten mich, ob ich auch zum Schauspiel soundso gehen wollte. Ich verneinte und sagte wahrheitsgemäß, dass ich zum Zeit-Jubiläum wollte. Ja, davon hätten sie gelesen, aber das findet doch nicht heute statt!

Oh!

Nun schaute ich im Internet nach: Die Feier würde am Sonntag, den 19.04.2026 stattfinden. Heute war Mittwoch, der 15.04.2026. Irgendwo in meinen Planungen war ich offensichtlich falsch abgebogen! Tja.

Da ich einen Seniorensonderpreisticket mit Zugbindung hatte, musste ich bis zur Abfahrt des Zuges um 17:45 Uhr in Hamburg verharren. Zunächst brauchte ich eine Sitzpause und begab mich in die Kunsthalle, wo ich mich stärkte. Einen Museumsbesuch (Ausstellung zu Maria Lassnig und Edvard Munch) sparte ich mir (18 Euro) und flanierte stattdessen durch die Fußgängerzone, nahm auf der Außenterrasse einer Eisdiele Platz und las die Zeit!

Die Rückfahrt erfolgte im Ruheabteil ohne weitere Zwischenfälle.

Aber wer denkt, dass ich mich wegen dieser Ereignisse geschlagen gegeben hätte, irrt ! Finanziell – ja – ich weiß – ein Luxus, aber ich wollte doch wirklich zu dieser Veranstaltung und buchte ein Ticket für Sonntag. Mit den Umständen war ich nun vertraut und nahm vorsichtshalber einen früheren Zug. Gute Wahl, denn der hatte auch wieder 30 min Verspätung, was ich mit Gelassenheit hinnahm.

Das Jubiläum an sich würde einen ganzen weiteren Bericht füllen. Kurzum, es war die Reise und das Geld wert: Ich nahm an 3 Veranstaltungen teil: Eine live Redaktionssitzung zur Diskussion der nächsten Ausgabe der Zeit (die ich dann natürlich mit besonderem Interesse las, gespannt darauf, für welche Themenschwerpunkte man sich letztlich entschieden hatte). 4 Vorträge von JournalistInnen über eines ihrer Projekte, die anschließend von Publikum frenetisch beklascht wurden. Eine Reportage über den Besuch in dem kleinen Ort Eisleben und den dort gar nicht traurigen, überwiegend alten Menschen wurde per Akklamation zum Liebling gewählt. Leztlich einen Abriss der Geschichte der Zeit mit Bilddokumenten aus allen Epochen. Besonders amüsant: Die Redaktion war in der Nachkriegszeit eindeutig eine Domäne der Männer, die es sich mit einem oder mehreren Gläsern Wein und Zigarren gut gehen ließen (dabei dachte ich an den legendären sonntäglichen Internationalen Frühshoppen im Fernsehen mit Werner Hofer als Moderator, bei dem die Teilnehmer(innen) im Zigarettendunst nur noch schemenhaft zu sehen waren.

Für die Veranstaltungen mit Ursula von der Leyen und später Joschka Fischer (alles gesagt) blieb mir leider keine Zeit mehr.

Insgesamt hoch interessant. Ich bin einfach ein Fan von guter und „glaubwürdiger“ Presse!

Und hier habe ich noch ein kleines, feines Schmankerl für euch: schaut mal rein: aus Jacques Tati: Die Ferien des Monsieur Hulo

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