Mein Besuch auf der Frankfurter Buchmesse

Nichts ist so langweilig wie die Nachricht von gestern. Ich weiß, ich weiß…Trotzdem will ich euch heute noch von meinem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse am 14. und 15. dieses(n) Monats berichten. Meine Reise nach Frankfurt gehört nämlich zum einen zu den besonderen Unternehmungen, die ich schon längere Zeit im Kopf und bisher nicht in die Tat umgesetzt hatte/habe und ist es zum anderen auch wert, dass ich ihr einen Beitrag widme.

Als ich vor jetzt schon Eindreivierteljahren begann, diesen Blog zu schreiben, gab ich meinem ersten Beitrag den Titel „Jetzt geht’s los“. Damals, ja ich kann und muss schon von damals sprechen, nahm ich mir vor, noch mal zu schauen, was in meinem Leben noch möglich ist, welche Träume oder auch kleineren Wünsche ich noch habe und verwirklichen möchte. Der Besuch der Frankfurter Buchmesse gehörte zu diesen kleineren Wünschen, obwohl ich ihn da nicht explizit genannt habe, wenn ich mich recht erinnere.

107 Artikel weiter (ich bin ganz darüber weggekommen, mich zu meinem 100. Beitrag entsprechend zu feiern bzw. feiern zu lassen!), sind viele Wünsche und Träume geblieben oder auf der Strecke verendet, aber diesen einen habe ich mir jetzt erfüllt.

Also startete ich am 14.10. frühmorgens – der Zug ging um 8:23 Uhr, und das ist für mich an einem Samstag sehr früh – Richtung Bahnhof. Da die Busfahrt in meinem Zugticket enthalten war, machte ich mich zwecks Kostendämpfung auf den Weg zur Bushaltestelle. Ich hatte vorausschauend mit einkalkuliert, dass die Osnabrücker Busfahrer sich wohl mit Rücksicht auf die zugezogenen neuen Mitbürger aus anderen Kulturkreisen in letzter Zeit nicht mehr an die angegebenen Abfahrtszeiten halten und bin etwas früher losgegangen. Nicht auf die letzte Minute, wie sonst üblich, was sich als notwendig erwies, denn der Bus kam tatsächlich 2 min früher an und fuhr dementsprechend auch früher – mit mir – weiter. Am Bahnhof versorgte ich mich wie üblich, wenn ich auf Reisen gehe, mit einem koffeinfreien Cappuccino und einem neuen Rätsel- und Sudoku-Heft, unabdingbare Zutaten einer gelungenen Reise. Die „Zeit“ ließ ich diesmal aufgrund  der Unannehmlichkeiten, die ich vor einem Jahr während einer Zugfahrt erlitten hatte, als ich lesen wollte (ich berichtete darüber „Zeit im Zug“), zu Hause.

Zwei Voraussetzungen für meine Reise waren bis dahin erfüllt: Ich hatte den Bus zum Bahnhof erreicht, was nicht selbstverständlich ist, und mich mit dem notwendigen Proviant (neben dem Cappuccino ein selbstgemachtes Bütterken) versorgt. Und, oh Freude, der Zug kam pünklich. Nun, die anfängliche Freude über diese Tatsache wich schnell der Ernüchterung, als ich den von mir in weiser Voraussicht reservierten Platz aufsuchte. Er war besetzt. Dort saß bzw. schlief ein Junge glückselig vor sich hin. Ein freundlicher Mann gegenüber, augenscheinlich ein türkischer Mitbürger, wobei ich dies explizit erwähne als Gegengewicht zu den vielen ausländerfeindlichen Äußerungen, die sonst das Netz überschwemmen, bot mir sofort seinen Platz an. Das war letztlich nicht nötig, da ich einen weiter noch Unterschlupf fand, oder wie oder was „Asyl“. So weit, so gut. Leider stellte sich meine Platzwahl bzw. -reservierung in diesem Fall als ungünstig heraus, da ich und  alle anderen Mitreisenden des Wagens 21 an dem feucht-fröhlichen Treiben eines Trupps bereits schon um diese Uhrzeit an- bis betrunkener junger Männer teilhaben durften, die sich abwechselnd in der Lautstärke ihrer Unterhaltung bzw. beim Mitsingen eingespielter deutscher Schlager und Trinklieder gegenseitig überboten. Da der Zug schon rappelvoll war, gab es kein Entrinnen. Also, man mag mich für eine Spaßbremse halten, kann ich dann auch nichts dran ändern, aber im Zug und dann am frühen Morgen habe ich doch lieber etwas Ruhe! Gott sei Dank oder wem auch immer, musste oder in diesem Fall durfte ich in Dortmund umsteigen in den ICE nach Frankfurt. Dort war es zunächst angenehm ruhig, bis  mir gegenüber ein junges Mädchen Platz nahm, die sofort ihr Smartphone hervorholte und dann die gesamte Strecke bis Frankfurt  mit ihrer Freundin telefonierte. Es ging um nichts weniger als existentielle Fragen, ob besagte Freundin ihren Eltern mitteilen sollte oder konnte, dass sie das von den Eltern bevorzugte Studienfach nicht studieren wolle. Später wurden dann auch noch für alle unüberhörbar  beziehungsrelevante Fragen abgehandelt. Ich kam mir vor wie damals, als ich freitagsabends am Radio saß und Dr. Sommer die Anrufe liebeskranker Jugendliche beantwortete. Nun, an den Themen hat sich seither wenig geändert.

Während der Fahrt versuchte ich mich auf das Programm der Buchmesse zu konzentrieren, das ich mir am Vorabend noch ausgedruckt und schon mal sondiert hatte. Leichter gesagt, als getan bei der unglaublichen Anzahl von Veranstaltungen. Ich schaffte es, mir für den Samstagnachmittag schon mal ein kleines Programm zurechtzulegen.

Gegen 12:45 Uhr erreichte ich Frankfurt. Da ich nicht wusste, dass man sein Gepäck auf der Messe deponieren konnte, fuhr ich zunächst zum Hotel und checkte ein: Hotel Radisson Blue, liegt an der Tramlinie 7, die auch an der Messe hält, also ganz praktisch. Keine Angst, das Hotel fand ich für Frankfurter und Messeverhältnisse günstig (82, 00 Euro inklusive Frühstück). Sehr schönes Zimmer mit Ausblick und endlich mal eine große Dusche, in der man oder frau sich auch mal umdrehen kann. Keine Zeit für längere Betrachtungen, denn ich wollte ja schnell zur Messe. Um 14:30 Uhr zu der ersten von mir ausgewählten Lesung. Kam erst um 14:50 Uhr an und vernahm nur noch die letzten Worte des Autors….Um 15:30 Uhr war am selben Ort die nächste Veranstaltung angekündigt: eine Diskussionsveranstaltung von 3 SAT zu der Frage, ob Fersehserien den Roman ablösen oder überflüssig machen würden. Ich blieb gleich auf meinem Platz sitzen, denn die Plätze waren begrenzt und ich hatte keine Lust, der Veranstaltung im Stehen zu lauschen. Die Vorbereitungen liefen. Fernsehkameras und Scheinwerfer wurden ausgerichtet. Und dann trat er auf die Bühne: Gerd Scobel. Er hat vor einigen Jahren Sonntagmorgens die Sendung „Sonntags“ im ZDF moderiert, was mir damals gut gefallen hatte. Jetzt hat er u.a. auf 3SAT eine eigene Sendung „Scobel“ zu gesellschaftspolitischen/philosophischen Fragen. Naja, was soll ich sagen? Einerseits schon interessant, die Menschen aus dem Fernsehen live zu erleben, andererseits die Erkenntnis, dass es auch nur Menschen sind…Das Thema rieß mich nicht vom Hocker, nein im Gegenteil, es vertrieb mich von selbigem und ich zog weiter.

Als nächstes fuhr ich mit einem der in kurzen Abständen fahrenden Shuttelbussen zum Pavillon des diesjährigen Ehrengastes Frankreich, für mich als Frankophile der Hauptgrund, nach Frankfurt zu fahren. Dort hatte ich das große Vergnügen, den Interviews mit den AutorInnen Marie NDiaye und Atiq Rahimi (s. unten) über ihren literarischen Schaffensprozess zuzuhören.

20171014_164152

Anschließend erkundete ich noch ein wenig das Gelände und gönnte mir draußen auf dem Gelände ein paar Nürnberger Rostbratwürstchen, die mein Portemonnaie nicht so sehr belasteten. Noch unschlüssig, wie ich den Abend verbringen sollte (im Bahnhofsviertel, wo eine Buchmessenparty stattfinden sollte, oder im Hotel), landete ich an der Kasse zu der Abendveranstaltung mit Dan Brown, der um 19:00 Uhr seinen neuen Roman „Origin“ vorstellen würde. 25 Euro sollte das Ganze kosten und das war mir eigentlich zu viel. Da sprach mich eine junge Frau an, sie hätte noch eine Eintrittskarte. Ich sagte ihr, dass mir 25 Euro zu viel seien, nachdem ich schon 30 Euro Messeeintritt bezahlt hätte. Sie antwortete mir: „Nein, ich schenke Ihnen die Karte“. Ich stutzte. Sie fügte hinzu…. wenn ich wollte, könnte ich ihr natürlich auch etwas geben (sie erklärte mir noch, dass es ihrem Freund nicht gut ginge und dass er deshalb nicht an der Veranstaltung teilnehmen könnte). Also zog ich 10 Euro aus dem Portemonnaie und gab sie der strahlenden Frau, die sogleich zu ihrem Freund lief und ausrief: „Siehst du, meine Taktik hat Erfolg gehabt“. Hat sie. Mir ist es gegangen wie erwiesenermaßen den meisten Menschen, wenn sie etwas geschenkt bekommen: Sie wollen etwas zurückgeben. Macht auch nichts, denn es war ein gelungener Abend. Während der Schauspieler Wolfram Koch, bekannt u.a. als Hauptkommissar Paul Brix im Tatort Frankfurt, zwischendurch gekonnt einige Passagen aus dem Roman vortrug, erzählte Dan Brown, dessen Bücher (z. B. Der Da Vinci Code) ich nur vom Hören-Sagen kannte, kurzweilig über die Entstehung seines Romans. Wie gesagt, für mich ein Highlight der Buchmesse! Es geht in dem Roman übrigens um die tiefgründige Frage, ob Gott die Wissenschaft überleben kann.

20171014_190634 (002).jpgAm nächsten Morgen ging ich nach einer erholsamen Nacht in diesem schönen Hotelzimmer (ich mag das schon, mal nett außerhalb zu nächtigen, frau ist mal ganz weit weg vom sonstigen Alltag) mit etwas gemischten Gefühlen in den Frühstückssaal, d.h. zunächst musste ich mich bei einer Dame als Gast des Hauses zu erkennen geben. Ich sagte ihr, dass ich ein sogenanntes Kontinentales Frühstück bestellt hätte. Das war insofern richtig, als im Internet für den Preis von 82,00 Euro nur eben ein solches Frühstück (bestehend aus einem Heißgetränk, Brötchen oder Brot mit Marmelade) enthalten sein würde. Die Frau reagierte nicht auf meine Aussage und schickte mich in den Frühstücksraum. Ich suchte mir einen Platz und rief eine Kellnerin herbei. Ich fragte sie, wie das mit dem Frühstück funktionieren würde, da ich dort nur Menschen sah, die sich am Büffet bedienten. Sie sah mich einigermaßen verständnislos an und meinte, bei ihnen gäbe es nur Büffet und ich sollte mich bedienen. War mir recht so. Ich wäre mir schon ein wenig komisch vorgekommen, hätte man mir inmitten aller Büffetisten ein mikriges „kontinentales Frühstück“ serviert.

Dann startete ich wohlgesättigt in den zweiten Teil meines Messebesuchs. Ich hörte mir zunächst unter dem Titel „Druckfrisch“ Rezensionen des Literaturkritikers Dennis Scheck an.

Ganz wichtig war mir, Adele Neuhauser zu sehen und zu hören. Ihr kennt sie wahrscheinlich als Tatortkommissarin „Bibi“ an der Seite von Harald Krasnitzer. Ich mag sie sehr gerne als Darstellerin, aber sie hat mir auch in Natura sehr gut gefallen, für meine Begriffe sehr authentisch. Sie hat ihre Biografie vorgestellt.

Ja, und das war es dann auch schon, aber ich bin mir sicher, dass dies nicht mein letzter Besuch auf der Buchmesse gewesen sein wird. Unabdingbar ist, dass man sich im Vorfeld mit dem Programm beschäftigt und sich Veranstaltungen heraussucht. Man/frau hat die Qual der Wal, das stimmt, aber Autoren so hautnah zu erleben, die Chance hat man auch nicht jeden Tag. Auf jeden Fall würde ich mir das nächste Mal mehr Zeit nehmen und schon Freitags anreisen, damit mir der ganze Samstag und der halbe Sonntag zur Verfügung stehen. Es gibt so viel zu sehen und hören. Bis zum Abwinken…

20171014_174806 (002)

Also mein Fazit: Wer Bücher liebt, der sollte sich wenigstens einmal im Leben die Frankfurter Buchmesse anschauen. Es lohnt sich. Man/frau sollte sich gut vorbereiten und die Veranstaltungen mit Bedacht aussuchen. Ich würde sagen, weniger ist mehr!

Viele Grüße

und vielleicht auf einer der nächsten Buchmessen

Eure Claudia

 

Eine Viertelstunde meines Lebens….

Es ist nur eine Viertelstunde, aber sie ist da bzw. nicht da, sie ist getilgt aus meinem Bewusstsein, einfach weg…..

Komisches Gefühl.

Kürzlich erzählte mir meine Physiotherapeutin, dass es in ihrem Leben mehrere Situationen gegeben habe, bei deren näherer Betrachtung sie das Gefühl gehabt hatte, dass sie sie nur deshalb durchleben musste, damit sie sich besser in ihre Patienten hineindenken könne. In ihrem Fall handelte es sich um bestimmte Krankheitsbilder, die sie bis dahin noch nicht selbst erlebt hatte und die es ihr anschließend erleichterten, sich in ihre Patienten hineinzuversetzen.

Nun weiß ich nicht oder vielleicht noch nicht, ob mein Erlebnis vom letzten Montag mir das Verständnis für andere Menschen erleichtern wird, denn bis dato ist mir noch niemand persönlich begegnet, dem Zeit verloren gegangen ist, sprich, der entsprechende Gedächtsnislücken hat. Nein, fällt mir da gerade ein, es gibt jemanden in meiner Familie, dem das passiert ist, aber aus selbst herbeigeführten Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte. Das ist aus meiner Sicht aber ein Sonderfall, weil selbst herbeigeführt.

Also, fragt ihr euch, worauf will sie hinaus?

Kann ich euch sagen: Am vergangenen Montag verließ ich guten Mutes mein Fitnessstudie nach einer Stunde Pilates. Es hatte mir Spaß gemacht, wenngleich bei dem schwülen Wetter die Schweißtropfen sich in Schweißströme verwandelten. Ich schloss wie immer mein Fahrrad auf, bahnte mir den Weg durch die anderen geparkten Fahrräder und fuhr los nach Hause….

Und von da an verliert sich meine Spur, d.h. ich weiß nicht mehr, was dann passierte. Ganz vage und im Dunkeln (es war draußen schon dunkel um 20:05 Uhr, aber auch in meinem Kopf) sehe ich vor meinem inneren Auge ein junges Pärchen, das sich nähert und mich besorgt fragt, ob sie mir helfen könnten. Ich verneine dies. In meiner Erinnerung sind sie schon einigermaßen in Sorge und fragen mehrmals nach, aber ich sage, dass ich allein klar komme, steige unsicher auf mein Fahrrad. Dann „sehe“ ich, wie ich durch die Straßen fahre. Alles nur nebelhaft. Mein Unterbewusstsein hat die Notbeleuchtung eingeschaltet. Ich suche nach Orientierungspunkten, die ich wiedererkenne und die mir den Weg nach Hause weisen. Irgendwann sehe ich ein Schaufenster, glaube es zu erkennen und biege dort ein. Tatsächlich sehe ich mich auf unser Haus zufahren und anhalten. Ich wische mir über das Gesicht und schaue auf meine rechte Hand, die voller Blut ist. Ich denke, das ist ja wie im Fernsehen. Und dann klingele ich …Wie ich in die Wohnung gekommen bin und was ich anschließend von mir gegeben habe, erzählt mir mein Sohn später. Ich stehe offensichtlich unter Schock. Ich fühle nichts und habe keine Schmerzen. Das Blut an meinen Händen nehme ich wahr, aber es berührt mich nicht. Mein Sohn besteht darauf, dass wir ins Krankenhaus fahren, um die Platzwunde auf meiner Stirn nähen zu lassen. Da ich die folgenden Tests, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, durchweg bestehe (ich muss zu diesem Zeitpunkt wohl schon wieder etwas klarer im Kopf gewesen sein, auch weil ich von meinem Sohn im Minutentakt die Gabe von Arnika in der C 200 verlange, das homöopatische Mittel überhaupt bei Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen), wird nach einer Röntgenaufnahme des Brustkorbes festgestellt, dass ich „nur“ eine Rippenprellung habe, die sich in der Folge als ziemlich schmerzhaft herausstellen wird. Die Wunde am Kopf wird verklebt, nicht genäht, und wir fahren nach Hause. Die Tatsache, dass ich mich an fast nichts erinnere, beunruhigt die Ärzte nicht. Das sei „normal“ bei so einem Sturz auf den Kopf.

In der Nacht kommen die Schmerzen und der Schwindel. Immer, wenn ich mich hinlege.

Auf dem Merkblatt, das ich mitbekommen habe, stehen Anweisungen, was zu tun ist, wenn bestimmte Symptome auftreten. Schwindel ist nicht aufgeführt, aber die ganze Sache ist mir nicht geheuer, denn ich weiß auch, dass mit Kopfverletzungen nicht zu spaßen ist. Da die Diagnose „leichtes Schädel-Hirn-Trauma“ feststellt, begebe ich mich auf Empfehlung meines Hausarztes abermals ins Krankenhaus, wo man sich wundert, dass am Abend zuvor kein CT vom Kopf gemacht worden ist. Das wird jetzt nachgeholt und Gott sei Dank – ja – werden weder Blutungen noch Brüche festgestellt. Nach 2 Stunden Wartezeit beim Hausarzt  und weiteren 4 Stunden im Krankenhaus darf ich wieder nach Hause gehen. Ich bin fix und fertig.

Die Nacht ist einigermaßen ruhig. Gegen fünf Uhr morgens wieder Schwindel, genauer gesagt Drehschwindel. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, was das ist bzw. wie er sich von anderem Schwindel unterscheidet. Nun weiß ich es ganz genau: Immer wenn ich mich hinlegte oder im Liegen umdrehte begab sich das Hirnwasser auf die Umlaufbahn um mein Gehirn, um bei einem Stellungswechsel die Richtung abrupt zu ändern.

Gestern war Ausruhen angesagt. Mehr ging auch nicht. Nachmittags ein kleiner Spaziergang in der angenehmen Herbstsonne mit anschließendem Kaffeetrinken. So viel Zeit muss sein. Ich hatte das Gefühl, das der Spaziergang meinen Kreislauf in Schwung brachte und fühlte mich gut.

Letzte Nacht wenig, ganz wenig geschlafen. Immer wieder die Frage gewälzt, was passiert ist in dieser Viertelstunde, warum und wie sich der Unfall ereignet hat. Keine Antwort.

Ob diese Erfahrung jetzt irgendeinen weitergehenden Erkenntnis- oder Verständnisgewinn beinhaltete bzw. mir nahe bringen sollte, kann ich noch nicht sagen. Ich hätte darauf auch verzichten können! Aber Erfahrung ist Erfahrung und wie ich kürzlich noch gelesen habe, soll der Mensch nicht darüber nachsinnen, wie er das Leben gerne hätte, sondern es sich so wünschen, wie es gerade ist (sinngemäß). Gut, dann mache ich das eben so. Es ist so, wie es ist. Ich habe wieder an Lebenserfahrung dazu gewonnen, ich weiß jetzt, wie ein Schockzustand aussieht und wie es sich anfühlt, wenn man sein Gedächtnis verliert. Ich bin sicher in eine Art Grenzbereich zwischen Bewusstsein und Bewussstseinsverlust geraten. Ja, und nicht zu vergessen. Ich werde mir jetzt umgehend einen Fahrradhelm kaufen und auch aufsetzen!

Ich werde sicher noch eine Weile darüber nachdenken, was passiert ist, auch wenn ich wohl kaum noch Antworten darauf bekommen werde.

Jetzt müssen die Verletzungen erstmal ausheilen. Illustrationen meiner Kopfverletzung erspare ich euch dieses Mal.

Vielleicht habt ihr so etwas auch schon erlebt, oder anders erlebt? Eure Kommentare sind wie immer willkommen.

Viele Grüße

Eure Claudia

 

 

 

„Der Wert unseres Lebens bemisst sich an dem, was es uns an Anstrengungen gekostet hat“ (François Mauriac)

Auf dieses Zitat des französischen Autors François Mauriac bin ich heute gestoßen (im Original: „Notre vie vaut ce qu’elle nous a coûté d’efforts“) und da es zum Nachdenken über mein eigenes Leben passt, habe ich es heute als Titel ausgewählt.

Es war der Kommentar zu einem Menschen, der Zeit seines Lebens immer seiner inneren Stimme gefolgt ist und dementsprechend alles, was er getan hat, mit ganzer Hingabe verfolgt hat. Seine (vorerst) letzte Herausforderung war die Begehung des „Camino“, des Jakobs-Weges. Mit seinen 65 Jahren ist er mit Freunden 180 Kilometer in 8 Tagen gelaufen. Es war ihm schon ein bisschen mulmig, ob er es schaffen würde, aber er hat es geschafft und hat es in seinen ersten Bildern und Kommentaren als einzigartige Erfahrung beschrieben.

Ganz ehrlich: da bin ich schon ein wenig neidisch, eine Gefühl, das ich nicht mag, weder bei mir noch bei anderen und das ich auch nur noch sehr selten habe, denn warum auch, ich habe mein Leben gelebt, wie ich es für richtig gehalten habe, die anderen ihres und das ist nicht austauschbar. Ja, nun, auf den Jakobsweg bezogen, da habe ich mich nie dazu durchringen können, ihn zu gehen. Ich hatte schlichtweg Angst, es nicht zu schaffen. Jetzt ist es für mich persönlich zu spät, rein physisch. Aber vielleicht ist auch das wieder eine Ausrede. Irgendwie könnte ich es vielleicht doch bewerkstelligen, wenn ich es nur wirklich wollte. So ist das mit den Wünschen…Meistens fürchten wir wahrscheinlich die möglichen Anstrengungen, die wir für ihre Verwirklichung aufbringen müssen. Oder wir trauen sie uns nicht zu, oder, oder.. was?

Wer hat schon mal seine Träume verraten? Einen Job nicht aufgegeben, obwohl er ihm oder ihr schon lange keinen Spaß mehr macht? Eine Beziehung aus Bequemlichkeit fortgesetzt, weil sie Sicherheit bot, die Liebe aber längst gestorben war? Einem anderen Menschen nicht geholfen aus Hilflosigkeit oder einfach nur Trägheit?

Und auf der anderen Seite: An welche Situationen erinnert ihr euch am intensivsten? An die glücklichen, oder an die, in denen ihr etwas geleistet habt, in denen ihr Hindernisse und eure eigenen Widerstände erfolgreich überwunden habt? In denen ihr Stärke und Mut bewiesen, nicht lange gefackelt und gehandelt habt? Bei mir sind es die letzteren und daher hat mich das Zitat von F. Mauriac sofort angesprungen. Und dann gleich die nächste Frage: Wie oft hätte ich etwas tun können, dürfen, sollen, müssen und nicht getan. Wie oft habe ich mich weggedreht?

Und dann denke ich auch wieder: Eigentlich sind die Ereignisse auf mich zugekommen oder auch zugerollt, die ich allein lösen musste. Da war meine ganz persönliche Antwort gefragt. Und ich glaube, in diesen ganz besonderen Situationen habe ich mich gestellt, so hoffe ich doch. Eine dieser Situationen war, als mein Mann, von dem ich schon lange getrennt lebte, an Parkinson erkrankte. Im fortgeschrittenem Stadium musste ich mich entscheiden, ob ich die Betreuung für ihn  übernehmen wollte (ich habe davon sicher schon mal berichtet, weil es ja auch zu denen eindrücklichsten Erfahrungen meines Lebens gehört). Ich habe mich sehr mit meiner Entscheidung gequält, auch andere Menschen gefragt, von denen jeder eine andere Antwort hatte…Ich musste meine eigene Entscheidung treffen.

Ich habe ja gesagt zu dieser Verantwortung und es war richtig, auch wenn ich tatsächlich an meine physischen und psychischen Grenzen gekommen bin. Aber es war richtig, für mich! Für mich und vielleicht auch für meinen Mann. Wenn ich so über mein Leben nachdenke, sind es die vielen schweren Momente, die ich seinerzeit erlebt habe aber auch die Freude, wenn ich es denn so nennen darf, dass ich mich gestellt habe. Eine existentielle Aufgabe.

Wer weiß, was noch alles auf mich zukommt, auf uns. Wir wissen es nicht, aber ich glaube, jeder spürt intuitiv, wann er oder sie ganz persönlich gefordert ist, sich zu entscheiden und seinem Leben eben diesen besonderen Wert zu geben, indem er oder sie eine Antwort gegen muss.

So, meine Lieben, das war’s es mal wieder ….

Eure Claudia

Maßstab, Frage, Bedeutung, Gleichgewicht

 

 

 

 

Wir haben die Wahl gehabt…

Was soll ich zu den Wahlen sagen? Ach, eigentlich nicht viel. Was soll’s. Ähnliches war zu erwarten. Nein, ich will mich gar nicht an den ganzen Wahlanalysen beteiligen. Das macht jetzt gerade jeder und jede.

Vielleicht nur kurz ein Erklärungsansatz für den Zulauf der AfD vor allem in den neuen Bundesländern. Mir spontan einsichtig war die Feststellung, dass zumindest die ältere Generation im ehemaligen Osten beim Mauerfall schon einmal mit einer extremen Umwälzung konfrontiert wurde. Der anfänglichen Freude über die Wiedervereinigung folgte bald die Ernüchterung über die daraus resultierenden Veränderungen vor allem wirtschaftlicher Art. Das die Bevölkerung jetzt, nachdem sich die Verhältnisse einigermaßen beruhigt haben, aber längst noch nicht alle Probleme und Ungleicheiten beseitigt sind, mit Unmut und Angst auf den Zuzug von Flüchtlingen reagiert, kann ich zunächst einmal nachvollziehen, vor allem, weil die lokalen Entscheidungsträger wie auch die Bevölkerung nicht entsprechend in die Maßnahmen einbezogen worden sind, was im Übrigen auch für die alten Bundesländer zutrifft.  Nun hört man, dass es gar nicht in erster Linie um wirtschaftliche Fragen geht, sondern um die Angst vor kultureller Überfremdung. Auch da ein gewisses Verständnis dafür, dass wir Westdeutschen schon wesentlich früher Kontakt mit anderen Nationalitäten hatten und  uns daran gewöhnen könnten.

Keinerlei Verständnis habe ich allerdings für die Verrohung der Auseinandersetzung, die Verunglimpfung von Politikern oder gar Gewalt als Mittel der Wahl eingesetzt werden, um politische Verhältnisse zu verändern! Und wenn die AfD, wie sie jetzt behauptet, eine rechtsstaatliche, rechtskonservative Partei ist, dann müsste  sie derlei Ausfälle und kriminelle Akte verurteilen. Das wäre  das Mindeste! Solche Gedankengänge sind allerdings müssig, denn die AfD ist keine demokratische Partei, die die Verfasstheit unserer Republik anerkennt.

Für mich noch interessanter war die Analyse eines Politikwissenschaftlers, der sagte, dass die derzeitige Politik daran krankt, dass sie die entscheidenden Fragen ausblendet bzw. aus Angst, Stimmen zu verlieren, erstmal unter den Tisch kehrt:  das Rentensystem, die Zukunft Europas, den Klimawandel, die Digitalisierung der Arbeitswelt. Auch das ist nicht wirklich neu, für mich aber schon die Feststellung, dass die Umwälzungen z. B. auf dem Arbeitsmarkt dramatisch sein werden. Die Politik kann verharren, bis sie da sind: Schätzungsweise wird ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung den Arbeitsplatz verlieren. Also was geschieht mit diesen Menschen, wenn sie sich nicht mehr über Arbeit definieren können? Das auf immer mehr Wachstum und Konsum ausgerichtete Gesellschaftssystem wird sich ändern müssen. Die maßlose Ausbeutung der Rohstoffe und Zerstörung der Lebensgrundlagen werden uns zu einem radikalen Umdenken zwingen. Wir bzw. unsere Volksvertreter müssen uns umgehend der  Realität stellen und Konzepte entwickeln,  wie die postkapitalistische Welt aussehen könnte. Wir kommen nicht drum herum.

Die Menschen spüren intuitiv, dass es so nicht weiter gehen kann, aber sie haben Angst…verständlicherweise, weil niemand weiß, was genau auf uns zukommt und vor allem, wie Alternativen aussehen könnten. Frau Merkel hat kürzlich in einem Interview gesagt, es sei jetzt keine Zeit für Experimente, was wir bräuchten, ist Stabilität. Frau Merkel ist eine intelligente Frau und wird wissen, dass wir nicht weiter machen können wie bisher, aber die Machterhaltung war ihr vermutlich näher,  als der Bevölkerung zu sagen, dass wir uns auf radikale Veränderungen einstellen müssen. Ich persönlich meine, diese Veränderungen könnten sich für die Menschen durchaus positiv in einer  besseren Umwelt und einem bewussteren Umgang mit unseren Resourcen auswirken. Aber das würde voraussetzen, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gäbe , dass wir unsere Lebensweise   auf Kosten anderer und der Natur so nicht mehr aufrechterhalten  können. Die von Merkel genannte Stabilität ist doch nur eine scheinbare auf Zeit, bis die Probleme irgendwann ungebremst über uns hereinbrechen werden wie die Flüchtlingswelle, die lange vorhergesagt und ausgeblendet wurde. Wir waren und sind doch daran beteiligt, dass  z.B in Afrika die dortige Produktion von Geflügel oder Bekleidung aufgrund unserer billigen Exporte zerstört wird und den Menschen ihre Lebensgrundlagen nimmt.

Wieviel Sand wollen uns die Politiker noch in die Augen streuen?

Und Herr Gauland sagt doch allen Ernstes, dass wir uns unser Deutschland und unser Volk wieder zurückholen wollen. Welches Deutschland, von wann? Zurück wohin? Wo lebt der Mann eigentlich? Abenteuerlich. Ob die Menschen das glauben, oder glauben wollen?

Noch ein letzter Gedanke des Professors:

Die Demokratie ist kein Naturgesetz. Eine Demokratie lebt nur so lange, wie die Bürger, die in ihr leben, demokratisch sind! Wie wahr. Undemokratische Kräfte mobilisieren sich allenthalben auf der Welt, einschließlich Europa, und wenn die demokratischen Parteien es nicht schaffen, die wirklichen Probleme anzusprechen und glaubwürdig anzupacken, dann werden sich andere des Terrains bemächtigen und uns irgendwann vorschreiben, wohin die Reise geht. Na dann gut‘ Nacht.

Hört sich alles nicht so gut, nicht wahr? Ja, aber was soll das Verdrängen. Wir sind es auch und in erster Linie unseren Kindern schuldig, dass wir uns den Problemen stellen, die wir ja auch allesamt mitverursacht haben!

Hoffentlich heißt es in den Geschichtsbüchern nicht irgendwann einmal: Sie haben die Wahl gehabt, aber sie haben keine Wahl getroffen…

 

 

Jetzt benimm dich mal anständig….

oder: Setz dich anständig hin

oder: zieh dir was Anständiges ans

oder: hast du keinen Funken Anstand im Leib

oder, oder, oder…

kommen euch solche Aussagen bekannt vor? Wenn ihr so in meinem Alter seid, wahrscheinlich schon. Wer hat solche oder ähnliche Aufforderungen oder Tadel nicht auch mal gehört in seiner Kindheit und Jugend?

Heute klingen solche Sätze verstaubt, veraltet, nicht mehr zeitgemäß bzw. aus der Zeit gefallen, die so etwas wie Anstand gar nicht mehr braucht (?), oder schon gar nicht mehr weiß, was das überhaupt bedeuten soll.

Nun, inspiriert mal wieder durch einen Essay in der „Zeit“ zu diesem Thema, möchte ich mich der Frage widmen, was Anstand ist, ob wir das heute noch brauchen, oder ob unsere Gesellschaft über so etwas wie Anstand hinausgewachsen ist und sich auf einem Level von Aufgeklärtheit befindet, dass niemand mehr in dieser Weise belehrt werden muss.

Zur Klärung des Begriffs bediene ich mich zunächst wieder einmal Wikipedia- wie schön, dass es das gibt, um sich schnell Informationen zu beschaffen. Wikipedia definiert also folgendermaßen:

  1. gute Umgangsform; gutes, höfliches Benehmen
  2. [2] Unterbrechung des Pirschganges

Zweite Definition aus dem Wortschatz der Jagd können wir links liegen lassen. Diesen Jägerhut setze ich mir nicht auf.

So ist es mir beigebracht worden, wenn ich die oben genannten Aussprüche meiner Eltern als Kind auch erstmal nicht unbedingt als höfliche Aufforderung zu höflichem Benehmen  aufgefasst habe, sondern als Kritik an meinem Benehmen und Verhalten. Als Aufforderung, mich irgendwelchen gesellschaftlichen Normen von gutem Benehmen unterzuordnen, die ich damals nicht unbedingt verstanden habe und deren Bedeutung sich mir auch erst später erschlossen haben. Schließlich hat mir damals niemand erklärt, was gutes Benehmen ist und warum. Es wurde etwas in den Raum gestellt, das ich, wie gesagt, in erster Linie als Kritik an meiner Person aufgefasst habe, denn ich wurde auch nicht gefragt, wie es mir damit geht.

Ein Beispiel: Ich wurde von meinen Eltern quasi dazu gezwungen, unsere Nachbarin zu grüßen, obwohl sie mir nach meiner Meinung nicht wohlgesonnen war und ich regelrecht Angst vor ihr hatte. Aber es gehörte sich nun mal, sie zu grüßen. Oder ich bekam bei Spaziergängen einen Knüppel unter meine Arme hinter den Rücken geklemmt, damit ich endlich gerade gehe.

lm Nachhinein verstehe ich natürlich, worum es meinen Eltern ging: Höflichkeit gegenüber anderen Menschen und mich zu einem „aufrechten“ Menschen zu erziehen. Die Methode und der Hinweis auf anständiges Benehmen halfen mir dabei allerdings nicht. Es war die autoritäre Anordnung der Eltern, die mir die Einsicht versperrten.

Was ich nun heutzutage beobachte, ist eine zunehmende Gleichgültigkeit in Bezug auf gutes Benehmen gegenüber meinen Mitmenschen, wenn nicht sogar oft eine regelrechte Verrohung im Umgang. Ich erinnere mich an einen Vorfall von vor dreißig Jahren, als ich hochschwanger mit zu früh einsetzenden Wehen mit dem Auto von der Autobahn herunterfuhr  als Rechtsabbieger. Mir kam ein Wagen  entgegen als Linksabbieger. Er nahm mir die Vorfahrt nahm und mich in Bedrängnis brachte. Ich bedeutete ihm mit einem Kopfschütteln, dass ich sein Benehmen bzw. sein verkehrswidriges Verhalten mißbilligte (es sei darauf hingewiesen, dass ich nicht den berühmten Finger zeigte). Der Fahrer folgte mir daraufhin (auf der zweispurigen Straße) bis zu meiner Wohnung. Als ich dort angekommen ausstieg, beleidigte er mich und meinen Zustand auf das Übelste und ich bekam es regelrecht mit der Angst zu tun. Schließlich konnte ich nicht mehr abschätzen, ob er nicht auch noch tätlich werden würde. Ich habe diesen Vorfall nie vergessen, weil ich die Situation als sehr bedrohlich empfand und ihr auch wehrlos gegenüber stand. Das liegt lange zurück, aber ich höre immer wieder von solchen Ausfällen und Beleidigungen schon bei den geringsten Anlässen. Von den sogenannten shitstorms im Internet ganz zu schweigen. Der Autor des Zeitartikels berichtete von einem Vorfall an einem Fußgängerüberweg, an dem die Ampel auf grün stand und eine Frau mit zwei Kindern die Straße überqueren wollte. Ein Fahrer im Sportwagen schnitt ihr fast den Weg ab und als die Frau auf die grüne Ampel zeigte, kurbelte der Mann das Fenster hinunter und beschimpfte sie mit „Halt’s Maul,  Schlampe“! So, ob man den Begriff Anstand veraltet findet oder nicht, diesem Herrn fehlt es an jeglichem Anstand, oder wie immer man das nennen mag. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der ein derartiges Verhalten zur Regel wird?

Zunächst mal glaube ich, dass es für das gedeihliche Zusammenleben notwendig ist, dass eine Gesellschaft für sich Regeln definiert, die diese Zusammenleben ermöglichen. Dazu gehören für mich neben der Anerkennung der Gesetze auch bestimmte Verhaltensregeln, und damit meine ich in erster Linie den Respekt gegenüber meinen Mitmenschen. Respekt heißt Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, auch mal das Zurücknehmen der eigenen Bedürfnisse z. B., dass ich älteren Menschen den Sitzplatz im Bus überlasse (jetzt bin ich ja auch schon älter und ich freue mich, wenn Schüler mir ihren Platz überlassen, auch wenn sie selbst von der Schule erschöpft sind). Es ist auch nicht schädlich zu wissen, wie man sich bei Tisch verhält. Wir möchten doch für unser Gegenüber (und für uns selbst denke ich doch auch) angenehm im Umgang sein. Heute ist es für mich selbstverständlich, dass ich meine Nachbarn freundlich grüße, sie anlächle oder ein Wort mit ihnen wechsle. Wenn mir natürlich jemand unfreundlich begegne, reagiere ich entsprechend. Kurzum, Kulturtechniken dienen dazu, eine gewisse Sicherheit im Umgang miteinander zu schaffen. Wenn Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen unterschiedliche Kulturtechniken mitbringen, gehört das gegenseitige Kennenlernen und Respektieren zu den ersten Schritten für eine Verständigung.

Gesten wie das freundliche Grüßen oder das Tür aufhalten öffnen auch im übertragenen Sinne Türen und erleichtern das Leben für alle Beteiligten. So habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Arbeitskollegen bei meiner Ankunft morgens im Büro mit ihrem Namen zu begrüßen. Ich freue mich, wenn man mich mit meinem Namen anspricht und mir damit bedeutet, dass man mich bewusst wahrgenommen hat, und so geht es meinem Gegenüber wahrscheinlich auch.

„Anständiges“ oder unanständiges Benehmen kann nun aber auch dazu benutzt werden, sich von anderen Menschen abzugrenzen, die sich scheinbar oder nach bestimmten Maßstäben höherer Gesellschaftsschichten nicht anständig benehmen und somit herabgewürdigt werden. Das finde ich nun wieder nicht anständig.

Ja, in der Tat, ein weites Feld.

Anstand heißt für mich persönlich noch mehr. Mehr als die Respektierung oberflächlicher Verhaltensregeln, die erstmal das Zusammenleben erleichtern. Anstand heißt für mich, dass ich mich anderen Menschen gegenüber respektvoll verhalte in dem Sinne, dass ich sie nicht beleidige, nicht herabwürdige, dass ich aufrichtig bin und man sich auf mein Wort verlassen kann. Aber auch Verständnis dafür, dass sie sich in schwierigen Situationen vielleicht nicht immer so verhalten, wie ich mir das wünsche, dass sie vielleicht manchmal vor lauter Sorgen gerade nicht offen und freundlich sein können, dass sie auch mal eine Verabredung absagen, wenn es ihnen nicht gut geht. Das würde ich für mich ebenfalls in Anspruch nehmen wollen. Aber wie gesagt: unter normalen Umständen sollte das Wort gelten, denn worauf kann ich mich sonst noch verlassen. Und was ich auch noch wichtig finde: dass ich dazu stehe, wenn ich einen Fehler begangen habe. Menschen begehen Fehler, Menschen lernen aus Fehlern (sollten sie jedenfalls!), Menschen dürfen Fehler begehen, ohne dass sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Zum Menschsein gehört auch das Verzeihen von Fehlern, die Nachsicht mit dem Unvollkommenen in uns allen! Auch das sind zwei Seiten des Anstandes.

Und jetzt noch ein Wort zu Politik. Wahrscheinlich kann man von Politikern nicht verlangen, dass sie immer aufrichtig sind, gerade in der internationalen Politik geht es vermutlich eher um die richtige Taktik im Umgang miteinander als um Aufrichtigkeit. Glaubwürdigkeit gibt es nach meinem Eindruck kaum noch. Deshalb sind wahrscheinlich auch so viele Menschen Politik-verdrossen. Mal sehen, was aus den ganzen Versprechungen vor der Wahl wird! Darauf will ich jetzt aber nicht auch noch eingehen, obwohl das (unanständige) Verhalten der Politiker oder Wirtschaftsleute  sich natürlich auch auf die Bevölkerung auswirken, da sollen sich die Politiker mal nicht aus der Verantwortung ziehen! Nach dem Motto „Wenn die da oben sich nicht an ihre Versprechungen halten, warum soll ich das tun“. Kann man so sehen, kann für mich persönlich keine Entschuldigung dafür sein, dass ich mich unanständig, d. h. schlimmstenfalls rechtswidrig oder in anderer Weise missachtend verhalte.

Ich bin für mich und mein Verhalten ganz persönlich verantwortlich.

 

 

 

 

 

 

 

Die Sache mit dem Toilettenpapier…

Ich habe gezögert, mich öffentlich zu diesem Thema zu äußern, aber nachdem in der letzten Ausgabe der „Zeit“ ein diesbezüglicher Artikel stand, ist es ja offensichtlich gesellschaftsfähig.

In besagtem Artikel ging es um die Tatsache, dass der Umsatz an ein- oder zweilagigen Toilettenpapieren in den letzten Jahren gesunken sei im Vergleich zu steigenden Verkaufszahlen mehr- und vor allem fünflagiger Papiere. Ein Zeichen steigenden Wohlstandes etwa, denn letztere sind natürlich kostspieliger und damit auch einträglicher für die einschlägige Industrie. Oder größeren Körperbewusstseins oder gar Körperkultes? Man weiß es nicht, und ich auch nicht.

Aus meiner eigenen täglichen Praxis heraus kann ich nur beitragen, dass ich mich immer ziemlich maßlos ärgere – und das kommt sehr, sehr selten vor – wenn ich z.B. in einer Gaststätte oder wie man/frau heute sagt, in einem Bistro(t) das Örtchen besuche und das wohl aus Kostengründen nur einlagige Toilettenpapier nicht einmal den kurzen Weg von der Rolle in meine Hand in unversehrtem Zustand schafft!

Beim Nachdenken über derlei Vorkommnisse erinnerte ich mich an meine ersten Frankreichbesuche, die nun schon viele, viele Jahre zurückliegen. Damals erlitt ich den ersten Kulturschock meines Lebens, als ich z.B. auf Autobahnraststätten oder Campingplätzen mit den dortigen Toiletten, oder was sich so nannte, konfrontiert wurde. Wer war schon mal in Frankreich? Dann wisst ihr, was ich meine. Nungut, beim näherem Hinsehen – hahaha – haben die Stehtoiletten den unsrigen gegenüber zumindest theoretisch einen hygienischen Vorteil, man/frau muß bzw. kann sich nicht auf einer Brille niederlassen und sich dort auch keine Bakterien einfangen. Allerdings konnte/kann man sich schon mal nasse Füße oder ein nasses Hinterteil holen, wenn es einen dann doch mal in die Hocke zwang. Ja, ok, keine weiteren Details. Es ging mir ja auch eigentlich um das Toilettenpapier. Damals in Frankreich gab es an genannten Orten nämlich nur einlagiges und einstückiges braunes – wie sinnig – Toilettenpapier, von dem man oder natürlich auch frau dann mühselig mehrere Stücke übereinanderlegen musste, bevor sie ihren Dienst einigermaßen zuverlässig erledigen konnten. Besonders saugfähig waren sie überdies auch nicht.

Also gut, ich will hier keine Kulturschelte betreiben. Jedem Tierchen sein Pläsierchen und jedem Volk seine eigene Toilette.

Um zum Thema zurückzukehren. In dem o.g. Artikel der hochangesehenen Zeitung wurde noch über die verschiedenen Arten des Gebrauchs von Toilettenpapier berichtet. Ich gebe hier nur wieder. So falten die meisten Menschen das Papier sorgfältig mehrmals zusammen, es sei denn, es ist fünflagig, dann entfällt dieser Schritt, oder sie knüllen es zu einem runden Etwas zusammen, um dann zur Tat zu schreiten. Also mein Gott, muss man/frau das wissen? Ich für meinen Teil, und damit ist dann Schluss mit Lustig, bevorzuge das dreilagige umweltfreundliche, d.h. recycelbare Toilettenpapier.

Wenn ich nun aber schon beim Thema bin: Genügend Toilettenpapier auf der Rolle ist mir ein grundsätzliches Bedürfnis, und ich beobachte genau den Bestand in meinem Toilettenrollenhalter (der, bei dem ich mich kürzlich so heftig in den Finger geschnitten hatte, ihr erinnert euch sicher). Neigt er sich dem Ende zu, fülle ich ihn unverzüglich wieder auf. Nun gibt es da noch einen Mitbewohner, meinen Sohn, der es aber vorzieht, wenn er zukünftig wieder anonym bleibt, also werde ich ihn zukünftig nicht mehr Sohn nennen, sondern DIMWW (der in meiner Wohnung wohnt). Ich werde euch noch einige Male auf diese Änderung hinweisen, aber dann müsst ihr das abgespeichert haben, oder euch gegebenenfalls den Kopf darüber zerbrechen, was mit der Abkürzung gemeint ist. Dann kann ich euch auch nicht weiterhelfen. Jedenfalls dürfte dieses Thema auch viele von euch betreffen. DIMWW braucht die Rolle schon mal gerne auf und versäumt es nicht nur, den Rollenbestand wieder aufzufüllen, sondern belässt die leere Rolle auf dem Toilettenrollenhalter und stellt die volle Rolle auf die Fensterbank. Dann tritt ein, was ich oben schon beschrieben habe, was mir sehr, sehr selten passiert.

Ich habe mir schon diverse Strategien überlegt, DIMWW auf die rechte Spur zu bringen, z.B. den Rollenbestand einfach auf Null fahren zu lassen, damit er dann im Falle des Falles ohne dasteht. Ich bin mir aber darüber im Klaren, dass es im Zweifelsfall nicht meinen Sohn treffen wird, sondern mich! So ist das. Ich weiß das! Also habe ich diesen Plan verworfen.

Dann habe ich einige Zeit den Zustand so gelassen, wie er war, d.h. die leere Rolle auf dem Halter, die volle habe ich dann allerdings sichtbar darauf gelegt. Auch das hat DIMWW nicht weiter gestört. Er hat das Problem schlichtweg ausgesessen, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe.

Ich bin ratlos. WER KANN MIR HELFEN?

 

 

 

 

 

Wer zu spät kommt, oder sich zu spät meldet…..

Gestern war ich mit meiner Freundin auf der Osnabrücker Kulturnacht, die einmal im Jahr im September stattfindet und in der Altstadt ein großes Programm an kulturellen Ereignissen bietet. Man oder frau kann sich gar nicht alles ansehen, zumal sich die Termine auch überschneiden.

Meine Freundin entschied sich dazu, der Märchenerzählerin Susanne Meyer im „Lieblingscafé“ zu lauschen. Ich hatte mir vorgenommen, in diesem Jahr einmal an der Führung durch die Studios des NDR am Markt teilzunehmen. In den vergangenen Jahren war ich jedes Mal zu spät gekommen, als schon alle Führungen voll waren.

Image result for fotos kulturnacht osnabrück 2017 kostenlos

Bis zum Beginn der Veranstaltung schlenderte ich noch ein wenig über Dom- und Rathausplatz. Auf dem Domplatz hatten Schülerinnen und Schüler eine Ausstellung zum Thema „WORT“  anlässlich des Reformationsjubiläums gestaltet. Medium waren jeweils Türen: Türen, die sich öffnen lassen, aber auch solche, die verschlossen bleiben oder werden. Ihr wisst sicher, was das für ein Gefühl ist, wenn man/frau z.B. nicht in seine/ihre eigene Wohnung kommt, weil man/frau den Schlüssel vergessen hat. Oder wenn man/frau mit dem Partner sprechen möchte, der aber auch seine Türen/Ohren verschließt und eine Kommunikation unmöglich wird. So können wir uns doch sicher vorstellen, wie es ist, wenn man als Flüchtling in ein Land kommt, nachdem man/frau schon so viel Schreckliches erlebt hat, und die Türen sind geschlossen, im wörtlichen oder übertragenen Sinn.

Die Schüler schrieben auf, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Die meisten von ihnen wünschen sich eine Welt ohne Rassismus, Terrorismus, Krieg, Ausgrenzung und positiv gewendet eine gerechte, freie Welt. Ich verharrte eine Weile bei den Wünschen dieser Kinder, für deren Zukunft wir ja auch verantwortlich sind, und fragte mich, ob wir alles tun, um für sie eine solche Welt zu schaffen oder es zumindest zu versuchen. Angesichts der derzeitigen politischen Lage bin ich mir da alles andere als sicher.

Auf dem Platz vor dem Rathaus (dort wurde 1848 zusammen mit Münster der Westfälische Frieden geschlossen und Osnabrück fühlt sich deshalb dem Thema Frieden in besonderer Weise verpflichtet) luden  Baumstämme mit ausgesägten Sitzflächen und Buchhüllen als Rückenlehnen zum Niederlassen und Zuhören ein. Auf einem erhöhten „Thron“ wurde nonstop vorgelesen.

Es blieb mir keine Zeit mehr, weiter zu schauen, weil ich zur Führung beim NDR wollte.

Wir, dass waren etwa 10 Personen, wurden zunächst in den dritten Stock geführt, wo uns die leitende Redakteurin erläuterte, wie die Themen für die Regionalsendungen zustande kommen. Übrigens ist die Redaktion sowohl für den online-Auftritt, als auch für das Radio- und Fernsehprogramm zuständig mit einem Personalbestand von 25 Mitarbeiter*innen, davon 8 Festangestellte. Sie berichtete z.B., dass allein gestern 300 emails eingegangen seien von den verschiedenen vernetzten Stellen wie z.B. der Polizei, aber auch von Privatpersonen, die etwas melden, was ihnen interessant erscheint. Alle emails werden gelesen und geprüft, ob sie in die jeweiligen Sendungen oder Nachrichten einfließen. Zulieferer sind Außenstellen in Lingen, Oldenburg, Lüneburg und einem weiteren Ort, den ich vergessen habe.

Anschließend wurde uns die technische Seite der Beitragsproduktion erläutert. Heutzutage natürlich alles digitalisiert. An dieser Stelle fragte uns die Technikerin, wer denn Lust hätte, mal eine Kurznachricht im Studio einzusprechen. Ich hatte im Programm davon gelesen und mir gedacht, dass ich das gerne täte. Als die Frage an uns gerichtet wurde, meldete sich zunächst niemand. Ich zögerte weiter und dachte, wenn sich keine/r meldet, mache ich es. Aber da meldete sich eine Frau und bekam den „Job“. Sie machte es sehr gut, aber ich war enttäuscht über mich selbst. Warum hatte ich mich nicht gleich gemeldet? Warum wollte ich wieder anderen den Vortritt lassen? Habe ich es denn immer noch nicht gelernt, auch für meine eigenen Wünsche einzutreten. Ja sicher, dann hätte die andere Frau zurücktreten müssen. Aber es konnte ja nur eine/r werden.

Als letztes kamen wir noch in den Schneideraum, auch hier alles auf dem technisch neuesten Stand, wie die Schneiderin erklärte. Sie führte vor, wie das Schneiden funktioniert und wir man/frau z.B. Gesichter unkenntlich macht („weißt“).

Alles in allem sehr interessant!

Nachdem meine Freundin und ich uns wieder gefunden und uns bei einem Cappuccino etwas entspannt hatten, begaben wir uns noch zu einer kurzen Theatervorstellung im Kulturzentrum Lagerhalle. Dort wurde ein Einblick in ein Stück über Speeddating gegeben. Je 5 Männer und Frauen begegnen sich, ihren eigenen Tücken und denen des Gegenübers. Auch ein spannendes Thema, wie schwierig die Kommunikation zwischen Mann und Frau sein kann, vor allem, wenn man sich zuvor noch nie begegnet ist. Leider war es nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Programm.

Ein gelungener Abend, bis auf, ja bis auf mein Zögern und Zaudern, daher der Titel meines Beitrages. Ich bin mal wieder zu spät gekommen (kommt auch ziemlich häufig vor) bzw. habe mich zu spät gemeldet.

Also, liebe Leute, wenn ihr etwas gerne tun möchtet und es bietet sich eine Gelegenheit, dann tut es, tut es! Sonst seid ihr von euch selbst enttäuscht, so wie ich gestern. Nutzt jede Chance, euer Leben auszufüllen mit Dingen, die euch Freude machen, die euch in eurer Entwicklung weiter bringen, die eurem Leben Sinn geben.

Es gibt nicht Gutes, es sei denn, man tut es (oder natürlich frau!)

Also, seid mutig!

 

 

 

 

Eine neue Brücke in 3 (4) Akten

Ich wundere mich immer wieder, dass die Themen für eventuelle neue Beiträge eigentlich auf der Straße, oder wie in diesem Fall mal wieder, auf dem Behandlungsstuhl meines Zahnarzt liegen. Nachdem ich das letzte Mal fast von eben diesem gefallen wäre wegen einer mangelhaften Konstruktion bzw. fehlerhaften Stellung im Vergleich zum Behandlungsstuhl, musste ich mich dieses Mal zwangsläufig in Behandlung begeben. Ja, wie war es eigentlich dazu gekommen? Nichtsahnend war ich pflichtgemäß zum Kontrolltermin gegangen. Alles gut? Hättest du wohl gerne gehabt. Trotz emsiger Pflege meiner eigenen und auch der schon ersetzten und überkronten Beißwerkzeuge hatte sich der böse Karies unter eine undichte Krone gesetzt, ohne mich zu fragen, ohne mich zu benachrichtigen, ohne zu zögern und ohne jedes Mitleid für seinen Wirt. Dort konnte er nun ungestört sein Werk vollenden. Der Zahnarzt machte ein ernstes Gesicht und meinte, naja, da ist wohl nicht mehr viel zu retten. Es war tatsächlich nicht mehr viel da vom Zahn (ich gehe jetzt bewusst und mit Rücksicht auf die Vorstellungskraft meiner Leser und Leserinnen nicht näher ins Detail).

Der langen Rede kurzer Sinn – ich liebe diesen Ausdruck – um mich kurz zu fassen – an der besagten Krone hing noch eine Brücke, d.h. es würde eine größere Aktion werden.

Drei Termine wurden vereinbart.

Ich hatte noch eine vage Erinnerung daran, wie es mir beim ersten und zweiten Mal meiner Bekronung ergangen war. Das erste Mal ist schon Ewigkeiten her und ich bin dem Zahnarzt (aus Münster, wie hieß er doch noch…irgendwas mit W am Anfang mit Praxis am Prinzipalmarkt, aber ist auch egal, den gibt’s wahrscheinlich schon gar nicht mehr) heute noch böse bzw. ergreift mich die ungezügelte Wut, dass er mir im zarten Alter von 18 Jahren mehrer Zähne meinte überkronen zu müssen. Bis dato waren meine Zahnärzte durchaus mit mir zufrieden gewesen und bis auf ein paar Plomben (damals noch aus Amalgam) war alles gut gewesen. Nicht so nach der Auffassung dieses Zahnarztes. Auch die Krankenkasse und die Eltern sprachen mir zu und na gut, in dem Alter vertraut man den Menschen ja auch noch. Jedenfalls habe ich, wie wahrscheinlich viele seiner PatientInnen, damit seine Großwildjagden finanziert, derer er sich brüstete (ich wollte nur zeigen, dass ich den Genetiv als älterer Jahrgang durchaus noch beherrsche).

Eins zieht das andere nach sich. 20 Jahre später musste das Ganze erneuert werden. Das war notwendig, die Ärztin kompetent, aber das Leiden wieder groß: alle betroffenen Zähne neu abschleifen, abdrücken (Kurzform für Abdruck machen lassen), neue Kronen anprobieren, aufsetzen. Ich kurz vorm Kreislaufkollaps. Zuviel Betäubungsmittel. Kurz vorm Abtransport zum Notarzt.

Und jetzt, 20 Jahre später, geht’s wieder los. Ich muss zu meiner Ehrenrettung sagen: Ich habe meine Zähne immer liebevoll und sorgfältig gepflegt schon aus eigenem Interesse. Aber wenn die Kronen nicht mehr ganz dicht sind, dann gräbt sich der Karies eben eine Höhle.

Soweit zur Vorgeschichte, die ich einfach nicht auslasssen kann. Zu traumatisch das Ganze!

So, erster Termin. Am meisten Angst hatte ich vor der Spritze in den Unterkiefer. Sehr unangenehme Geschichte. Da der Zahn aber nicht mehr ganz so lebendig war, genügte eine örtliche Betäubung, so dass ich schon glaubte, mit einem blauen Auge bzw. einer örtlichen Sedierung davon gekommen zu sein.

Aber dann kam der ominöse Abdruck, oder besser gesagt, die beiden Abdrücke. Der erste, ziemlich weiche, machte noch keine Probleme, abgesehen davon, dass er zweimal wiederholt werden musste, weil er nicht das gewünschte Ergebnis erbrachte, sondern lediglich Krümel im Mund und im Abdruck zurückließ. Dann kam ein zweiter Abdruck. Diesmal wurden härtere Geschütze aufgefahren.

Die beiden Abdrücke hatten jeweils verschiedene Farben, der erste weiche, bezeichnenderweise rosa, der zweite grün. Wofür steht die Farbe grün? Seit eben diesem Tag für „Hass“. Ich benutze dieses Wort eigentlich nie, aber da man Abdruckmaterial ja nicht beleidigen kann, lasse ich meinen Emotionen ungebremsten Lauf.

Man/frau kann sich vielleicht vorstellen, was jetzt kommt?

Ja genau, das Material wurde härter und härter…Drei Zahnarzthelferinnen um micht herum, die sich bemühten, die Abdruckschale wieder zu entfernen. Zwecklos jedes Zerren und Ziehen der zarten weiblichen Hände. Nun musste der Zahnarzt ran. Ehrlich gesagt, war ich bis dahin noch nicht so ganz überzeugt von seinen Qualitäten. Ich trauerte auch immer noch „meinem“ in die Schweiz entflohenen Zahnarzt nach.

Aber bevor ich ihm dann doch zutiefst dankbar war, mich so beherzt vom Abdruck befreit zu haben, dachte ich, er würde mir zusammen mit dem Abdruck sämtliche Zähne gleich mit herausreißen. Ich kann es nicht beschreiben. Wer es noch nicht erlebt hat, kann es auch nicht nachempfinden. Du hast ehrlich Angst, dass das Ding für immer in deinem Kiefer stecken bleibt. Der Zahnarzt fuhrwerkte mit seinen Händen in meinem Kiefer rum und zerrte und zog, und zog und zog und zog…..Irgendwann schaffte er es doch noch. Er ist bestimmt genauso ins Schwitzen gekommen wie ich.

Oh, wie sehr brauchte ich jetzt sein Lob, dass ich tapfer gewesen sei. Was blieb mir auch anderes übrig.

Tief durchatmen. Auch jetzt noch, zwei Wochen später.

Beim zweiten Termin alles harmlos! Der erste Entwurf der neuen Brücke wurde angepasst. Das Provisorium, das ich zur Überbrückung bekommen hatte, hielt, es sollte aber auch nicht übermäßig gebraucht werden, so dass ich Krämpfe auf der jetzt mit Kauen überforderten linken Kieferseite bekam. Diese musste dann wieder eine Physiotherapeutin entspannen. Ich laufe jetzt also gerade hin und her zwischen Zahnarzt und Physiotherapeutin, um mich so halbwegs im Gleichgewicht zu halten. Vielleicht brauche ich anschließend auch noch eine Therapie.

Wie gesagt, alles nicht so schlimm beim zweiten Mal. Gegen Ende wurde mir noch eine Apparatur vor das Gesicht und auf die Nase geschraubt, um das richtige Verhältnis von Ober- und Unterkiefer auszumessen. Schade, dass ich davon kein Photo machen konnte.

Heute nun der dritte Termin: Auf dem Plan: Einsetzen der neuen Brücke. Sollte alles schnell gehen. Der Zahnarzt setzte sie, die neue Brücke, ein und mir fiel sofort auf, dass alle Zähne der Brücke – auch die hinteren Backenzähne, die wegen der Symetrie nicht verblendet sein sollten – verblendet waren. Auch der Zahnarzt bemerkte dies sofort. Außerdem stimmte die Farbe nicht mit der meiner noch mir eigenen Zähne überein. Der Techniker musste geholt werden. Er bot mir an, die Brücke mit den Verblendungen zu behalten. Mir würden keine Extrakosten entstehen. Mit der Begründung, dass weniger Metall im Mund auch gesünder sei, köderte er mich schließlich. Die Farbgebung muss allerdings noch korrigiert werden.

Am Freitag soll dann der 4. und hoffentlich letzte Akt der ganzen Operation stattfinden.

Bloggen ist auch immer Selbsttherapie!

Bis dahin, und passt gut auf eure Zähne auf!

 

.

 

 

Morgens um sieben….

ist die Welt noch in Ordnung, dachte ich gerade so bei mir im Traum, als mein Wecker mir unverschämt „Viertel vor sieben“ ins Ohr zeterte. Ich gab ihm eins auf Maul und wollte mich noch mal umdrehen. Dem widersprach der Müllwagen von draußen. Lautstark ächzend belud er sich mit den Plastikabfällen der letzten beiden Wochen.

Und da schoß mir durch den Kopf: Freitag, 7. Juli 2017. Liste. Müll rausbringen. Claudia Rachut. Es schoß mir in die Glieder. Ich hatte vergessen, am Abend vorher den Müll an die Straße zu stellen. Ich! Die Hüterin des Müllrausbringehausplans!Ich! Ich, die darüber wacht, dass die anderen Hausbewohner, insbesondere die Neuzugänge, die mit den Gepflogenheiten in einem Mietshaus und speziell in unserem, noch nicht vertraut sind, ihren Dienst ausführen.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Ich bin keineswegs die Hausmeisterin in diesem Haus, in dem ich wohne, und hatte auch nie entsprechende Ambitionen, auch wenn es hier und da anders launtende Gerüchte gibt. Ich hasse es auch, andere Menschen zu erziehen. Meinen Sohn habe ich gerade noch groß gekriegt, aber doch auch mehr in einem demokratischen Diskurs. Manches hat geklappt, manches auch nicht, manches trägt auch jetzt erst Früchte.

Zurück zum Thema. Als ich hier einzog, war es der Familienvater ganz unten links im Haus gewesen, der offensichtlich immer alle Mülltonnen rausstellte. Wie sich das entwickelt hatte, konnte ich im Nachhinein nicht mehr eruieren. Es war halt so und keiner hatte sich je beschwert. Als die Familie auszog, entstand folgerichtig eine Müllherausstellungsvakuum. Ich kann mich nicht erinnern, wieso und warum, jedoch scheine ich in eben dieses Vakuum hineingesprungen zu sein, denn Vakui (ja, so heißt das, habe ich kürzlich noch nachgeschlagen und meinem Sohn als Rätselfrage gestellt, was ihn in tiefste Verzweiflung stürzte) kann ich im Allgemeinen schlecht ertragen und nicht geleerte Mülltonnen noch weniger, vor allem im Sommer aus Gründen, die sich jeder bild- und gerüchlich vorstellen kann. So führte ich also eine Liste ein, auf der alle Hausbewohner, bis auf die älteren unter ihnen, die ich großzügig freigestellte, gleichmäßig für Dienste eingeteilt wurden. Später konnte dem Gerechtigkeitsgedanken nicht mehr durchweg Genüge geleistet werden, da die Anzahl männlicher Mieter auf zwei schrumpfte und ich sie allein auf das Herausbringen der Papier- und Restmülltonnen verpflichten musste, während die weiblichen Hausbewohner seither die Säcke (um jedwedem Missverständnis aus dem Weg zu gehen, die gelben Säcke für Verpackungsmaterial, ) an die Straße zu stellen hatten. Bisweilen hat es eben auch Vorteile, für das „schwache“ Geschlecht gehalten zu werden. Auf einer eigens einberufenen Hausversammlung stellte ich die Liste zur Abstimmung und erhielt die erforderliche Stimmenmehrheit. So wurde  mein Vorschlag aus olfaktorischen Gründen angenommen und trat in Kraft.

Im Laufe der Zeit gab es immer mal wieder neu eingezogene Mieter und Mieterinnen, die erst mit dem Verfahren vertraut gemacht werden bzw. bei denen die Einsicht in die Notwendigkeit des solidarischen Handelns in einer Hausgemeinschaft erst geweckt werden musste. Im Großen und Ganzen aber ein Erfolgsmodell.

Am vorletzen Freitag hatte ich keine Zeit mehr, meinen Gedanken über diese Erfolgsgeschichte länger nachzuhängen. Ich sah es schon vor meinem inneren Auge, sie würde ins Wanken geraten, nein für alle Zeiten und ein für allemal beendet sein, würde ich in diesem Augenblick versagen. Meine Körpertemperatur musste inzwischen die 40° überschritten haben. Meine Pulsadern quollen hervor, so dass ich mit bloßem Auge erkennen konnte, dass etwas schief lief. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn, lief meine Wirbelsäule hinunter.

Wegen der Sommerwärme recht spärlich bekleidet mit einem Schlafanzugoberteil streifte ich mir flugs meine Jeans von gestern über, war schon fast drauf und dran, barfuß die Treppe herunter und auf die Straße hinaus zu stürzen, um das Unheil  aufzuhalten, als ich fast – zum Glück – über meine Mokassins stolperte, in die ich hineinschlüpfte. Dann raus auf die Straße. Der Müllwagen hatte unser Haus schon passiert und war auf dem Weg zur Straßenkreuzung. Ich hinterher in meinem unvollständigen Aufzug, wild mit dem Arm gestikulierend und „halt“, „halt“ rufend. Der  Müllwerker schaute mir ziemlich entgeistert entgegen. Beim ihm angekommen, haspelte ich ihm etwas ans Ohr, von wegen Müll vergessen, ich, ausgerechnet ich….Liste usw. usf. und zeigte dabei auf unser Haus. „Müll“ musste er wohl verstanden haben, denn er folgte mir im Laufschritt zurück und half mir sogar, die gelben Säcke aus dem Keller zu holen. Als wir wieder hochkamen, hatte auch der Müllwagen bis auf Höhe unseres Hauses zurückgesetzt, lud die gelben Säcke auf und für den Bruchteil einer Sekunde meinte ich wahrzunehmen, dass er mir wohlwollend zuzwinkerte.

Und was war mit der Grünen Tonne? Die hatte ich auch vergessen. Der Müllwerker beruhigte mich: dafür seien sie nicht zuständig, aber die würde später abgeholt. Gerettet.

Im Geiste hatte ich schon all die  HausbewohnerInnen, die ich über die Jahre an ihre Aufgabe erinnert hatte,  eine rauschende Party aus Anlass meines Versagens feiern sehen!

Noch mal Glück gehabt.

Sieben Uhr. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung.