Jetzt benimm dich mal anständig….

oder: Setz dich anständig hin

oder: zieh dir was Anständiges ans

oder: hast du keinen Funken Anstand im Leib

oder, oder, oder…

kommen euch solche Aussagen bekannt vor? Wenn ihr so in meinem Alter seid, wahrscheinlich schon. Wer hat solche oder ähnliche Aufforderungen oder Tadel nicht auch mal gehört in seiner Kindheit und Jugend?

Heute klingen solche Sätze verstaubt, veraltet, nicht mehr zeitgemäß bzw. aus der Zeit gefallen, die so etwas wie Anstand gar nicht mehr braucht (?), oder schon gar nicht mehr weiß, was das überhaupt bedeuten soll.

Nun, inspiriert mal wieder durch einen Essay in der „Zeit“ zu diesem Thema, möchte ich mich der Frage widmen, was Anstand ist, ob wir das heute noch brauchen, oder ob unsere Gesellschaft über so etwas wie Anstand hinausgewachsen ist und sich auf einem Level von Aufgeklärtheit befindet, dass niemand mehr in dieser Weise belehrt werden muss.

Zur Klärung des Begriffs bediene ich mich zunächst wieder einmal Wikipedia- wie schön, dass es das gibt, um sich schnell Informationen zu beschaffen. Wikipedia definiert also folgendermaßen:

  1. gute Umgangsform; gutes, höfliches Benehmen
  2. [2] Unterbrechung des Pirschganges

Zweite Definition aus dem Wortschatz der Jagd können wir links liegen lassen. Diesen Jägerhut setze ich mir nicht auf.

So ist es mir beigebracht worden, wenn ich die oben genannten Aussprüche meiner Eltern als Kind auch erstmal nicht unbedingt als höfliche Aufforderung zu höflichem Benehmen  aufgefasst habe, sondern als Kritik an meinem Benehmen und Verhalten. Als Aufforderung, mich irgendwelchen gesellschaftlichen Normen von gutem Benehmen unterzuordnen, die ich damals nicht unbedingt verstanden habe und deren Bedeutung sich mir auch erst später erschlossen haben. Schließlich hat mir damals niemand erklärt, was gutes Benehmen ist und warum. Es wurde etwas in den Raum gestellt, das ich, wie gesagt, in erster Linie als Kritik an meiner Person aufgefasst habe, denn ich wurde auch nicht gefragt, wie es mir damit geht.

Ein Beispiel: Ich wurde von meinen Eltern quasi dazu gezwungen, unsere Nachbarin zu grüßen, obwohl sie mir nach meiner Meinung nicht wohlgesonnen war und ich regelrecht Angst vor ihr hatte. Aber es gehörte sich nun mal, sie zu grüßen. Oder ich bekam bei Spaziergängen einen Knüppel unter meine Arme hinter den Rücken geklemmt, damit ich endlich gerade gehe.

lm Nachhinein verstehe ich natürlich, worum es meinen Eltern ging: Höflichkeit gegenüber anderen Menschen und mich zu einem „aufrechten“ Menschen zu erziehen. Die Methode und der Hinweis auf anständiges Benehmen halfen mir dabei allerdings nicht. Es war die autoritäre Anordnung der Eltern, die mir die Einsicht versperrten.

Was ich nun heutzutage beobachte, ist eine zunehmende Gleichgültigkeit in Bezug auf gutes Benehmen gegenüber meinen Mitmenschen, wenn nicht sogar oft eine regelrechte Verrohung im Umgang. Ich erinnere mich an einen Vorfall von vor dreißig Jahren, als ich hochschwanger mit zu früh einsetzenden Wehen mit dem Auto von der Autobahn herunterfuhr  als Rechtsabbieger. Mir kam ein Wagen  entgegen als Linksabbieger. Er nahm mir die Vorfahrt nahm und mich in Bedrängnis brachte. Ich bedeutete ihm mit einem Kopfschütteln, dass ich sein Benehmen bzw. sein verkehrswidriges Verhalten mißbilligte (es sei darauf hingewiesen, dass ich nicht den berühmten Finger zeigte). Der Fahrer folgte mir daraufhin (auf der zweispurigen Straße) bis zu meiner Wohnung. Als ich dort angekommen ausstieg, beleidigte er mich und meinen Zustand auf das Übelste und ich bekam es regelrecht mit der Angst zu tun. Schließlich konnte ich nicht mehr abschätzen, ob er nicht auch noch tätlich werden würde. Ich habe diesen Vorfall nie vergessen, weil ich die Situation als sehr bedrohlich empfand und ihr auch wehrlos gegenüber stand. Das liegt lange zurück, aber ich höre immer wieder von solchen Ausfällen und Beleidigungen schon bei den geringsten Anlässen. Von den sogenannten shitstorms im Internet ganz zu schweigen. Der Autor des Zeitartikels berichtete von einem Vorfall an einem Fußgängerüberweg, an dem die Ampel auf grün stand und eine Frau mit zwei Kindern die Straße überqueren wollte. Ein Fahrer im Sportwagen schnitt ihr fast den Weg ab und als die Frau auf die grüne Ampel zeigte, kurbelte der Mann das Fenster hinunter und beschimpfte sie mit „Halt’s Maul,  Schlampe“! So, ob man den Begriff Anstand veraltet findet oder nicht, diesem Herrn fehlt es an jeglichem Anstand, oder wie immer man das nennen mag. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der ein derartiges Verhalten zur Regel wird?

Zunächst mal glaube ich, dass es für das gedeihliche Zusammenleben notwendig ist, dass eine Gesellschaft für sich Regeln definiert, die diese Zusammenleben ermöglichen. Dazu gehören für mich neben der Anerkennung der Gesetze auch bestimmte Verhaltensregeln, und damit meine ich in erster Linie den Respekt gegenüber meinen Mitmenschen. Respekt heißt Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, auch mal das Zurücknehmen der eigenen Bedürfnisse z. B., dass ich älteren Menschen den Sitzplatz im Bus überlasse (jetzt bin ich ja auch schon älter und ich freue mich, wenn Schüler mir ihren Platz überlassen, auch wenn sie selbst von der Schule erschöpft sind). Es ist auch nicht schädlich zu wissen, wie man sich bei Tisch verhält. Wir möchten doch für unser Gegenüber (und für uns selbst denke ich doch auch) angenehm im Umgang sein. Heute ist es für mich selbstverständlich, dass ich meine Nachbarn freundlich grüße, sie anlächle oder ein Wort mit ihnen wechsle. Wenn mir natürlich jemand unfreundlich begegne, reagiere ich entsprechend. Kurzum, Kulturtechniken dienen dazu, eine gewisse Sicherheit im Umgang miteinander zu schaffen. Wenn Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen unterschiedliche Kulturtechniken mitbringen, gehört das gegenseitige Kennenlernen und Respektieren zu den ersten Schritten für eine Verständigung.

Gesten wie das freundliche Grüßen oder das Tür aufhalten öffnen auch im übertragenen Sinne Türen und erleichtern das Leben für alle Beteiligten. So habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Arbeitskollegen bei meiner Ankunft morgens im Büro mit ihrem Namen zu begrüßen. Ich freue mich, wenn man mich mit meinem Namen anspricht und mir damit bedeutet, dass man mich bewusst wahrgenommen hat, und so geht es meinem Gegenüber wahrscheinlich auch.

„Anständiges“ oder unanständiges Benehmen kann nun aber auch dazu benutzt werden, sich von anderen Menschen abzugrenzen, die sich scheinbar oder nach bestimmten Maßstäben höherer Gesellschaftsschichten nicht anständig benehmen und somit herabgewürdigt werden. Das finde ich nun wieder nicht anständig.

Ja, in der Tat, ein weites Feld.

Anstand heißt für mich persönlich noch mehr. Mehr als die Respektierung oberflächlicher Verhaltensregeln, die erstmal das Zusammenleben erleichtern. Anstand heißt für mich, dass ich mich anderen Menschen gegenüber respektvoll verhalte in dem Sinne, dass ich sie nicht beleidige, nicht herabwürdige, dass ich aufrichtig bin und man sich auf mein Wort verlassen kann. Aber auch Verständnis dafür, dass sie sich in schwierigen Situationen vielleicht nicht immer so verhalten, wie ich mir das wünsche, dass sie vielleicht manchmal vor lauter Sorgen gerade nicht offen und freundlich sein können, dass sie auch mal eine Verabredung absagen, wenn es ihnen nicht gut geht. Das würde ich für mich ebenfalls in Anspruch nehmen wollen. Aber wie gesagt: unter normalen Umständen sollte das Wort gelten, denn worauf kann ich mich sonst noch verlassen. Und was ich auch noch wichtig finde: dass ich dazu stehe, wenn ich einen Fehler begangen habe. Menschen begehen Fehler, Menschen lernen aus Fehlern (sollten sie jedenfalls!), Menschen dürfen Fehler begehen, ohne dass sie aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Zum Menschsein gehört auch das Verzeihen von Fehlern, die Nachsicht mit dem Unvollkommenen in uns allen! Auch das sind zwei Seiten des Anstandes.

Und jetzt noch ein Wort zu Politik. Wahrscheinlich kann man von Politikern nicht verlangen, dass sie immer aufrichtig sind, gerade in der internationalen Politik geht es vermutlich eher um die richtige Taktik im Umgang miteinander als um Aufrichtigkeit. Glaubwürdigkeit gibt es nach meinem Eindruck kaum noch. Deshalb sind wahrscheinlich auch so viele Menschen Politik-verdrossen. Mal sehen, was aus den ganzen Versprechungen vor der Wahl wird! Darauf will ich jetzt aber nicht auch noch eingehen, obwohl das (unanständige) Verhalten der Politiker oder Wirtschaftsleute  sich natürlich auch auf die Bevölkerung auswirken, da sollen sich die Politiker mal nicht aus der Verantwortung ziehen! Nach dem Motto „Wenn die da oben sich nicht an ihre Versprechungen halten, warum soll ich das tun“. Kann man so sehen, kann für mich persönlich keine Entschuldigung dafür sein, dass ich mich unanständig, d. h. schlimmstenfalls rechtswidrig oder in anderer Weise missachtend verhalte.

Ich bin für mich und mein Verhalten ganz persönlich verantwortlich.

 

 

 

 

 

 

 

Die Sache mit dem Toilettenpapier…

Ich habe gezögert, mich öffentlich zu diesem Thema zu äußern, aber nachdem in der letzten Ausgabe der „Zeit“ ein diesbezüglicher Artikel stand, ist es ja offensichtlich gesellschaftsfähig.

In besagtem Artikel ging es um die Tatsache, dass der Umsatz an ein- oder zweilagigen Toilettenpapieren in den letzten Jahren gesunken sei im Vergleich zu steigenden Verkaufszahlen mehr- und vor allem fünflagiger Papiere. Ein Zeichen steigenden Wohlstandes etwa, denn letztere sind natürlich kostspieliger und damit auch einträglicher für die einschlägige Industrie. Oder größeren Körperbewusstseins oder gar Körperkultes? Man weiß es nicht, und ich auch nicht.

Aus meiner eigenen täglichen Praxis heraus kann ich nur beitragen, dass ich mich immer ziemlich maßlos ärgere – und das kommt sehr, sehr selten vor – wenn ich z.B. in einer Gaststätte oder wie man/frau heute sagt, in einem Bistro(t) das Örtchen besuche und das wohl aus Kostengründen nur einlagige Toilettenpapier nicht einmal den kurzen Weg von der Rolle in meine Hand in unversehrtem Zustand schafft!

Beim Nachdenken über derlei Vorkommnisse erinnerte ich mich an meine ersten Frankreichbesuche, die nun schon viele, viele Jahre zurückliegen. Damals erlitt ich den ersten Kulturschock meines Lebens, als ich z.B. auf Autobahnraststätten oder Campingplätzen mit den dortigen Toiletten, oder was sich so nannte, konfrontiert wurde. Wer war schon mal in Frankreich? Dann wisst ihr, was ich meine. Nungut, beim näherem Hinsehen – hahaha – haben die Stehtoiletten den unsrigen gegenüber zumindest theoretisch einen hygienischen Vorteil, man/frau muß bzw. kann sich nicht auf einer Brille niederlassen und sich dort auch keine Bakterien einfangen. Allerdings konnte/kann man sich schon mal nasse Füße oder ein nasses Hinterteil holen, wenn es einen dann doch mal in die Hocke zwang. Ja, ok, keine weiteren Details. Es ging mir ja auch eigentlich um das Toilettenpapier. Damals in Frankreich gab es an genannten Orten nämlich nur einlagiges und einstückiges braunes – wie sinnig – Toilettenpapier, von dem man oder natürlich auch frau dann mühselig mehrere Stücke übereinanderlegen musste, bevor sie ihren Dienst einigermaßen zuverlässig erledigen konnten. Besonders saugfähig waren sie überdies auch nicht.

Also gut, ich will hier keine Kulturschelte betreiben. Jedem Tierchen sein Pläsierchen und jedem Volk seine eigene Toilette.

Um zum Thema zurückzukehren. In dem o.g. Artikel der hochangesehenen Zeitung wurde noch über die verschiedenen Arten des Gebrauchs von Toilettenpapier berichtet. Ich gebe hier nur wieder. So falten die meisten Menschen das Papier sorgfältig mehrmals zusammen, es sei denn, es ist fünflagig, dann entfällt dieser Schritt, oder sie knüllen es zu einem runden Etwas zusammen, um dann zur Tat zu schreiten. Also mein Gott, muss man/frau das wissen? Ich für meinen Teil, und damit ist dann Schluss mit Lustig, bevorzuge das dreilagige umweltfreundliche, d.h. recycelbare Toilettenpapier.

Wenn ich nun aber schon beim Thema bin: Genügend Toilettenpapier auf der Rolle ist mir ein grundsätzliches Bedürfnis, und ich beobachte genau den Bestand in meinem Toilettenrollenhalter (der, bei dem ich mich kürzlich so heftig in den Finger geschnitten hatte, ihr erinnert euch sicher). Neigt er sich dem Ende zu, fülle ich ihn unverzüglich wieder auf. Nun gibt es da noch einen Mitbewohner, meinen Sohn, der es aber vorzieht, wenn er zukünftig wieder anonym bleibt, also werde ich ihn zukünftig nicht mehr Sohn nennen, sondern DIMWW (der in meiner Wohnung wohnt). Ich werde euch noch einige Male auf diese Änderung hinweisen, aber dann müsst ihr das abgespeichert haben, oder euch gegebenenfalls den Kopf darüber zerbrechen, was mit der Abkürzung gemeint ist. Dann kann ich euch auch nicht weiterhelfen. Jedenfalls dürfte dieses Thema auch viele von euch betreffen. DIMWW braucht die Rolle schon mal gerne auf und versäumt es nicht nur, den Rollenbestand wieder aufzufüllen, sondern belässt die leere Rolle auf dem Toilettenrollenhalter und stellt die volle Rolle auf die Fensterbank. Dann tritt ein, was ich oben schon beschrieben habe, was mir sehr, sehr selten passiert.

Ich habe mir schon diverse Strategien überlegt, DIMWW auf die rechte Spur zu bringen, z.B. den Rollenbestand einfach auf Null fahren zu lassen, damit er dann im Falle des Falles ohne dasteht. Ich bin mir aber darüber im Klaren, dass es im Zweifelsfall nicht meinen Sohn treffen wird, sondern mich! So ist das. Ich weiß das! Also habe ich diesen Plan verworfen.

Dann habe ich einige Zeit den Zustand so gelassen, wie er war, d.h. die leere Rolle auf dem Halter, die volle habe ich dann allerdings sichtbar darauf gelegt. Auch das hat DIMWW nicht weiter gestört. Er hat das Problem schlichtweg ausgesessen, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe.

Ich bin ratlos. WER KANN MIR HELFEN?

 

 

 

 

 

Wer zu spät kommt, oder sich zu spät meldet…..

Gestern war ich mit meiner Freundin auf der Osnabrücker Kulturnacht, die einmal im Jahr im September stattfindet und in der Altstadt ein großes Programm an kulturellen Ereignissen bietet. Man oder frau kann sich gar nicht alles ansehen, zumal sich die Termine auch überschneiden.

Meine Freundin entschied sich dazu, der Märchenerzählerin Susanne Meyer im „Lieblingscafé“ zu lauschen. Ich hatte mir vorgenommen, in diesem Jahr einmal an der Führung durch die Studios des NDR am Markt teilzunehmen. In den vergangenen Jahren war ich jedes Mal zu spät gekommen, als schon alle Führungen voll waren.

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Bis zum Beginn der Veranstaltung schlenderte ich noch ein wenig über Dom- und Rathausplatz. Auf dem Domplatz hatten Schülerinnen und Schüler eine Ausstellung zum Thema „WORT“  anlässlich des Reformationsjubiläums gestaltet. Medium waren jeweils Türen: Türen, die sich öffnen lassen, aber auch solche, die verschlossen bleiben oder werden. Ihr wisst sicher, was das für ein Gefühl ist, wenn man/frau z.B. nicht in seine/ihre eigene Wohnung kommt, weil man/frau den Schlüssel vergessen hat. Oder wenn man/frau mit dem Partner sprechen möchte, der aber auch seine Türen/Ohren verschließt und eine Kommunikation unmöglich wird. So können wir uns doch sicher vorstellen, wie es ist, wenn man als Flüchtling in ein Land kommt, nachdem man/frau schon so viel Schreckliches erlebt hat, und die Türen sind geschlossen, im wörtlichen oder übertragenen Sinn.

Die Schüler schrieben auf, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Die meisten von ihnen wünschen sich eine Welt ohne Rassismus, Terrorismus, Krieg, Ausgrenzung und positiv gewendet eine gerechte, freie Welt. Ich verharrte eine Weile bei den Wünschen dieser Kinder, für deren Zukunft wir ja auch verantwortlich sind, und fragte mich, ob wir alles tun, um für sie eine solche Welt zu schaffen oder es zumindest zu versuchen. Angesichts der derzeitigen politischen Lage bin ich mir da alles andere als sicher.

Auf dem Platz vor dem Rathaus (dort wurde 1848 zusammen mit Münster der Westfälische Frieden geschlossen und Osnabrück fühlt sich deshalb dem Thema Frieden in besonderer Weise verpflichtet) luden  Baumstämme mit ausgesägten Sitzflächen und Buchhüllen als Rückenlehnen zum Niederlassen und Zuhören ein. Auf einem erhöhten „Thron“ wurde nonstop vorgelesen.

Es blieb mir keine Zeit mehr, weiter zu schauen, weil ich zur Führung beim NDR wollte.

Wir, dass waren etwa 10 Personen, wurden zunächst in den dritten Stock geführt, wo uns die leitende Redakteurin erläuterte, wie die Themen für die Regionalsendungen zustande kommen. Übrigens ist die Redaktion sowohl für den online-Auftritt, als auch für das Radio- und Fernsehprogramm zuständig mit einem Personalbestand von 25 Mitarbeiter*innen, davon 8 Festangestellte. Sie berichtete z.B., dass allein gestern 300 emails eingegangen seien von den verschiedenen vernetzten Stellen wie z.B. der Polizei, aber auch von Privatpersonen, die etwas melden, was ihnen interessant erscheint. Alle emails werden gelesen und geprüft, ob sie in die jeweiligen Sendungen oder Nachrichten einfließen. Zulieferer sind Außenstellen in Lingen, Oldenburg, Lüneburg und einem weiteren Ort, den ich vergessen habe.

Anschließend wurde uns die technische Seite der Beitragsproduktion erläutert. Heutzutage natürlich alles digitalisiert. An dieser Stelle fragte uns die Technikerin, wer denn Lust hätte, mal eine Kurznachricht im Studio einzusprechen. Ich hatte im Programm davon gelesen und mir gedacht, dass ich das gerne täte. Als die Frage an uns gerichtet wurde, meldete sich zunächst niemand. Ich zögerte weiter und dachte, wenn sich keine/r meldet, mache ich es. Aber da meldete sich eine Frau und bekam den „Job“. Sie machte es sehr gut, aber ich war enttäuscht über mich selbst. Warum hatte ich mich nicht gleich gemeldet? Warum wollte ich wieder anderen den Vortritt lassen? Habe ich es denn immer noch nicht gelernt, auch für meine eigenen Wünsche einzutreten. Ja sicher, dann hätte die andere Frau zurücktreten müssen. Aber es konnte ja nur eine/r werden.

Als letztes kamen wir noch in den Schneideraum, auch hier alles auf dem technisch neuesten Stand, wie die Schneiderin erklärte. Sie führte vor, wie das Schneiden funktioniert und wir man/frau z.B. Gesichter unkenntlich macht („weißt“).

Alles in allem sehr interessant!

Nachdem meine Freundin und ich uns wieder gefunden und uns bei einem Cappuccino etwas entspannt hatten, begaben wir uns noch zu einer kurzen Theatervorstellung im Kulturzentrum Lagerhalle. Dort wurde ein Einblick in ein Stück über Speeddating gegeben. Je 5 Männer und Frauen begegnen sich, ihren eigenen Tücken und denen des Gegenübers. Auch ein spannendes Thema, wie schwierig die Kommunikation zwischen Mann und Frau sein kann, vor allem, wenn man sich zuvor noch nie begegnet ist. Leider war es nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Programm.

Ein gelungener Abend, bis auf, ja bis auf mein Zögern und Zaudern, daher der Titel meines Beitrages. Ich bin mal wieder zu spät gekommen (kommt auch ziemlich häufig vor) bzw. habe mich zu spät gemeldet.

Also, liebe Leute, wenn ihr etwas gerne tun möchtet und es bietet sich eine Gelegenheit, dann tut es, tut es! Sonst seid ihr von euch selbst enttäuscht, so wie ich gestern. Nutzt jede Chance, euer Leben auszufüllen mit Dingen, die euch Freude machen, die euch in eurer Entwicklung weiter bringen, die eurem Leben Sinn geben.

Es gibt nicht Gutes, es sei denn, man tut es (oder natürlich frau!)

Also, seid mutig!

 

 

 

 

Eine neue Brücke in 3 (4) Akten

Ich wundere mich immer wieder, dass die Themen für eventuelle neue Beiträge eigentlich auf der Straße, oder wie in diesem Fall mal wieder, auf dem Behandlungsstuhl meines Zahnarzt liegen. Nachdem ich das letzte Mal fast von eben diesem gefallen wäre wegen einer mangelhaften Konstruktion bzw. fehlerhaften Stellung im Vergleich zum Behandlungsstuhl, musste ich mich dieses Mal zwangsläufig in Behandlung begeben. Ja, wie war es eigentlich dazu gekommen? Nichtsahnend war ich pflichtgemäß zum Kontrolltermin gegangen. Alles gut? Hättest du wohl gerne gehabt. Trotz emsiger Pflege meiner eigenen und auch der schon ersetzten und überkronten Beißwerkzeuge hatte sich der böse Karies unter eine undichte Krone gesetzt, ohne mich zu fragen, ohne mich zu benachrichtigen, ohne zu zögern und ohne jedes Mitleid für seinen Wirt. Dort konnte er nun ungestört sein Werk vollenden. Der Zahnarzt machte ein ernstes Gesicht und meinte, naja, da ist wohl nicht mehr viel zu retten. Es war tatsächlich nicht mehr viel da vom Zahn (ich gehe jetzt bewusst und mit Rücksicht auf die Vorstellungskraft meiner Leser und Leserinnen nicht näher ins Detail).

Der langen Rede kurzer Sinn – ich liebe diesen Ausdruck – um mich kurz zu fassen – an der besagten Krone hing noch eine Brücke, d.h. es würde eine größere Aktion werden.

Drei Termine wurden vereinbart.

Ich hatte noch eine vage Erinnerung daran, wie es mir beim ersten und zweiten Mal meiner Bekronung ergangen war. Das erste Mal ist schon Ewigkeiten her und ich bin dem Zahnarzt (aus Münster, wie hieß er doch noch…irgendwas mit W am Anfang mit Praxis am Prinzipalmarkt, aber ist auch egal, den gibt’s wahrscheinlich schon gar nicht mehr) heute noch böse bzw. ergreift mich die ungezügelte Wut, dass er mir im zarten Alter von 18 Jahren mehrer Zähne meinte überkronen zu müssen. Bis dato waren meine Zahnärzte durchaus mit mir zufrieden gewesen und bis auf ein paar Plomben (damals noch aus Amalgam) war alles gut gewesen. Nicht so nach der Auffassung dieses Zahnarztes. Auch die Krankenkasse und die Eltern sprachen mir zu und na gut, in dem Alter vertraut man den Menschen ja auch noch. Jedenfalls habe ich, wie wahrscheinlich viele seiner PatientInnen, damit seine Großwildjagden finanziert, derer er sich brüstete (ich wollte nur zeigen, dass ich den Genetiv als älterer Jahrgang durchaus noch beherrsche).

Eins zieht das andere nach sich. 20 Jahre später musste das Ganze erneuert werden. Das war notwendig, die Ärztin kompetent, aber das Leiden wieder groß: alle betroffenen Zähne neu abschleifen, abdrücken (Kurzform für Abdruck machen lassen), neue Kronen anprobieren, aufsetzen. Ich kurz vorm Kreislaufkollaps. Zuviel Betäubungsmittel. Kurz vorm Abtransport zum Notarzt.

Und jetzt, 20 Jahre später, geht’s wieder los. Ich muss zu meiner Ehrenrettung sagen: Ich habe meine Zähne immer liebevoll und sorgfältig gepflegt schon aus eigenem Interesse. Aber wenn die Kronen nicht mehr ganz dicht sind, dann gräbt sich der Karies eben eine Höhle.

Soweit zur Vorgeschichte, die ich einfach nicht auslasssen kann. Zu traumatisch das Ganze!

So, erster Termin. Am meisten Angst hatte ich vor der Spritze in den Unterkiefer. Sehr unangenehme Geschichte. Da der Zahn aber nicht mehr ganz so lebendig war, genügte eine örtliche Betäubung, so dass ich schon glaubte, mit einem blauen Auge bzw. einer örtlichen Sedierung davon gekommen zu sein.

Aber dann kam der ominöse Abdruck, oder besser gesagt, die beiden Abdrücke. Der erste, ziemlich weiche, machte noch keine Probleme, abgesehen davon, dass er zweimal wiederholt werden musste, weil er nicht das gewünschte Ergebnis erbrachte, sondern lediglich Krümel im Mund und im Abdruck zurückließ. Dann kam ein zweiter Abdruck. Diesmal wurden härtere Geschütze aufgefahren.

Die beiden Abdrücke hatten jeweils verschiedene Farben, der erste weiche, bezeichnenderweise rosa, der zweite grün. Wofür steht die Farbe grün? Seit eben diesem Tag für „Hass“. Ich benutze dieses Wort eigentlich nie, aber da man Abdruckmaterial ja nicht beleidigen kann, lasse ich meinen Emotionen ungebremsten Lauf.

Man/frau kann sich vielleicht vorstellen, was jetzt kommt?

Ja genau, das Material wurde härter und härter…Drei Zahnarzthelferinnen um micht herum, die sich bemühten, die Abdruckschale wieder zu entfernen. Zwecklos jedes Zerren und Ziehen der zarten weiblichen Hände. Nun musste der Zahnarzt ran. Ehrlich gesagt, war ich bis dahin noch nicht so ganz überzeugt von seinen Qualitäten. Ich trauerte auch immer noch „meinem“ in die Schweiz entflohenen Zahnarzt nach.

Aber bevor ich ihm dann doch zutiefst dankbar war, mich so beherzt vom Abdruck befreit zu haben, dachte ich, er würde mir zusammen mit dem Abdruck sämtliche Zähne gleich mit herausreißen. Ich kann es nicht beschreiben. Wer es noch nicht erlebt hat, kann es auch nicht nachempfinden. Du hast ehrlich Angst, dass das Ding für immer in deinem Kiefer stecken bleibt. Der Zahnarzt fuhrwerkte mit seinen Händen in meinem Kiefer rum und zerrte und zog, und zog und zog und zog…..Irgendwann schaffte er es doch noch. Er ist bestimmt genauso ins Schwitzen gekommen wie ich.

Oh, wie sehr brauchte ich jetzt sein Lob, dass ich tapfer gewesen sei. Was blieb mir auch anderes übrig.

Tief durchatmen. Auch jetzt noch, zwei Wochen später.

Beim zweiten Termin alles harmlos! Der erste Entwurf der neuen Brücke wurde angepasst. Das Provisorium, das ich zur Überbrückung bekommen hatte, hielt, es sollte aber auch nicht übermäßig gebraucht werden, so dass ich Krämpfe auf der jetzt mit Kauen überforderten linken Kieferseite bekam. Diese musste dann wieder eine Physiotherapeutin entspannen. Ich laufe jetzt also gerade hin und her zwischen Zahnarzt und Physiotherapeutin, um mich so halbwegs im Gleichgewicht zu halten. Vielleicht brauche ich anschließend auch noch eine Therapie.

Wie gesagt, alles nicht so schlimm beim zweiten Mal. Gegen Ende wurde mir noch eine Apparatur vor das Gesicht und auf die Nase geschraubt, um das richtige Verhältnis von Ober- und Unterkiefer auszumessen. Schade, dass ich davon kein Photo machen konnte.

Heute nun der dritte Termin: Auf dem Plan: Einsetzen der neuen Brücke. Sollte alles schnell gehen. Der Zahnarzt setzte sie, die neue Brücke, ein und mir fiel sofort auf, dass alle Zähne der Brücke – auch die hinteren Backenzähne, die wegen der Symetrie nicht verblendet sein sollten – verblendet waren. Auch der Zahnarzt bemerkte dies sofort. Außerdem stimmte die Farbe nicht mit der meiner noch mir eigenen Zähne überein. Der Techniker musste geholt werden. Er bot mir an, die Brücke mit den Verblendungen zu behalten. Mir würden keine Extrakosten entstehen. Mit der Begründung, dass weniger Metall im Mund auch gesünder sei, köderte er mich schließlich. Die Farbgebung muss allerdings noch korrigiert werden.

Am Freitag soll dann der 4. und hoffentlich letzte Akt der ganzen Operation stattfinden.

Bloggen ist auch immer Selbsttherapie!

Bis dahin, und passt gut auf eure Zähne auf!

 

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Morgens um sieben….

ist die Welt noch in Ordnung, dachte ich gerade so bei mir im Traum, als mein Wecker mir unverschämt „Viertel vor sieben“ ins Ohr zeterte. Ich gab ihm eins auf Maul und wollte mich noch mal umdrehen. Dem widersprach der Müllwagen von draußen. Lautstark ächzend belud er sich mit den Plastikabfällen der letzten beiden Wochen.

Und da schoß mir durch den Kopf: Freitag, 7. Juli 2017. Liste. Müll rausbringen. Claudia Rachut. Es schoß mir in die Glieder. Ich hatte vergessen, am Abend vorher den Müll an die Straße zu stellen. Ich! Die Hüterin des Müllrausbringehausplans!Ich! Ich, die darüber wacht, dass die anderen Hausbewohner, insbesondere die Neuzugänge, die mit den Gepflogenheiten in einem Mietshaus und speziell in unserem, noch nicht vertraut sind, ihren Dienst ausführen.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Ich bin keineswegs die Hausmeisterin in diesem Haus, in dem ich wohne, und hatte auch nie entsprechende Ambitionen, auch wenn es hier und da anders launtende Gerüchte gibt. Ich hasse es auch, andere Menschen zu erziehen. Meinen Sohn habe ich gerade noch groß gekriegt, aber doch auch mehr in einem demokratischen Diskurs. Manches hat geklappt, manches auch nicht, manches trägt auch jetzt erst Früchte.

Zurück zum Thema. Als ich hier einzog, war es der Familienvater ganz unten links im Haus gewesen, der offensichtlich immer alle Mülltonnen rausstellte. Wie sich das entwickelt hatte, konnte ich im Nachhinein nicht mehr eruieren. Es war halt so und keiner hatte sich je beschwert. Als die Familie auszog, entstand folgerichtig eine Müllherausstellungsvakuum. Ich kann mich nicht erinnern, wieso und warum, jedoch scheine ich in eben dieses Vakuum hineingesprungen zu sein, denn Vakui (ja, so heißt das, habe ich kürzlich noch nachgeschlagen und meinem Sohn als Rätselfrage gestellt, was ihn in tiefste Verzweiflung stürzte) kann ich im Allgemeinen schlecht ertragen und nicht geleerte Mülltonnen noch weniger, vor allem im Sommer aus Gründen, die sich jeder bild- und gerüchlich vorstellen kann. So führte ich also eine Liste ein, auf der alle Hausbewohner, bis auf die älteren unter ihnen, die ich großzügig freigestellte, gleichmäßig für Dienste eingeteilt wurden. Später konnte dem Gerechtigkeitsgedanken nicht mehr durchweg Genüge geleistet werden, da die Anzahl männlicher Mieter auf zwei schrumpfte und ich sie allein auf das Herausbringen der Papier- und Restmülltonnen verpflichten musste, während die weiblichen Hausbewohner seither die Säcke (um jedwedem Missverständnis aus dem Weg zu gehen, die gelben Säcke für Verpackungsmaterial, ) an die Straße zu stellen hatten. Bisweilen hat es eben auch Vorteile, für das „schwache“ Geschlecht gehalten zu werden. Auf einer eigens einberufenen Hausversammlung stellte ich die Liste zur Abstimmung und erhielt die erforderliche Stimmenmehrheit. So wurde  mein Vorschlag aus olfaktorischen Gründen angenommen und trat in Kraft.

Im Laufe der Zeit gab es immer mal wieder neu eingezogene Mieter und Mieterinnen, die erst mit dem Verfahren vertraut gemacht werden bzw. bei denen die Einsicht in die Notwendigkeit des solidarischen Handelns in einer Hausgemeinschaft erst geweckt werden musste. Im Großen und Ganzen aber ein Erfolgsmodell.

Am vorletzen Freitag hatte ich keine Zeit mehr, meinen Gedanken über diese Erfolgsgeschichte länger nachzuhängen. Ich sah es schon vor meinem inneren Auge, sie würde ins Wanken geraten, nein für alle Zeiten und ein für allemal beendet sein, würde ich in diesem Augenblick versagen. Meine Körpertemperatur musste inzwischen die 40° überschritten haben. Meine Pulsadern quollen hervor, so dass ich mit bloßem Auge erkennen konnte, dass etwas schief lief. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn, lief meine Wirbelsäule hinunter.

Wegen der Sommerwärme recht spärlich bekleidet mit einem Schlafanzugoberteil streifte ich mir flugs meine Jeans von gestern über, war schon fast drauf und dran, barfuß die Treppe herunter und auf die Straße hinaus zu stürzen, um das Unheil  aufzuhalten, als ich fast – zum Glück – über meine Mokassins stolperte, in die ich hineinschlüpfte. Dann raus auf die Straße. Der Müllwagen hatte unser Haus schon passiert und war auf dem Weg zur Straßenkreuzung. Ich hinterher in meinem unvollständigen Aufzug, wild mit dem Arm gestikulierend und „halt“, „halt“ rufend. Der  Müllwerker schaute mir ziemlich entgeistert entgegen. Beim ihm angekommen, haspelte ich ihm etwas ans Ohr, von wegen Müll vergessen, ich, ausgerechnet ich….Liste usw. usf. und zeigte dabei auf unser Haus. „Müll“ musste er wohl verstanden haben, denn er folgte mir im Laufschritt zurück und half mir sogar, die gelben Säcke aus dem Keller zu holen. Als wir wieder hochkamen, hatte auch der Müllwagen bis auf Höhe unseres Hauses zurückgesetzt, lud die gelben Säcke auf und für den Bruchteil einer Sekunde meinte ich wahrzunehmen, dass er mir wohlwollend zuzwinkerte.

Und was war mit der Grünen Tonne? Die hatte ich auch vergessen. Der Müllwerker beruhigte mich: dafür seien sie nicht zuständig, aber die würde später abgeholt. Gerettet.

Im Geiste hatte ich schon all die  HausbewohnerInnen, die ich über die Jahre an ihre Aufgabe erinnert hatte,  eine rauschende Party aus Anlass meines Versagens feiern sehen!

Noch mal Glück gehabt.

Sieben Uhr. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung.

 

Gibt es universelle Werte?

Vorletzten Sonntag habe ich mal wieder die „Sternstunde der Philosophie“ auf 3SAT  gesehen. Dort diskutierten zwei Philosophen über die Frage, ob wir überhaupt Werte brauchen und ob es objektive, universelle Werte gibt. Gerade, als ich über den Titel zu diesem Beitrag nachsann (schönes Wort, nicht wahr), kam mir in den dazugehörigen Sinn, dass das Wort „Wert“ ja auch etwas mit werten zu tun hat und sich für mich die Frage nach der Existenz von universellen, für alle Menschen gültigen Werten eigentlich schon beantwortet hat. Ich messe einer Sache einen bestimmten Wert zu, ich bewerte sie, d.h. es ist eine Frage meiner persönlichen Einschätzung, was ich als Wert anerkenne.

 

Die Politiker sprechen immer wieder von unsere „Wertegemeinschaft“ , die der „westlichen Welt“, die sich gerade in Wohlgefallen auflöst, wenn man in die USA schaut. Und auch die EU, die sich angeblich oder vielleicht auch den hehren Wünschen der Gründer entsprechend auf ein Wertesystem der Freiheit, Gleichheit und Solidarität gründet, ist zur Zeit alles andere als diese vielbeschworene Wertegemeinschaft.

Und dann stellt sich letztlich die Frage, ob es universelle Werte gibt und wer sie festlegt bzw. woher sie kommen. Vom Himmel gefallen sind sie sicher nicht oder vielleicht doch, denn wir als Christen – wenn wir denn welche sind – gründen uns doch zuerst einmal auf die 10 Gebote als grundlegende Richtschnur unseres Handelns. Aber auch diese Gebote wurden letztlich von Menschen formuliert.

Andere Religionen haben ebenso ihre Gesetze oder Werte formuliert, und welche sind denn nun richtig?

Philosophisch betrachtet, so ein Argument, könne man sich nicht auf eine Metaebene begeben und von dort aus beurteilen, welche Werte denn nun  die „richtigen“ sind. Vielmehr ist die Festlegung von moralischen Grundlagen für unser Handeln immer ein Aushandlungsprozeß von Menschen, die ihr Zusammenleben regeln möchten. Sie tun dies, indem verschiedene Werte oder Wertesysteme gegeneinander gehalten, abgewogen und nach ihrem Nutzen oder Schaden für die Gemeinschaft bewertet werden, und dies natürlich in Abhängigkeit von der jeweiligen Epoche und Herkunft.

Wir in der sogenannten westlichen Welt haben uns auf die  Einhaltung der Menschenrechte als universelle Rechte geeinigt, weil sie uns als die tragfähigste Grundlage für das Zusammenleben erscheinen. Daraus folgen weitere Ableitungen wie z.B. unsere Verfassung.

Allerdings erfolgt diese Wertfestsetzung längst nicht immer in einem mehr oder minder demokratischen Diskurs, sondern folgt oft genug den Machtinteressen weniger, die sich ihre Herrschaft durch die Unterwerfung der jeweiligen Bevölkerung unter das allgemeine Wertsystem sichern wollen.

Das beantwortet immer noch nicht die Frage, welche Werte sozusagen die Richtigen sind. Wer darf für sich beanspruchen, die Wahrheit zu kennen, zu bestimmen, was richig oder falsch ist?

Und wer sind wir, dass wir uns anmaßen, anderen Völkern unsere Werte aufzuoktroieren?

Für uns hier in Deutschland erscheinen uns Gleichheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau heute weitgehend als selbstverständlich, aber selbst bei uns werden Frauen z. B. noch schlechter bezahlt als Männer. Und schauen wir mal in unsere neuere Geschichte zurück, in die 1960er und 1970er Jahre, die ich als Kind und junge Erwachsene noch erlebt habe (oh, wie hört sich das an!) Erst 1977 wurde ein Gesetz aus dem bürgerlichen Gesetzbuch aufgehoben, demzufolge Frauen ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Bis zum 1. Juli 1958 konnte ein Ehemann ein Arbeitsverhältnis seiner Frau ohne deren Zustimmung kündigen. Er hatte das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Das ist nicht mal 50 Jahre her und unsere Eltern waren damals sicher davon überzeugt, dass ihre Werte richtig waren. Ich erinnere mich noch gut daran, was bei uns zu Hause los war, als meine Mutter Ende der 60er Jahre eine Halbtagsstelle als Verkäuferin annehmen wollte. Mein Vater fühlte sich zutiefst in seiner Ehre als Ernährer der Familie gekränkt. Für meine Mutter war das ein vorsichtiger Schritt in eine gewisse Unabhängigkeit.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Wertesysteme Ausflüsse der jeweiligen Zeit und ihrer Denkweisen sind und daher immer wieder neu ausgehandelt werden müssen.

Nun können „wir“ vielleicht mit Fug und Recht behaupten, dass die Menschenrechte universell und für alle gültig sind. Aus unserer Sicht mag das richtig sein und ich stehe natürlich dazu, aber das heißt nicht, dass alle Welt dem folgt.

Gerade als ich mir die ersten Gedanken zu diesem Beitrag machte, sah ich im Fernsehen einen Bericht über einen rechtspopulistischen russischen Blogger, der regelmäßig westliche und östliche Militärstärke miteinander vergleicht, die östliche Stärke lobt und behauptet, der Westen würde Russland sofort überfallen, hätte er die erforderliche militärische Stärke. Und der letzte Satz aus dem Interview war, dass ihm unsere Werte doch gestohlen bleiben könnten, wäre doch alles Mist. Also gut, das ist ein Einzelfall, oder auch nein, ist es leider nicht. In diesem Fall würde ich persönlich sagen, der Mann hat Unrecht.

Bezüglich der Gültigkeit von Werten ist zusammenfassend zu bedenken, dass es auch meiner Meinung nach keine objektiven Werte gibt. Sie sind prozessoffen und müssen den jeweiligen Bedingungen angepasst werden. Es ist sicher wünschens- und hoffenswert, dass wir uns alle auf die Menschenrechte als universelle Grundlage einigen und ihre Einhaltung gewährleisten.

Übrigens, und diese Anmerkung eines der Philosophen fand ich interessant: Es gibt aus philosophischer Sicht keine objektiven Werte, aber die Politik muss die Einhaltung bestimmter Werte bzw. daraus resultierender Gesetze kategorisch einfordern, um das Staatssystem zu sichern. Auch das ist nicht eindeutig, denn so kann jedes politische System seinen eigenen Werte – oder was sich so nennt – als allgemeingültig erklären, und Abweichungen bestrafen. Ich als Bürger würde darauf pochen, dass die Politik die Einhaltung der Menschenrechte als unsere universellen Werte einfordert und sicherstellt.

Einen gewissen Wertekanon vorausgesetzt, entwickeln die Völker ihre eigenen Konventionen, die auf diesen Werten beruhen, die aber von Gesellschaft zu Gesellschaft durchaus differieren. Und aus dieser Erkenntnis heraus können wir nicht erwarten, dass Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen sich innerhalb kürzester Zeit und problemlos in unsere Gesellschaft integieren. Es bedarf viel Zeit und gegenseitigen Kennenlernens. Während der Europäer z.B. seine Ablehnung durch Kopfschütteln zum Ausdruck bringt, wiegt der Inder den Kopf hin und her, wenn er seine Zustimmung und Aufmerksamkeit bezeugt. Bei den Asiaten gilt das direkte Anschauen des Gegenübers als Affront, während wir das Wegschauen als solchen empfinden. Die Kenntnis dieser kulturellen Unterschiede und ein bisschen Demut im Hinblick auf unsere eigene Geschichte und den Wertewandel in unserer eigenen Gesellschaft könnte das gegenseitige Verstehen erleichtern!

Tschüss

Eure Claudia

 

 

 

Schon wieder eine OP

Ja, was soll ich sagen. Liegt es am Alter, an meiner Schusseligkeit? Keine Ahnung. Es ist ein bisschen von beidem: Verschleißerscheinungen einerseits, manchmal zu hektisches zur Tat schreiten als in Ruhe die nächsten Schritte zu überlegen. Im Oktober letzten Jahres die Sehnenoperation an meinem rechten Fuß, die gut und erfolgreich verlaufen ist, so dass ich jetzt wieder standfest bin.  Dann im April die erste Kataraktoperation. Kürzlich mein „Unfall“ bei der Hausarbeit.

Ihr habt beim Anblick des Titelphotos vielleicht gedacht, dass ich versehentlich den letzten Beitrag über meine Operation am grauen Star noch mal gepostet habe. Nein, habe ich nicht, hätte mir aber irgendwie auch passieren können.

Heute war das rechte Auge dran.

Es war mir ja schon prophezeit worden, dass das Gehirn die unterschiedlichen Dioptrien auf den Augen auf der Netzhaut nicht richtig würde abbilden können und so habe ich in der letzten Zeit schon öfter ein Auge zugekniffen, wenn ich etwas lesen wollte, weil ich mit beiden Augen nicht mehr klar sehen konnte. Also bestand akuter Handlungsbedarf. Der Operateur war krankheitsbedingt einige Zeit ausgefallen, konnte aber früher als erwartet wieder einsteigen, so dass ich nicht, wie befürchtet, bis September warten musste.

Ich will mich bemühen, den Ablauf mal so detailgetreu wie möglich zu beschreiben, neige ich doch sonst dazu, mich mit eher allgemeinen Beschreibungen zu begnügen, die in diesem Fall und mit dem Ziel, euch ein genaues Bild über die OP zu liefern, der Sache nicht gerecht würden.

Ihr müsst wissen, dass es die Vorschrift verlangt (jedenfalls in der Klinik, in der ich war), dass der oder die Operierte 24 Stunden lang nach der OP nicht allein bleiben darf wegen eventueller gesundheitlicher Probleme wie Kreislaufversagen. Da ich zu meinem Termin aber gerade niemanden hatte, der oder die mir einen ganzen Tag und eine Nacht hätte Händchen halten können, rief ich im Krankenhaus an und schilderte die Situation. Ich hatte gedacht, dass sie mich evt. für einen Tag im Krankenhaus aufnehmen würde. Das hätte ich allerdings selbst bezahlen müssen, so dass diese Variante sich von selbst verbot. Ich fragte, was sie in solchen Fällen tun.  Ich bekam keine befriedigende Antwort, aber die Sprechstundenhilfe befragte den zuständigen Anästhesisten. Er schlug vor,  die Sedierung wegfallen zu lassen, dann könnte ich nach Hause gehen. Ich wurde gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Da ich bei der ersten OP keine Angst gehabt hatte, stimmte ich diesem Verfahren zu. Was sollte ich auch sonst machen? Die OP nochmal aufschieben wollte ich nicht.

Gestern erhielt ich noch eine SMS mit dem Hinweis, dass ich um 11:30 Uhr erscheinen sollte, und dass ich vorher frühstücken dürfte. Das kam mir einerseits entgegen, andererseits fragte ich mich, ob das wirklich stimmt! Denn wenn nicht, wäre die OP geplatzt. Ich rief noch einmal an und mir wurde versichert, dass das seine Richtigkeit habe.

Ich kam so gegen 11:20 Uhr an und hatte mich kaum ins Wartezimmer gesetzt und eben begonnen, ein Kreuzworträtsel zu lösen, weil ich mich wie beim letzten Mal auf eine längere Wartezeit eingerichtet hatte, als eine Artzhelferin schon kam und mir in kurzen Abständen dreimal hintereinander Tropfen in die Augen tröpfelte für die notwendige Pupillenerweiterung. Kurze Zeit später saß ich schon im Operationsvorzimmer, wo mir grüne Tarnkappe und -anzug verpasst wurden. Rucksack und Brille wurden im Schließfach verstaut.

Dann wurde ich in den Operationssaal gebracht, wo ich es mir auf dem dazugehörigen Stuhl bequem machen konnte. Ja, ich fand diese liegende Position sehr angenehm und teilte dies auch dem Anästhesisten Dr . Sch. mit, der sagte, er fände es schon mutig, dass ich die OP ohne Sedierung machen lassen wollte. Blutdruck und Puls wurden gemessen, ein Zugang gelegt für Notfälle. Alles im grünen Bereich. Ich atmete tief durch.

Dann begrüßte mich der Operateur, Dr. K. Wir würden uns ja schon kennen. Wie beim letzten Mal erläuterte er mir jeden weiteren Schritt: die Gegend um das Auge wurde gründlich desinfiziert, das Auge mit Tropfen betäubt, das Operationstuch aufgelegt, ein Loch über dem Auge ausgeschnitten. Ein bisschen mulmig war mir zugegebenermaßen schon….Dann wurde ich gebeten, die Augen und den Kopf möglichst ruhig zu halten. Wo der Arzt nun im Einzelnen geschnitten hat, weiß ich nicht. Dann kündigte er an, dass ich jetzt das Geräusch eines Ultraschallgerätes hören würde, mit dem die alte Linse zertrümmert wurde, um anschließend entfernt zu werden. Zu erwähnen noch, dass ich die ganze Zeit in das helle Operationslicht schauen musste. Es war nicht ganz so angenehm, aber auch nicht schlimm. Es wurde immer wieder gespült und weiter geschnitten. Dann wurde die neue Linse eingeführt. Manchmal musste der Arzt seinen Arm auf meinem Gesicht und linken Auge etwas abstützen. Das waren die unangenehmsten Moment der Operation. Aber sie dauerten jeweils nicht lange. Dr. K. lobte mich immer wieder, dass ich das Ganze prima mache. Hat gut getan. Ich schätze, die OP hat nicht viel länger als 10 Minuten gedauert, vielleicht auch etwas länger. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Irgendwann sagte Dr. K., dass es jetzt noch 2 Minuten dauern würde. Exakte Angabe.

Mein Auge wurde anschließend mit einer Salbe und einem Verband versehen (s. oben).

Ich bekam noch ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg: eine Woche keinen Sport, nicht (schwer) tragen, Schonung. Nicht mit dem Rad oder Bus fahren, geschweige denn Auto. Nicht nach vorne beugen (ich weiß nicht, wie lange). Das Auge nicht reiben oder Druck ausüben.

Doktor K. verabschiedete sich und wünschte mir alles Gute.

Anschließend wieder ins Vorzimmer, wo ich vom Zugang und meiner Tarnkleidung befreit wurde und meine Unterlagen mit Rezept bekam. Dann kam der angenehme Teil: das verspätete Frühstück. In aller Ruhe konnte ich ein Brötchen verspeisen und Kaffee trinken, bis der Anästhesist (wenn der Artikel fertig ist, kann ich das Wort Anästhesist wahrscheinlich im Schlaf schreiben) noch einmal kam, um den Blutdruck zu messen. Wir machten ein wenig Small Talk. Ich gebe zu, er war/ist mir äußerst sympathisch. Er sagte, er müsse wieder an den kleinen Ort „Rachut“ in Schleswigholstein denken, der ihm so gefallen hatte. Ich flirtete ein wenig und gab zurück, dass er mich so wenigstens nicht vergessen würde (ich glaube, er wurde ein wenig verlegen). Egal. Ich bedankte mich für die präzise Arbeit und die so freundliche Behandlung. Ja, ich finde, das erleichtert die Sache doch erheblich und schafft Vertrauen!

So, ich hoffe, ich habe einigermaßen präzise den Ablauf der Operation beschrieben. Mit Sedierung war es schon etwas entspannter, aber ich bin froh, dass ich die OP hinter mir habe und ich habe auch das Gefühl, dass ich dieses Mal fitter bin als beim ersten Mal.

Wahrscheinlich habe ich es auch schon beim letzten Mal geschrieben (aber was interessieren mich meine Gedanken von vor drei Monaten):

Die Operation ist kein Problem. Ich habe das Personal als freundlich, empathisch und kompetent erlebt. So wünscht sich Frau den Umgang mit PatientInnen!

Jetzt kommt es noch darauf an, dass alles ohne Komplikationen verheilt, und dann kann ich hoffentlich bald ohne Brille auskommen. Eigentlich schon morgen!

In diesem Sinne: Bleibt schön gesund!

 

 

 

 

 

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Donnerstag vor einer Woche…

Da ich am Wochenende etwas vorhatte, zog ich den Hausputz um einen Tag vor, sicherlich nicht, weil ich ihm den Vorzug vor anderen Aktivitäten gegeben hätte, aber aus rein praktischen Erwägungen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe im Alltag so meine Rituale, vor allem, was die wöchentliche Grundreinigung angeht. Das erspart allwöchentliche neue Planungen.

Von der Küche arbeite ich mich mittels Staubwischen, Staubsaugen und Wischen durch die anderen Wohnräumen bis zur Reinigung des Badezimmers vor. Wenn ich dann dort angekommen bin, ist es mit der Geduld meistens nicht mehr so ganz weit her. Dann sind alle erlernten Methoden, die Ruhe zu behalten und sich in die Arbeit zu versenken, nur noch Makulatur und es geht um die zügige Abwicklung der Restarbeiten. Ich will hier nicht alle Einzelheiten beschreiben, wie ich z.B. den „Alibert“ (den Begriff habe ich für die jüngere Generation in einem früheren Beitrag bereits eingeführt) von oben reinige.

Alle Tätigkeiten sind soweit seit langem Standard und bergen kaum Überraschungen.

Bis letzten Donnerstag.

Ich war gerade in der Toilettenecke zugange oder zuwege (schon wieder so was altes) und wollte den Toilettenrollenhalter von außen abwischen.

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Wie auf dem Bild zu sehen, befindet sich um den unteren Rand herum eine blaue Gummilitze, vermutlich zum Schutz. Das war mir allerdings bis Donnerstag nicht klar. Ich wischte also mit Elan am unteren Rand entlang und geriet dabei unversehends unter die Gummiabdichtung und flutsch, der scharfe Metallrand, den ich offensichtlich freigelegt hatte, trieb sich in meinen rechten Daumen. Aua. Aua. Aua…Hypothetisch stieß ich einen entsprechenden Schmerzensschrei aus, der jedoch, wie nach bereits mehreren ähnlichen Alarmübungen nicht anders zu erwarten, von meiner Umwelt unbeachtet blieb. Weder mein Aufschrei, als ich kürzlich vom Stuhl gefallen bin, noch ein Rauchalarm wegen nicht beachteter Überhitzung der Pfanne (die Rauchmelder funktieren jedenfalls) veranlassten meine NachbarInnen, sich um mein Befinden Sorgen zu machen. So ist die Welt.

Nun stand ich da, das Blut schoss aus der Wunde, mit meinen Lippen presste ich die beiden Seiten meines Fingers zusammen und überlegte, was zu tun sei. Ich zog in Erwägung, die 110 zu wählen bzw. dachte ich, ich könnte versuchen, mit meinem Smartphone zu sprechen, um es zu veranlassen, den Notruf selbständig abzusetzen. Nachdem ich Google mit der Nase aufgerufen hatte, flüsterte ich durch die Lippen hindurch eennsennsnul. Leider verstand mich Google in dieser lebensbedrohlichen Situation nicht und bat ungerührt um Wiederholung. Als ich mich offensichtlich auch beim zweiten Versuch nicht verständlich machen konnte, herrschte mich die ansonsten immer so freundliche Google-Dame an, ich solle gefälligst den Finger aus dem Mund nehmen, wenn ich mit ihr spreche. Völlig verstört fiel mir der Finger tatsächlich in den Schoß. Es blieb mir keine Zeit, mit Frau Google über den Sinn oder Unsinn der totalen Überwachung zu diskutieren,  wenn sie im Notfall doch nicht funktioniert,  da ich meinen Finger unbedingt und sofort wieder an den vorherigen Ort zurückführen musste,  um eine weitere Blutlache auf meiner  weissen Hose  zu vermeiden. Nach anderen Auswegen aus dieser vertrackten Lage suchend, kam mir die Idee, jetzt lieber gleich die Luftrettung einzuschalten, denn schließlich hatte ich vor einem Jahr während des Tages der offenen Tür in einem der hiesigem Krankenhäuser mir just aus diesen Erwägungen heraus ein Jahres-Abo für bevorzugte Luftrettung erkauft. Ich will nicht verschweigen, dass mich die Zugabe eines leuchtend grünen Kulis endgültig überzeugte. Leider fiel mir ein, dass ich alle Zahlungsaufforderungen für die Verlängerung des Abos aus mir unverständlichen Gründen ignoriert hatte.

Was blieb mir also übrig, als mich selbst um meine Rettung zu kümmern. Immer noch den Finger zwischen meinen Lippen zusammenpressend, eilte ich in die Küche und suchte meinen Vorrat an Pflastern heraus.

Viele Küchentücher und Pflaster später lag ich ermattet ob des hohen Blutverlustes auf dem Sofa und betrachtete nicht ohne Stolz die Rundumversorgung meines Fingers. Gerettet!

Ich ahne es schon, ihr glaubt mir die ganze Geschichte nicht?

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Hier ist der Beweis, 1 Woche später…..

Jetzt wächst langsam wieder zusammen, was zusammen gehört.

Also: Augen auf beim Hausputz!

Nähmest du mich?

Nähmest du mich

Mann, der morgen meine Wege kreuzen und mein Herz erwärmen könnte

Nähmest du mich, mich allen meinen Narben auf der Haut und auf der Seele

mit meinen mühsam nur geschlossnen Wunden, die sich im Falle eines Falles

blutig wieder gegenwärtigen

Und nähme ich dich,

du, dessen Risse in des Lebens Laufe ich nicht kenne, dessen Sprache ich erst lernen muss

Nähme ich dich, dessen Täler ich nicht mit durchschritten, dessen Höhen ich nicht mit dir feiern konnte

Du, dessen junge Haut ich nicht gekannt, du, den die Jahre zeichneten und prägten

du, dessen Kraft allmählich schwindet, wie die meine

Und du?

Wie schautest du mich an?

Fänd‘ ich Sehnsucht in deinen Augen nach etwas, das schon längst vergessen schien?

Oder die Abgeklärtheit eines gelebten Lebens

Säh‘ ich Hoffnung, Aufbegehren, Trotz

gegen alle Routine, gegen alle Erfahrung, gegen all die Jahre

Nähmest du mich, nähme ich dich,

so wie wir sind

nähmen wir uns an, ließen wir uns ein

auf was immer in uns, mit uns möglich ist?