Risikogebiet IKEA

Ich hatte diesen Termin schon einige Zeit im Kopf gehabt, aber heutzutage überlegt man es sich ja gleich mehrfach, ob man oder frau sich unter die Leute wagt, zumindest unter größere Menschenansammlungen mit Virenabsonderungspotential. Daneben der Wunsch nach etwas Normalität, und dazu gehört in meinem Leben, ich gebe es offen zu, ab und an ein Besuch bei IKEA. Nun, pünktlich Anfang August landete der neue Katalog in meinem Briefkasten und lud mich ein, die Neuigkeiten zu durchstöbern. Natürlich gibt es bestimmte Produkte, die regelmäßig meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sofern ich keine größeren Veränderungen an meiner Wohnungseinrichtung vornehmen möchte. Aber dazu später.

Ein Blick in die Vergangenheit darf auch in dieser Geschichte nicht fehlen, dafür ist sie da, die Vergangenheit, dass frau sich erinnert. Dabei kann ich den Zeitpunkt eben in dieser Vergangenheit nicht mehr genau ermitteln, als es in meiner Nähe noch kein IKEA gab. Es mag wohl bald 40 Jahre her sein. Das ist eindeutig der Nachteil dieser Rückblicke. Sie machen mir immer wieder bewusst, wie viel Zeit von damals bis heute schon wieder vergangen ist. Damals, jedenfalls, steuerten wir – ja, zu der Zeit gab es noch ein WIR – also mein Mann und mich, einmal im Jahr das große dänische Möbelhaus in Kamen an. Es hatte jedes Mal etwas von Abenteuer… Vorfreude erfüllte uns auf die schöne neue Möbelwelt, und nach Erledigung der Einkäufe gehörten eine Tasse Kaffee und Kotböller einfach dazu. Der Mensch braucht seine Rituale und wenn es was umsonst gibt, ist man auch gern dabei. Das heißt, ob ich damals schon zur IKEA Family gehörte und jede weitere Tasse Kaffee kostenlos erhielt, weiß ich nicht mehr.

So zierten im Laufe der Jahre je nach Geldbeutel die Regalsysteme Sten (oh, jetzt erinnere ich mich doch nicht mehr genau an den Namen dieser Regale, die vermutlich in erster Linie in Kellerräumen für Ordnung sorgen sollten, aber auch für eine Studentenbude genau das Richtige waren) und später „Billy“ unsere Wohnung. Einige davon haben diversen Umzügen, den Unbilden der Zeit und menschlichen Tragödien – sprich der Auflösung unserer Ehe standgehalten. IKEA for ever!? Zumindest was das Haltbarkeitsdatum angeht….

Nun habe ich also am Samstag vor einer Woche meine ursprünglichen Überlegungen in die Tat umgesetzt, mir als Mitglied vom Stadtteilauto ein „flow car“ ausgeliehen und bin losgefahren. Ich dachte, ja ich habe natürlich darüber nachgedacht, was mich erwarten würde, wie voll es wohl sein könnte an einem Samstagnachmittag und dass der angesichts von Corona würden die Leute wahrscheinlich eher auf einen Besuch verzichten. Nun ja, schon als ich mich dem Parkplatz näherte, schwante mir, dass die Realität meine Vermutungen, die ich gutgläubig oder blauäugig oder einfach, weil ich diesen Ausflug machen wollte, Lügen strafen würde. Es kostete mich einige Umrundungen der Parkplatzreihen, bis ich eine Lücke fand. An normalen Tagen normal, an Corona-Tagen beängstigend. Aber jetzt gab es kein zurück mehr.

Absperrungen verwehrten den Eingang und erforderten die Einreihung in die Schlange der überzähligen Kunden, die auf die Zuteilung einer weißen Chipkarte als Eintrittskarte durch einen orange-bewesteten Ordnungshüter warteten. Offensichtlich war die begrenzte Zahl an Kunden überschritten worden. Keine gute Nachricht.

Der Weg durch die Ausstellungshalle ist schnell beschrieben, so schnell, wie ich sie durchlief, am Ende schweißgebadet ob der schlechten Luft und der vielen Menschen, die sich zeitweise eng aneinander vorbei drängten. Kaum ein Ausharren, kaum ein Blick auf die Möbel, nur der Gedanke, hier möglichst schnell wieder raus zu kommen. Kein Kaffee (ich hatte auch meine Family-Card zu Hause gelassen, noch so’n „Unglück“, aber ehrlich gesagt, nicht mal nach kostenlosem Kaffee stand mir der Sinn…nach diesem Ritt durch die Ausstellung und dann noch konfrontiert mit – wie soll ich das beschreiben – einem Restaurant, das durch die vielen Plastikabschirmungen eher einer Baustelle glich.

Anschließend in den Verkaufsraum. Viele Menschen, viele gestresste Menschen, weinende, schreiende Kinder…wahrscheinlich übertreibe ich, aber so ist es mir im Gedächtnis geblieben. Keine Lust, einzukaufen…diesmal keine Gläser, keine Tassen, keine Bettwäsche, keine Teelichter (letztere habe ich übrigens vollständig aus meinem Einkaufsrepertoire gestrichen, nachdem mir der Zusammenhang mit der Zerstörung von Regenwald und der Herstellung der Teelichter aus Palmöl klar wurde. Manche mögen mich jetzt eine „Ökotante“ schimpfen. Ist mir egal. Ganze 18 Euro habe ich dieses Mal ausgegeben. Minusrekord. Dabei nicht mitgerechnet allerdings einige Mitbringsel aus der Lebensmittel-/Süßwarenabteilungen für liebe Menschen aus meiner Umgebung, die durchweg ihre Adressaten nicht mehr erreicht haben.

Nichts wie raus, war mein einziger Gedanke.

Liebe Menschen, kann gut sein, dass ihr das übertrieben findet. Wahrscheinlich habt ihr damit sogar recht. Aber ich kann und will nicht leugnen, dass Corona mich und mein Verhalten beeinflusst und verändert. Die Sorge, andere Menschen oder insbesondere mir nahe stehende Menschen anstecken zu können oder selbst angesteckt zu werden, ist unterschwelliger oder konkreter Bestandteil meines Lebens. Ich stehe nach wie vor dazu, dass wir keine andere Wahl haben als irgendwie mit dem Virus zu leben, d.h. ihn ernst zu nehmen als das, was er ist und nicht so zu tun, als gäbe es ihn nicht, oder als könnte er mir persönlich nichts anhaben. Nein, das ist eine Illusion. Gut, bei uns sind die Infektionszahlen noch immer gut zu händeln, aber wir erfahren immer wieder, wie schnell die Situation kippen kann. Und meine Frage an all diejenigen, die fragen, wo Corona denn ist, und argumentieren, dass es doch nur ein paar Tote gäbe, für die man das ganze System „schrotten“ würde (so drückte es eine Anti-Corona Demonstrantin kürzlich im Fernsehen aus. All denjenigen, die sich ihrer Freiheit beraubt fühlen, möchte ich einige wenige Fragen stellen und würde mich freuen, wenn ihr sie ernsthaft bedenken würdet:

  1. Was glaubt ihr, warum wir hier im Verhältnis so wenige Tote haben?
  2. Was würdet ihr sagen, wenn IHR plötzlich infiziert würdet und im Krankenhaus kein Beatmungsgerät mehr vorhanden wäre für eure Behandlung?
  3. Was, wenn eure Eltern, Freunde, Großeltern…erkranken und sterben würden?

Könnte das einen Sichtwechsel ermöglichen?

Und dann noch zum Punkt Freiheit: Ja, die Freiheit des Einzelnen ist ein sehr hohes Gut, aber das kann keine grenzenlose Freiheit sein. Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo sie die Freiheit des anderen einschränkt oder er den Anderen schädigt. Das ist und sollte in einem Gemeinwesen so sein. Oder was meint Ihr?

Und was für einen Staat wünscht ihr euch? Wer soll wie regieren? „Gute“ Beispiele haben wir gerade genug auf der Welt. Schaut mal genau hin und überlegt, ob ihr anderswo mehr Freiheit hättet!

Vielleicht habt ihr gedacht, das Fazit meines Berichts wäre nach meinen Schilderungen ein anderes. Nein. Nein.

Ich, wir alle leiden unter dieser Pandemie, auch deshalb, weil Erfahrungswerte fehlen und alle, vor allem auch die Verantwortlichen – Politiker, Wissenschaftler etc. – nach immer neuen Antworten suchen müssen. Die Antworten liegen nicht auf dem Tisch, sie müssen gefunden werden. Es gibt immer wieder Irrtümer, es gibt keine oder wenig Gewissheiten. Das macht Angst, aber das macht uns allen Angst und wir sollten gemeinsam versuchen, bestmöglich mit der Situation umzugehen. Und jeder von uns trägt Verantwortung dafür, wie wir mit der Krise fertig werden. Jeder und Jede!

So, in diesem Sinne noch einen schönen Restsonntag, ihr Lieben….und bleibt gesund!

PS: Das ist ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht. Wer immer zu IKEA fahren möchte, soll es tun. Abstand halten und Maske tragen sind auch hier die besten Ratgeber, und vielleicht kann es dann sogar entspannt sein.

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