Trügerisches Sitzgefühl

In Zeiten von Corona – wie oft benutzen wir gerade diesen Ausdruck – nur mal so nebenbei bemerkt – ist der Radius unserer möglichen Erlebnisse ähnlich klein wie der unserer täglichen Bewegungen.

Um mich nicht wieder in die Reihe der Corona-Leugner-Hasser-Leidenden-Gelangweilten-Hinnehmer usw. einzuordnen, heute mal wieder eine kleine neue Geschichte aus meinem wie gesagt nicht gerade ereignisreichen Leben.

Seit Monaten befinde ich mich, wie wahrscheinlich viele von euch, im Home Office, nein, das stimmt so nicht, denn ich bin nicht im Home Office, sondern arbeite mobil. Hört sich erstmal gut an, mobil möchte doch jeder sein! Ich weise aber ausdrücklich auf diese Unterscheidung hin, da sie nicht folgenlos ist: Home Office bringt für den Arbeitgeber mehr Verpflichtungen mit. Er muss z.B. für eine angemessene Ausstattung des Arbeitsplatzes sorgen, heißt Schreibtisch, Stuhl, technische Geräte usw. und sicherstellen, dass u.a. die sicherheitstechnischen und gesundheitlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Mobile Mitarbeiter*innen haben hingegen nur Anspruch auf die technische Notwendigkeiten, denn, wie der Name schon sagt, arbeitet der Arbeitnehmer/die Arbeitnehmerin mobil und ist bei seiner/ihrer Tätigkeit nicht ortsgebunden. Wäre von Vorteil, denn man könnte, wenn es denn ginge, sich gemütlich in die Ecke seines Stammcafés setzen und von dort aus arbeiten. Tja, könnte, hätte, würde….Ist aber ohnehin eine Illusion zumindest für meinen Arbeitsplatz, da ich häufig per Video mit meinen Kolleg*innen kommuniziere/spreche, was in der Öffentlichkeit nicht so gut ankommt. Aber das sind alles nur Nebenschauplätze.

Wie gesagt, während Schreibtisch, Computer und Bürostuhl bis dahin nur gelegentlich benutzt wurden für die Abwicklung digitaler persönlicher Angelegenheiten und die „Beglückung“ meiner Leserschaft auf WordPress mit neuen Artikeln, was ja durchaus eine sinnstiftende Tätigkeit ist, verbringe ich pandemiebedingt seit Monaten ein gerüttet Maß an Zeit vor besagtem Bildschirm in beruflicher Mission. Da die Pandemie und die daraus erwachsene Notwendigung mobilen Arbeitens bei Anschaffung speziell des Bürostuhls noch in den Sternen stand bzw. sich jeder Vorstellungskraft entzog, spielte der Sitzkomfort im Vergleich zum äußeren Erscheinungsbild des Stuhls eine untergeordnete Rolle. Ich stattete die Sitzfläche noch mit einem Schaffell aus und glaubte, der Bequemlichkeit damit genüge geleistet zu haben. Eine warme Sitzfläche, mehr brauchte ich nicht.

Bis, ja, bis nicht der Frühling, sondern Corona übers Land kam und ich zum Arbeiten zu Hause blieb. Mehr und mehr plagten mich Rücken- und Nackenschmerzen. Ich glaubte den Schuldigen bald gefunden zu haben: meinen Bürostuhl.

Allerdings zögerte ich noch einen nicht unerheblichen Augenblick mit der Anschaffung eines neuen Exemplars, denn – und hier schließt sich der Kreis – die Kosten dafür würden mein Konto belasten. Irgendwann war ich der Schmerzen überdrüssig. Nun befanden wir uns zu der Zeit bereits oder schon wieder in einem halben Lockdown, so dass ich den Besuch eines entsprechenden Fachgeschäfts, vor allem auch nach meinen Erfahrungen in dem allseits bekannten schwedischen Möbelhaus – ich berichtete darüber – vermeiden wollte.

Da ich fand, dass ich auf dem Stuhl in meinem Büro äußerst bequem und schmerzlos stundenlang sitzen konnte, erkundigte ich mich im Betrieb nach Modell und Anschaffungskosten in der Absicht, genau so ein Exemplar online zu bestellen und liefern zu lassen. Ich erhielt leider nur unvollständige Informationen, mit denen ich mich bei der Herstellerfirma bzw. dem Lieferanten meldete und mein Anliegen vortrug. Der Herr war sehr freundlich und hilfsbereit – ich erwähne das ausdrücklich, weil es zu den kleinen Freuden des Alltags gehört, wenn Menschen freundlich zueinander sind. Er machte sich große Mühe, das Modell ausfindig zu machen und gab schließlich die Bestellung auf. Ganz sicher war er sich allerdings nicht, da unsere Firma verschiedene Modelle erworben hatte.

Schon wenige Tage später traf der Stuhl bei mir ein.

Auch hier wieder ein sehr netter Herr, der mir die vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten des Stuhls ordnungsgemäß maskiert erläuterte und demonstrierte.

Aber – wir ahnen es schon – ich dachte schon bei der ersten Sitzprobe, dass das nicht der richtige Stuhl sein konnte. So unbequem, hart auf Sitzfläche und im Rücken. Da würde auch kein Schaffell helfen. Wie ich nun mal bin, behielt ich den Stuhl zunächst, um mich vielleicht doch noch „einzusitzen“. Aber es nützte nichts! So ging es nicht.

Es kostete mich erstmal wieder Überwindung – schüchtern wie ich bin – beim Lieferanten anzurufen und mein Unglück zu teilen. Zuvor hatte ich mir aber schon Gedanken gemacht, wie das Problem zu lösen sei. Ich unterbreitete den Vorschlag, ins Büro zu fahren, Fotos von „meinem“ Stuhl zu machen und damit in den Laden zu kommen, um das vermeintlich richtige Modell zu bestellen oder doch ein anderes Modell auszusuchen. Alles kein Problem, sagte der nette Verkäufer. Gesagt, getan.

Als ich dann ins Büro kam, setzte ich mich gleich frohgemut auf meinen Stuhl und erwartete jenes Wohlgefühl, das sich sonst immer sofort einstellte. Aber weit gefehlt. Ihr glaubt es nicht: ich dachte, das kann doch nicht sein. Der Stuhl ist ja gar nicht so bequem! Das konnte doch nicht wahr sein. Dann besah ich den Stuhl genauer und war mir schon fast sicher, dass es sich doch um ein und dasselbe Modell handelte.

Oh, wie peinlich war mir das. Aber da musste ich nun durch. Ich fuhr zum Händler und redete nicht lange drum herum. Er war sooooo freundlich und – man glaubt es nicht – versicherte mir, dass ich nicht die Erste und Einzige sei, der so etwas passiert! Ich habe seitdem viel darüber nachgedacht, wie so etwas zustande kommt. Wirklich erklären kann ich es mir nicht. Ich erinnere mich genau, mit welch entspanntem Gefühl ich mich auf meinen Bürostuhl fallen ließ, wenn ich mal wieder einen Tag vor Ort arbeitete. Und dann dieses völlig andere Empfinden bei mir zu Hause und auch im Büro. Ist die Wahrnehmung tatsächlich so unzuverlässig. Ein Neurologe oder eine Neurologin könnte mir bestimmt eine Erklärung liefern. Vielleicht war die gesamte Situation im Büro entspannter. Ich sitze nicht stundenlang auf meinem Stuhl, sondern laufe auch mal herum, halte ein Pläuschchenen, kopiere usw usf. Zu Hause bin ich allein, stehe kaum auf und bekomme Rückenschmerzen. Tja.

Wie dem auch sei, das Modell wollte ich nun doch nicht zu Hause behalten und wählte ein anderes mit höherer Rückenlehne. Ist für den Rücken an sich nicht so gut, aber dafür achte ich jetzt darauf, dass ich meinen Rücken abseits vom Arbeitsplatz fordere. Und ich denke, nicht der Stuhl ist der Auslöser für die Schmerzen oder nur partiell, sondern der Bewegungsmangel. Diese Erkenntnis war die Sache doch wert!

Viele Grüße vom gar nicht mobilen Arbeitsplatz!

Damit ihr den Gegenstand dieses Artikels vor Augen habt!

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