Archiv für den Monat August 2018

Sterbeversicherung

Liebe Leser*innen,

nicht erschrecken. Ja, wir zucken doch irgendwie zusammen beim Thema Sterben und allem, was da dran hängt. So flatterte mir vor einigen Tagen wieder einmal von meiner Gewerkschaft ein „Sonderangebot“ für eine Sterbeversicherung für Gewerkschaftsmitglieder ins Haus. Das ist doch ein netter Zug von der Gewerkschaft, dass sie sich auch um meine letzten Dinge sorgt! Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich früher auch ähnliche Angebote für andere Versicherungen erhalten habe, in den letzten Jahren jedenfalls werde ich so immer wieder „diskret“ auf dieses Thema hingewiesen. Nein, natürlich nicht. Tod und Sterben sind allgegenwärtig, je älter, desto mehr. Wem sage ich das. Das ist eben so. Und eine Versicherung für den Fall der Fälle abzuschließen, kann ein pragmatischer Akt der (finanziellen) Unterstützung der Hinterbliebenen sein. Aber geht es euch vielleicht auch so: Allein der Gedanke an eine solche Versicherung, könnte er eventuell das Ereignis dazu einladen, schon jetzt oder bald einzutreten? Also besser verdrängen, nicht dran denken? OK. So oder so ähnlich habe ich in den letzten Jahren wohl gedacht und die Anträge immer in den Papierkorb wandern lassen. Aber dieses Mal habe ich den Antrag unterschrieben und er liegt zum Abschicken bereit auf meinem Schreibtisch. Wir sind schon irgendwie merkwürdige Wesen. Einerseits verdrängen wir das Thema bestmöglich und so lange wie möglich, andererseits – aber vielleicht oder sehr wahrscheinlich sind wir dann schon an einem anderen Punkt der Er- und Anerkenntnis angelangt – andererseits möchten wir unsere letzten Dinge vor unserem Ableben (was für ein Wort ab-leben wie ab-legen, wir leben und legen unser  Leben ab, weg damit) regeln, damit unsere nächsten Angehörigen möglichst wenig damit zu tun haben und auch möglichst, wenn möglich, abgesichert sind. Wie gesagt, offensichtlich bin ich jetzt schon in diesem vorletzten Stadium wegen der letztgenannten Gründe…

Aber was ich persönlich – und das war und ist der eigentliche Anlaß für diesen Artikel – für sehr fragwürdig und grenzwertig halte, ist die aktuelle TV-Werbung einer großen Versicherung für eine Sterbe(geld-)versicherung. Man sieht auf dem Bildschirm eine Familie: die alten Eltern und ihre Kinder, die sich liebevoll in die Arme schließen, denn jetzt ist alles geregelt. Die Sterbeversicherung ist abgeschlossen und die Kinder können dem Tod der Eltern beruhigt und sorglos entgegensehen und werden ihre Eltern bis zum Schluss lieb haben.

Man hört ja immer wieder die „tollsten“ Geschichten rund um das Erben…Traurig, traurig. Aber, dass jetzt auch noch über das Fernsehen moralischer Druck auf die alten Leute ausgeübt wird, eine Sterbeversicherung abzuschließen, damit ihre Kinder ihnen wohlgesonnen bleiben, das geht mir nun doch zu weit. Aber, klar, ich bin naiv. Das Versicherungswesen ist kein Wohltätigkeitsverein und sie haben nichts zu verschenken, sondern nur zu erwirtschaften.

Ich muss dazu sagen, dass Versicherungen auch für bestimmte Fälle notwendig und sinnvoll sind, aber mir widerstrebt zutiefst dieser moralische Druck, der dort ausgeübt wird. Ja, nochmal, eine naive Auffassung, denn Werbung beruht auf Emotionen, sonst würde sich nicht funktionieren. Aber den Tod so zu funktionalisieren, finde ich persönlich „abartig“. So, nun ist aber gut. Ich habe auch eine solche Versicherung abgeschlossen, aber aus guten Gründen, und nicht, weil ich mir damit die Liebe meiner Angehörigen erkaufen will oder müsste. Da fällt mir natürlich gleich wieder die Werbung mit dem kleinen Jungen ein, dessen Großmutter auf ihn aufpassen soll und der sagt, dass es wieder so langweilig werden wird mit Oma, wenn ihr alles wehtut. Dann nimmt die Oma Voltaren und schon hat der Enkel seine Oma wieder lieb. Ich muss mich über so was einfach aufregen!!!!!

Als ich vorhin begann, diesen Beitrag zu schreiben, fiel mir zuerst spontan das unten stehende „Gedicht“ ein. Hat glücklicherweise nichts aber auch gar nichts mit meiner Familie zu tun….

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Die Versicherung versichert mir, dass ich sterben werde

Ich versichere meinen Angehörigen, dass ich sterben werde

Wann, weiß ich noch nicht mit Bestimmtheit

aber mit der Versicherung lässt sich sicher verhandeln

Die Kinder versichern mir, dass sie mich lieben

aber sie würden mich noch mehr lieben

wenn ich ihnen versichern würde,

dass ich mich versichern ließe, dass ich mein Sterben versichern ließe

von einer Versicherung ihres Vertrauens

Versichern ist schließlich Vertrauenssache

Und so versichere ich mich – das behalte ich mir vor – bei meiner Versicherung

dass sie mein Sterben versichern

ohne großes Aufheben

aber mit Versicherungspolice

na dann ist jetzt ja wohl alles klar

liebe Angehörigen

aber bis es soweit ist, ihr Lieben

genieße ich mein Leben

und bringe alles durch,

bis auf die Sterbeversicherung

aber nein

das wird nicht verraten

so versichere ich mich eurer Liebe bis zum Tag der Tage und was danach kommt

na, fragt doch die Versicherung

 

Alleinreisend auf Borkum

Hallo liebe Leser*innen,

ich mache es jetzt mal so, wie es derzeit „korrekt“ ist mit *. So kann ich niemanden vergessen (wie heißt eigentlich die weibliche Form von NIEMAND, oder eine gendersensitive Form, wie man heute so sagt? Da wird es schon wieder schwierig, aber das ist ja heute auch gar nicht das Thema. Sondern…

…ich war mal wieder auf Borkum, immer noch meine Lieblingsinsel. Wieder das gleiche Spiel wie letztes und vorletztes und vorvorletztes …Jahr. Ich kann mich nicht entscheiden, wo ich meinen Sommerurlaub verbringen will und lande wieder auf Borkum.

Dieses Mal wohne ich in der Pension Huus in’t Dörp in der Westerstraße. Ich nenne hier den Namen, weil es mir gut gefallen hat. Zentrale Lage, nette Leute, guter Service.

Alle, die Borkum kennen, werden jetzt im Geiste mit mir auf den verschiedenen Wegen wandeln. Alle anderen kann ich vielleicht neugierig auf die Insel machen.

Alleinreisend. Mindestens einmal vor der Abreise beschleicht mich immer eine gewisse Unruhe, die sich bisweilen zu leichten Angstzuständen auswächst. Angst, dass ich mich einsam fühlen könnte und wie ich damit umgehen soll. Allerdings verflüchtigen sich diese Ängste wieder, denn inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen im Urlaub einfach kommunikativer sind und dass es z.B. auf Borkum auch viele Alleinreisende oder Menschen gibt, die offen sind für ein Gespräch oder auch gemeinsame Unternehmungen. Es ist also an mir, den Kontakt zu suchen.

Gutes Wetter ist mindestens ebenso wichtig, denn bei schlechtem Wetter ist es auch schwieriger, anderen, gut gelaunten Menschen zu begegen. Diese Voraussetzung war in diesem Jahr zu 100 % erfüllt: 16 Tage Sonnenschein einschließlich der Rückreise. Erst als ich den Katamaran verließ, zog sich der Himmel zu und ergoß sich langersehnt auf die Erde. Sonnenschein ist schön, aber die andauernde Hitze kann ich nicht mehr denken ohne das Wort „Klimawandel“. Ich habe dennoch versucht, das schöne Wetter so ungetrübt wie möglich zu genießen. Versucht.

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Wie gesagt, war ich schon zigmal auf Borkum und kenne dort dementsprechend jeden Strauch und jeden Stein. Kennen ist zuviel gesagt. Jedes Jahr versuche ich, mir die Namen von typischen Pflanzen und ansässigen oder migrierenden Vögeln einzuprägen. Gut, die wichtigsten Möwenarten kenne ich jetzt: Silbermöwe, Sturmmöve, Lachmöwe…Wobei ich auf der Promenade neben zwei Frauen sitzend deren Dialog über die Schreibweise von Möwe oder Möve mitverfolgen beziehungsweise durch eigene Beiträge bereichern konnte. Es schreibt sich also Möwe, für alle, die jetzt auch gerade unsicher geworden sind. Nicht zu verwechseln mit Mövenpick, dem Eis, dem auch die Möwen nicht abgeneigt sind, mit dem sie aber in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen. Erläuternd ist zu erwähnen, dass sich der besagte Dialog abspielte, nachdem die beiden Frauen sich schon einige Gläschen des mitgebrachten Rotweins zu Gemüte geführt hatten und die Tochter einer der beiden trocken feststellte: Ihr seid ja betrunken!

Mein zweites Studienobjekt in diesem Jahr war die Kartoffelrose. Bis dato hatte ich als Laie*in in diesen Dingen diese überall wuchernde und von Übersee hereingetragende Pflanze für eine Heckenrose gehalten. Wie gesagt: falsch. Es handelt sich um die Kartoffelrose, auch Sylter Rose, Kamschatka Rose oder lateinisch „Rosa rugosa“ genannt. Sie treibt im Sommer die bekannten Hagebutten aus, deren Inneres mir aus der Kindheit als Juckpulver in Erinnerung geblieben ist.

Bei meinen naturkundlichen Rundfahrten beobachtete ich, dass sich Kühe am Tüskendör-See im Ostland mit zunehmender Hitze von Tag zu Tag immer weiter in den See hineinwagten, von den Knöcheln, über die Knie, bis zum Bauch. Man berichtete in der Lokalzeitung, dass ein Wasserbüffel aus dem Zoo in Münster auf dem Weg nach Borkum sei, um den Kühen das Schwimmen im peer to peer-Verfahren beizubringen, um so Abgänge zu verhindern.

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Erstmalig in diesem Jahr wurde ich von einer Ente im Café Ostland in Hand und Schuh gebissen. Sie machte dadurch ihrem Unmut Luft, dass ich sie nicht an meinen Speisen und Getränken teilhaben lassen wollte.

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Das war mir nun doch zu viel, nachdem ich im letzten Jahr schon einem Spatz einen Teil meines Pflaumenkuchens in einem unbeobachteten Moment überlassen musste. Des Weiteren beobachtete ich eine Möwe, wie sie fachgerecht einen Abfallkorb auf der oberen Promenade leerte und sich alles Essbare zu Gemüte führte.

So verbrachte ich also einen beträchtlichen Teil meiner Zeit mit meinen Radtouren um die Insel auf dem ca. 130 km langen Radwegenetz und Beobachtungen der Natur.

Manchmal stand ich kurz vor einem Sonnenstich und musste in den Schatten…Zum Schutz trug ich in diesem Jahr erstmals eine Kappe mit Schirm, auch Schirmmütze genannt, die vor allem meine Augen schützte. Eine gute Wahl.

Ab und zu, wenn es zu heiß wurde, schwamm ich meine Runden im Meerwasser-Schwimmbad. Ja, ich weiß, warum das denn. Denn das Meerwasser war ja angenehm warm. Stimmt. Aber ich hatte ehrlich gesagt keine Lust, immer meinen Hals beim Schwimmen in die Höhe zu recken und Ausschau zu halten nach diesen glitschigen und bisweilen Gift verspritzenden Wasserwesen, um ihnen gegebenenfalls blitzschnell ein Schnippchen zu schlagen.

Nun überkam mich manchmal doch eine gewisse Langeweile, weil ich die Radwege schon in- und auswendig kenne und die allenthalben um mich herumschwirrenden Vögel schon meinen Namen in die Luft zwitscherten. So überlegte ich mir einige Strategien, den Tag abwechslungsreicher zu gestalten:

Ich fuhr den Radrundweg mal von der einen und mal von der anderen Seite, probierte auch noch mal Ab- und Umwege, die mir einen Perspektivwechsel erlaubten.

Meine Mahlzeiten gestaltete ich unterschiedlich, abgesehen vom „reichhaltigen“ Buffet am Morgen. Mal aß ich in der einen oder anderen Strandbude (o.k., es ist mehr oder weniger Imbiss-mäßig, aber man wird satt zu einem angemessenen Preis), mal trank ich nur Kaffee in einem der beiden Ostlandcafés, mal aß ich zu Abend in „Ria’s Beach“ an der Strandpromenade oder verspeiste auf meinem Zimmer einen eingekauften Salat. Ich durchbrach auf diese Weise Gewohnheiten der letzten Jahre. Keine umwerfenden Änderungen, aber doch ein wenig Abwechslung.

Im letzten Jahr hatte ich an einer typisch ostfriesischen Teestunde und einer Wattwanderung teilgenommen. In diesem Jahr stand der Tag der offenen Tür der Borkumer Kleinbahn auf dem Programm sowie der Besuch des Seenotrettungskreutzers „Alfred Krupp“ im Schutzhafen von Borkum unter dem Motto „Ein Seebär kommt selten allein“.

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Beides sehenswerte Ereignisse, vor allem die Fahrt mit dem Triebwagen von 1940 der Borkumer Kleinbahn zum Hafen und zurück. Dort war es in erster Linie der Lokomotivführer, dem meine Aufmerksamkeit galt.

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Highlight in diesem Jahr war die Veranstaltung mit Klaus Peter Wolf, dem Autor der Ostfriesenkrimis. Ich kannte ihn bis dahin nur vom Hören-Sagen, da er auch regelmäßig in Osnabrück liest zugunsten von terre des hommes (ihr wisst ja, dass ich dort arbeite). Ein lustiger Bursche, der das Kind im Manne auslebt…mit viel Humor. Ich glaube nicht unbedingt, dass mich seine Bücher vom Hocker reißen würden, aber der Auszug über den Polizisten Rupert, der unversehens in einen Junggesellinnenabend gerät, war schon sehr lustig.

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Ihr seht, es gibt (immer noch) viel zu sehen und zu erleben auf Borkum.

Und, wie schon zu Beginn gesagt: Es gibt auch viele andere Alleinreisende, die sich darüber freuen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen oder einfach mal ein Gespräch zu führen. Ich hatte in diesem Jahr das Glück, eine Frau fast gleichen Alters kennenzulernen und die letzten Tage mit ihr gemeinsam etwas zu unternehmen. Schon sehr witzig: wir lernten uns beim Softeisessen vor dem Nordseegrill kennen und stellten fest, dass das für uns beide ein Ritual bei jedem Borkum-Besuch ist. Und damit nicht genug: Wir trugen das gleiche Brillengestell von Fielmann. Da war das Eis schon fast gebrochen. Danke, Petra!

Bei allen Aktivitäten und Bedürfnis nach anderen Menschen brauchte ich aber auch immer Phasen der Ruhe und des Alleinseins mit mir und meinen Gedanken, am liebsten auf dem Rad und in der Natur.

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Wenn ich Borkum nun auch schon wie meine Westentasche kenne, so genieße ich doch jedes Jahr auf’s Neue die klare Luft und den unendlichen Horizont. Das ist das immer wieder Faszinierende dieser Insel.

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Und wenn ich dann so allein mit mir bin, kommen mir auch schon mal ganz neue Gedanken, die ich mit nach Hause nehme und vielleicht auch in die Tat umsetze.

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In diesem Sinne wünsche ich euch noch einen schönen Sommer, ob alleinreisend oder nicht, ob zu Hause oder unterwegs.

Eure Claudia