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Sterbeversicherung

Liebe Leser*innen,

nicht erschrecken. Ja, wir zucken doch irgendwie zusammen beim Thema Sterben und allem, was da dran hängt. So flatterte mir vor einigen Tagen wieder einmal von meiner Gewerkschaft ein „Sonderangebot“ für eine Sterbeversicherung für Gewerkschaftsmitglieder ins Haus. Das ist doch ein netter Zug von der Gewerkschaft, dass sie sich auch um meine letzten Dinge sorgt! Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich früher auch ähnliche Angebote für andere Versicherungen erhalten habe, in den letzten Jahren jedenfalls werde ich so immer wieder „diskret“ auf dieses Thema hingewiesen. Nein, natürlich nicht. Tod und Sterben sind allgegenwärtig, je älter, desto mehr. Wem sage ich das. Das ist eben so. Und eine Versicherung für den Fall der Fälle abzuschließen, kann ein pragmatischer Akt der (finanziellen) Unterstützung der Hinterbliebenen sein. Aber geht es euch vielleicht auch so: Allein der Gedanke an eine solche Versicherung, könnte er eventuell das Ereignis dazu einladen, schon jetzt oder bald einzutreten? Also besser verdrängen, nicht dran denken? OK. So oder so ähnlich habe ich in den letzten Jahren wohl gedacht und die Anträge immer in den Papierkorb wandern lassen. Aber dieses Mal habe ich den Antrag unterschrieben und er liegt zum Abschicken bereit auf meinem Schreibtisch. Wir sind schon irgendwie merkwürdige Wesen. Einerseits verdrängen wir das Thema bestmöglich und so lange wie möglich, andererseits – aber vielleicht oder sehr wahrscheinlich sind wir dann schon an einem anderen Punkt der Er- und Anerkenntnis angelangt – andererseits möchten wir unsere letzten Dinge vor unserem Ableben (was für ein Wort ab-leben wie ab-legen, wir leben und legen unser  Leben ab, weg damit) regeln, damit unsere nächsten Angehörigen möglichst wenig damit zu tun haben und auch möglichst, wenn möglich, abgesichert sind. Wie gesagt, offensichtlich bin ich jetzt schon in diesem vorletzten Stadium wegen der letztgenannten Gründe…

Aber was ich persönlich – und das war und ist der eigentliche Anlaß für diesen Artikel – für sehr fragwürdig und grenzwertig halte, ist die aktuelle TV-Werbung einer großen Versicherung für eine Sterbe(geld-)versicherung. Man sieht auf dem Bildschirm eine Familie: die alten Eltern und ihre Kinder, die sich liebevoll in die Arme schließen, denn jetzt ist alles geregelt. Die Sterbeversicherung ist abgeschlossen und die Kinder können dem Tod der Eltern beruhigt und sorglos entgegensehen und werden ihre Eltern bis zum Schluss lieb haben.

Man hört ja immer wieder die „tollsten“ Geschichten rund um das Erben…Traurig, traurig. Aber, dass jetzt auch noch über das Fernsehen moralischer Druck auf die alten Leute ausgeübt wird, eine Sterbeversicherung abzuschließen, damit ihre Kinder ihnen wohlgesonnen bleiben, das geht mir nun doch zu weit. Aber, klar, ich bin naiv. Das Versicherungswesen ist kein Wohltätigkeitsverein und sie haben nichts zu verschenken, sondern nur zu erwirtschaften.

Ich muss dazu sagen, dass Versicherungen auch für bestimmte Fälle notwendig und sinnvoll sind, aber mir widerstrebt zutiefst dieser moralische Druck, der dort ausgeübt wird. Ja, nochmal, eine naive Auffassung, denn Werbung beruht auf Emotionen, sonst würde sich nicht funktionieren. Aber den Tod so zu funktionalisieren, finde ich persönlich „abartig“. So, nun ist aber gut. Ich habe auch eine solche Versicherung abgeschlossen, aber aus guten Gründen, und nicht, weil ich mir damit die Liebe meiner Angehörigen erkaufen will oder müsste. Da fällt mir natürlich gleich wieder die Werbung mit dem kleinen Jungen ein, dessen Großmutter auf ihn aufpassen soll und der sagt, dass es wieder so langweilig werden wird mit Oma, wenn ihr alles wehtut. Dann nimmt die Oma Voltaren und schon hat der Enkel seine Oma wieder lieb. Ich muss mich über so was einfach aufregen!!!!!

Als ich vorhin begann, diesen Beitrag zu schreiben, fiel mir zuerst spontan das unten stehende „Gedicht“ ein. Hat glücklicherweise nichts aber auch gar nichts mit meiner Familie zu tun….

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Die Versicherung versichert mir, dass ich sterben werde

Ich versichere meinen Angehörigen, dass ich sterben werde

Wann, weiß ich noch nicht mit Bestimmtheit

aber mit der Versicherung lässt sich sicher verhandeln

Die Kinder versichern mir, dass sie mich lieben

aber sie würden mich noch mehr lieben

wenn ich ihnen versichern würde,

dass ich mich versichern ließe, dass ich mein Sterben versichern ließe

von einer Versicherung ihres Vertrauens

Versichern ist schließlich Vertrauenssache

Und so versichere ich mich – das behalte ich mir vor – bei meiner Versicherung

dass sie mein Sterben versichern

ohne großes Aufheben

aber mit Versicherungspolice

na dann ist jetzt ja wohl alles klar

liebe Angehörigen

aber bis es soweit ist, ihr Lieben

genieße ich mein Leben

und bringe alles durch,

bis auf die Sterbeversicherung

aber nein

das wird nicht verraten

so versichere ich mich eurer Liebe bis zum Tag der Tage und was danach kommt

na, fragt doch die Versicherung

 

Mein Buchtipp – Mit der Reife wird man immer jünger – Texte und Gedichte von Hermann Hesse

Heute mal wieder etwas Neues/Altes zum Thema Lesen.

Auf einem Flohmarkt erstand ich kürzlich ein kleines Lesebuch mit Gedichten und Auszügen aus Briefen Hermann Hesses zum Thema alt werden und Sterben (Mit der Reife wird man immer jünger – Insel Taschenbuch 2857, 2002).

Zu Beginn ein Zitat, das mich schmunzeln ließ und dem Thema gleich etwas von seiner Schwere nimmt

Herrlich ist für alte Leute
Ofen und Burgunder rot,
Und zuletzt ein sanfter  Tod –
Aber später, noch nicht heute!

(1926)

Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren und starb am 9. August 1962 in seiner Wahlheimat Italien. Er hatte, wie es im Vorwort zu dem Lesebuch heißt, „… das Glück, alt zu werden und alle Lebensstufen auf charakteristische Weise erfahren und darstellen zu können“. Das Thema Altern und Sterben hat ihn offensichtlich auch schon in jüngeren Jahren beschäftigt. Ich kannte Hesse bis dahin als Autor so gewichtiger Werke wie „Narziß und Goldmund“ und eines meiner Lieblingsbücher „Siddartha“ sowie natürlich dem Gedicht „Stufen“.

In den vorliegenden Gedichten und Betrachtungen bedient er sich immer des Vergleichs mit den Vorgängen in der Natur, dem Erblühen und Verwelken, dem Wechsel der Jahreszeiten als Sinnbild für das menschliche Leben, das den gleichen Rhythmen unterliegt.

Hesse nähert sich dem Thema versöhnlich. Für ihn sind Altern und Sterben Stufen des Lebens, die den Menschen wie alle Lebensphasen zuvor vor neue Aufgaben stellen und ihn fordern, sich ihnen zu stellen und sie anzunehmen.

Dazu zwei Auszüge:

„Zehnmal und hundertmal noch wirst du mich wieder einfangen, bezaubern und einkerkern, Welt der Worte, Welt der Meinungen, Welt der Menschen, Welt der gesteigerten Lust und der fiebernden Angst. Tausendmal wirst du mich entzücken und erschrecken, mit Liedern am Flügel gesungen, mit Zeitungen, mit Telegrammen, mit Todesnachrichten, mit Anmeldeformularen und all deinem tollen Kram, du Welt voller Lust und Angst, holde Oper voll melodischen Unsinns. Aber niemals mehr, gebe es Gott, wirst du mir ganz verloren gehen, Andacht der Vergänglichkeit, Passionsmusik der Wandlung, Bereitschaft zum Sterben, Wille zur Wiedergeburt. Immer wird Ostern wiederkehren, immer wieder wird Lust zu Angst, Angst zu Erlösung werden, wird ohne Trauer mich das Lied der Vergänglichkeit auf meinen Wegen begleiten, voll Ja, voll Bereitschaft, voll Hoffnung.“ (1920)

Im Alter von 43 Jahren schon spürt er diesen Übergang vom ganz in dieser Welt und tätig sein hin zu der Erkenntnis und Anerkenntnis der Vergänglichkeit des Lebens und der Hoffnung, dass ihn dieses JA zu dieser Vergänglichkeit nicht mehr verlassen möge. Noch lebt und liebt er in dieser Welt und lässt sich mitreißen von ihrem Treiben, aber mehr und mehr weicht das in diesem Leben sein einer gelassenen Betrachtung von außen.

Aber auch das Alter entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung für sein Leben:

„Kurz gesagt: um als Alter seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein, man muß Ja dazu sagen. Ohne dieses Ja, ohne die Hingabe an das, was die Natur von uns fordert, geht uns der Wert und Sinn unserer Tage – wir mögen alt oder jung sein – verloren, und wir betrügen das Leben“ (1952)

Dem ist nichts hinzuzufügen!