Mein Buchtipp – Mit der Reife wird man immer jünger – Texte und Gedichte von Hermann Hesse

Heute mal wieder etwas Neues/Altes zum Thema Lesen.

Auf einem Flohmarkt erstand ich kürzlich ein kleines Lesebuch mit Gedichten und Auszügen aus Briefen Hermann Hesses zum Thema alt werden und Sterben (Mit der Reife wird man immer jünger – Insel Taschenbuch 2857, 2002).

Zu Beginn ein Zitat, das mich schmunzeln ließ und dem Thema gleich etwas von seiner Schwere nimmt

Herrlich ist für alte Leute
Ofen und Burgunder rot,
Und zuletzt ein sanfter  Tod –
Aber später, noch nicht heute!

(1926)

Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren und starb am 9. August 1962 in seiner Wahlheimat Italien. Er hatte, wie es im Vorwort zu dem Lesebuch heißt, „… das Glück, alt zu werden und alle Lebensstufen auf charakteristische Weise erfahren und darstellen zu können“. Das Thema Altern und Sterben hat ihn offensichtlich auch schon in jüngeren Jahren beschäftigt. Ich kannte Hesse bis dahin als Autor so gewichtiger Werke wie „Narziß und Goldmund“ und eines meiner Lieblingsbücher „Siddartha“ sowie natürlich dem Gedicht „Stufen“.

In den vorliegenden Gedichten und Betrachtungen bedient er sich immer des Vergleichs mit den Vorgängen in der Natur, dem Erblühen und Verwelken, dem Wechsel der Jahreszeiten als Sinnbild für das menschliche Leben, das den gleichen Rhythmen unterliegt.

Hesse nähert sich dem Thema versöhnlich. Für ihn sind Altern und Sterben Stufen des Lebens, die den Menschen wie alle Lebensphasen zuvor vor neue Aufgaben stellen und ihn fordern, sich ihnen zu stellen und sie anzunehmen.

Dazu zwei Auszüge:

„Zehnmal und hundertmal noch wirst du mich wieder einfangen, bezaubern und einkerkern, Welt der Worte, Welt der Meinungen, Welt der Menschen, Welt der gesteigerten Lust und der fiebernden Angst. Tausendmal wirst du mich entzücken und erschrecken, mit Liedern am Flügel gesungen, mit Zeitungen, mit Telegrammen, mit Todesnachrichten, mit Anmeldeformularen und all deinem tollen Kram, du Welt voller Lust und Angst, holde Oper voll melodischen Unsinns. Aber niemals mehr, gebe es Gott, wirst du mir ganz verloren gehen, Andacht der Vergänglichkeit, Passionsmusik der Wandlung, Bereitschaft zum Sterben, Wille zur Wiedergeburt. Immer wird Ostern wiederkehren, immer wieder wird Lust zu Angst, Angst zu Erlösung werden, wird ohne Trauer mich das Lied der Vergänglichkeit auf meinen Wegen begleiten, voll Ja, voll Bereitschaft, voll Hoffnung.“ (1920)

Im Alter von 43 Jahren schon spürt er diesen Übergang vom ganz in dieser Welt und tätig sein hin zu der Erkenntnis und Anerkenntnis der Vergänglichkeit des Lebens und der Hoffnung, dass ihn dieses JA zu dieser Vergänglichkeit nicht mehr verlassen möge. Noch lebt und liebt er in dieser Welt und lässt sich mitreißen von ihrem Treiben, aber mehr und mehr weicht das in diesem Leben sein einer gelassenen Betrachtung von außen.

Aber auch das Alter entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung für sein Leben:

„Kurz gesagt: um als Alter seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein, man muß Ja dazu sagen. Ohne dieses Ja, ohne die Hingabe an das, was die Natur von uns fordert, geht uns der Wert und Sinn unserer Tage – wir mögen alt oder jung sein – verloren, und wir betrügen das Leben“ (1952)

Dem ist nichts hinzuzufügen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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