Reisetagebuch Borkum – Tag 3

Donnerstag, oder, wie verbringt man an der Nordsee einen verregneten Tag?

Ja, heute ist wirklich ein verregneter Tag, d. h. doch nicht ganz, denn zwischendurch sieht man am Himmel mal kurzzeitig Wolkenlücken, die dann mich und alle anderen Gäste veranlassen, sofort ihre Quartiere zu verlassen und nach draußen zu strömen. Mir tun die Servicekräfte in den Cafés mit Außenterrasse – und das sind ja fast alle – leid, denn sie müssen dieser Tage nicht stündlich, sondern ungefähr viertelstündlich die Sitzkissen und Speisekarten rein- und wieder rausholen und Tische und Stühle vom Wasser befreien. Aber wir, die Kurgäste, wollen unter allen Umständen draußen sitzen!

Morgens also Kurkonzert anhören vom Orchester Franz‘ L.aus Weimar, das heute wegen des schlechten Wetters im Restaurant „Leo’s“ gegenüber vom Musikpavillon spielt. Das Orchester spielt auf Borkum mit einem abgespeckten Kern von 4 Personen. Nichtsdestotrotz, ich finde, sie haben spielerisch was drauf, wenn ihre Musik auch nicht jedermanns Sache sein dürfte, sondern eher die ältere Generation anspricht. Heute morgen spielen sie Tanzmusik, und die gefällt mir sehr gut, denn damit bin ich bei tanzbegeisterten Eltern aufgewachsen und auch ich mochte Tanzen (Standardtänze) immer sehr gerne. Nun braucht es dazu freilich einen geeigneten Partner. Heute morgen bekomme ich kurzzeitig ein Exklusivkonzert, da ich die einzige Gästin bin.

Wie ich da so sitze und der Musik lausche, kommt ein älterer Herr mit Rucksack in das Café. Er setzt sich nicht, sondern läuft etwas herum und bleibt dann irgendwann stehen und lauscht der Musik. Nach einiger Zeit geht er Richtung Ausgang und bleibt dort noch einmal neben der Eistheke stehen. In einem – so denkt er – unbeobachteteten Moment öffnet er einen Behälter, in dem sich Kekse befinden, und nimmt sich einen heraus. Dann verlässt er seelenruhig diesen Ort. Kann nicht sagen, ob er arm ist oder einfach ein bisschen dreist…

Den Nachmittag verbringe ich mit dem Einkauf von kleinen Geschenken und entsprechendem Verpackungsmaterial. In der Pension schlafe ich ein wenig und gucke fernsehen.

Für den Abend habe ich mir eine Karte für ein Konzert der „Oldtimers“, dem Borkumer Shantychor, geholt. So habe ich wenigstens noch etwas vor…Als ich losfahre, ist es gerade mal trocken. Ich mache noch beim Knurrhahn halt, um kurz etwas zu essen. Da fängt es schon an zu regnen. Drinnen sind alle Plätze besetzt, aber draußen finde ich noch einen Platz an einer der großen Tonnen, die dort zum Essen aufgestellt sind. Neben mir ein Mann aus dem Ruhrgebiet, der gerade heute angekommen ist, und schon die Nase voll hat von Borkum! Ich versuche, ihm die Insel doch noch schmackhaft zu machen….naja, das Essen hat ihm schon mal gut geschmeckt. Derweil hat der Regen zugenommen, es plästert. Die Bedienung kommt alle paar Minuten heraus und stößt mit einem Besenstil gegen die Markise, damit das Wasser abfließen und auf die Straße bzw.auf uns hernieder regnen kann. Ich sehe schwarz für meinen Konzertbesuch, denn bei diesem Regenguss kann ich nicht weiter fahren. Glück gehabt! In einer kurzen Regenpause gebe ich meinem Fahrrad Gummi und erreiche die „Kulturinsel“, die neben dem Gezeitenland liegt und wo meine Veranstaltung stattfindet.

Die „Oldtimers“ von Borkum sind eine Institution. Es gibt sie nun schon 40 Jahre und die ältesten Sänger sind um die 80! Ihren vierstimmigen Gesängen und den Soli zuzuhören, ist ein Ohrenschmaus für alle diejenigen, die sich an dieser Art Musik erfreuen können.

Dabei erinnere ich mich wieder an meinen Vater, der im Krieg bei der Marine gewesen war und uns Kindern Seemannslieder beibrachte. Es ging soweit, dass meine Mutter mir Semannskleidchen nähte, entweder weiß blau oder blau weiß! Dass muss wohl nachhaltig gewirkt haben, denn meine Lieblingsfarben sind heute noch weiß und vor allem blau. Wenn wir auf Borkum abends mit den Eltern ausgingen, mussten wir alle unsere Leinenschuhe mit Schuhweiß behandeln, damit wir nach den Ansprüchen meines Vaters angemessen aussahen. Wenn das Marine-Musikcorps zum Konzert auf der Promenade anreiste, mussten wir natürlich dabei sein.

Vielleicht war mein Vater ja bei den Oldtimers dabei und hat sich an ihren Liedern erfreut!

 

 

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