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Novembertag

Es soll Menschen geben, die sich an einem Regentag erfreuen, wie andere an Sonnenschein. Gegönnt sei es ihnen von Herzen, denn selbst ich als Sonnenanbeterin habe mich in den letzten Wochen tatsächlich auch über jeden Regentropfen gefreut, den die Erde nach der langen Trockenperiode denn auch begierig aufsog.

Nun, denke ich, ist das Maß und der Keller vielleicht schon wieder voll, hatte es doch in den letzten Tagen mehr oder weniger ununterbrochen gegossen. Es regnete, wie der Engländer zu sagen pflegt „cats and dogs“ , also tatsächlich Katzen und Hunde. Ich werde mich noch einmal geistig in dieses Bild hineindenken und versuchen zu ergründen, welchen Hintergrund dieser Vergleich haben könnte für die Inselbewohner. Wobei es sich vielleicht auch nicht mehr lohnt, sich darüber Gedanken zu machen, zumal die Briten selbst es ja in der Mehrheit vorziehen, wieder ihr eigenes Süppchen zu kochen (vielleicht mit den vom Himmel gefallenen Hunden und Katzen) und sich nicht darum scheren, wie es ihren Nachbarn damit geht.

Für mich regnete es also Bindfäden, um dem etwas Logisches oder zumindest bildhaft Einleuchtendes entgegenzustellen.

Früher, ja früher, also jetzt nicht mehr bzw. weniger, warf ich mir an solchen Tagen meinen gelbleuchtenden Umhang über, stülpte die dazugehörige gelbe Kapuze mit Schirm über den Kopf und verband die beiden rechts- und linksseitig heraushängenden Schnüre miteinander, damit die Kapuze auch bei heftigen Windboen in Stellung blieb. Wenn der Regen hingegen ausartete in Wolkenbrüche, gab es zusätzlich eine Regenhose und zu guter Letzt noch Stulpen, die ich mir über die Schuhe zog, damit auch Beine und Füße während der Radfahrt – natürlich handelt es sich um mein Radfahreroutfit – trocken blieben. So sollte es sein. Leider endeten diese Fahrten immer mit dem gleichen Ergebnis: Kapuze und Schirm gaben nur Sicht nach vorn, ein Blick zur Seite oder gar zurück, wie er sich auch für Radfahrer in bestimmten Situationen empfiehlt, war nicht möglich mit den entsprechenden Risiken, unerwartet an- oder umgefahren zu werden. Sicht ist ohnehin zuviel gesagt, denn der Schirm an der Mütze verhinderte nicht, dass Regentropfen von außen an die Brille klatschten, während die Gläser gleichzeitig von innen wegen der Wärmeentwicklung beschlugen und erblindeten. Weiter ging es dann also im Blindflug mit oder, um der Blindheit womöglich bzw. vergeblich ein Schnippchen zu schlagen, ohne Brille. Das Ergebnis wäre das Gleiche….. Ich sehe im Geiste meine radfahrenden Leser und Leserinnen wissend nicken.

Muss ich extra erwähnen, wie unangenehm das Tragen der Regenbekleidung jeweils ist und anschließend eigentlich einen kompletten Wechsel der darunter befindlichen Wäsche erforderlich macht? Nein, ihr kennt das!

Nun wurde vor einiger Zeit bei uns im Büro im Rahmen von Umbauarbeiten auch eine Dusche eingebaut. Wir rieben uns zunächst ungläubig die Augen und diskutierten bereichsübergreifend die Frage, warum eine Dusche bei der allgemeinen Raumknappheit… Der Ort blieb dementsprechend lange Zeit verwaist. Reine (qm-) Verschwendung, war die allgemeine Auffassung.

Aber dann kamen die Friday’s for future Demos und siehe da: Jetzt fahren die Kolleg*nnen auch bei Regen mit den Rad. Alles für’s Klima, prima! Denn danach gibt’s ja eine warme Dusche!

Also, ganz ehrlich: Bei Regen habe ich das Fahren mit dem Rad zur Arbeit eingestellt aus den oben dargelegten Gründen: Erst die ganze „Verpackung“: wahlweise fühle ich mich wie in einem Ganzkörperkondom oder einer in der Farbe verrutschten Burka. Den freundlichen Blick habe ich nur wegen der Kamera aufgesetzt.

Dann das Leben riskieren für nix, dann wieder auspacken, (im Betrieb duschen, umziehen, Haare trocknen)..herrje, nee, nee, nee. Das Klima in Ehren…der Bus tut’s auch!

Es ist wieder passiert: bin ganz woanders gelandet als vorgesehen. Aber jetzt zu dem eigentlich nur ganz kurzen Moment, der diesen Artikel ausgelöst hat. Vor einigen Tagen regnete es, wie gesagt, mal wieder. Ich musste zum Arzt. Die Praxis liegt nicht weit von mir entfernt und so wagte ich – es gab auch keine Möglichkeit, die 500 m mit dem Bus zu fahren – das Rad zu nehmen, nicht ohne mich vorher in die hinlänglich beschriebene Montur einzuwickeln. Ich fuhr also die kurze Strecke, stellte mein Fahrrad in einen nicht regengeschützten Ständer (hatte sogleich einen weiteren Grund mich zu ärgern) und begab mich in die Praxis. Dort packte ich mich dann notwendigerweise auch wieder aus und betrat nach meiner Anmeldung das Wartezimmer.

Ich legte mein Regencape auf der Hutablage ab – woanders war kein Platz – und setzte mich. Eine ältere Frau – eben so wie ich – musterte mich und fragte kurzerhand: „warum sind Ihre Beine nicht nass?“

Hm, einigermaßen überrascht über diese Frage geriet ich ins Nachdenken: also erstmal muss die Frau alles gut beobachtet und selbst Erfahrungen mit dem Radfahren im Regen gemacht haben. Zweitens muss sie bemerkt haben, dass ich Regenhose und Stulpen einfach aus-gelassen oder ausgelassen hatte, und drittens war ihr aufgefallen, dass ich trotzdem trockene Beine hatte. Wie konnte das gehen? Ich war baff. Ja wie? Ich stammelte etwas vor mich hin…wie ….äh, weiß ich auch nicht…..bin auch erstaunt…keine Ahnung..und tastete prüfend meine Beine ab um festzustellen, dass sie wirklich trocken waren. Naja, sagen wir, fast trocken, ein bisschen feucht. Ganz einfach: es hatte nur leicht geregnet und die Fahrstrecke war nur sehr kurz. Aber soweit kam ich mit meiner Erklärung gar nicht mehr, denn ich wurde in den Behandlungsraum gerufen.

Alleinreisend auf Borkum

Hallo liebe Leser*innen,

ich mache es jetzt mal so, wie es derzeit „korrekt“ ist mit *. So kann ich niemanden vergessen (wie heißt eigentlich die weibliche Form von NIEMAND, oder eine gendersensitive Form, wie man heute so sagt? Da wird es schon wieder schwierig, aber das ist ja heute auch gar nicht das Thema. Sondern…

…ich war mal wieder auf Borkum, immer noch meine Lieblingsinsel. Wieder das gleiche Spiel wie letztes und vorletztes und vorvorletztes …Jahr. Ich kann mich nicht entscheiden, wo ich meinen Sommerurlaub verbringen will und lande wieder auf Borkum.

Dieses Mal wohne ich in der Pension Huus in’t Dörp in der Westerstraße. Ich nenne hier den Namen, weil es mir gut gefallen hat. Zentrale Lage, nette Leute, guter Service.

Alle, die Borkum kennen, werden jetzt im Geiste mit mir auf den verschiedenen Wegen wandeln. Alle anderen kann ich vielleicht neugierig auf die Insel machen.

Alleinreisend. Mindestens einmal vor der Abreise beschleicht mich immer eine gewisse Unruhe, die sich bisweilen zu leichten Angstzuständen auswächst. Angst, dass ich mich einsam fühlen könnte und wie ich damit umgehen soll. Allerdings verflüchtigen sich diese Ängste wieder, denn inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen im Urlaub einfach kommunikativer sind und dass es z.B. auf Borkum auch viele Alleinreisende oder Menschen gibt, die offen sind für ein Gespräch oder auch gemeinsame Unternehmungen. Es ist also an mir, den Kontakt zu suchen.

Gutes Wetter ist mindestens ebenso wichtig, denn bei schlechtem Wetter ist es auch schwieriger, anderen, gut gelaunten Menschen zu begegen. Diese Voraussetzung war in diesem Jahr zu 100 % erfüllt: 16 Tage Sonnenschein einschließlich der Rückreise. Erst als ich den Katamaran verließ, zog sich der Himmel zu und ergoß sich langersehnt auf die Erde. Sonnenschein ist schön, aber die andauernde Hitze kann ich nicht mehr denken ohne das Wort „Klimawandel“. Ich habe dennoch versucht, das schöne Wetter so ungetrübt wie möglich zu genießen. Versucht.

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Wie gesagt, war ich schon zigmal auf Borkum und kenne dort dementsprechend jeden Strauch und jeden Stein. Kennen ist zuviel gesagt. Jedes Jahr versuche ich, mir die Namen von typischen Pflanzen und ansässigen oder migrierenden Vögeln einzuprägen. Gut, die wichtigsten Möwenarten kenne ich jetzt: Silbermöwe, Sturmmöve, Lachmöwe…Wobei ich auf der Promenade neben zwei Frauen sitzend deren Dialog über die Schreibweise von Möwe oder Möve mitverfolgen beziehungsweise durch eigene Beiträge bereichern konnte. Es schreibt sich also Möwe, für alle, die jetzt auch gerade unsicher geworden sind. Nicht zu verwechseln mit Mövenpick, dem Eis, dem auch die Möwen nicht abgeneigt sind, mit dem sie aber in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen. Erläuternd ist zu erwähnen, dass sich der besagte Dialog abspielte, nachdem die beiden Frauen sich schon einige Gläschen des mitgebrachten Rotweins zu Gemüte geführt hatten und die Tochter einer der beiden trocken feststellte: Ihr seid ja betrunken!

Mein zweites Studienobjekt in diesem Jahr war die Kartoffelrose. Bis dato hatte ich als Laie*in in diesen Dingen diese überall wuchernde und von Übersee hereingetragende Pflanze für eine Heckenrose gehalten. Wie gesagt: falsch. Es handelt sich um die Kartoffelrose, auch Sylter Rose, Kamschatka Rose oder lateinisch „Rosa rugosa“ genannt. Sie treibt im Sommer die bekannten Hagebutten aus, deren Inneres mir aus der Kindheit als Juckpulver in Erinnerung geblieben ist.

Bei meinen naturkundlichen Rundfahrten beobachtete ich, dass sich Kühe am Tüskendör-See im Ostland mit zunehmender Hitze von Tag zu Tag immer weiter in den See hineinwagten, von den Knöcheln, über die Knie, bis zum Bauch. Man berichtete in der Lokalzeitung, dass ein Wasserbüffel aus dem Zoo in Münster auf dem Weg nach Borkum sei, um den Kühen das Schwimmen im peer to peer-Verfahren beizubringen, um so Abgänge zu verhindern.

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Erstmalig in diesem Jahr wurde ich von einer Ente im Café Ostland in Hand und Schuh gebissen. Sie machte dadurch ihrem Unmut Luft, dass ich sie nicht an meinen Speisen und Getränken teilhaben lassen wollte.

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Das war mir nun doch zu viel, nachdem ich im letzten Jahr schon einem Spatz einen Teil meines Pflaumenkuchens in einem unbeobachteten Moment überlassen musste. Des Weiteren beobachtete ich eine Möwe, wie sie fachgerecht einen Abfallkorb auf der oberen Promenade leerte und sich alles Essbare zu Gemüte führte.

So verbrachte ich also einen beträchtlichen Teil meiner Zeit mit meinen Radtouren um die Insel auf dem ca. 130 km langen Radwegenetz und Beobachtungen der Natur.

Manchmal stand ich kurz vor einem Sonnenstich und musste in den Schatten…Zum Schutz trug ich in diesem Jahr erstmals eine Kappe mit Schirm, auch Schirmmütze genannt, die vor allem meine Augen schützte. Eine gute Wahl.

Ab und zu, wenn es zu heiß wurde, schwamm ich meine Runden im Meerwasser-Schwimmbad. Ja, ich weiß, warum das denn. Denn das Meerwasser war ja angenehm warm. Stimmt. Aber ich hatte ehrlich gesagt keine Lust, immer meinen Hals beim Schwimmen in die Höhe zu recken und Ausschau zu halten nach diesen glitschigen und bisweilen Gift verspritzenden Wasserwesen, um ihnen gegebenenfalls blitzschnell ein Schnippchen zu schlagen.

Nun überkam mich manchmal doch eine gewisse Langeweile, weil ich die Radwege schon in- und auswendig kenne und die allenthalben um mich herumschwirrenden Vögel schon meinen Namen in die Luft zwitscherten. So überlegte ich mir einige Strategien, den Tag abwechslungsreicher zu gestalten:

Ich fuhr den Radrundweg mal von der einen und mal von der anderen Seite, probierte auch noch mal Ab- und Umwege, die mir einen Perspektivwechsel erlaubten.

Meine Mahlzeiten gestaltete ich unterschiedlich, abgesehen vom „reichhaltigen“ Buffet am Morgen. Mal aß ich in der einen oder anderen Strandbude (o.k., es ist mehr oder weniger Imbiss-mäßig, aber man wird satt zu einem angemessenen Preis), mal trank ich nur Kaffee in einem der beiden Ostlandcafés, mal aß ich zu Abend in „Ria’s Beach“ an der Strandpromenade oder verspeiste auf meinem Zimmer einen eingekauften Salat. Ich durchbrach auf diese Weise Gewohnheiten der letzten Jahre. Keine umwerfenden Änderungen, aber doch ein wenig Abwechslung.

Im letzten Jahr hatte ich an einer typisch ostfriesischen Teestunde und einer Wattwanderung teilgenommen. In diesem Jahr stand der Tag der offenen Tür der Borkumer Kleinbahn auf dem Programm sowie der Besuch des Seenotrettungskreutzers „Alfred Krupp“ im Schutzhafen von Borkum unter dem Motto „Ein Seebär kommt selten allein“.

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Beides sehenswerte Ereignisse, vor allem die Fahrt mit dem Triebwagen von 1940 der Borkumer Kleinbahn zum Hafen und zurück. Dort war es in erster Linie der Lokomotivführer, dem meine Aufmerksamkeit galt.

Highlight in diesem Jahr war die Veranstaltung mit Klaus Peter Wolf, dem Autor der Ostfriesenkrimis. Ich kannte ihn bis dahin nur vom Hören-Sagen, da er auch regelmäßig in Osnabrück liest zugunsten von terre des hommes (ihr wisst ja, dass ich dort arbeite). Ein lustiger Bursche, der das Kind im Manne auslebt…mit viel Humor. Ich glaube nicht unbedingt, dass mich seine Bücher vom Hocker reißen würden, aber der Auszug über den Polizisten Rupert, der unversehens in einen Junggesellinnenabend gerät, war schon sehr lustig.

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Ihr seht, es gibt (immer noch) viel zu sehen und zu erleben auf Borkum.

Und, wie schon zu Beginn gesagt: Es gibt auch viele andere Alleinreisende, die sich darüber freuen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen oder einfach mal ein Gespräch zu führen. Ich hatte in diesem Jahr das Glück, eine Frau fast gleichen Alters kennenzulernen und die letzten Tage mit ihr gemeinsam etwas zu unternehmen. Schon sehr witzig: wir lernten uns beim Softeisessen vor dem Nordseegrill kennen und stellten fest, dass das für uns beide ein Ritual bei jedem Borkum-Besuch ist. Und damit nicht genug: Wir trugen das gleiche Brillengestell von Fielmann. Da war das Eis schon fast gebrochen. Danke, Petra!

Bei allen Aktivitäten und Bedürfnis nach anderen Menschen brauchte ich aber auch immer Phasen der Ruhe und des Alleinseins mit mir und meinen Gedanken, am liebsten auf dem Rad und in der Natur.

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Wenn ich Borkum nun auch schon wie meine Westentasche kenne, so genieße ich doch jedes Jahr auf’s Neue die klare Luft und den unendlichen Horizont. Das ist das immer wieder Faszinierende dieser Insel.

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Und wenn ich dann so allein mit mir bin, kommen mir auch schon mal ganz neue Gedanken, die ich mit nach Hause nehme und vielleicht auch in die Tat umsetze.

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In diesem Sinne wünsche ich euch noch einen schönen Sommer, ob alleinreisend oder nicht, ob zu Hause oder unterwegs.

Eure Claudia

Wir haben die Wahl gehabt…

Was soll ich zu den Wahlen sagen? Ach, eigentlich nicht viel. Was soll’s. Ähnliches war zu erwarten. Nein, ich will mich gar nicht an den ganzen Wahlanalysen beteiligen. Das macht jetzt gerade jeder und jede.

Vielleicht nur kurz ein Erklärungsansatz für den Zulauf der AfD vor allem in den neuen Bundesländern. Mir spontan einsichtig war die Feststellung, dass zumindest die ältere Generation im ehemaligen Osten beim Mauerfall schon einmal mit einer extremen Umwälzung konfrontiert wurde. Der anfänglichen Freude über die Wiedervereinigung folgte bald die Ernüchterung über die daraus resultierenden Veränderungen vor allem wirtschaftlicher Art. Das die Bevölkerung jetzt, nachdem sich die Verhältnisse einigermaßen beruhigt haben, aber längst noch nicht alle Probleme und Ungleicheiten beseitigt sind, mit Unmut und Angst auf den Zuzug von Flüchtlingen reagiert, kann ich zunächst einmal nachvollziehen, vor allem, weil die lokalen Entscheidungsträger wie auch die Bevölkerung nicht entsprechend in die Maßnahmen einbezogen worden sind, was im Übrigen auch für die alten Bundesländer zutrifft.  Nun hört man, dass es gar nicht in erster Linie um wirtschaftliche Fragen geht, sondern um die Angst vor kultureller Überfremdung. Auch da ein gewisses Verständnis dafür, dass wir Westdeutschen schon wesentlich früher Kontakt mit anderen Nationalitäten hatten und  uns daran gewöhnen könnten.

Keinerlei Verständnis habe ich allerdings für die Verrohung der Auseinandersetzung, die Verunglimpfung von Politikern oder gar Gewalt als Mittel der Wahl eingesetzt werden, um politische Verhältnisse zu verändern! Und wenn die AfD, wie sie jetzt behauptet, eine rechtsstaatliche, rechtskonservative Partei ist, dann müsste  sie derlei Ausfälle und kriminelle Akte verurteilen. Das wäre  das Mindeste! Solche Gedankengänge sind allerdings müssig, denn die AfD ist keine demokratische Partei, die die Verfasstheit unserer Republik anerkennt.

Für mich noch interessanter war die Analyse eines Politikwissenschaftlers, der sagte, dass die derzeitige Politik daran krankt, dass sie die entscheidenden Fragen ausblendet bzw. aus Angst, Stimmen zu verlieren, erstmal unter den Tisch kehrt:  das Rentensystem, die Zukunft Europas, den Klimawandel, die Digitalisierung der Arbeitswelt. Auch das ist nicht wirklich neu, für mich aber schon die Feststellung, dass die Umwälzungen z. B. auf dem Arbeitsmarkt dramatisch sein werden. Die Politik kann verharren, bis sie da sind: Schätzungsweise wird ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung den Arbeitsplatz verlieren. Also was geschieht mit diesen Menschen, wenn sie sich nicht mehr über Arbeit definieren können? Das auf immer mehr Wachstum und Konsum ausgerichtete Gesellschaftssystem wird sich ändern müssen. Die maßlose Ausbeutung der Rohstoffe und Zerstörung der Lebensgrundlagen werden uns zu einem radikalen Umdenken zwingen. Wir bzw. unsere Volksvertreter müssen uns umgehend der  Realität stellen und Konzepte entwickeln,  wie die postkapitalistische Welt aussehen könnte. Wir kommen nicht drum herum.

Die Menschen spüren intuitiv, dass es so nicht weiter gehen kann, aber sie haben Angst…verständlicherweise, weil niemand weiß, was genau auf uns zukommt und vor allem, wie Alternativen aussehen könnten. Frau Merkel hat kürzlich in einem Interview gesagt, es sei jetzt keine Zeit für Experimente, was wir bräuchten, ist Stabilität. Frau Merkel ist eine intelligente Frau und wird wissen, dass wir nicht weiter machen können wie bisher, aber die Machterhaltung war ihr vermutlich näher,  als der Bevölkerung zu sagen, dass wir uns auf radikale Veränderungen einstellen müssen. Ich persönlich meine, diese Veränderungen könnten sich für die Menschen durchaus positiv in einer  besseren Umwelt und einem bewussteren Umgang mit unseren Resourcen auswirken. Aber das würde voraussetzen, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gäbe , dass wir unsere Lebensweise   auf Kosten anderer und der Natur so nicht mehr aufrechterhalten  können. Die von Merkel genannte Stabilität ist doch nur eine scheinbare auf Zeit, bis die Probleme irgendwann ungebremst über uns hereinbrechen werden wie die Flüchtlingswelle, die lange vorhergesagt und ausgeblendet wurde. Wir waren und sind doch daran beteiligt, dass  z.B in Afrika die dortige Produktion von Geflügel oder Bekleidung aufgrund unserer billigen Exporte zerstört wird und den Menschen ihre Lebensgrundlagen nimmt.

Wieviel Sand wollen uns die Politiker noch in die Augen streuen?

Und Herr Gauland sagt doch allen Ernstes, dass wir uns unser Deutschland und unser Volk wieder zurückholen wollen. Welches Deutschland, von wann? Zurück wohin? Wo lebt der Mann eigentlich? Abenteuerlich. Ob die Menschen das glauben, oder glauben wollen?

Noch ein letzter Gedanke des Professors:

Die Demokratie ist kein Naturgesetz. Eine Demokratie lebt nur so lange, wie die Bürger, die in ihr leben, demokratisch sind! Wie wahr. Undemokratische Kräfte mobilisieren sich allenthalben auf der Welt, einschließlich Europa, und wenn die demokratischen Parteien es nicht schaffen, die wirklichen Probleme anzusprechen und glaubwürdig anzupacken, dann werden sich andere des Terrains bemächtigen und uns irgendwann vorschreiben, wohin die Reise geht. Na dann gut‘ Nacht.

Hört sich alles nicht so gut, nicht wahr? Ja, aber was soll das Verdrängen. Wir sind es auch und in erster Linie unseren Kindern schuldig, dass wir uns den Problemen stellen, die wir ja auch allesamt mitverursacht haben!

Hoffentlich heißt es in den Geschichtsbüchern nicht irgendwann einmal: Sie haben die Wahl gehabt, aber sie haben keine Wahl getroffen…