Zeit im Zug

Heute geht es um meinen heimischen Blätterwald. Mangels Grünzeug vor der Haustür also mein Ersatz aus nachwachsenden Wäldern, zwar nicht grün, was meiner politischen Auffassung durchaus nahe käme, dafür aber in einem ansehnlichen Format und mit dem vielsagenden Titel „die Zeit“. Die Zeit, allgegenwärtig, unabwendbar, philosophisch, biologisch, theologisch…..

Als ich vor ca 1 ½ Jahren begann, mich mit der Welt im Allgemeinen und der Sicht der Zeit auf dieselbe auseinanderzusetzen, fuhr ich noch jedes Wochenende in meine Heimatstadt zu meiner Mutter. So hatte ich Zeit, mir der Zeit bewusst zu werden und sie zu nutzen. Wer die Zeit kennt, kann die Probleme ermessen, die sich einstellen, wenn man versucht, dieses Blatt in seiner ganzen Breite zu öffnen und zu lesen, umso mehr, wenn man oder auch frau neben sich einen weiteren Fahrgast zu sitzen hat (komische Konstruktion, aber sie geht glaube ich), der oder die auch seinen/ihren berechtigten Anspruch auf Platz geltend macht.

Nun las ich so eines Sonntags im Zug in meiner Zeit und vertrieb mir so die Zeit – mit meiner Zeit kann ich schließlich machen, was ich will – als ich merkte, wie mein Platznachbar unruhig hin und her rutschte. Ich vermutete erstmal in meiner ganzen Naivität, dass er es wahrscheinlich nicht mehr aushielt, von der Zeit abgeschnitten und ausgeschlossen zu sein. So bot ich ihm großzügig an, die rechte Außenseite meiner Zeit hochzuhalten, so dass ich die linke und er gleichzeitig die rechte Seite würde lesen können. Ich hätte mir wohl vorher anschauen sollen, um welches Exemplar von Mann es sich handelte bzw. um welche Alterskategorie! Er muss Mitte 20 gewesen sein und der Gebrauch meiner Zeit hatte ihn offensichtlich daran gehindert, seine Zeit mit dem Bedienen seines Tabletts tot zu schlagen. Ganz schön arrogant an dieser Stelle, nicht wirklich ernst gemeint. Jedenfalls fragte er mich, nachdem ich ihm meinen Vorschlag unterbreitet hatte, ganz entgeistert, aus welchem Jahrhundert ich denn stamme. Also antwortete ich wahrheitsgemäß: aus dem letzten. Nichts funkte in die Stille. Er brauchte jetzt eine Auszeit, um sacken zu lassen, dass er gerade ein Eigentor geschossen hatte. Schließlich war er ja auch noch im letzten Jahrhundert in die menschliche Zeitrechnung eingetreten. Nun trennen uns zweifelsohne ganze Universen technischer Entwicklungen voneinander, aber faktisch stammt auch er aus dem letzten Jahrhundert. Da er an dieser Erkenntnis offensichtlich nicht vorbeikam, schob er die rechte Seite meiner Zeit wortlos zu mir zurück, so dass nun rechte und linke Seite meiner Zeit übereinanderlagen und ich sie nicht mehr auseinanderhalten und voneinander trennen konnte.

Nun hegte ich keinerlei Rachegedanken, indem ich ihn z.B. mit intellektuellen Fragen zu den Ereignissen der letzten Woche hätte beschämen können, die ich mir gerade angelesen hatte. Vielleicht tat ich ihm ja auch unrecht und er wusste nur nicht, wie er seine Zeit sinnvoller verbringen sollte, und wer will schon beurteilen, wer hier seine Zeit verschwendet?

Um ähnlichen Begegnungen dennoch zukünftig vorzubeugen und trotzdem nicht wie aus der Zeit gefallen daher zu kommen,  falte ich von nun an meine Zeit im Zug immer, nicht wie früher als Kind zu einem Schiffchen , sondern sorgfältig soweit, bis sie die Größe einer DIN A 5 Seite erreicht hat und vom Format nun durchaus mit einem Tablett Schritt halten kann. So entblättere ich jetzt jede Seite meiner Zeit noch einmal Stück für Stück, bis sie wieder ganz ist, die Zeit.

 

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