Sie denkt….

Samstagabend. Der Tag-Nacht-Rhythmus ist mal wieder aus dem Lot. Immer dasselbe im Urlaub. Aber morgens ist es so schön, noch ein bisschen im Bett liegen zu bleiben und sich erst langsam auf den Tag einzuschwingen, vorausgesetzt, das vor-sich-hin-träumen mündet nicht in eine erneute Schlafphase….Also spät aufgestanden. Nach dem Frühstück (auf dem Sofa) Wochenendputz, der sich lange hinzieht. Der Rücken…zwingt sie zwischendurch immer wieder, sich mal kurz hinzulegen. So geht das nicht weiter. Der Termin beim Orthopäden ist gemacht. Sie öffnet die Balkontür um zu schnuppern, wie sich der Tag draußen anfühlt. Ein laues, frühlingshaftes Lüftchen schlägt ihr entgegen. Eigentlich müsste sie bei dem Wetter mit dem Rad rausfahren zum See, und dort gemütlich in der Sonne einen Cuppuccino zu trinken. Aber nicht bevor die Wohnung gereinigt ist. Das gehört zum wochenendlichen Ritual. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, oder so. Nein, das geht gar nicht: das Haus verlassen und bei der Wiederkehr mit dem Abwasch von gestern und dem Staub der letzten Woche konfrontiert zu werden.

Als der Zustand der Wohnung ihren Ansprüchen an ein reines Gewissen entspricht, ist es inzwischen zu spät, um zum Markt zu gehen. Oh wie schade, der samstägliche Marktbesuch gehört ebenso zu ihren Ritualen wie das Saubermachen. Aber auch die zuvor ins Auge gefasste Alternative, die Radtour zum See, wird wohl ausfallen, denn die Sonne scheint nur noch fahl durch die Wolken. Sie senkt sich schon langsam gegen Westen.

Na dann wird sie wohl mal wieder im Café um die Ecke enden, schnell zu erreichen, und wenn sie Glück hat, kann sie sich nach draußen setzen und noch einige Sonnenstrahlen einfangen.

Sie hat Glück. Es ist noch ein Platz frei und das Café stellt ihr eine Decke zum Warmhalten der Beine zur Verfügung. Die Jüngeren schämen sie ihren Beobachtungen zufolge wohl eher, sich eine Decke umzulegen. Solche Eitelkeiten leistet sie sich nicht mehr.

Im Briefkasten lag schon die Sonntagszeitung mit dem Kreuzworträtsel, auf das sie sich immer schon freut. Früher hat sie nie, oder fast nie, Kreuzworträtsel gelöst. Das war ihrer Mutter vorbehalten, mit der sie in ihrem letzten Lebensjahr bei ihren Besuchen im Altersheim immer noch rätselte und sich so freute, wenn ihrer Mutter die Lösungen einfielen. Wie sehr sie immer mehr ihrer Mutter ähnlich wird! Wie sie das findet? Schwer zu sagen. Aber nein, sie hatte nie so etwas im Kopf wie „So wie meine Mutter will ich nie werden“. Allerdings war es ihr auch nicht in den Sinn gekommen, dass es einmal so sein könnte.

Während des Rätselns spricht sie ein freundlicher älterer Herr an, der wohl an ihrem Gestus bemerkt hat, dass sie über gewichtigen Fragen brütet. Er bietet ihr seine Google-Hilfe an, für den Fall, dass ihr das eine oder andere nicht einfiele. So entspinnt sich ein  kurzes, nettes Gespräch. In der gut besuchten Bäckerei mit Café, so scheint es, kann man auch mal Kontakte knüpfen. Warum auch nicht.

Nachdem sie das Lösungswort dieser Woche gefunden hat (zugegeben nicht ganz ohne Unterstützung ihres eigenen Smartphones vor allem in geographischen Fragen), zieht sie aus ihrem Rucksack ihr Spanischbuch B1 gemäß europäischem Referenzrahmen. Die nächsten zwei Unterrichtsabende fallen aus, und die Teilnehmer*innen sind aufgerufen, über die Zeit ein Tagebuch in spanisch zu schreiben. Ob die Lehrerin sich bewusst ist, was da an Ergüssen auf sie zukommen wird? Da sie immer auch die anderen in ihrem Tun mitdenkt, hält sie ihre Notizen kurz. Spaß macht es trotzdem!

Es wird langsam kühl, denn die Sonne hat sich lange hinter den Dächern zurückgezogen, und als sie auf die Uhr schaut, ist sie erstaunt, dass es schon halb sechs ist. Der Discounter ist gleich nebenan – da wurde marktwirtschaftlich geplant – Apotheke, Ärzte, Physiotherapie, Discounter und Bioladen auf einer Fläche – so dass sie noch schnell ihre Wochenendeinkäufe erledigt. Die Atmosphäre in dem Laden ist nicht gerade anheimelnd und normalerweise zieht sie den anderen Supermarkt vor, aber jetzt will sie einfach nur fertig werden und nach Hause fahren.

Mit dem Essenkochen ist es nicht weit her, wenn sie allein ist…so bleibt die Küche heute abend kalt. Immerhin gibt es noch einen Salat mit warmem Ziegenkäse.

Danach folgt das allabendliche Fernsehprogramm. Sie kann sich mal wieder nicht für einen Sender entscheiden, eigentlich interessiert sie weder das eine (Verleihung der Goldenen Kamera) noch das andere (Krimi). Sie sieht und hört nur mit halber Aufmerksamkeit hin. Nur zweimal bleibt sie kurz dabei. Das erste Mal, als zurückgeblickt wird auf die Verleihung des Preises an den totkranken Rudi Carrell im Jahr 2007 und heute an Dieter Thomas Heck für sein Lebenswerk. Es ist wohl nicht erstaunlich, dass sich die Aufmerksamkeit auf diese Personen richtet, die ihr Leben  begleitet haben und die jetzt alt oder schon verstorben sind. Ob es den anderen in ihrem Alter auch so geht. Denkt man nicht unausweichlich das eigene Alter mit?

Bis Mitternacht zappt sie sich durch die verschiedenen Kanäle. Dann geht sie nach entsprechenden Vorbereitungen zu Bett, um dort den nächsten Teil der täglichen Routinen einzuleiten. Wie und wann das angefangen hat, weiß sie nicht mehr…jedenfalls spielt es sich fast jeden Abend in der gleichen oder leicht abgewandelten Reihenfolge so ab: Zuerst wird ein Sudoko-Rätsel gelöst (in den letzten Tagen hat sie sogar auf die Uhr geschaut, um zu sehen, wie lange sie für ein Rätsel braucht, das Ergbnis wird hier nicht verraten). Kurzum, es bleibt noch Zeit für die anderen Bestandteile des Rituals. Als nächstes folgt die Lektüre ihrer einzigen Lieblingswochenzeitung, also ein bis drei Artikel pro Abend. Heute Abend ist kein Artikel dabei, dessen Inhalt sie ihren Lesern auf Wortpress nahe bringen möchte. Und dann der letzte Akt. Das Buch, das sie aktuell liest. Gerade ist es wieder eins von Martin Suter. Titel: Der Teufel von Mailand. Sie liest noch etwa bis 1:30 Uhr nachts und meint, nun schlafen können zu müssen. Weit gefehlt. Auch dies nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht heute, da sich die Geschichte zum Ende hin zuspitzt und zusehends spannend wird. Also macht sie das Licht wieder an und liest den Roman bis zum Ende (3:00 Uhr). Martin Suter begeistert sie immer wieder durch seine Sprache; schnörkellos, glasklar und immer treffende, überraschende Formulierungen.

Nachdem das Trio aus Rätsel, Info und Belletriskik abgearbeitet ist, muss sie ihren Schlafplatz noch Feng Shui mäßig herrichten: die bereits gelesenen Zeitungsartikel werden zerrissen und unter das Bett gelegt, damit man am nächsten Tag nicht wieder alles durchblättern muss. Die restliche Zeitung verbleibt entweder sorgfältig zusammengelegt auf dem freien Platz (Doppelbett, mangels Alternative) neben ihr zusammen mit Rätselheft und Roman, oder alles wird – um den Schlaf nicht durch ungebetene Energien zu stören, ebenfalls unter dem Bett deponiert. Vielleicht ist das aber auch noch nicht der richtige Ort!

Und sie denkt: War ich eigentlich schon immer so empfindlich oder was? War das jetzt ein ausgefüllter Tag? Was ist ein ausgefüllter Tag? Habe ich das Leben wirklich gelebt heute oder nur so dahin gelebt? Ist das Lesen ein sinnvoller Lebensinhalt? Ist es genug, wenn ich das Alltägliche erledige, was mir schon nicht mehr so leicht fällt, ist es genug, wenn ich ein paar anspruchsvolle Artikel in der Zeitung lese und mir meine Gedanken mache? Schon wieder ein Tag weniger auf meiner Lebenstimeline. Ist genug getan? Darf ich mich ausruhen auf meinen Lorbeeren, wenn ich denn je welche geerntet habe? Was kann ich noch anderes tun?

Sie beschließt, die Gedanken für heute einzustellen.

martin-suter

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