Archiv für den Monat April 2017

Mein Buchtipp für Frankophile: Philippe Besson – Arrête avec tes mensonges

Heute nach langer Zeit mal wieder ein Buchtipp. Leider zunächst nur für Frankophile und des Französischen Mächtige, denn den Roman „Arrête avec tes mensonges“ (Hör mit deinen Lügen auf)  gibt es im Moment nur auf französisch. Ich gehe aber davon aus, dass er in nicht allzu ferner Zukunft auch in deutscher Übersetzung erscheint, wird er doch von manchen Kritikern schon als bisher bester Roman Philippe Bessons gehandelt.

‚Arrête avec tes mensonges‘ ist insofern ein besonderer Roman, als Philippe Besson erstmals sein Credo verlässt, dass seine Romane rein fiktiv seien und nichts mit ihm persönlich zu tun hätten .

Als Sohn des Schuldirektors muss Philippe immer der Beste sein, Eliteschule und Karriere sind vorprogrammiert, und Philippe stellt die Erwartungen seines Vaters nicht in Frage. Am liebsten liest er und erfindet Geschichten um die Menschen um ihn herum.

Sport ist ihm fremd. Er ist anders und er ist sich dieser Andersartigkeit bewusst, seit er 11 ist. Da hat er zum erstenmal verstanden, dass er sich für Jungen interessiert und erste Erfahrungen gesammelt. Es gibt Gerüchte über seine Homosexualität.

Es geschieht an einem Wintertag im Jahr 1984, als der 17 jährige Philippe von Thomas Andrieu, einem 18 jährigen Schüler aus einer höheren Klasse, unvermittelt und entgegen aller Erwartungen angesprochen und zu einem Treffen eingeladen wird. Philippe beobachtet ihn schon länger aus der Ferne, schwärmt für ihn wie man eben als junger Mensch schwärmt und sich verliebt und glaubt dennoch nicht daran, dass Thomas ihn überhaupt wahrnimmt. Offensichtlich hat er sich getäuscht.

Thomas erzählt ihm von seinen Zweifeln, Ängsten, seinem inneren Kampf, bevor er nicht mehr anders kann, als sich ihm zu eröffnen. Und Philippe will nur wissen, warum gerade er. Und da erhält er von Thomas eine Antwort, die er nie vergessen hat: „Weil du gehen wirst und weil wir bleiben“. Er ahnt,  dass ihm und Philippe nicht viel Zeit bleibt.

Er spürt instinktiv , dass Philippe zu mehr bestimmt ist , als sein Leben in seinem Heimatort Barbezieux zu fristen

Derlei Überlegungen sind fremd für Philippe und erst recht jeder Gedanke an eine schriftstellerische Zukunft. Sein Vater hätte es nicht zugelassen.

Zwischen Philippe und Thomas entspinnt sich eine der absoluten Geheimhaltung verpflichtete Beziehung, in der Philippe sich dem Willen von Thomas unterwirft, wohl wissend, dass dieser die Beziehung andernfalls sofort beenden würde. Thomas kommt aus einer bäuerlichen Familie. Er hat zwei jüngere Schwestern, die jüngste, Sandrine, ist behindert. Auf Thomas lastet als einzigem Sohn viel Verantwortung, der er sich nicht entziehen kann.

Philippe hat noch einen älteren, schon damals sehr erfolgreichen Bruder. Sieben Jahre nach seiner eigenen Geburt hat die Mutter eine Fehlgeburt, die sie niemals verwindet.

Nach dem Abitur trennen sich die Wege von Philippe und Thomas. Während Thomas nach Spanien zu Verwandten seiner Mutter fährt, verbringt Philippe seine Ferien wie immer auf der Ile de Ré. Nach der Rückkehr erfährt er, dass Thomas in Spanien geblieben ist und dort eine Arbeit gefunden hat.

23 Jahre später in Bordeaux: Philippe hat dort eine Signaturstunde abgehalten und unterhält sich gerade mit einer Journalistin, als er die Silhouette eines jungen Mannes sieht, ein Bild, das nicht sein kann! Er ruft den Vornamen und läuft dem jungen Mann hinterher….

‚Arrêtes avec tes mensonges‘ ist eigentlich kein Roman, sondern eine autobiographische Erzählung. Wir erfahren von dieser fast unglaublichen Geschichte einer ‚unmöglichen‘ und doch tiefen Liebesbeziehung. Wir erfahren, dass die schmerzlichen Erfahrungen dieser Beziehungen die Themen seiner Romane geprägt haben. Und vielleicht besteht auch darin die Bedeutung des Titels „Hör mit deinen Lügen auf“. Ursprünglich hatte seine Mutter diesen Satz geprägt, weil sie oft nicht zwischen Wahrheit und Erfindung bei ihrem Sohn unterscheiden konnte. Aber auch Philippe hat „gelogen“, wenn er immer wieder behauptet hat, dass seine Romane nichts mit ihm zu tun haben. Es hat einen Grund, warum er sein Schweigen lüftet.

Eine sehr berührende Geschichte, wie sie sich in ihrer Tragik so oder ähnlich sicherlich häufiger ereignet hat und noch ereignet.

Lesenwert, für Fans‘ von Philippe Besson ein Muss!

Lebensgefühle

Sie steht vor dem Spiegel und was er ihr zurückwirft, gefällt ihr mal mehr, mal  weniger. Morgens eher weniger, wenn die Haare noch zersaust und die Falten im Gesicht vom Kopfkissen noch tiefer eingegraben sind als sonst. Und außerdem leuchtet der neue Spiegel Stellen im Gesicht aus, die sonst im Unklaren geblieben sind. Untrügliche Wahrheiten über die Zeichen der Zeit. Eine Katastrophe? Sicher nicht, aber immer die Notwendigkeit, sich mit dem Gegebenen neu auseinanderzusetzen, sich zu gewöhnen und, wenn’s gut läuft, auch anzufreunden, denn zu ändern ist nichts und es gehört schließlich alles zu ihr.

Überhaupt, denkt sie, ist das Badezimmer offensichtlich ein Raum, in dem sie zum Nachdenken kommt. Keine Ablenkung, kein Fernseher, kein Computer, nichts, nur sie und das Badezimmer. Das hingegen erzählt ihr Geschichten, wie alles in ihrer Wohnung. Geschichten, wie sie hier vor 20 Jahren eingezogen ist und versucht hat, eigenhändig die alten Fliesen abzuschlagen, um noch ein paar Euro zu sparen, und diese Aufgabe schließlich doch den Fachleuten überlassen hat, bevor die ganze Wand eingestürzt wäre. Und über das, was sich alles seit Herbst letzten Jahres in diesem Raum abgespielt hat. Das Ausbeulen fast einer ganzen Wand durch die Erschütterungen beim Herausreißen der alten Türen. Der Einbau der neuen Badewanne, aus deren Abflußrohr am nächsten Morgen das Wasser ins Badezimmer lief. Und nicht zuletzt der selbst zusammengebaute Spiegelschrank. Sie nannte dieses Möbelstück früher immer nur „Alibert“, Überbleibsel aus ihrer Kindheit, in der der Alibert aufkam und als Zeichen von Modernität galt. Warum sie sich ausgerechnet einen Spiegelschrank als Bausatz und nicht als fertiges Modell ausgesucht hatte, konnte sie sich im Nachhinein nicht mehr erklären. Es war definitiv die falsche Entscheidung. Aber es gibt ja bekanntlich keine Probleme, sondern nur Lösungen. Und so hat sie kurzerhand den Dekorateur, der eigentlich für die Gardinen zuständig war, für die letzten Handgriffe beim Zusammensetzen und das Aufhängen dieses monsterschweren Schranks rekrutiert. So ist nun alles gut (so wie es im Moment aussieht) und sie kann unbeschwert von diesen Äußerlichkeiten ihren Gedanken nachhängen. Am Morgen sind es manchmal die Gedanken an die letzte Nacht, am Abend die Rückschau auf den Tag. Ein paar Minuten nur, in denen sie sonst alles um sich herum vergisst….Meditation beim Zähneputzen.

Hat sich das Lebensgefühl geändert seit ihrem Geburtstag? Es wird viel darüber diskutiert in ihrer Altersgruppe, ob runde Jahreszahlen, und hier vor allem die höheren, etwas verändern. Manche bringen offen ihre Angst vor dem Geburtstag und sicher vor dem, was sie zukünftig erwarten könnte, zum Ausdruck. Andere machen an diesem Ereignis keine besonderen Gefühle fest. Rückblickend stellt sie fest, dass die runden Geburtstage in ihrem persönlichen Leben auch immer von mehr oder weniger tiefgreifenden Veränderungen  begleitet waren. Außer vielleicht bei ihrem 20sten Geburtstag. Damals noch jung, mitten im Studium, in Aufbruchstimmung und politisch engagiert, aber auch schon nicht mehr so enthusiastisch, wie noch einige Jahre zuvor. Als sie 30 war, bekam sie ihren Sohn. Das ergreifenste und einschneidendste Ereignis in ihrem Leben. Nicht nur dieser eine Moment und die vorangegangene Schwangerschaft, die alles andere als einfach gewesen war, sondern natürlich die ganzen Jahre bis heute. Sie hat viel gelernt in dieser Zeit und tut es noch immer. Sie hätte es nicht missen mögen. Was wäre ihr Leben ohne diese wichtige Erfahrung gewesen? Und wieviel profitiert sie noch heute von den ausgiebigen Gesprächen mit ihm.

Wie wahrscheinlich viele alleinerziehende Mütter, hat sie ein sehr enges und gutes Verhältnis zu ihm. Damals, als er zum Studieren nach Malta gegangen ist, hat es ihr tagelang  buchstäblich den Atem verschlagen, aber sie wusste, dass es für ihn gut und notwendig war und hat ihn darin bestärkt, seinen Weg zu gehen.

Heute denkt sie daran, wie das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter sich irgendwann umgekehrt hat von der sie stets umsorgenden  zu der selbst hilfsbedürftigen Mutter. Es hat damals so seine Zeit gebraucht, bis sie die Veränderung akzeptiert und ihre Mutter auch so annehmen konnte, wie sie dann in ihrer zunehmenden Hilfsbedürftigkeit wurde. Aber vielleicht widerholt sich hier auch etwas. Ihre Mutter hatte ihr in ihrer Jugend immer zugehört, so hat sie es jedenfalls in Erinnerung. Sie hat sich stets bemüht, auch für ihren Sohn ein offenes Ohr zu haben. Und auch er wird sich eines Tages daran gewöhnen müssen, dass seine Mutter nicht mehr so sein wird, wie er es immer für selbstverständlich  gehalten hatte.

Wenn sie so schreibt, wird ihr wieder einmal bewusst, wie oft sie sich auch jetzt schon an Vergangenes erinnert, wie manchmal plötzlich Bilder aus der Vergangenheit wieder in ihren Bewusstsein kommen, die sie schon längst vergessen glaubte. Das ist wohl auch ein Zeichen des Alterns. Vielleicht brauchen wir einfach eine ganze Zeit lang, um all das Erlebte tatsächlich zu intergrieren, mit allem Frieden zu machen, bis wir dann eines Tages hoffentlich mit allem im Reinen gehen können.

Mit 40 hatte sie sich gerade nach jahrelangen nicht stattgefundenen Auseinandersetzungen von ihrem Mann getrennt  und musste sich nun mit ihrem Sohn ganz neu orientieren. Es war anfangs nicht leicht, in keinerlei Hinsicht, aber (lebens-)notwendig. Sie musste ihr Leben mit ihrem Sohn allein stemmen nach so vielen Jahren in einer wenn auch nicht immer glücklichen, aber dennoch irgendwie in einem geschützten Raum stattfindenden Ehe. Es kamen intensive Jahre der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Mit 50? Fast hätte  sie vergessen, dass es mit Ende 40 die Reise nach Sizilien gegeben  hat, ein  Ereignis, das sie lange Zeit beschäftigt hat. Aber darüber wird geschwiegen. Auch das muss es geben.

Sie hat sich mit den Jahren ihren Lebensraum neu erobert, ist stärker und selbstbewusster geworden, trotz immer noch quälender Selbstzweifel. Ob die jemals aufhören werden?

Und jetzt, um gleich den Sprung in die Gegenwart zu wagen, jetzt ist sie gerade 60 geworden. Wie ist ihr Lebensgefühl jetzt? Sehr gemischt. Sie würde nicht so weit gehen und sagen, dass der 60ste Geburtstag nun auch gleichzeitig eine neue Alterungsphase eingeleitet hat, festzustellen bleibt aber, dass sich Veränderungen einstellen. Ende letzten Jahres – aber das würde ja noch in die ante 60 Zeit fallen, die Operation am rechten Fuß, die sie allerdings schon Jahre vorher hätte machen können. Dann aber, kurz nach dem 60sten, Verschlimmerung des grauen Stars und Notwendigkeit einer Operation. Und Rückenschmerzen…und…und. Sie erinnert sich gerade an eine ehemalige Mitschülerin vom Gymnasium, die sie auf einem Klassentreffen (es war anlässlich des 30jährigen Abiturs) wieder traf und erschrocken war über ihr Aussehen: Sie war übermäßig geschminkt, wirklich übermäßig und wie man so schön sagt: unnatürlich. Das ist selbstverständlich ihre persönliche Meinung dazu, das gesteht sie unumwunden zu. Im Gespräch stellte sich allerdings tatsächlich heraus, dass diese Frau massive Probleme mit dem älter werden hatte und offensichtlich mit aller Kraft versuchte, das Alter zu kaschieren.

Sie ist anders gestrickt. Sicher machen ihr die Alterserscheinungen auch zu schaffen, aber sie kann und will sich deshalb nicht verbergen. Sie will sich nicht verbergen, nicht äußerlich und nicht innerlich. Sonst würde sie vermutlich auch nicht bloggen! Es gibt Bereiche, die nur ihr zugänglich sind und zugänglich bleiben werden, aber im Allgemeinen möchte sie über das, was ihr geschieht und womit sie sich beschäftigt, auch mit anderen teilen können. Wozu sind wir sonst soziale Wesen?

Sie vermutet, dass viele Frauen sich mit ähnlichen Gedanken auseinandersetzen und ähnliche Prozesse durchmachen, jede mit der ihr eigenen  Art, damit umzugehen.

Komisch, vor einiger Zeit sprach sie mit einem Arbeitskollegen, der ein Jahr älter ist als sie. Er berichtete auch über seine Wehwehchen und Gedanken über das Älter werden. Warum hat sie eigentlich gedacht, dass Männer davon nicht betroffen sind? Weil Frauen die Männer auch immer gerne in der Beschützerrolle sehen und damit Probleme haben, wenn eben diese Beschützer auch Schutz brauchen?

 

Aufgeschnappt

Heute mal was anderes….ich bemühe mich um Vielfalt, Diversität, wie man/frau neudeutsch sagt. Ich liebe es, Menschen zuzuhören, im persönlichen Gespräch, aber auch um mich herum, und bin immer wieder erstaunt…Kürzlich war da das Gespräch eines älteren Ehepaares, während ich auf meine Augen-OP wartete (wer es noch nicht gelesen hat, sollte es vielleicht noch tun, wenn er/sie noch etwas zum Schmunzeln braucht heute abend).

Vorgestern bin ich mal wieder mit der Bahn gefahren (so langsam muss ich anfangen, meine Bahncard 50, die ich jetzt als „Seniorin“, heu, ich kann’s noch nicht so richtig aussprechen, pardon hinschreiben, auch noch mal 50 % billiger bekomme, abzufahren). Heißt morgens um 10:15 Uhr am Bahnhof angekommen. Mein Zug sollte um 10:28 Uhr abfahren. Man glaubt es nicht, aber ich bin noch nie in meinem Leben, soweit ich mich erinnere, so in aller Ruhe zum Bahnhof gefahren. Da ich eine Stunde früher als der Wecker aufwachte, bin ich entsprechend früher aufgestanden und habe die Reisevorbereitungen für meinen Wochenendausflug getroffen. War dann also richtig pünktlich fertig und am Bahnhof. „Mein“ Zug stand da noch gar nicht auf der Anzeigentafel, oder ich habe gar nicht so weit gelesen, denn der Zug, der um 09:28 Uhr in die gleiche Richtung (Hamburg) hätte fahren sollen, hatte 120 min Verspätung!

Ich also zur Information und nachgefragt.

Das Geschehen wurde den Reisenden im Folgenden auf dreifache Art und Weise zur Kenntnis gebracht

  1. Offiziell per Lautsprecher:

Der für 09:28 Uhr erwartete Zug in Richtung Hamburg hat eine Verspätung von ca. 120 min aufgrund eines Notarzteinsatzes am Gleis.

2. Die Frau hinter dem Schalter sagte:

Es habe einen Suizid gegeben.

3. Die Beamtin neben ihr kommentierte das Geschehene mit den Worten, dabei leicht grinsend und den Kopf nach hinten werfend:

Da hat sich wieder so ein Vollpfosten vor den Zug geworfen.

Jeder mag sich nun die Variante aussuchen, die ihm am besten passt.

Die offizielle Version verschleiert das Geschehen, verständlicherweise, lässt die Hoffnung, dass der Notarzt vielleicht noch etwas retten konnte. …Wie sollen sie es auch laut anders verkünden?

Der Suizid trifft den Sachverhalt, wie das Wort sagt „sachlich“. Alles klar und deutlich.

Die dritte Version hat mich erschreckt! Jemanden als Vollpfosten zu bezeichnen, der so verzweifelt gewesen sein muss, dass er sich das Leben genommen hat, empfinde ich als geschmacklos. Für mich ist das eine Katastrophe! Eine wahrscheinlich lange Leidensgeschichte, die zu diesem Akt geführt hat.

Es gibt natürlich die andere Seite, die jemanden vielleicht zu so einem Kommentar veranlassen kann, die Tatsache, dass dieser Mensch andere Menschen in diese Katastrophe mit hineinzieht, an erster Stelle den Lokführer, dessen berufliche Existenz er damit u.U. auf Spiel setzt und nicht nur das. Wie soll der Lokführer das  bewältigen? Und die Reisenden, was ist mit denen? Auch sie wird das Geschehene nicht unbeindruckt hinterlassen. Da mag man böse sein. Ja, zu Recht. Warum hat der Selbstmörder diesen Weg gewählt? Konnte er darüber noch rational nachdenken? Ich glaube nicht.

Wir wissen alle nicht, was in so einem Menschen vorgeht. Sollte er mit Vorsatz auch noch andere Menschen haben schädigen wollen mit seinem Abgang, dann ist das unverzeihlich. Sollte er nicht mehr in der Lage gewesen sein, die Folgen seiner Tat abzuschätzen, dann ist es für mich eine tragische Gestalt.

Wie dem auch sei. Die Sprache verrät den Sprecher und seine Haltung gegenüber dem Gesprochenen.

Wir werden durch solche Ereignisse kurz aus unserem Trott herausgerissen. Viele werden schimpfen über den Selbstmörder, bringt er doch ihre Pläne durcheinander. Wieviel Verständnis, wieviel Nachdenken über so eine Nachricht bringen wir noch auf angesichts der vielen Horrornachrichten jeden Tag…Wie hatte Stalin gesagt: ein Toter ist eine Katastrophe, ein Million Tote sind Statistik. Je mehr wir mit diesen Nachrichten konfrontiert werden und kommen sie auch geographisch näher, desto mehr stumpfen wir ab und wollen irgendwann gar nichts mehr davon hören geschweige denn davon betroffen sein. Auch eine Art der Verdrängung der Schrecklichen.

Auch ich kann mich davon nicht frei sprechen. Dieser Selbstmord hätte meine Pläne gründlich durcheinander gebracht, denn ich wollte Freunde besuchen und die hätten lange auf mich warten müssen. Glücklicherweise ist der 09:28 Uhr dann doch bald gekommen und ich erreichte mein Ziel noch fast pünktlich. Ich habe eine schöne Zeit bei meinen Freunden verbracht….und diese Nachricht schnell verdrängt.

Durch diesen Artikel möchte ich den Selbstmörder und den Lokführer würdigen, ihnen sagen, dass ich sie nicht vergesse, und auch der Beamtin, die den Selbstmörder als Vollpfosten bezeichnet hat, wünsche ich, dass sie sich doch einmal Gedanken macht über ihre eigenen Worte.

Vorsicht, Bahn kreuzt

Es fehlt noch mein Wort zum Sonntag. Das ist ja im Allgemeinen mein WordPress-Tag, da ich mich an diesem Tag meistens bibelkonform von den Mühen der Woche erhole und Muße finde, meinen Gedanken nachzuhängen und sie  – aus ökonomischen Gründen – auch gleich noch in Schriftform zu gießen, bevor sie dem Vergessen anheim fallen.

Heute war bei uns, wie wahrscheinlich bei den meisten von euch, wettertechnisch ein wunderschöner Tag und ich habe den Nachmittag genutzt, um zunächst mit meinem Sohn einen Cappuccino in einem unserer Lieblingscafés zu trinken und philosophisches und banales Gedankengut auszutauschen. Dabei haben wir heute mal die hochinteressanten Erörterungen physikalischer Gesetzmäßigkeiten außen vor oder besser gesagt zu Hause gelassen.  Obwohl: sie hätten für die Erforschung des Phänomens, dass bei manchen Menschen im Prozess der Weitergabe der Erbanlagen das für Physik (und Chemie gleichermaßen) zuständige Gen offensichtlich vergessen wurde,  mit Sicherheit bahnbrechende und zugleich erschreckende Erkenntnisse über diesen Leerstand liefern können.

Gerade beim Zähneputzen schweifte ich dann gleich noch in Erinnerungen an die Schulzeit ab. Chemie und Physik – wie gesagt – weitgehend Leerstellen. Bio allerdings Leistungskurs. Als wir dann eines Tages ein(en) Kuhembryo auf dem Seziertisch liegen hatten, war mir klar, dass das nicht mein Weg sein würde. Im Abitur setzte ich mich stattdessen verhaltenstheoretisch mit dem Phänomen  auseinander, dass eine bestimmte Affenart Kartoffeln vor dem Verzehr an einer Wasserstelle wusch. So manches ist doch noch hängengeblieben.

Anschließend, ich meine nach dem intellektuellen Teil des Nachmittags, habe ich mich noch auf mein zweirädriges Gefährt geschwungen, um eine meiner üblichen Rundfahrten zu machen. Es war meine erste längere Fahrt nach der OP, da mir augenärztlicherseits angeraten worden war, zunächst auch auf das Radfahren zu verzichten. Heute habe ich mich darüber hinweggesetzt und ich denke, 3 Wochen nach der OP ist das o.k. Ich bin schließlich kein Radrennfahrer.

Ich war so froh, wieder im Sattel zu sitzen und habe die Fahrt in vollen Zügen genossen. Es ist eine sehr schöne Landschaft, durch die ich da fahre…Wohngebiete, landwirtschaftliche Flächen, Wälder. Und das ist für mich auch ein Stückcken Heimat. Ich kenne diese Strecke, sie ist mir vertraut und ich liebe sie. Ich fahre sie seit vielen Jahren.

Zuerst geht es den Berg hinauf entlang einer Kleingartensiedlung („Deutsche Scholle“, nunja, man kann sich nicht alles aussuchen).

Dann über eine Autobahnbrücke hinein in den Stadtteil Sutthausen. Rechts abgebogen in den Gröbelweg wieder den Berg hinunter (das schönste Stück, wenn es so schön heftig bergab geht, am Friedhof vorbei, auf dem mein Ex-Mann begraben liegt. Manchmal „besuche“ ich ihn und erzähle ihm was aus meinem Leben). Am Ende des Weges liegt die Sutthauser Mühle, ein Gartenrestaurant der älteren Sorte mit nicht wirklich bequemen Klappstühlen, aber eben so schön draußen sitzen. Heute mache ich dort nicht halt, weil es schon etwas später geworden ist und ich meinen Cappuccino schon gehabt habe. Also jetzt rechts halten auf der Rundfahrt nach Hause.

Dann an Feldern und Weisen, nein Wiesen vorbei, auf denen Hühner, Schafe und in einem speziellen „Kuhhotel“ auch vierbeinige Rindviecher logieren . Auf der anderen Seite ein anderer Anziehungspunkt: Dort sorgen jedes Jahr Storche für Nachwuchs. Schon ein schöner Anblick. Das letzte Mal, als ich hier vor etwas mehr als drei Wochen vorbeifuhr, hatte sich das Storchenpaar wohl gerade auf dem Nest eingefunden, heute brütete schon eine/r von beiden.

Weiter geht’s auf der Landstraße. Der Raps beginnt zu blühen, am Straßenrand sind Amphibienschutzzäune aufgebaut. Habe mich gerade nochmal genauer informiert, wie das funktioniert. Man vergisst ja so viel. Es werden wohl auch schon extra Tunnel gebaut (in Berlin, habe ich gelesen), um den Tierchen die Überquerung der Straßen hin zu ihren Laichplätzen und dadurch den sicheren Verkehrstot zu ersparen. Man erläuterte in dem Artikel, dass es sehr wohl besonderer klimatischer und sonstiger Bedingungen bedürfe, damit die Tiere überhaupt so einen Tunnel betreten würden, dem Kommentar von Dieter Nuhr, dass man demnächst die Tunnel sicher auch mit Beleuchtung würde ausstatten müsse, wurde allerdings vehement widersprochen.

Jetzt ist schon wieder ein neuer Tag angebrochen…und ich sitze hier immer noch – habe morgen Urlaub, hahaha…

Wieder rein in ein kleineres Wohngebiet und dann stehe ich vor den Gleisen

Ein Schild  warnt mich: „Bahn kreuzt“. Aha, denke ich. Und dann darunter: bitte links und rechts schauen. Das haben meine Eltern auch immer gesagt, als ich noch klein war und über die Straße gehen wollte.

Ich also ordnungsgemäß links und rechts geschaut und mich dann mit dem Fahrrad durch die Absperrung gezwängt.

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huch…noch mal Glück gehabt…..