Aufgeschnappt

Heute mal was anderes….ich bemühe mich um Vielfalt, Diversität, wie man/frau neudeutsch sagt. Ich liebe es, Menschen zuzuhören, im persönlichen Gespräch, aber auch um mich herum, und bin immer wieder erstaunt…Kürzlich war da das Gespräch eines älteren Ehepaares, während ich auf meine Augen-OP wartete (wer es noch nicht gelesen hat, sollte es vielleicht noch tun, wenn er/sie noch etwas zum Schmunzeln braucht heute abend).

Vorgestern bin ich mal wieder mit der Bahn gefahren (so langsam muss ich anfangen, meine Bahncard 50, die ich jetzt als „Seniorin“, heu, ich kann’s noch nicht so richtig aussprechen, pardon hinschreiben, auch noch mal 50 % billiger bekomme, abzufahren). Heißt morgens um 10:15 Uhr am Bahnhof angekommen. Mein Zug sollte um 10:28 Uhr abfahren. Man glaubt es nicht, aber ich bin noch nie in meinem Leben, soweit ich mich erinnere, so in aller Ruhe zum Bahnhof gefahren. Da ich eine Stunde früher als der Wecker aufwachte, bin ich entsprechend früher aufgestanden und habe die Reisevorbereitungen für meinen Wochenendausflug getroffen. War dann also richtig pünktlich fertig und am Bahnhof. „Mein“ Zug stand da noch gar nicht auf der Anzeigentafel, oder ich habe gar nicht so weit gelesen, denn der Zug, der um 09:28 Uhr in die gleiche Richtung (Hamburg) hätte fahren sollen, hatte 120 min Verspätung!

Ich also zur Information und nachgefragt.

Das Geschehen wurde den Reisenden im Folgenden auf dreifache Art und Weise zur Kenntnis gebracht

  1. Offiziell per Lautsprecher:

Der für 09:28 Uhr erwartete Zug in Richtung Hamburg hat eine Verspätung von ca. 120 min aufgrund eines Notarzteinsatzes am Gleis.

2. Die Frau hinter dem Schalter sagte:

Es habe einen Suizid gegeben.

3. Die Beamtin neben ihr kommentierte das Geschehene mit den Worten, dabei leicht grinsend und den Kopf nach hinten werfend:

Da hat sich wieder so ein Vollpfosten vor den Zug geworfen.

Jeder mag sich nun die Variante aussuchen, die ihm am besten passt.

Die offizielle Version verschleiert das Geschehen, verständlicherweise, lässt die Hoffnung, dass der Notarzt vielleicht noch etwas retten konnte. …Wie sollen sie es auch laut anders verkünden?

Der Suizid trifft den Sachverhalt, wie das Wort sagt „sachlich“. Alles klar und deutlich.

Die dritte Version hat mich erschreckt! Jemanden als Vollpfosten zu bezeichnen, der so verzweifelt gewesen sein muss, dass er sich das Leben genommen hat, empfinde ich als geschmacklos. Für mich ist das eine Katastrophe! Eine wahrscheinlich lange Leidensgeschichte, die zu diesem Akt geführt hat.

Es gibt natürlich die andere Seite, die jemanden vielleicht zu so einem Kommentar veranlassen kann, die Tatsache, dass dieser Mensch andere Menschen in diese Katastrophe mit hineinzieht, an erster Stelle den Lokführer, dessen berufliche Existenz er damit u.U. auf Spiel setzt und nicht nur das. Wie soll der Lokführer das  bewältigen? Und die Reisenden, was ist mit denen? Auch sie wird das Geschehene nicht unbeindruckt hinterlassen. Da mag man böse sein. Ja, zu Recht. Warum hat der Selbstmörder diesen Weg gewählt? Konnte er darüber noch rational nachdenken? Ich glaube nicht.

Wir wissen alle nicht, was in so einem Menschen vorgeht. Sollte er mit Vorsatz auch noch andere Menschen haben schädigen wollen mit seinem Abgang, dann ist das unverzeihlich. Sollte er nicht mehr in der Lage gewesen sein, die Folgen seiner Tat abzuschätzen, dann ist es für mich eine tragische Gestalt.

Wie dem auch sei. Die Sprache verrät den Sprecher und seine Haltung gegenüber dem Gesprochenen.

Wir werden durch solche Ereignisse kurz aus unserem Trott herausgerissen. Viele werden schimpfen über den Selbstmörder, bringt er doch ihre Pläne durcheinander. Wieviel Verständnis, wieviel Nachdenken über so eine Nachricht bringen wir noch auf angesichts der vielen Horrornachrichten jeden Tag…Wie hatte Stalin gesagt: ein Toter ist eine Katastrophe, ein Million Tote sind Statistik. Je mehr wir mit diesen Nachrichten konfrontiert werden und kommen sie auch geographisch näher, desto mehr stumpfen wir ab und wollen irgendwann gar nichts mehr davon hören geschweige denn davon betroffen sein. Auch eine Art der Verdrängung der Schrecklichen.

Auch ich kann mich davon nicht frei sprechen. Dieser Selbstmord hätte meine Pläne gründlich durcheinander gebracht, denn ich wollte Freunde besuchen und die hätten lange auf mich warten müssen. Glücklicherweise ist der 09:28 Uhr dann doch bald gekommen und ich erreichte mein Ziel noch fast pünktlich. Ich habe eine schöne Zeit bei meinen Freunden verbracht….und diese Nachricht schnell verdrängt.

Durch diesen Artikel möchte ich den Selbstmörder und den Lokführer würdigen, ihnen sagen, dass ich sie nicht vergesse, und auch der Beamtin, die den Selbstmörder als Vollpfosten bezeichnet hat, wünsche ich, dass sie sich doch einmal Gedanken macht über ihre eigenen Worte.

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