Leben Geduldige besser und länger?

Im meiner LieblingsZEITung vom 4. Mai hat sich eine Autorin mit der Frage auseinandergesetzt, wer nun besser und länger lebt, der/die Ungeduldige oder der/die Geduldige. Sie verortet sich ganz klar auf der Seite der Ungeduldigen und wendet sich gegen die landläufige Meinung, dass geduldig sein eine positive Eigenschaft sei, dass sie mit Souveränität und Gelassenheit assoziiert werde und ein besseres Leben ermögliche.

Beim Lesen des Artikels habe ich mich gleich gefragt, wo ich mich einordnen würde, und habe, wie sooft, keine eindeutige Antwort gefunden.

Die Autorin nennt verschiedene Situationen, in denen sie ungeduldig ist und sich wünschte, diese Ungeduld auch ungeachtet ihre Erziehung zur Höflichkeit zum Ausdruck bringen zu können.

Wir kennen sie alle: die lange Warteschlange im Supermarkt an einem Freitagnachmittag. Ganz ehrlich: da bin ich auch nicht sonderlich geduldig, je nach dem, ob ich in Eile bin oder nicht. Aber meist schlagen alle Versuche, die Zeit durch Umschwenken zu einer anderen Kasse zu verkürzen, fehl, denn entweder gibt es auch dort Menschen, die ihre Waren nicht so schnell einpacken, oder ich habe übersehen, dass das Transportband links oder rechts neben mir viel voller ist als bei mir. Diebisch freue ich mich (muss ich mich dafür schämen?), wenn eine weitere Kasse geöffnet wird und es mir gelingt, mich dort als erste zu positionieren.

Ich füge eine weitere typische Situation hinzu, bei der ich den Eindruck habe, dass es hier fast nur Ungeduldige gibt: das Ein- und Aussteigen aus einem Bus. Ich weiß nicht so recht, woher es kommt, aber am Bus kommt es fast immer zu Rangeleien: die einen wollen möglichst schnell raus und die anderen rein. Nach meiner Erfahrung reagieren die Menschen fast nirgendwo so unglaublich ungeduldig wie hier. Ist es die Angst, entweder nicht mehr mitgenommen zu werden oder den Bus nicht rechtzeitig vor dem Wiederanfahren verlassen zu können? Oder ist es einfach nur die pure Ungeduld, die es nicht erträgt, dass andere mich in meiner Bewegung behindern. Ich kann mich nicht davon freisprechen, selbst ungeduldig zu reagieren aus oben genannten Gründen. Für mich ein Indiz dafür, dass in bestimmten Situationen all das, was uns als Kultur anerzogen worden ist, blitzschnell in Vergessenheit gerät, wenn es um die ureigensten Interessen aber auch Ängste geht.

Das kenne ich auch: ich sitze in einer Sitzung und der Vortrag ist so langweilig, dass ich mich am liebsten wegbeamen möchte, aber nicht kann. Ich werde ungeduldig, fange an,  auf meinem Block zu malen, bediene mich bei den Süßigkeiten auf dem Tisch…und habe Mühe, den Kopf hochzuhalten. Da reagiert mein Körper.

Wenn ich so schreibe, scheint meine persönliche Waage auch eher in Richtung ungeduldig auszupendeln.

Nein, es gibt auch Situationen, in denen ich geduldig bin. In Diskussionsrunden oder auch privaten Gesprächen ist es für mich wichtig, dass ich meinem Gegenüber zuhöre und umgekehrt. Das ich darauf achte, dass alle Beteiligten zu Wort kommen. Das Thema hatte ich schon öfter, wohl weil es mich beschäftigt und weil ich in solchen Situationen auch mal richtig ungehalten werden kann, insbesondere wenn jemand mir auch noch ins Wort fällt. Das ist ganz einfach respektlos.

Ich habe lange Jahre Erwachsene unterrichtet und da habe ich immer sehr viel Geduld gehabt, um ihnen etwas zu erklären.

Geduld hat immer etwas mit der jeweiligen Situation zu tun, in der ich mich befinde. Wahrscheinlich kennt ihr das auch: Ihr müsst kochen, aber eigentlich habt ihr keine Lust, weil der Tag schlecht gelaufen ist. Wird das was ? Wohl kaum. Wenn ich hingegen am Wochenende koche und mich nichts und niemand drängt, sieht das schon anders aus.

Ganz schlimm wird es bei mir hingegen, wenn ich ein neues technisches Gerät gekauft habe, und die Gebrauchsanweisung studieren muss. Ganz, ganz schlimm. Dazu habe ich einfach keine Lust, weil man sie meist sowieso nicht versteht und dann funktionierts auch noch nicht mal.

Ein Argument für die Vorteile ungeduldiger Mensch, das ich euch nicht vorenthalten will und das mir durchaus plausible erscheint, ist, dass ungeduldige Menschen schneller die Initiative ergreifen. Sie handeln schnell und vielleicht auch impulsiv. Manchmal kann das einfach notwendig sein, manchmal werden sich die so getroffenen Entscheidungen als falsch erweisen. Die Autorin, Sandra Danicke, nennt als Beispiel den Klimawandel: da haben wir keine Zeit mehr zu verlieren und das geduldige Abwarten, dass die Politiker die richtigen Entscheidungen treffen, könnte uns umbringen.

Wenn ich anfangs beim Lesen des ZEITartikels etwas die Stirn gerunzelt habe über die scharfzüngigen Äußerungen der Autorin über die angeblich Geduldigen, so bin ich mir im Laufe des Schreibens doch bewusst geworden, wie schnell ich selbst ungeduldig werde.

Was allerdings die Ausgangsfrage angeht, wer besser lebt, so kann sie nur jeder für sich persönlich beantworten. Jeder bringt seinen eigenen Charakter mit ins Leben und den kann man nur bedingt oder gar nicht ändern. Man kann sich alternative Handlungsweisen antrainieren, aber das, was man ursprünglich mitbringt, wird – so denke ich – doch immer sehr stark sein und im Zweifelsfall durchbrechen.

Es gibt Studien, denen zufolge ungeduldige Menschen früher sterben. Die Autorin sagt dazu: Was soll’s, dafür habe ich schneller und meinen Bedürfnissen entsprechend gelebt. Sicherlich gibt es oder wird es Studien geben, die das genaue Gegenteil behaupten.

Tatsache ist, dass jeder und jede mit sich selbst auskommen muss, geduldig oder ungeduldig. Wem es wie besser geht, ist eigentlich eine müßige Frage, denn der Ungeduldige wird sich vermutlich für glücklicher halten als der Geduldige und umgekehrt.

Wie ich nun selbst erkannt habe, gehöre ich auch nicht zu den geduldigsten Menschen, aber je älter ich werde, desto geduldiger muss ich mit mir selbst werden, mit meiner eigenen Langsamkeit. Und das sollte es mir erleichtern, auch mit anderen geduldiger zu sein.

Übrigens: an der Kasse im Supermarkt bin ich geduldiger geworden, und das erleichtert mir das Leben, denn ich ärgere mich weniger!

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