Sommersonnenwende

Eigentlich sollte dieser Beitrag schon vor einer Woche, am Tag der Sommersonnenwende (Samstag, 20. Juni) geschrieben werden. So ist das mit den Plänen…

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mit fortschreitendem Alter gewinnt der Verlauf/Lauf der Zeit mehr an Bedeutung, denn sie vergeht, glaubt man den Aussagen der Älteren, zu denen ich jetzt ja auch gehöre, vom Gefühl her schneller. Natürlich kann das nicht sein, aber wir nehmen es so wahr. Eine Begründung dafür hörte ich kürzlich von einem „Fachmann“, der sagte, dass dieses Gefühl auch daher rühre, dass die Tage gleichförmiger vergehen, nicht mehr so viel Neues in unser Leben tritt. Das mag eine Begründung sein und könnte insofern helfen, als man oder frau oder * versucht, den Tagen mehr Inhalt oder auch anderen Inhalt zu geben. In unserem/meinem Leben ist das glücklicherweise noch möglich. So merke ich, wie gut es mir tut, etwas Neues zu erleben, wie z.B. ein Kurztripp nach Wien Anfang dieses Jahres.

Corona hat uns alle nun für eine nicht unbedeutende Zeit auf uns selbst zurückgeworfen und die Möglichkeiten anderer Erfahrungen zeitweise gänzlich unmöglich gemacht. Den meisten von uns wird bewusst geworden sein, wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen sind, Gespräche, Nähe und Berührungen. Wie schmerzlich, meine Freundin nicht umarmen zu können! Wie tief der Reflex, mich anderen zu nähern, wenn ich mit ihnen spreche!

Und Corona hat uns alle wieder einmal und unausweichlich mit unserer eigenen Vergänglichkeit/Sterblichkeit konfrontiert. Die Reaktionen darauf waren und sind – wie wir Menschen auch -unterschiedlich: Die einen haben sich auf sich selbst besonnen, Dinge getan, die lange liegen geblieben waren, so z.B. Altes weggeräumt und für Neues Platz geschaffen. Ich habe in diesem Zuge alte Bilderalben angeschaut, im Keller Unterlagen aus meinem Studium noch einmal gesichtet und mich dann nach langer Zeit von ihnen verabschiedet.

Andere haben mit Wut auf die Freiheitsbeschränkungen reagiert und die Existenz von Corona geleugnet. Bei näherer Betrachtung könnte es sein, dass sie damit die Angst vor dem Tod verdrängt haben. Es könnte sein. Ich stecke da nicht drin. Kürzlich las ich bei einem Psychologen, dass die Angst vor dem Tod die größte Angst des Menschen ist. Leuchtet mir ein, denn was könnte uns noch größere Angst machen, als das Verschwinden von dieser Erde, dieses unvorstellbare Verschwinden…und der Psychologe weiter – das hört man auch immer wieder – die Endlichkeit des Daseins kann Motor sein, sein Leben neu zu gestalten und ihm einen „Sinn“ zu geben.

Letzte Woche war ich mit meinem Sohn in Münster und habe ihm vorgeschlagen, zwei meiner Wohnstätten aus meiner Studienzeit aufzusuchen. Ich war überrascht, dass er damit einverstanden war, denn schließlich hat er mit dieser Zeit nichts zu tun. So sind wir zuerst bei meiner Studentenunterkunft vorbei gefahren. Ich war dort vor einigen Jahren schon einmal mit meiner Freundin gewesen, die früher auch mal in Münster gearbeitet hatte. Damals stand der Name meines Vermieters noch auf der Klingel, aber ich habe mich nicht getraut, zu klingeln. Nun, das Verhältnis war nicht das Beste gewesen, oder, naja neutral. Der Mann musste jetzt auch schon ziemlich alt sein. Nun kamen wir also wieder an dem Haus an. Immer noch der Name an der Tür. Im Erdgeschoss ein großes Durcheinander in allen sichtbaren Zimmer. Eine junge Frau in der Küche über Papier gebeugt und kopfschüttelnd. Ich vermutete, dass es sich um die Tochter oder eine Familienangehörige handelte und der Hausherr verstorben war. Daher sprach ich die Frau auch nicht durch das offene Fenster an. Wieder zu Hause konsultierte ich das Internet und stellte fest, dass der Vermieter schon 2013 verstorben war, also schon Jahre vor meinem ersten Besuch. Das Haus musste so lange leer gestanden haben.

Eigentlich ist das auch nicht mehr wichtig. Wie gesagt, sympathisch war er mir damals nicht gewesen. Aber das Haus ist untrennbar mit meinem Leben damals verbunden. Und es ist sage und schreibe 40 Jahre her. Kaum zu glauben. Jetzt kommt noch hinzu, dass ich im vergangenen Jahr im Internet nach meiner damaligen Mitbewohnerin und Freundin gesucht habe, die ich seit langem aus den Augen verloren hatte. Und ich musste feststellen, dass sie im Alter von 63 Jahren verstorben war. Wir können der Auseinandersetzung mit dem Tod irgendwann nicht mehr aus dem Weg gehen, wenn immer mehr Menschen aus unserer Familie und unserem Umfeld plötzlich nicht mehr da sind. Natürlich ist das normal und folgerichtet und notwendig, geschenkt, aber was macht das mit dir und mir?

Daher auch der Titel dieses Beitrags: Sommersonnenwende. Jetzt werden die Tage wieder kürzer. Im Dezember sehne ich immer den Moment der Wintersonnenwende herbei, wenn die Tage langsam aber sicher wieder länger werden und das Leben neu beginnt. Licht ist mit Hoffnung verbunden, in meiner Vorstellung. Und jetzt erneut die Wende. Es geht nichts an diesem Kreislauf vorbei und so lange uns statistisch noch eine lange Zeit zur Verfügung steht, ist das auch kein größeres Problem, denn nach Regen kommt wieder Sonne und auf den Winter folgt der Frühling.

Das Prinzip des Kommens und Gehens durchzieht unsere Existenz und schlägt sich in unserer Sprache und Wahrnehmung wieder:

Auf Regen folgt Sonnenschein

Morgen kommt ein neuer Himme (Romantitel)

Stirb und Werde (Roman von André Gide)

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! (Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse)

Allen diesen Weisheiten ist gemein, dass das Leben von uns auch immer wieder Abschiede fordert, damit Neues entstehen kann. Ein Leben ohne Sterben gibt es nicht, auch wenn wir es gerne hätten. Oder vielleicht auch nicht. Zum Beispiel neigt sich meine Berufstätigkeit so langsam dem Ende zu. Es ist einerseits traurig, weil ich meine Arbeit immer gerne gemacht habe, aber auch meine langjährigen Kolleg*nnen gehen nach und nach und junge Leute drängen nach. Dann möchte ich irgendwann auch nicht mehr bleiben. Alles schön und gut, ich kann mir ein Leben ohne Berufstätigkeit inzwischen vorstellen, aber das ist ja nicht alles. Das soziale Umfeld ändert sich, die körperliche und geistige Belastbarkeit lässt nach und was kommt dann noch?

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf. Immer wieder. Und mal ehrlich, irgendwie steht auch der Gedanke dahinter, was von mir bleibt, was von dir bleibt. Ganz intensiv habe ich das beim Tod meiner Mutter empfunden, weil ich da ganz direkt miterlebt habe, dass eben nichts bleibt, außer ein paar Erinnerungsstücke, Bilder…Das Haus stand plötzlich leer, es hatte seine Seele verloren. Es wurde ausgeräumt, der Hausrat verkauft und schließlich wurde das Haus verkauft und abgerissen. Es tat so weh, auch wenn ich dort schon lange nicht mehr gewohnt hatte. Aber in den letzten Jahren, bevor meine Mutter ins Altersheim kam, war ich am Wochenende oft dort gewesen und hatte viele schöne Stunden mir ihr verbracht, war mit ihr zum Kaffeetrinken in die Stadt gefahren und hatte ihr den Garten gemacht, ich, die ich zuvor mit Gartenarbeit nie etwas am Hut gehabt hatte. Aber meiner Mutter war es wichtig gewesen, dass alles in Ordnung gehalten wurde, und so habe sogar ich Spaß daran gefunden. Alle diese Erinnerungen hingen auch an diesem Haus…

Abschied nehmen. Auf das es gelingt!

Abschied nehmen und sich trotzdem für Neues öffnen, immer wieder aufs Neue, solange es irgend geht.

Für sich selbst und andere etwas Sinnvolles zu tun: z.B. Schutzmasken nähen….irgendwas geht (fast) immer.

Oder Texte schreiben und anderen die eigenen Erfahrungen mitteilen und vielleicht zum Nachdenken oder Lachen bringen!

So, ihr Lieben, die Sommersonnenwende hat mal wieder alle diese Gedanken an die Oberfläche gespült. Aber gestern war ich nach langer Zeit mal wieder mit meiner Freundin abends in der Stadt und wir haben die abendliche, ausgelassene Stimmung genossen!

Also, schafft euch schöne Erlebnisse!

Eure Claudia

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