Tante TIA brach über mich herein…

Kennt ihr das: eure Tante kommt zu Besuch…bei eurem Vater oder eurer Mutter bricht nicht gerade Euphorie aus, ich sage nur „Geschwisterliebe“. Ihr freut euch über die Mitbringsel und beantwortet bereitwillig Fragen, wie es denn in der Schule läuft…aber die Tante hat eine Eigenschaft, die ihr gar nicht mögt: Sie drückt einem, wenn sie zur Tür hereinkommt, einen dicken Schmatzer bestenfalls auf die Backe, schlimmstenfalls auf den Mund. Bohbohboh…..

Von meiner leibhaftigen Tante mit eben jener gelinde gesagt merkwürdigen Art, mich zu begrüßen, die mich andererseits immer mit leckerem Essen verwöhnte, wenn ich sie meinerseits besuchte, zu Tante TIA.

Manche von euch mögen sie kennengelernt haben und hätten sich sicherlich gewünscht, ihr nie begegnet zu sein! Nur als Anmerkung nebenbei und Nachweis meiner Sprachstudien mit DuoLingo: tia ist tatsächlich das spanische Wort für Tante.

Meine Tante TIA hatte sich nicht persönlich angemeldet. Aber in letzter Zeit hatte mich häufiger ein Gefühl der Schwäche und des Unwohlseins unbekannter Herkunft befallen. Was bedeutete das. War etwas im Busch? Die meisten Beschwerden – sprich Muskelschmerzen und Ermüdung – kenne ich. Sie begleiten mich schon lange. Also verbuchte ich alles auf immer- schon- mal -dagewesen.

Letzte Woche Montag: ich sitze in meinem Lieblingscafe, denn wo kann man in Ruhe seine Zeitung lesen und genüsslich ein Getränk zu sich nehmen, wenn nicht an einem Ort, an dem es ausschließlich ums Lesen geht, nämlich in einer Buchhandlung, die gleichzeitig ein Cafe beherbergt. Ich liebe diesen Ort, an dem andere Gäste dieses Verhalten nicht als geschäftsschädigend titulieren und uns – die Leser – am liebsten rausschmeißen ließen (habe ich so erfahren auf meiner Lieblingsinsel Borkum.

An diesem Tag wollte sich indessen das Lesevergnügen nicht recht einstellen. Stattdessen ruckelte ich nervös auf meinem Stuhl hin und her. Der Rücken tat mir weh. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Nach einer Weile entschied ich mich, nach Hause zu fahren.

Ich weiß nicht, ob Tante TIA bereits auf mich wartete oder mir im Cafe schon im Nacken saß. Auf jeden Fall kam sie nicht in guter Absicht, sie drückte mir nicht einmal einen Schmatzer auf die Wange, was ich in diesem Fall nur zu gerne in Kauf genommen hätte. Sie überschwemmte mich förmlich, ein Fluss, der durch beide Augen lief. Mir schwindelte. Es dauerte nur ein paar Minuten. Erschöpft ließ ich mich auf das Sofa fallen und schlief ein.

Als ich wach wurde, rieb ich mir die Augen und fragte mich, ob ich das wirklich erlebt oder nur geträumt hatte. Nein, es war wirklich passiert. Irgendetwas war passiert. Da ich in diesem Fall nicht auf meine langjährigen Erfahrungen mit diversen Krankheits- bzw. Schmerzerfahrungen zurückgreifen konnte, entschloss ich mich, am nächsten Morgen früh in die nächste Notaufnahme zu fahren, um zu klären, was Tante TIA da mit mir gemacht hatte.

Nach einer unruhigen Nacht machte ich mich sofort auf den Weg; wohlwissend, dass die Notaufnahmen in den Krankenhäusern schnell „volllaufen“, so nennen es die Schwestern und Ärzte.

Als ich schilderte, wie Tante TIA unaufgefordert zu Besuch gekommen sei und mir den Blick verwässert hätte, leuteten die Alarmglocken der Ärzte sofort auf und bestätigten, dass es sich bei dem Eindringling tatsächlich um TIA handeln könnte, aber nicht um meine Tante, die ja nun auch schon lange nicht mehr unter uns weilt, gegebenenfalls aber auch aus dem Jenseits ihre „Grüße“ geschickt haben könnte (entschuldige, liebe Tante, es ist nicht so gemeint), sondern um eine Transitorische ischämische Attacke: ein kurzzeitiger Schlaganfall! So, nun ist es raus.

Es folgte eine Woche zunächst auf der Stroke Unit (als die Krankenschwester mit mir auf einer fahrbaren Liege auf die Abteilung zufuhr und ich schwarz auf weiß sah, dass ich es richtig verstanden hatte mit dem möglichen Schlaganfall, dachte ich kurz an die unzähligen Male, als ich ähnliche Szenen im Fernsehen gesehen hatte und wünschte mir kurz, dass ich die Statistin in einem dieser Filme wäre), dann noch ein paar Tage auf der Neurologie.

Was soll ich sagen?

Es wurde gefühlt alles ge- und vermessen, wozu die Medizin derzeit in der Lage ist: MRTs, CTs, Lumbalpunktion, Blutdruck, Blutwerte, Reaktions- und Merkfähigkeit, Ultraschall der Halsaorten. Ultraschall des Herzens, habe ich noch was vergessen? Auf der Stroke Unit war ich aus eben diesen Gründen von oben bis unten verkabelt und musste aufpassen, dass ich nicht bei meinen häufigen Toilettengängen die ganze Apparatur mit mir in den Abgrund riss. Eigentlich ist es untersagt, sich in dieser Situation allein abzukabeln, aber nachdem das Pflegepersonal die ersten fünf Male noch gekommen war, stimmten sie letztlich zu, dass ich eigenverantwortlich handeln durfte. Glücklicherweise ist alles gut gegangen, wenn man davon absieht, dass die Schwestern morgens feststellen mussten, dass ……die Geräte nicht durchgängig Daten geliefert hatten. Ich hatte nach einem meiner Ausflüge zur Toilette in der Nacht vergessen, mich wieder vollständig ans System anzukoppeln.

Was bleibt:

Die gute Nachricht: alles altersgemäß normal!

Der DICKE Wermutstropfen: Es ist etwas in meinem Kopf passiert, es ist nicht harmlos, man kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es Tante TIA oder gar Onkel Herzinfarkt war (nein, der war es nicht). Nur zu Eurer Information: Bei dieser Diagnose ist es eher die Regel, dass man im Ungefähren bleibt, weil der Gefäßverschluss nur kurzzeitig ist und meist auch keine feststellbaren Schäden nach sich zieht (zum Glück). Aber es bleibt die Gefahr eines Rezidivs! Damit muss ich nun leben.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Es war mit Sicherheit ein Einschnitt in mein Leben. Das will verarbeitet werden.

Man denkt darüber nach, wie es dazu hatte kommen können. Ich glaube fast, es ist ein Konglomerat aus verschiedenen Ereignissen des letzten Jahres, die sehr viel Stress verursacht haben, so dass mein Körper die Reißleine gezogen hat.

Aber wer weiß das schon!

Jetzt muss ich ein paar mehr Medikamente nehmen. Man hat mir gesagt, dass dies unerlässlich ist, um einer erneuten TIA vorzubeugen. Mit Sicherheit ausschließen kann man sie nicht.

Ich werde erstmal eine Kur beantragen

Mit der Zeit, so hoffe ich, wird die Unsicherheit wieder abnehmen. Ganz weggehen wird sie nicht.

Wenn ich schon dabei bin: das, was mich am meisten bewegt ist der Gedanke, dass ich tatsächlich einen richtigen Schlaganfall mit den bekannten Folgen erleiden könnte. Und was dann?

Vielleicht kann ich es so betrachten: Tante TIA konnte es nicht lassen: sie musste mir einen ungewollten Kuss verpassen. Der ist jetzt vorbei. Ich werden der Tante soweit möglich aus dem Weg gehen und vielleicht dankbar sein, dass mein Körper noch rechtzeitig die Reißleine gezogen und mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich in meinem Leben etwas ändern muss.

Liebe Grüße an euch alle – mit oder ohne Tante TIA

Bleibt zuversichtlich!

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