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Muschelsammeln

Nachrichten aus dem Universum

Die Sehnsucht hat mich zurückkehren lassen auf meine Lieblingsinsel Borkum. Es war kein leichter Schritt, denn in diesem Jahr würde alles anders sein…eine langjährige Frauenfreundschaft zerbrach im Jahr zuvor unvermittelt und doch letztlich vorhersehbar just an diesem Ort. Aber das ist eine ganz andere Geschichte….

Ich musste nun also eine Entscheidung treffen: wollte ich in diesem Jahr wieder auf Borkum Urlaub machen, dieses Mal allein. Eigentlich war mir klar, dass ich es würde tun müssen. Zu sehr hängt mein Herz an dieser Insel, an dem Klima, dem weiten Blick über das Meer und vielem anderen.

Das Leben verlangt immer wieder neue Entscheidungen von uns. Die Dinge ändern sich nun mal und wir auch. Es ging nicht nur um die Frage, ob ich nach Borkum fahren wollte, sondern Ende letzten Jahres auch darum, ob ich es würde tun können. Denn plötzlich, aber nicht ganz unerwartet, versagte mir mein rechtes Knie seinen Dienst. Leichtere Schmerzen hatte ich schon längere Zeit gehabt, aber kurz vor Weihnachten eskalierte die Situation und ein MRT offenbarte die Wahrheit: Arthrose.

Aber auch das ist eine andere Geschichte, die ich sicherlich noch ein anderes Mal erzählen werde.

6 Monate beharrliche Physiotherapie und Übungen zu Hause haben sich ausgezahlt, so dass ich mich so weit wieder hergestellt fühlte, um die Reise anzutreten. Diesmal in ein CVJM Heim direkt am Strand…andere Geschichte.

Komme ich nun auf den Punkt.

Wenn ihr auch die Nordsee liebt, dann kennt ihr vielleicht auch den unwiderstehlichen Wunsch, irgendwann während des Aufenthaltes an den Strand zu gehen und Muscheln zu sammeln. Sicher, der Drang hat über die Jahre nachgelassen…aber er ist noch da und hat sich auch in diesem Jahr an einem sonnigen, warmen Tag Bahn gebrochen.

Ich ging etwas weiter hinaus, weg von Trubel des Hauptstrandes.

Und begann zu suchen.

Jedes Jahr wird es ein bisschen weniger mit den Muscheln. Mag sein- was ich allerdings auch bezweifle – dass es nicht zahlenmäßig weniger werden, aber sie werden kleiner und manche Arten verschwinden ganz.

Meine zahlreichen Leserinnen und Leser – hahaha – werden sich erinnern – Ich lernte die Insel vor nunmehr ungefähr 60 Jahren kennen, als Kind also. Zunächst mit Sack und Pack auf dem

Zeltplatz, später beim Förster und dann in verschiedenen Pensionen, Familienferienstätten usw. usf. Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte – Borkum und ich.

Und damals begann natürlich auch schon das Muschelsammeln.

Ich bin mir nicht sicher, aus welcher Zeit die ältesten der gesammelten und aufbewahrten Muscheln stammen. Es mögen wohl 30,40 oder gar 50 Jahre sein…

Was es nun eigentlich ist, das mich immer wieder innehalten und Muscheln sammeln lässt, kann ich nicht sagen. Die Schönheit der Farben und Formen….Der Glanz der Farben erlischt leider, wenn die Muscheln aus ihrem Element entführt werden. Der Glanz entsteht im Zusammenhang mit der Lichtbrechung im und am Wasser.

Auf jeden Fall hat Muscheln sammeln für mich etwas sehr Meditatives— ich bin dann ganz konzentriert auf das, was ich gerade tue, alles andere verschwindet für einen Moment aus dem Bewusstsein. Was für ein schöner Zustand in dieser so turbulenten Zeit.

Und jetzt komme ich endlich dazu:

Ich beobachte seit mehreren Jahren den Verlust von Muschelsorten, die in meiner Kindheit noch zu finden waren, zwar recht selten, aber dafür um so erfreulicher, wenn man doch eine aufgespürt hatte. Vor allem erinnere ich mich an einige Wattwanderungen – sie mögen 10/15 Jahre her sein, als der Wattführer nur einmal mit dem Spaten in das Watt stechen musste um sofort eine große Sandklaffmuschel zum Vorschein zu bringen. Bei meiner letzten Wattwanderung machte er keine mehr ausfindig – das ist nun auch schon wieder einige Jahre her. Ich sprach den Wattführer auf dieses Phänomen an, aber es war im wohl peinlich. Er hat nicht klar darauf geantwortet.

Nun, ein bisschen habe ich recherchiert und herausgefunden, dass Arten – also auch Muscheln, kleiner werden, wenn die Lebensbedingungen sich verschlechtern, oder – das wissen wir ja alle, ganz verschwinden – aussterben.

Hier eine Auswahl aus meinem Bestand. Die MuschelsammlerInnen unter euch werden sie kennen, die Sandklaffmuscheln – links im Bild. Oben ein Exemplar aus einer Wattwanderung, unten die Varianten, die ich noch gefunden habe. Gehen wir im gegen den Uhrzeigersinn weiter im Kreis. Einige Exemplare von Miesmuscheln. Die große Variante ist schon alt. die kleineren habe ich in diesem Jahr noch gefunden. Es ist dies ein Zufallsbefund, zugegeben. Aber Miesmuscheln der größeren Art sind mir in den letzten Jahren nicht mehr untergekommen. Weiter auf der Kreisbahn. Wer von euch hat sich in Kindertagen nicht tierisch beim Fund einer „Rauschmuschel“ – einer Wellhornschnecke – gefreut und sie neugierig ans Ohr gehalten, um dort das Meer rauschen zu hören.

Tja, wenn die Ergebnisse meiner Recherchen im Internet stimmen, dann gibt es die Wellhornschnecken nicht mehr. Die fast unbeschädigten Exemplare sind wahre Fossilien. Der Grund – man beachte – das ist das, was ich im Internet gefunden haben – ist ein Mittel, mit dem Schiffe sozusagen eingerieben wurden, um sie vor Algenbewuchs zu schützen. Leider war/ist dieses Mittel giftig und hat zum Aussterben der Wellhornschnecken geführt. Sie sind weg.

Und last but not least eine Art, die die Älteren unter euch auch noch kennen dürften: die europäische Auster. Wurde auch gerne mal als Aschenbecher benutzt. Sie hat eine schöne ausgewogene, geschwungene Form. Diese heimische Auster wurde von der invasiven pazifischen Auster verdrängt und ist vermutlich ebenfalls ausgestorben.

Warum bewegt mich das, werdet ihr fragen. Das passiert doch immer wieder, dass Arten aussterben, ja vielleicht, aber wir verlieren auf allen Ebenen immer mehr Arten, seien es die Insekten, Vögel, Fische und alle Tiergatttungen. Das ist nicht „normal“.

Wir sind dafür mitverantwortlich durch unseren Umgang mit der Natur und unseren Ressourcen.

Vielleicht bin ich sentimental, aber mich macht das Betrachten dieser Muscheln traurig, ich kann es nicht anders sagen….traurig über das, was wir mit der Welt machen, mit unserer Welt…Abgesehen davon zerstören wir wissentlich unsere eigenen Lebensgrundlagen!

Die Welt um uns herum gehört uns nicht. Wir sind ein Teil und wir sind auf sie angewiesen. Haben wir das noch nicht begriffen in unserem Streben nach Wohlstand und immer mehr und mehr?

Diese ausgestorbenen und klein gewordenen Muscheln sind vermutlich kein Zeichen aus dem Universum, aber wir könnten und sollten sie als solches werten, endlich umzudenken und Flora und Fauna den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen und sie entsprechend zu behandeln.

Wenn nicht?

Hhm, unsere Kinder werden diese fast magischen Momente des Muschelsammelns dann irgendwann nicht mehr erleben…