Jesus oder Pilatus

So titelt die „Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 23. März in der Rubrik „Glauben und Zweifeln“ und stellt dabei die Frage nach unserer Antwort auf die Flüchtlingskrise. Sie stellt dabei aus christlicher Sicht zwei Positionen gegenüber: die radikale, bis zur Selbstaufopferung reichende Nächstenliebe (Jesus) und die von Pilatus, dem römischen Statthalter, der Jesus kreuzigen lässt, nicht, weil er ihn unbedingt für schuldig hält, sondern weil er die politisch pragmatische  Entscheidung fällt, Jesus zu opfern für die Bewahrung des Friedens.

Der Autor fragt weiter nach der Relevanz der beiden Verhaltensweisen für unser heutiges Handeln in der Flüchtlingskrise. Er nennt dabei das Beispiel von 4 Nonnen und 12 Pflegern in einem Altenheim im Jemen, die bei den ihnen anvertrauten alten Menschen bleiben, als das Heim von Djihadisten überfallen wird. Die Nonnen und das gesamte Personal werden ermordet. Ihre Barmherzigkeit war den Angreifern Provokation genug. Die Alten werden verschont, wenn man das verschonen nennen kann, denn sie sind jetzt auch verloren. Der Autor des Artikels: „Für sie (die Nonnen und ihre KollegInnen) ist das Maximum an Barmherzigkeit das Mindeste. Ihr Mut lässt unsere derzeitigen Debatten über das nötige Minimum an Hilfe in der „europäischen Flüchtlingskrise“ kleinlich erscheinen. Und jetzt wird es interessant. Er fährt fort:  „Denn wir ziehen Grenzen der Hilfsbereitschaft, ohne an unsere Grenzen gegangen zu sein…“

Die entscheidende Frage ist letztlich, was wir in den aktuellen Lage tun können. Die absolute Opferbereitschaft eines Christus oder der mutigen Nonnen und ihrer Mitarbeiter sind ein „moralischer Extremfall“, der vermeintliche Selbstschutz eines Pilatus offensichtlich das, was derzeit praktiziert wird mit noch nicht absehbaren Folgen für unser so gepriesenes europäisches Wertesystem, wenn man den letzten Nachrichten von Amnesty International Glauben schenken darf, denen zufolge syrische Flüchtlinge in großer Zahl aus der Türkei zurück nach Syrien gebracht werden! Alles nur Selbstschutz, oder sagen wir besser Abschottung? Ist der Versuch nicht durchsichtig, uns unserer eigenen Verantwortung zu entziehen, indem wir die Türkei – wie wir so schön sagen – mit ins Boot holen? Die Politik hat sicher immer auch abzuwägen zwischen  „Moral“ und „Pragmatismus“ und den Schutz des eigenen Landes zu berücksichtigen. Aber wovor schützen? Vor den Flüchtlingen, die  ein Anrecht auf Asyl und Schutz haben oder vor rechtsradikalen Tendenzen, die gerade schon unser Parteiensystem durcheinander bringen. Ich bin auch Realist genug für die Feststellung, dass die Gesellschaft – wie immer gesagt wird – einen ungehinderten Zustrom von Flüchtlingen  nicht verkraftet, wie man das auch immer definieren mag. Es müssen zweifelsohne Strukturen, Personal und viele, viele Helfer da sein, die an der Integration der Flüchtlinge mitwirken, sonst kann sie nicht funktionieren und führt zu nachhaltigen gesellschaftlichen Problemen.

Was die rechtsaussen Seite der Gesellschaft angeht, weiß ich auch nicht recht, wie man ihr begegnen kann und muss. Sicherlich mit einer konsequenten Strafverfolgung. Ob es einen Diskurs mit diesem Teil der Gesellschaft geben kann, bezweifle ich. Das Einzige, was m.E. hilft, ist, das die Politik zeigt, dass sie glaubwürdige Lösungen für die Probleme der Menschen anbietet. Kürzlich sah ich einen Film über Wähler der AfD bzw. der NPD oder beides gleichzeitig im Osten und Westen der Republik und musste feststellen, dass die meisten Bürger auf die Frage, in wieweit sie durch die Flüchtlinge tatsächlich beeinträchtigt werden, keine oder nur sehr vage Antworten geben konnten. Einer sagte nur: Iss eben so…Wo soll man da anfangen zu diskutieren? Oder vielleicht doch gerade da ansetzen und mit den Menschen reden, um doch noch einen Sinneswandel zu erreichen?

Nun  zurück zu der Ausgangsfrage, wie wir alle mit der Flüchtlingskrise umgehen. Der Autor des Artikels stellt die Frage: „Könnte es sein, dass viele Deutsche sich insgeheim schämen, weil sie zu keinem wirklichen Opfer bereit wären?“ Ja, könnte sein, was mich persönlich betrifft. Es ist nicht die Angst vor der Begegnung, ganz im Gegenteil, ich bin neugierig und möchte etwas von den Menschen erfahren, was sie erlebt haben und wer sie sind. Aber ich habe Angst, Verantwortung übernehmen zu müssen, denn wenn man sich einlässt auf Menschen, übernimmt man immer auch ein Stück Verantwortung. Würde ich das schaffen?

Ich zitiere noch einmal aus dem „Zeit“-Artikel: “ Da hilft es auch nicht, über „nahes“ und „fernes“ Mitleid zu philosophieren und mit pilatushaftem Bedauern festzustellen, dass wir nun mal nicht sämtliche Konflikte der Welt befrieden können…Vielleicht ist die österliche Gestalt der Stunde ja weder Jesus noch Pilatus, sondern eine ganz andere, unscheinbare: Simon von Cyrene…. Am Karfreitag hilft er dem erschöpften Jesus das Kreuz zu tragen. Eigentlich wollte Simon das nicht, denn er fürchtet, selber zum Opfer zu werden. Aber dann geht er den Kreuzweg ein Stück mit. Wie weit? So weit er kann. Sein Beispiel zeigt, dass es hilft, zu helfen. Das Maß der Hilfsbereitschaft aber lässt sich nicht vorherbestimmen. Pathetisch gesagt: Man muss das Kreuz erst schultern, bevor man weiß, wie weit man es tragen kann.“

 

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