Eine Viertelstunde meines Lebens….

Es ist nur eine Viertelstunde, aber sie ist da bzw. nicht da, sie ist getilgt aus meinem Bewusstsein, einfach weg…..

Komisches Gefühl.

Kürzlich erzählte mir meine Physiotherapeutin, dass es in ihrem Leben mehrere Situationen gegeben habe, bei deren näherer Betrachtung sie das Gefühl gehabt hatte, dass sie sie nur deshalb durchleben musste, damit sie sich besser in ihre Patienten hineindenken könne. In ihrem Fall handelte es sich um bestimmte Krankheitsbilder, die sie bis dahin noch nicht selbst erlebt hatte und die es ihr anschließend erleichterten, sich in ihre Patienten hineinzuversetzen.

Nun weiß ich nicht oder vielleicht noch nicht, ob mein Erlebnis vom letzten Montag mir das Verständnis für andere Menschen erleichtern wird, denn bis dato ist mir noch niemand persönlich begegnet, dem Zeit verloren gegangen ist, sprich, der entsprechende Gedächtsnislücken hat. Nein, fällt mir da gerade ein, es gibt jemanden in meiner Familie, dem das passiert ist, aber aus selbst herbeigeführten Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte. Das ist aus meiner Sicht aber ein Sonderfall, weil selbst herbeigeführt.

Also, fragt ihr euch, worauf will sie hinaus?

Kann ich euch sagen: Am vergangenen Montag verließ ich guten Mutes mein Fitnessstudie nach einer Stunde Pilates. Es hatte mir Spaß gemacht, wenngleich bei dem schwülen Wetter die Schweißtropfen sich in Schweißströme verwandelten. Ich schloss wie immer mein Fahrrad auf, bahnte mir den Weg durch die anderen geparkten Fahrräder und fuhr los nach Hause….

Und von da an verliert sich meine Spur, d.h. ich weiß nicht mehr, was dann passierte. Ganz vage und im Dunkeln (es war draußen schon dunkel um 20:05 Uhr, aber auch in meinem Kopf) sehe ich vor meinem inneren Auge ein junges Pärchen, das sich nähert und mich besorgt fragt, ob sie mir helfen könnten. Ich verneine dies. In meiner Erinnerung sind sie schon einigermaßen in Sorge und fragen mehrmals nach, aber ich sage, dass ich allein klar komme, steige unsicher auf mein Fahrrad. Dann „sehe“ ich, wie ich durch die Straßen fahre. Alles nur nebelhaft. Mein Unterbewusstsein hat die Notbeleuchtung eingeschaltet. Ich suche nach Orientierungspunkten, die ich wiedererkenne und die mir den Weg nach Hause weisen. Irgendwann sehe ich ein Schaufenster, glaube es zu erkennen und biege dort ein. Tatsächlich sehe ich mich auf unser Haus zufahren und anhalten. Ich wische mir über das Gesicht und schaue auf meine rechte Hand, die voller Blut ist. Ich denke, das ist ja wie im Fernsehen. Und dann klingele ich …Wie ich in die Wohnung gekommen bin und was ich anschließend von mir gegeben habe, erzählt mir mein Sohn später. Ich stehe offensichtlich unter Schock. Ich fühle nichts und habe keine Schmerzen. Das Blut an meinen Händen nehme ich wahr, aber es berührt mich nicht. Mein Sohn besteht darauf, dass wir ins Krankenhaus fahren, um die Platzwunde auf meiner Stirn nähen zu lassen. Da ich die folgenden Tests, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, durchweg bestehe (ich muss zu diesem Zeitpunkt wohl schon wieder etwas klarer im Kopf gewesen sein, auch weil ich von meinem Sohn im Minutentakt die Gabe von Arnika in der C 200 verlange, das homöopatische Mittel überhaupt bei Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen), wird nach einer Röntgenaufnahme des Brustkorbes festgestellt, dass ich „nur“ eine Rippenprellung habe, die sich in der Folge als ziemlich schmerzhaft herausstellen wird. Die Wunde am Kopf wird verklebt, nicht genäht, und wir fahren nach Hause. Die Tatsache, dass ich mich an fast nichts erinnere, beunruhigt die Ärzte nicht. Das sei „normal“ bei so einem Sturz auf den Kopf.

In der Nacht kommen die Schmerzen und der Schwindel. Immer, wenn ich mich hinlege.

Auf dem Merkblatt, das ich mitbekommen habe, stehen Anweisungen, was zu tun ist, wenn bestimmte Symptome auftreten. Schwindel ist nicht aufgeführt, aber die ganze Sache ist mir nicht geheuer, denn ich weiß auch, dass mit Kopfverletzungen nicht zu spaßen ist. Da die Diagnose „leichtes Schädel-Hirn-Trauma“ feststellt, begebe ich mich auf Empfehlung meines Hausarztes abermals ins Krankenhaus, wo man sich wundert, dass am Abend zuvor kein CT vom Kopf gemacht worden ist. Das wird jetzt nachgeholt und Gott sei Dank – ja – werden weder Blutungen noch Brüche festgestellt. Nach 2 Stunden Wartezeit beim Hausarzt  und weiteren 4 Stunden im Krankenhaus darf ich wieder nach Hause gehen. Ich bin fix und fertig.

Die Nacht ist einigermaßen ruhig. Gegen fünf Uhr morgens wieder Schwindel, genauer gesagt Drehschwindel. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, was das ist bzw. wie er sich von anderem Schwindel unterscheidet. Nun weiß ich es ganz genau: Immer wenn ich mich hinlegte oder im Liegen umdrehte begab sich das Hirnwasser auf die Umlaufbahn um mein Gehirn, um bei einem Stellungswechsel die Richtung abrupt zu ändern.

Gestern war Ausruhen angesagt. Mehr ging auch nicht. Nachmittags ein kleiner Spaziergang in der angenehmen Herbstsonne mit anschließendem Kaffeetrinken. So viel Zeit muss sein. Ich hatte das Gefühl, das der Spaziergang meinen Kreislauf in Schwung brachte und fühlte mich gut.

Letzte Nacht wenig, ganz wenig geschlafen. Immer wieder die Frage gewälzt, was passiert ist in dieser Viertelstunde, warum und wie sich der Unfall ereignet hat. Keine Antwort.

Ob diese Erfahrung jetzt irgendeinen weitergehenden Erkenntnis- oder Verständnisgewinn beinhaltete bzw. mir nahe bringen sollte, kann ich noch nicht sagen. Ich hätte darauf auch verzichten können! Aber Erfahrung ist Erfahrung und wie ich kürzlich noch gelesen habe, soll der Mensch nicht darüber nachsinnen, wie er das Leben gerne hätte, sondern es sich so wünschen, wie es gerade ist (sinngemäß). Gut, dann mache ich das eben so. Es ist so, wie es ist. Ich habe wieder an Lebenserfahrung dazu gewonnen, ich weiß jetzt, wie ein Schockzustand aussieht und wie es sich anfühlt, wenn man sein Gedächtnis verliert. Ich bin sicher in eine Art Grenzbereich zwischen Bewusstsein und Bewussstseinsverlust geraten. Ja, und nicht zu vergessen. Ich werde mir jetzt umgehend einen Fahrradhelm kaufen und auch aufsetzen!

Ich werde sicher noch eine Weile darüber nachdenken, was passiert ist, auch wenn ich wohl kaum noch Antworten darauf bekommen werde.

Jetzt müssen die Verletzungen erstmal ausheilen. Illustrationen meiner Kopfverletzung erspare ich euch dieses Mal.

Vielleicht habt ihr so etwas auch schon erlebt, oder anders erlebt? Eure Kommentare sind wie immer willkommen.

Viele Grüße

Eure Claudia

 

 

 

2 Gedanken zu “Eine Viertelstunde meines Lebens….

  1. Liebe Claudia, das sind ja nicht so erfreuliche Nachrichten. Obwohl ich „ gefällt mir“ geklickt habe, geht ja nicht anders. Vielleicht war das Pilates zu anstrengend ( Schweißströme ) und eine kleine Ohnmacht hat dich zu Fall gebracht. Eigentlich schade, du hättest die Hilfe der jungen Leute annehmen sollen, vielleicht haben sie gesehen, wie das alles passiert ist. Vielleicht aber bist du „nur“ in ein Loch oder so gefahren, bist gestürzt und dann auf den Schädel geknallt. Danach ist eine „retrograde Amnesie“ normal und man kann sich an den Sturzvorgang nicht mehr erinnern. Wie auch immer, du wirst es nicht herausbekommen, ein Helm ist eine gute Lösung, aber allein deine gewohnte, mit Witz versehene Schreibweise zeigt mir, dass da keine bleibenden Schäden sind. Der Schwindel wird wohl nach einiger Zeit vergehen, wenn du alles etwas ruhiger angehen lässt, immerhin hast du eine Gehirnerschütterung. Gute Besserung wünscht Hanna

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    1. Liebe Hanna,
      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Der Arzt im Krankenhaus war wohl auch der Meinung, dass ich keine größeren Schäden davon getragen hätte und meinte, ich könnte am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen. Naja, der dicke Bluterguss am Auge kam auch erst später…
      Du hast Recht, ich hätte auf die jungen Leute hören sollen, aber ich stand völlig neben mir und war nachher gar nicht mehr sicher, ob sie tatsächlich da waren oder nicht. Es macht einen schon unruhig, wenn man nicht weiss, was passiert ist. Das Schreiben darüber ist dann auch eine Form der Verarbeitung, das kennst du ja selbst.
      Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, liebe Hanna !

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