Was kann Literatur in diesen Zeiten bewirken?

Diese Frage kommt immer mal wieder auf. Eine Antwort darauf ist schwierig und kann wahrscheinlich auch nur individuell beantwortet werden.

Der israelische Schriftsteller David Grossman (Jahrgang 1954) hat in einem Artikel in der Zeit vom 09. März 2017 eine Antwort darauf versucht. Ich will seine interessanten Gedankengänge kurz skizzieren, sofern mir das gelingt und mir dann noch meine eigenen Gedanken dazu machen. Letztlich ruft er genau dazu auf.

Grossman schildert den aktuellen Zustand der Welt im „postfaktischen“ Zeitalter insbesondere nach der Amtsübernahme von Donald Trump, für den es (nach einem Zitat von George Orwell und so kundgetan von Trump-Beraterin Kellyanne Conway) Fakten gibt und alternative Fakten, der keine eindeutige Wahrheit anerkennt (z.B. Klimawandel) und den sein Geschwätz von gestern schon lange nicht mehr interessiert. Die Menschen sind zutiefst verunsichert, es fehlt ihnen (uns) das Gefühl von Verlässlickeit,  der Möglichkeit,  die Wirklichkeit mit den ihnen bislang zur Verfügung stehenden Mitteln zu entschlüsseln. Sie haben Angst vor der Zukunft, weil sie die Gegenwart nicht mehr verstehen, weil sie keine Maßstäbe mehr haben für das, was wahr ist. Grossman schreibt, dass Donald Trump Kräfte freisetzt, die demokratische Systeme seit Jahrhunderten durch Gewaltenteilung und einem bis dato breit anerkannten Wertesystem von Freiheit, Gleichheit und Pluralismus einzudämmen versucht haben.

Wo gibt es noch verlässliche Gewissheiten?

Laut Grossman findet der Mensch letzte Gewissheiten in der großen Literatur, die uns  mit allem in Berührung bringt, was das menschliche Dasein umfasst, „das Wunder, das ganze Glück und das ganze Grauen, die Einsamkeit, die Zugehörigkeit und das Erbarmen, die dem menschlichen Dasein innewohnen“. In dem wir uns so in unserer Seele berühren lassen, spüren wir intuitiv, was Wahrheit ist und können uns der massenhaften Manipulation entziehen und uns ihr entgegen stellen.

Stalin soll gesagt haben „Ein Tod ist eine Tragödie, Millionen Tode sind Statistik“. Ein brutaler Satz, der darum nicht weniger wahr ist, wenn wir an die Entwicklung der Flüchtlingskrise denken. Wir nehmen das tausenfache Sterben inzwischen als Statistik hin.

Grossmann meint, Literatur kann uns Anleitung geben, wie wir „die Tragödie unserer Existenz als Einzelne vor Stalins verächtlicher Statistik retten“: Er meint, dass der beim Lesen entstehende Wunsch, das Innen- und Seelenleben der Protagonisten mit seinen Werten, Ängsten, Brutalitäten und Momenten der Größe kennenzulernen, politisches Bewusstsein weckt, ohne das keine Wendung zum Guten möglich ist. Er postuliert, dass das massenhafte Sterben nur dann zur Statistik wird, wenn Einzelwesen einen  Gutteil ihres Lebens und Denkens dem Maßstab der Masse unterwerfen. Sonst hält er eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber der Tragödie für unmöglich.

Und wie wird der Einzelne Bestandteil einer Masse? Indem er es aufgibt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, sein Dasein eigenverantwortlich zu definieren.

Vor einer solchen Definition seiner selbst kann er nicht fliehen und er kann sie auch nicht ignorieren.

Literatur hilft ihm dabei, „sein Wesen auf individuelle Weise auszubuchstabieren“, sich selbst durch die Kraft der Literatur zu erkennen und sich gleichzeitig als Teil des Ganzen zu begreifen.

Für mich hochphilosophische Gedankengänge, die ich versuche, auf meine Erfahrungen herunter zu brechen. Literatur kann mich zutiefst bewegen, zu tiefster Betroffenheit und höchstem Glück. Sie bringt mich mir selbst näher, indem ich mich in den Protagonisten meiner Bücher erkenne oder eben auch nicht. Auch wenn ich den Inhalt der meisten Bücher nach der Lektüre meist wieder schnell vergesse, so glaube ich doch, dass sie tief in mir Spuren hinterlassen.

Ich gestehe zu, dass Bücher einen Einfluss auf mich und meine Selbsterkenntnis haben, ob das allerdings reicht, mich und vor allem mein (politisches) Verhalten zu verändern, da bin ich nicht so sicher. Bücher bereichern mein Innenleben, erweitern meine Sicht auf die Welt, das Verständnis für die Welt. Ich bin für jedes gute Buch dankbar, dafür, dass ich die Gelegenheit und Fähigkeit habe, es zu lesen, dass es mich bewegt, dass es mich über meinen Horizont herauszuheben vermag. Was für eine große stille Freude, wenn ich in einem Buch versinke und nicht eher Ruhe gebe, als bis ich es zu Ende gelesen habe!

Aber was ändert das an der gesellschaftlichen Realität? Was mir zu denken gegeben hat, ist vor allem die Stelle, an der Grossman sagt, dass ich vor dem, wie ich mich auch über die Literatur selbst definiere und nicht irgendwelche andere, nicht weglaufen kann, d.h., wenn ich dem zuwider handle, was ich eigentlich als für mich zueigen definiert habe (sagen wir z.B. Mitgefühl), dann werde ich meines Lebens nicht mehr froh. Dann bin ich nicht mehr authentisch.

Wer sagt aber, über welche Werte sich der Mensch identifiziert. Grossman setzt offensichtlich voraus, dass der Mensch im tiefsten Innern gut ist.

Zurück zu der Ausgangsfrage, was Literatur bewirken kann. Grossman sagt: sehr wenig und sehr viel, wenn man darauf schaut, wie tiefgreifend ein Herr Trump oder Erdogan oder Putin die Welt durch ihre Aktionen auf den Kopf stellen können, und sehr viel, wenn der Geist der Literatur die Menschen an das „Substrat menschlichen Verständnisses, menschlicher Intuition und menschlicher Erfahrung rührt“.

in diesem Sinne wünsche ich mir und euch viele gute Bücher

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