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Über claudia rachut

Meine Name ist Claudia Rachut, ich bin 63 Jahre alt und ich schreibe seit ca drei Jahren Artikel zu verschiedensten Themen, die mich beschäftigen (Lesen, Kino, Politik, Philosophisches, was mir so im Leben passiert, Älter werden usw. ). Ein ziemlicher Gemischtwarenladen, aber so ist ja auch mein Leben! Ich freue mich natürlich sehr über Eure Kommentare!

Gibt es universelle Werte?

Vorletzten Sonntag habe ich mal wieder die „Sternstunde der Philosophie“ auf 3SAT  gesehen. Dort diskutierten zwei Philosophen über die Frage, ob wir überhaupt Werte brauchen und ob es objektive, universelle Werte gibt. Gerade, als ich über den Titel zu diesem Beitrag nachsann (schönes Wort, nicht wahr), kam mir in den dazugehörigen Sinn, dass das Wort „Wert“ ja auch etwas mit werten zu tun hat und sich für mich die Frage nach der Existenz von universellen, für alle Menschen gültigen Werten eigentlich schon beantwortet hat. Ich messe einer Sache einen bestimmten Wert zu, ich bewerte sie, d.h. es ist eine Frage meiner persönlichen Einschätzung, was ich als Wert anerkenne.

 

Die Politiker sprechen immer wieder von unsere „Wertegemeinschaft“ , die der „westlichen Welt“, die sich gerade in Wohlgefallen auflöst, wenn man in die USA schaut. Und auch die EU, die sich angeblich oder vielleicht auch den hehren Wünschen der Gründer entsprechend auf ein Wertesystem der Freiheit, Gleichheit und Solidarität gründet, ist zur Zeit alles andere als diese vielbeschworene Wertegemeinschaft.

Und dann stellt sich letztlich die Frage, ob es universelle Werte gibt und wer sie festlegt bzw. woher sie kommen. Vom Himmel gefallen sind sie sicher nicht oder vielleicht doch, denn wir als Christen – wenn wir denn welche sind – gründen uns doch zuerst einmal auf die 10 Gebote als grundlegende Richtschnur unseres Handelns. Aber auch diese Gebote wurden letztlich von Menschen formuliert.

Andere Religionen haben ebenso ihre Gesetze oder Werte formuliert, und welche sind denn nun richtig?

Philosophisch betrachtet, so ein Argument, könne man sich nicht auf eine Metaebene begeben und von dort aus beurteilen, welche Werte denn nun  die „richtigen“ sind. Vielmehr ist die Festlegung von moralischen Grundlagen für unser Handeln immer ein Aushandlungsprozeß von Menschen, die ihr Zusammenleben regeln möchten. Sie tun dies, indem verschiedene Werte oder Wertesysteme gegeneinander gehalten, abgewogen und nach ihrem Nutzen oder Schaden für die Gemeinschaft bewertet werden, und dies natürlich in Abhängigkeit von der jeweiligen Epoche und Herkunft.

Wir in der sogenannten westlichen Welt haben uns auf die  Einhaltung der Menschenrechte als universelle Rechte geeinigt, weil sie uns als die tragfähigste Grundlage für das Zusammenleben erscheinen. Daraus folgen weitere Ableitungen wie z.B. unsere Verfassung.

Allerdings erfolgt diese Wertfestsetzung längst nicht immer in einem mehr oder minder demokratischen Diskurs, sondern folgt oft genug den Machtinteressen weniger, die sich ihre Herrschaft durch die Unterwerfung der jeweiligen Bevölkerung unter das allgemeine Wertsystem sichern wollen.

Das beantwortet immer noch nicht die Frage, welche Werte sozusagen die Richtigen sind. Wer darf für sich beanspruchen, die Wahrheit zu kennen, zu bestimmen, was richig oder falsch ist?

Und wer sind wir, dass wir uns anmaßen, anderen Völkern unsere Werte aufzuoktroieren?

Für uns hier in Deutschland erscheinen uns Gleichheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau heute weitgehend als selbstverständlich, aber selbst bei uns werden Frauen z. B. noch schlechter bezahlt als Männer. Und schauen wir mal in unsere neuere Geschichte zurück, in die 1960er und 1970er Jahre, die ich als Kind und junge Erwachsene noch erlebt habe (oh, wie hört sich das an!) Erst 1977 wurde ein Gesetz aus dem bürgerlichen Gesetzbuch aufgehoben, demzufolge Frauen ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Bis zum 1. Juli 1958 konnte ein Ehemann ein Arbeitsverhältnis seiner Frau ohne deren Zustimmung kündigen. Er hatte das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Das ist nicht mal 50 Jahre her und unsere Eltern waren damals sicher davon überzeugt, dass ihre Werte richtig waren. Ich erinnere mich noch gut daran, was bei uns zu Hause los war, als meine Mutter Ende der 60er Jahre eine Halbtagsstelle als Verkäuferin annehmen wollte. Mein Vater fühlte sich zutiefst in seiner Ehre als Ernährer der Familie gekränkt. Für meine Mutter war das ein vorsichtiger Schritt in eine gewisse Unabhängigkeit.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Wertesysteme Ausflüsse der jeweiligen Zeit und ihrer Denkweisen sind und daher immer wieder neu ausgehandelt werden müssen.

Nun können „wir“ vielleicht mit Fug und Recht behaupten, dass die Menschenrechte universell und für alle gültig sind. Aus unserer Sicht mag das richtig sein und ich stehe natürlich dazu, aber das heißt nicht, dass alle Welt dem folgt.

Gerade als ich mir die ersten Gedanken zu diesem Beitrag machte, sah ich im Fernsehen einen Bericht über einen rechtspopulistischen russischen Blogger, der regelmäßig westliche und östliche Militärstärke miteinander vergleicht, die östliche Stärke lobt und behauptet, der Westen würde Russland sofort überfallen, hätte er die erforderliche militärische Stärke. Und der letzte Satz aus dem Interview war, dass ihm unsere Werte doch gestohlen bleiben könnten, wäre doch alles Mist. Also gut, das ist ein Einzelfall, oder auch nein, ist es leider nicht. In diesem Fall würde ich persönlich sagen, der Mann hat Unrecht.

Bezüglich der Gültigkeit von Werten ist zusammenfassend zu bedenken, dass es auch meiner Meinung nach keine objektiven Werte gibt. Sie sind prozessoffen und müssen den jeweiligen Bedingungen angepasst werden. Es ist sicher wünschens- und hoffenswert, dass wir uns alle auf die Menschenrechte als universelle Grundlage einigen und ihre Einhaltung gewährleisten.

Übrigens, und diese Anmerkung eines der Philosophen fand ich interessant: Es gibt aus philosophischer Sicht keine objektiven Werte, aber die Politik muss die Einhaltung bestimmter Werte bzw. daraus resultierender Gesetze kategorisch einfordern, um das Staatssystem zu sichern. Auch das ist nicht eindeutig, denn so kann jedes politische System seinen eigenen Werte – oder was sich so nennt – als allgemeingültig erklären, und Abweichungen bestrafen. Ich als Bürger würde darauf pochen, dass die Politik die Einhaltung der Menschenrechte als unsere universellen Werte einfordert und sicherstellt.

Einen gewissen Wertekanon vorausgesetzt, entwickeln die Völker ihre eigenen Konventionen, die auf diesen Werten beruhen, die aber von Gesellschaft zu Gesellschaft durchaus differieren. Und aus dieser Erkenntnis heraus können wir nicht erwarten, dass Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen sich innerhalb kürzester Zeit und problemlos in unsere Gesellschaft integieren. Es bedarf viel Zeit und gegenseitigen Kennenlernens. Während der Europäer z.B. seine Ablehnung durch Kopfschütteln zum Ausdruck bringt, wiegt der Inder den Kopf hin und her, wenn er seine Zustimmung und Aufmerksamkeit bezeugt. Bei den Asiaten gilt das direkte Anschauen des Gegenübers als Affront, während wir das Wegschauen als solchen empfinden. Die Kenntnis dieser kulturellen Unterschiede und ein bisschen Demut im Hinblick auf unsere eigene Geschichte und den Wertewandel in unserer eigenen Gesellschaft könnte das gegenseitige Verstehen erleichtern!

Tschüss

Eure Claudia

 

 

 

Schon wieder eine OP

Ja, was soll ich sagen. Liegt es am Alter, an meiner Schusseligkeit? Keine Ahnung. Es ist ein bisschen von beidem: Verschleißerscheinungen einerseits, manchmal zu hektisches zur Tat schreiten als in Ruhe die nächsten Schritte zu überlegen. Im Oktober letzten Jahres die Sehnenoperation an meinem rechten Fuß, die gut und erfolgreich verlaufen ist, so dass ich jetzt wieder standfest bin.  Dann im April die erste Kataraktoperation. Kürzlich mein „Unfall“ bei der Hausarbeit.

Ihr habt beim Anblick des Titelphotos vielleicht gedacht, dass ich versehentlich den letzten Beitrag über meine Operation am grauen Star noch mal gepostet habe. Nein, habe ich nicht, hätte mir aber irgendwie auch passieren können.

Heute war das rechte Auge dran.

Es war mir ja schon prophezeit worden, dass das Gehirn die unterschiedlichen Dioptrien auf den Augen auf der Netzhaut nicht richtig würde abbilden können und so habe ich in der letzten Zeit schon öfter ein Auge zugekniffen, wenn ich etwas lesen wollte, weil ich mit beiden Augen nicht mehr klar sehen konnte. Also bestand akuter Handlungsbedarf. Der Operateur war krankheitsbedingt einige Zeit ausgefallen, konnte aber früher als erwartet wieder einsteigen, so dass ich nicht, wie befürchtet, bis September warten musste.

Ich will mich bemühen, den Ablauf mal so detailgetreu wie möglich zu beschreiben, neige ich doch sonst dazu, mich mit eher allgemeinen Beschreibungen zu begnügen, die in diesem Fall und mit dem Ziel, euch ein genaues Bild über die OP zu liefern, der Sache nicht gerecht würden.

Ihr müsst wissen, dass es die Vorschrift verlangt (jedenfalls in der Klinik, in der ich war), dass der oder die Operierte 24 Stunden lang nach der OP nicht allein bleiben darf wegen eventueller gesundheitlicher Probleme wie Kreislaufversagen. Da ich zu meinem Termin aber gerade niemanden hatte, der oder die mir einen ganzen Tag und eine Nacht hätte Händchen halten können, rief ich im Krankenhaus an und schilderte die Situation. Ich hatte gedacht, dass sie mich evt. für einen Tag im Krankenhaus aufnehmen würde. Das hätte ich allerdings selbst bezahlen müssen, so dass diese Variante sich von selbst verbot. Ich fragte, was sie in solchen Fällen tun.  Ich bekam keine befriedigende Antwort, aber die Sprechstundenhilfe befragte den zuständigen Anästhesisten. Er schlug vor,  die Sedierung wegfallen zu lassen, dann könnte ich nach Hause gehen. Ich wurde gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Da ich bei der ersten OP keine Angst gehabt hatte, stimmte ich diesem Verfahren zu. Was sollte ich auch sonst machen? Die OP nochmal aufschieben wollte ich nicht.

Gestern erhielt ich noch eine SMS mit dem Hinweis, dass ich um 11:30 Uhr erscheinen sollte, und dass ich vorher frühstücken dürfte. Das kam mir einerseits entgegen, andererseits fragte ich mich, ob das wirklich stimmt! Denn wenn nicht, wäre die OP geplatzt. Ich rief noch einmal an und mir wurde versichert, dass das seine Richtigkeit habe.

Ich kam so gegen 11:20 Uhr an und hatte mich kaum ins Wartezimmer gesetzt und eben begonnen, ein Kreuzworträtsel zu lösen, weil ich mich wie beim letzten Mal auf eine längere Wartezeit eingerichtet hatte, als eine Artzhelferin schon kam und mir in kurzen Abständen dreimal hintereinander Tropfen in die Augen tröpfelte für die notwendige Pupillenerweiterung. Kurze Zeit später saß ich schon im Operationsvorzimmer, wo mir grüne Tarnkappe und -anzug verpasst wurden. Rucksack und Brille wurden im Schließfach verstaut.

Dann wurde ich in den Operationssaal gebracht, wo ich es mir auf dem dazugehörigen Stuhl bequem machen konnte. Ja, ich fand diese liegende Position sehr angenehm und teilte dies auch dem Anästhesisten Dr . Sch. mit, der sagte, er fände es schon mutig, dass ich die OP ohne Sedierung machen lassen wollte. Blutdruck und Puls wurden gemessen, ein Zugang gelegt für Notfälle. Alles im grünen Bereich. Ich atmete tief durch.

Dann begrüßte mich der Operateur, Dr. K. Wir würden uns ja schon kennen. Wie beim letzten Mal erläuterte er mir jeden weiteren Schritt: die Gegend um das Auge wurde gründlich desinfiziert, das Auge mit Tropfen betäubt, das Operationstuch aufgelegt, ein Loch über dem Auge ausgeschnitten. Ein bisschen mulmig war mir zugegebenermaßen schon….Dann wurde ich gebeten, die Augen und den Kopf möglichst ruhig zu halten. Wo der Arzt nun im Einzelnen geschnitten hat, weiß ich nicht. Dann kündigte er an, dass ich jetzt das Geräusch eines Ultraschallgerätes hören würde, mit dem die alte Linse zertrümmert wurde, um anschließend entfernt zu werden. Zu erwähnen noch, dass ich die ganze Zeit in das helle Operationslicht schauen musste. Es war nicht ganz so angenehm, aber auch nicht schlimm. Es wurde immer wieder gespült und weiter geschnitten. Dann wurde die neue Linse eingeführt. Manchmal musste der Arzt seinen Arm auf meinem Gesicht und linken Auge etwas abstützen. Das waren die unangenehmsten Moment der Operation. Aber sie dauerten jeweils nicht lange. Dr. K. lobte mich immer wieder, dass ich das Ganze prima mache. Hat gut getan. Ich schätze, die OP hat nicht viel länger als 10 Minuten gedauert, vielleicht auch etwas länger. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Irgendwann sagte Dr. K., dass es jetzt noch 2 Minuten dauern würde. Exakte Angabe.

Mein Auge wurde anschließend mit einer Salbe und einem Verband versehen (s. oben).

Ich bekam noch ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg: eine Woche keinen Sport, nicht (schwer) tragen, Schonung. Nicht mit dem Rad oder Bus fahren, geschweige denn Auto. Nicht nach vorne beugen (ich weiß nicht, wie lange). Das Auge nicht reiben oder Druck ausüben.

Doktor K. verabschiedete sich und wünschte mir alles Gute.

Anschließend wieder ins Vorzimmer, wo ich vom Zugang und meiner Tarnkleidung befreit wurde und meine Unterlagen mit Rezept bekam. Dann kam der angenehme Teil: das verspätete Frühstück. In aller Ruhe konnte ich ein Brötchen verspeisen und Kaffee trinken, bis der Anästhesist (wenn der Artikel fertig ist, kann ich das Wort Anästhesist wahrscheinlich im Schlaf schreiben) noch einmal kam, um den Blutdruck zu messen. Wir machten ein wenig Small Talk. Ich gebe zu, er war/ist mir äußerst sympathisch. Er sagte, er müsse wieder an den kleinen Ort „Rachut“ in Schleswigholstein denken, der ihm so gefallen hatte. Ich flirtete ein wenig und gab zurück, dass er mich so wenigstens nicht vergessen würde (ich glaube, er wurde ein wenig verlegen). Egal. Ich bedankte mich für die präzise Arbeit und die so freundliche Behandlung. Ja, ich finde, das erleichtert die Sache doch erheblich und schafft Vertrauen!

So, ich hoffe, ich habe einigermaßen präzise den Ablauf der Operation beschrieben. Mit Sedierung war es schon etwas entspannter, aber ich bin froh, dass ich die OP hinter mir habe und ich habe auch das Gefühl, dass ich dieses Mal fitter bin als beim ersten Mal.

Wahrscheinlich habe ich es auch schon beim letzten Mal geschrieben (aber was interessieren mich meine Gedanken von vor drei Monaten):

Die Operation ist kein Problem. Ich habe das Personal als freundlich, empathisch und kompetent erlebt. So wünscht sich Frau den Umgang mit PatientInnen!

Jetzt kommt es noch darauf an, dass alles ohne Komplikationen verheilt, und dann kann ich hoffentlich bald ohne Brille auskommen. Eigentlich schon morgen!

In diesem Sinne: Bleibt schön gesund!

 

 

 

 

 

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Donnerstag vor einer Woche…

Da ich am Wochenende etwas vorhatte, zog ich den Hausputz um einen Tag vor, sicherlich nicht, weil ich ihm den Vorzug vor anderen Aktivitäten gegeben hätte, aber aus rein praktischen Erwägungen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe im Alltag so meine Rituale, vor allem, was die wöchentliche Grundreinigung angeht. Das erspart allwöchentliche neue Planungen.

Von der Küche arbeite ich mich mittels Staubwischen, Staubsaugen und Wischen durch die anderen Wohnräumen bis zur Reinigung des Badezimmers vor. Wenn ich dann dort angekommen bin, ist es mit der Geduld meistens nicht mehr so ganz weit her. Dann sind alle erlernten Methoden, die Ruhe zu behalten und sich in die Arbeit zu versenken, nur noch Makulatur und es geht um die zügige Abwicklung der Restarbeiten. Ich will hier nicht alle Einzelheiten beschreiben, wie ich z.B. den „Alibert“ (den Begriff habe ich für die jüngere Generation in einem früheren Beitrag bereits eingeführt) von oben reinige.

Alle Tätigkeiten sind soweit seit langem Standard und bergen kaum Überraschungen.

Bis letzten Donnerstag.

Ich war gerade in der Toilettenecke zugange oder zuwege (schon wieder so was altes) und wollte den Toilettenrollenhalter von außen abwischen.

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Wie auf dem Bild zu sehen, befindet sich um den unteren Rand herum eine blaue Gummilitze, vermutlich zum Schutz. Das war mir allerdings bis Donnerstag nicht klar. Ich wischte also mit Elan am unteren Rand entlang und geriet dabei unversehends unter die Gummiabdichtung und flutsch, der scharfe Metallrand, den ich offensichtlich freigelegt hatte, trieb sich in meinen rechten Daumen. Aua. Aua. Aua…Hypothetisch stieß ich einen entsprechenden Schmerzensschrei aus, der jedoch, wie nach bereits mehreren ähnlichen Alarmübungen nicht anders zu erwarten, von meiner Umwelt unbeachtet blieb. Weder mein Aufschrei, als ich kürzlich vom Stuhl gefallen bin, noch ein Rauchalarm wegen nicht beachteter Überhitzung der Pfanne (die Rauchmelder funktieren jedenfalls) veranlassten meine NachbarInnen, sich um mein Befinden Sorgen zu machen. So ist die Welt.

Nun stand ich da, das Blut schoss aus der Wunde, mit meinen Lippen presste ich die beiden Seiten meines Fingers zusammen und überlegte, was zu tun sei. Ich zog in Erwägung, die 110 zu wählen bzw. dachte ich, ich könnte versuchen, mit meinem Smartphone zu sprechen, um es zu veranlassen, den Notruf selbständig abzusetzen. Nachdem ich Google mit der Nase aufgerufen hatte, flüsterte ich durch die Lippen hindurch eennsennsnul. Leider verstand mich Google in dieser lebensbedrohlichen Situation nicht und bat ungerührt um Wiederholung. Als ich mich offensichtlich auch beim zweiten Versuch nicht verständlich machen konnte, herrschte mich die ansonsten immer so freundliche Google-Dame an, ich solle gefälligst den Finger aus dem Mund nehmen, wenn ich mit ihr spreche. Völlig verstört fiel mir der Finger tatsächlich in den Schoß. Es blieb mir keine Zeit, mit Frau Google über den Sinn oder Unsinn der totalen Überwachung zu diskutieren,  wenn sie im Notfall doch nicht funktioniert,  da ich meinen Finger unbedingt und sofort wieder an den vorherigen Ort zurückführen musste,  um eine weitere Blutlache auf meiner  weissen Hose  zu vermeiden. Nach anderen Auswegen aus dieser vertrackten Lage suchend, kam mir die Idee, jetzt lieber gleich die Luftrettung einzuschalten, denn schließlich hatte ich vor einem Jahr während des Tages der offenen Tür in einem der hiesigem Krankenhäuser mir just aus diesen Erwägungen heraus ein Jahres-Abo für bevorzugte Luftrettung erkauft. Ich will nicht verschweigen, dass mich die Zugabe eines leuchtend grünen Kulis endgültig überzeugte. Leider fiel mir ein, dass ich alle Zahlungsaufforderungen für die Verlängerung des Abos aus mir unverständlichen Gründen ignoriert hatte.

Was blieb mir also übrig, als mich selbst um meine Rettung zu kümmern. Immer noch den Finger zwischen meinen Lippen zusammenpressend, eilte ich in die Küche und suchte meinen Vorrat an Pflastern heraus.

Viele Küchentücher und Pflaster später lag ich ermattet ob des hohen Blutverlustes auf dem Sofa und betrachtete nicht ohne Stolz die Rundumversorgung meines Fingers. Gerettet!

Ich ahne es schon, ihr glaubt mir die ganze Geschichte nicht?

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Hier ist der Beweis, 1 Woche später…..

Jetzt wächst langsam wieder zusammen, was zusammen gehört.

Also: Augen auf beim Hausputz!

Nähmest du mich?

Nähmest du mich

Mann, der morgen meine Wege kreuzen und mein Herz erwärmen könnte

Nähmest du mich, mich allen meinen Narben auf der Haut und auf der Seele

mit meinen mühsam nur geschlossnen Wunden, die sich im Falle eines Falles

blutig wieder gegenwärtigen

Und nähme ich dich,

du, dessen Risse in des Lebens Laufe ich nicht kenne, dessen Sprache ich erst lernen muss

Nähme ich dich, dessen Täler ich nicht mit durchschritten, dessen Höhen ich nicht mit dir feiern konnte

Du, dessen junge Haut ich nicht gekannt, du, den die Jahre zeichneten und prägten

du, dessen Kraft allmählich schwindet, wie die meine

Und du?

Wie schautest du mich an?

Fänd‘ ich Sehnsucht in deinen Augen nach etwas, das schon längst vergessen schien?

Oder die Abgeklärtheit eines gelebten Lebens

Säh‘ ich Hoffnung, Aufbegehren, Trotz

gegen alle Routine, gegen alle Erfahrung, gegen all die Jahre

Nähmest du mich, nähme ich dich,

so wie wir sind

nähmen wir uns an, ließen wir uns ein

auf was immer in uns, mit uns möglich ist?

Granufink und Co

Vorletzte Nacht: 04:45 Uhr. Nach dem Toilettengang ist es mit dem Schlafen vorbei. Ich weiß nicht, wie es meinen AltersgenossInnen geht, aber die Blase kann entweder nicht mehr so viel speichern wie früher, oder sie muss sich ihres Inhaltes öfter entledigen. Also, dass ich nicht weiß, wie es Gleichaltrigen ergeht, stimmt so nicht, denn erfahrungsgemäß setzt sich nach spätestens anderthalb Stunden während unserer Sitzungen im Büro eine Karavane Richtung Toilette und zurück in Bewegung, so dass es dann besser ist, erstmal eine Pinkelpause für alle anzusetzen. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden.

Ich suche mir aus den gleichen Gründen bei Veranstaltungen wie z.B. im Kino immer schon einen Platz am Rand der Sitzreihe für den Fall der Fälle.

Da gibt es noch eine Anektdote aus meinem früheren Leben, die mir gerade wieder einfällt. Es ist allerdings bestimmt schon zehn Jahre her, dass ich mit einer Freundin mit der VHS eine Fahrt in die Fernsehstudios in Hamburg unternommen habe. Sehr interessant, das Fernsehen mal von drinnen zu erleben und am Pult der Nachrichtensprecher zu stehen.

Abends waren wir dann Statisten, nein Zuschauer, bei der  „Aktuellen Schaubude“. Gut, dass es Wikipedia gibt. Ich habe gerade den Werdegang der Aktuellen Schaubude nachgelesen und erfahren, dass sie bis 2009 regelmäßig ausgestrahlt wurde. Also muss es so lange her sein, dass wir dort waren. Damals war Ludger Abeln der Moderator. Ich kenne die Sendung aus frühester Kindheit (sie wurde 1957 das erste Mal ausgestrahlt), als noch die ganze Familie vor dem Bildschirm saß und gebannt zuschaute.

Zurück zu unserem Besuch: Während meine Freundin tierische Angst hatte, dass der Moderator das Wort an sie richten und sie etwas fragen könnte, ging ich alle 5 min zur Toilette, weil uns gesagt wurde, dass wir während der Sendung den Sendesaal nicht verlassen dürften. Was für ein Horror.

Und, wenn ich schon bei diesem Thema bin, muss ich zwangsläufig an die Werbung denken, um die ich ja nicht immer herumkomme. Ich schaue zwar fast nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen (was für ein Ausdruck, ist das andere nicht öffentlich und illegal, man weiß es manchmal nicht so recht), aber auch hier entkommt man der Werbung nicht immer. Und wenn ich dann verzweifelt von einem zum anderen Programm umschalte, läuft da garantiert auch gerade ein Werbbeblock. Also, wenn ich den Fernseher nicht so lange ausschalten will und dann eventuell einen Teil der Sendung verpasse, was im Allgemeinen auch kein Weltuntergang wäre, muss ich die Werbung über mich ergehen lassen. Auch wenn ich nur mit halbem Ohr hinhöre, haben sich Granufink und Prostagutt in mein Gedächtnis eingegraben. „Weniger müssen müssen“ schallt es durch meinen Kopf. Und „Prostagutt schützt die Sexualfunktion“. Ich frage mich kurz, wie die Zusammenhänge sind. Aber so genau muss ich dass auch nicht wissen.

Kurzum, bisher habe ich der Werbung widerstanden und meine nächtlichen Störungen so hingenommen. Bestimmte ungünstige Faktoren, wie das späte Trinken von Tee oder Stress, sind mir bekannt, und die kann ich entweder selbst beeinflussen oder muss sie hinnehmen, wie sie sind.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Vorgestern nacht 04:45 Uhr. Ich hellwach. Wenn ich um die Zeit raus muss, ist der Schlaf nicht mehr so tief, der Körper schon erholt, und wenn sich dann nur ein Gedanke zuviel in mein verschlafenes Gehirn einschleicht, ist es vorbei mit dem Schlafen.

Und dann läuft die Maschinerie unaufhaltsam an. Manchmal sind es angstvolle Gedanken, die sich in der Ruhe der Nacht Bahn brechen, mal geht mir durch den Kopf, was ich alles noch erledigen muss, mal melden sich meine kreativen Gehirnzellen und entwerfen schon die nächste Beiträge für meinen Blog.

Am besten wäre es, wenn ich gleich aufstehen und aufschreiben würde, was an Ideen alles aufkommt, aber dazu habe ich dann verständlicherweise auch keine Lust.

Ich hätte in der besagten Nacht schon eine Vorschau auf die nächsten 4/5 Beiträge machen können. Ihr könnt euch also vorstellen, was in meinem Kopf abgeht. Davon habe ich inzwischen aber vieles einfach wieder vergessen und muss nun auf die nächsten Eingebungen warten.

Also besser ohne Granufink, denn sonst sprudelt die nächtliche Quelle vielleicht nicht mehr.

 

Leben Geduldige besser und länger?

Im meiner LieblingsZEITung vom 4. Mai hat sich eine Autorin mit der Frage auseinandergesetzt, wer nun besser und länger lebt, der/die Ungeduldige oder der/die Geduldige. Sie verortet sich ganz klar auf der Seite der Ungeduldigen und wendet sich gegen die landläufige Meinung, dass geduldig sein eine positive Eigenschaft sei, dass sie mit Souveränität und Gelassenheit assoziiert werde und ein besseres Leben ermögliche.

Beim Lesen des Artikels habe ich mich gleich gefragt, wo ich mich einordnen würde, und habe, wie sooft, keine eindeutige Antwort gefunden.

Die Autorin nennt verschiedene Situationen, in denen sie ungeduldig ist und sich wünschte, diese Ungeduld auch ungeachtet ihre Erziehung zur Höflichkeit zum Ausdruck bringen zu können.

Wir kennen sie alle: die lange Warteschlange im Supermarkt an einem Freitagnachmittag. Ganz ehrlich: da bin ich auch nicht sonderlich geduldig, je nach dem, ob ich in Eile bin oder nicht. Aber meist schlagen alle Versuche, die Zeit durch Umschwenken zu einer anderen Kasse zu verkürzen, fehl, denn entweder gibt es auch dort Menschen, die ihre Waren nicht so schnell einpacken, oder ich habe übersehen, dass das Transportband links oder rechts neben mir viel voller ist als bei mir. Diebisch freue ich mich (muss ich mich dafür schämen?), wenn eine weitere Kasse geöffnet wird und es mir gelingt, mich dort als erste zu positionieren.

Ich füge eine weitere typische Situation hinzu, bei der ich den Eindruck habe, dass es hier fast nur Ungeduldige gibt: das Ein- und Aussteigen aus einem Bus. Ich weiß nicht so recht, woher es kommt, aber am Bus kommt es fast immer zu Rangeleien: die einen wollen möglichst schnell raus und die anderen rein. Nach meiner Erfahrung reagieren die Menschen fast nirgendwo so unglaublich ungeduldig wie hier. Ist es die Angst, entweder nicht mehr mitgenommen zu werden oder den Bus nicht rechtzeitig vor dem Wiederanfahren verlassen zu können? Oder ist es einfach nur die pure Ungeduld, die es nicht erträgt, dass andere mich in meiner Bewegung behindern. Ich kann mich nicht davon freisprechen, selbst ungeduldig zu reagieren aus oben genannten Gründen. Für mich ein Indiz dafür, dass in bestimmten Situationen all das, was uns als Kultur anerzogen worden ist, blitzschnell in Vergessenheit gerät, wenn es um die ureigensten Interessen aber auch Ängste geht.

Das kenne ich auch: ich sitze in einer Sitzung und der Vortrag ist so langweilig, dass ich mich am liebsten wegbeamen möchte, aber nicht kann. Ich werde ungeduldig, fange an,  auf meinem Block zu malen, bediene mich bei den Süßigkeiten auf dem Tisch…und habe Mühe, den Kopf hochzuhalten. Da reagiert mein Körper.

Wenn ich so schreibe, scheint meine persönliche Waage auch eher in Richtung ungeduldig auszupendeln.

Nein, es gibt auch Situationen, in denen ich geduldig bin. In Diskussionsrunden oder auch privaten Gesprächen ist es für mich wichtig, dass ich meinem Gegenüber zuhöre und umgekehrt. Das ich darauf achte, dass alle Beteiligten zu Wort kommen. Das Thema hatte ich schon öfter, wohl weil es mich beschäftigt und weil ich in solchen Situationen auch mal richtig ungehalten werden kann, insbesondere wenn jemand mir auch noch ins Wort fällt. Das ist ganz einfach respektlos.

Ich habe lange Jahre Erwachsene unterrichtet und da habe ich immer sehr viel Geduld gehabt, um ihnen etwas zu erklären.

Geduld hat immer etwas mit der jeweiligen Situation zu tun, in der ich mich befinde. Wahrscheinlich kennt ihr das auch: Ihr müsst kochen, aber eigentlich habt ihr keine Lust, weil der Tag schlecht gelaufen ist. Wird das was ? Wohl kaum. Wenn ich hingegen am Wochenende koche und mich nichts und niemand drängt, sieht das schon anders aus.

Ganz schlimm wird es bei mir hingegen, wenn ich ein neues technisches Gerät gekauft habe, und die Gebrauchsanweisung studieren muss. Ganz, ganz schlimm. Dazu habe ich einfach keine Lust, weil man sie meist sowieso nicht versteht und dann funktionierts auch noch nicht mal.

Ein Argument für die Vorteile ungeduldiger Mensch, das ich euch nicht vorenthalten will und das mir durchaus plausible erscheint, ist, dass ungeduldige Menschen schneller die Initiative ergreifen. Sie handeln schnell und vielleicht auch impulsiv. Manchmal kann das einfach notwendig sein, manchmal werden sich die so getroffenen Entscheidungen als falsch erweisen. Die Autorin, Sandra Danicke, nennt als Beispiel den Klimawandel: da haben wir keine Zeit mehr zu verlieren und das geduldige Abwarten, dass die Politiker die richtigen Entscheidungen treffen, könnte uns umbringen.

Wenn ich anfangs beim Lesen des ZEITartikels etwas die Stirn gerunzelt habe über die scharfzüngigen Äußerungen der Autorin über die angeblich Geduldigen, so bin ich mir im Laufe des Schreibens doch bewusst geworden, wie schnell ich selbst ungeduldig werde.

Was allerdings die Ausgangsfrage angeht, wer besser lebt, so kann sie nur jeder für sich persönlich beantworten. Jeder bringt seinen eigenen Charakter mit ins Leben und den kann man nur bedingt oder gar nicht ändern. Man kann sich alternative Handlungsweisen antrainieren, aber das, was man ursprünglich mitbringt, wird – so denke ich – doch immer sehr stark sein und im Zweifelsfall durchbrechen.

Es gibt Studien, denen zufolge ungeduldige Menschen früher sterben. Die Autorin sagt dazu: Was soll’s, dafür habe ich schneller und meinen Bedürfnissen entsprechend gelebt. Sicherlich gibt es oder wird es Studien geben, die das genaue Gegenteil behaupten.

Tatsache ist, dass jeder und jede mit sich selbst auskommen muss, geduldig oder ungeduldig. Wem es wie besser geht, ist eigentlich eine müßige Frage, denn der Ungeduldige wird sich vermutlich für glücklicher halten als der Geduldige und umgekehrt.

Wie ich nun selbst erkannt habe, gehöre ich auch nicht zu den geduldigsten Menschen, aber je älter ich werde, desto geduldiger muss ich mit mir selbst werden, mit meiner eigenen Langsamkeit. Und das sollte es mir erleichtern, auch mit anderen geduldiger zu sein.

Übrigens: an der Kasse im Supermarkt bin ich geduldiger geworden, und das erleichtert mir das Leben, denn ich ärgere mich weniger!

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Und, wie lange musst du noch?

Nachdem die  Frage nach dem allgemeinen Befinden abgehandelt ist, folgt im fortgeschrittenen Alter, und erst recht, wenn man oder frau die 60 überschritten hat, unweigerlich diese Frage: Und, wie lange musst du noch? Ja, was denn? Was muss ich denn? Was wohl? Arbeiten natürlich.

Vor einigen Jahren war ich noch fast beleidigt, wenn mir diese oder in diese Richtung weisende Fragen gestellt wurden, dachte ich, man müsse doch sehen, dass ich noch nicht so weit bin. Gut, mit dem Schätzen des Alters anderer Menschen habe ich auch so meine Schwierigkeiten.

Aber jetzt muss ich es wohl so hinnehmen, dass mir diese Frage mit allem Ernst gestellt wird und  der Gedanke an die Rente ist tatsächlich näher gerückt. Während ich in den letzten Monaten aufgrund meiner OPs zu Hause bleiben musste, erschien es mir plötzlich nicht mehr so unvorstellbar, irgendwann ganz zu Hause zu bleiben.

Das älter werden ist nicht mehr wegzudenken und wegzuschieben. So wie jeder Mensch sich intensiv mit der jeweiligen Lebensphase beschäftigt, in der er oder sie sich gerade befindet, so nimmt die Auseinandersetzung mit dem Altern bei mir einen zunehmenden Raum ein. So wie sich Kinder mit der nächsten Klassenarbeit, Studenten mit bevorstehenden Klausuren, Eltern sich mit ihrem Nachwuchs beschäftigen und in dem Moment nichts anderes zählt, so steht das Thema älter werden immer wieder auf der Tagesordnung, gezwungenermaßen oder auch ganz freiwillig.

Manchmal allerdings kann ich mich selbst nicht mehr hören, wenn ich über das altern spreche oder schreibe, aber ja, ich gehöre jetzt auch offiziell rein nach Jahren gerechnet zu den Seniorinnen.

An allen  Ecken und Kanten merke ich, dass es nicht mehr so rund läuft wie noch vor einigen Jahren, weder im Kopf noch in den Beinen. Kein Wunder, dass ich mich damit beschäftige. Es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig. Denn ich werde ja ständig daran erinnert.

Aber nein: Ich will mich davon nicht beherrschen lassen und irgendwo in meinem Inneren fühle ich nicht „alt“, nein, dort bin ich ganz jung. Wenn man an eine Seele glaubt, dann sagt man von ihr, dass sie nicht altert, dass sie die physische Existenz überdauert und dass es ihr völlig egal ist, dass Körper und Geist eine andere Sprache sprechen.

Gewiss ist es nicht einfach, diese beiden Seiten meiner Existenz zusammen zu bringen und sie gleichermaßen wertzuschätzen und ihnen Gehör zu verschaffen.

Meine physische Existenz verlangt, dass ich mich an die sich verändernden Bedingungen ständig neu anpasse, dass ich mich mit ihnen arrangiere, ihnen möglicherweise durch meine Lebensweise zu trotzen versuche. Ich muss akzeptieren, dass meine Abläufe langsamer geworden sind. Vielleicht bin ich dadurch aber auch gelassener geworden. Ich muss nicht mehr mit dem Tempo der jungen Leute mithalten, ich muss nicht mehr so viel kämpfen wie in früheren Jahren. Vieles muss ich nicht mehr, anderes möchte ich noch, kann es aber nicht mehr. Die Angst, was in einigen Jahren sein wird, wenn die Kräfte weiter nachlassen, reist immer mit, wohin ich mich auch fliehen mag.

Meine Seele hingegen schwingt noch immer in altersloser Schönheit und jugendlichem Leichtsinn durch das Universum. Sie beschert mir manchmal Gefühle wie einer 18jährigen, wie schön und wie aufregend. Sie wartet darauf, dass ich ihr Nahrung gebe, dass ich mich am Leben freue,  lache, tanze, schöne Dinge tue.

Ich erinnere mich gerne an meine Mutter, wenn sie mir von ihren Männerbekanntschaften aus jungen Jahren berichtete und wie ihre Augen dann zu glänzen begannen, wie aufgeregt sie mir erzählt hat, dass sich ein Herr aus dem Altersheim wohl für sie interessiert. Es gibt Dinge, die hören nie auf, die Liebe, die Sehnsucht danach, die ungestümen Gefühle.

Meine Seele ist hungrig nach Leben. Trauer, Zorn und negative Gefühle sind ihr Ding nicht. Trauer ist unvermeidlich, hat ihren Platz und ihre Notwendigkeit. Trauer um verlorene Fähigkeiten aber vor allem Trauer über den Verlust lieber Menschen. Zorn und negative Gefühle „beschmutzen“ die Seele und versperren den Blick auf die lebenswerten Seiten des Lebens.

Und dennoch wird das Leben enger, daran geht kein Weg vorbei. Es ist wie ein Trichter, am Anfang noch weit geöffnet für scheinbar unendliche Möglichkeiten  und nun immer schmaler werdend. Er zwingt mich oder gibt mir positiv gewendet die Möglichkeit, das Wesentliche vom Unwesentliche zu unterscheiden, das Leben  zu kondensieren und auf das zu konzentrieren, was mir wichtig ist und mir Kraft und Freude schenkt:

Menschen, die mir zuhören, und denen ich für die Zeit unseres Gesprächs meine ganze Aufmerksamkeit schenke. Menschen, die mich eigentlich nur als Projektionsfläche für ihre eigenen Gedanken brauchen, und denen es im Grunde egal ist, wer ihnen da gegenüber sitzt, tun mir nicht gut. Vielleicht steckt dahinter aber auch eine tiefsitzende Angst, sich mit den wirklich wesentlichen Themen ihrer eigenen Existenz auseinanderzusetzen. Kein Urteil. Das kommt mir nicht zu. Für mich aber „verlorene“ Zeit.

Bücher, die mich bereichern, die mich in sie hineinziehen wie in einen Sog und mich erst wieder freigeben, wenn das Buch ausgelesen ist. Da ist wie Spielen in der Kindheit. Ich vergesse Zeit und Raum, bin ganz in der Phantasiewelt des Buches, lebe und leide mit den Figuren und nehme auch noch etwas davon mit in meine Realität. Das ist es, was mich erfüllt: diese Momente, in denen ich ganz zugegen bin, in denen mich eine Sache mitreißt. Ich weiß nicht, woher ich das habe, wahrscheinlich aus irgendeinem philosophischen Ansatz, dass die Kunst des Lebens darin besteht, alles was man tut, mit ganzer Hingabe zu tun, dabei ist es ganz egal, was. Ehrlich gesagt: so ganz will mir es mir nicht gelingen, meine Wäsche mit der gewünschten Versenkung zu bügeln.

Aber wenn ich z.B. einen Artikel wie diesen schreibe, dann passiert mir genau das. Ich vergesse alles um mich herum, ich schaue auch nicht auf die Uhr…nur zu spät abends darf es nicht werden, denn dann nehme ich die Gedanken mit ins Bett uns spinne sie dort weiter. Das ist definitiv nicht gut!

So heißt es für mich immer wieder, die innere Balance zu halten zwischen dem, was schwer ist, was erlebt und gelebt werden muss und was schön ist, was mir Freude macht und mich erfüllt.

Und wenn mich mal wieder jemand fragt, wie lange ich noch muss, dann sage ich: ich muss gar nicht, ich möchte noch arbeiten. So lange es mir noch Freude macht, so lange ich es noch kann…..

Und dann sieht man weiter. Jeden Tag neu erfahren, sich erfahren, das Leben umher aufnehmen und seinen Weg finden.

 

Anonyme Stuhlprobe

Darüber spricht man nicht, schon gar nicht in der Öffentlichkeit! Ja, stimmt schon, aber zur Erheiterung der LeserInnen ist das sicher erlaubt, oder?

Also, mein Sohn und ich, wir sind aus einem Stall, wie man so schön sagt, und er kann nichts dafür, könnte er mir vorhalten.

Das als Vorrede zu diesem Beitrag.

Mein Sohn sollte aus gegebenem Anlass eine Stuhlprobe abgeben (ich meine jetzt nicht eine Sitzprobe auf seinem neuen Bürostuhl, der sich nicht , wie in der Beschreibung vollmundig behauptet, beim leichten Nachhintenlehnen dem Körper anpasst und nachgibt, sondern den Sitzer zu einer aufrechten bis steilen Haltung zwingt. Nein, darum geht es gerade nicht, auch wenn dies ein weiterer Anlass für einen Beitrag wäre.

Nein, er sollte eine Stuhlprobe im Rahmen einer Magen-Darm-Diagnostik abgeben bzw. an ein Labor irgendwo in Süddeutschland schicken. Ein paar Tage später trafen wir uns zum Kaffeetrinken. Er stellte fest, dass er vergessen hatte, die Stuhlprobe in den Brifkasten zu werfen. Ich erklärte mich bereit, das für ihn zu erledigen, da ich sowieso noch am Briefkasten vorbei kommen würde. Auftragsgemäß warf ich das Päckchen ein und vergewisserte mich, dass der Briefkasten noch am selben Tag geleert werden würde.

Am gleichen Tag versuchte ich, ein wenig Ordnung in die Papiere auf Schreib- und Esstisch (der von allen Familienmitgliedern auch gerne mal zur Zwischenlagerung benutzt wird) zu bringen. Ich stellte fest, dass dort noch Unterlagen zu der Stuhlprobe lagen. Einen kurzen Moment lang überlegte ich, ob ich einmal draufschauen sollte, um was es sich handelt, ob das Kunst ist, oder weg kann, entschied mich aber schnell für die Endlagerung in meiner Altpapierablage.

Am nächsten Tag fragte mich mein Sohn aufgeregt, wo die Unterlagen seien. Ich informierte ihn über deren Aufenthalt, wonach er erleichtert aufatmete und sie in  Sicherheit brachte. Es war sein Glück, dass an diesem Wochenende kein Altpapier abgeholt wurde, denn in diesem Fall wären die Papiere unwiderbringlich einfach weg gewesen.

Warum die ganze Aufregung? Meinem Sohn war in Nachhinein eingefallen, dass einige der Unterlagen der Stuhlprobe hätten beigelegt werden müssen! So war selbige also anonym an das Labor geschickt worden. …

Ein Telefongespräch klärte das Problem: Er sollte die Unterlagen dem Shit noch hinterherschicken!

So kann es kommen. Und jetzt erhellt sich wahrscheinlich auch meine anfängliche Bemerkung, dass wir aus einem Stall sind!? Ja genau, das hätte mir auch passieren können.

Diesen Satz sage ich mir immer dann, wenn ihm etwas passiert, das mir eben auch hätte passieren können oder schon passiert ist. Das führt dazu, dass ich in den meisten Fällen überhaupt nicht böse werden und den Kopf mit Unverständnis schütteln kann.

Shit happens but,  don’t worry, be happy!

Bin ich (noch) motiviert?

Wie alles im Leben verändert sich mit dem älter werden auch die Motivation für bestimmte Dinge.

Letzte Woche habe ich an einem Bildungsurlaub Englisch teilgenommen und dort ist mir wieder klar geworden, dass sich die Gewichtung von Dingen und mein Interesse dafür ändert. Das ist ein ganz normaler Vorgang und nicht unbedingt altersbedingt, sei hier vorab gesagt.

Während mein Kreislauf bei Veranstaltungen, deren Thematik mich nicht unmittelbar berührt und die auch keine aktive Teilnahme meinerseits erfordern, relativ schnell in den Ruhemodus übergeht mit entsprechender Stellung der Augen, war ich während der gesamten Woche mit Ausnahme der beiden Tage, an denen ich vorher schlecht geschlafen hatte, hellwach, während andere Teilnehmer schon längst gähnten, sich mit ihren Smartphones beschäftigten oder eben auch durch geistige Abwesenheit glänzten.

Hellwach und das über 8 Stunden Sprachunterricht, für mich schon eine außergewöhnliche Leistung. Woher das kommt? Weil mich Sprachen schon immer interessiert haben.  Weil ich  intrinsisch, das heißt aus einem inneren Antrieb heraus, motiviert bin. Das Gegenteil dazu ist die extrinsische Motivation, die sich aus äußeren Quellen speist, sei es aus der erhofften Anerkennung der Eltern, dem Ausblick auf eine Belohnung, eine Beförderung usw. Die intrinische ist relativ stabil (aus meiner Sicht), während die extrinische nur vorübergehend ist und immer wieder eines neuen, äußeren Impulses bedarf.

Also, für Sprachen bin ich intrinsisch motiviert und das war und ist und bleibt hoffentlich auch so. Natürlich bedarf es günstiger (Lern-)bedingungen: ein „guter“ Lehrer, der die Materie fachlich und didaktisch gut rüberbringt, eine gute Atmosphäre unter den Teilnehmern, ein angenehmer Lernraum etc. Günstige Bedingungen sind also eine weitere Voraussetzung für motiviertes Lernen und Handeln.

Ich habe zu Anfang darüber gesprochen, dass sich die Interessen und die Motivation für bestimmte Dinge im Leben immer wieder ändern. Im Hinblick auf meine Freizeitbeschäftigungen für mich auch dergestalt, dass ich zunehmend darauf achte, dass auch die o.g. äußeren Bedingungen für mich stimmen. Ich bin intrinisch motiviert, etwas zu tun, z.B. eine Sprache zu lernen oder Sport zu treiben, aber ein gutes Drumherum brauche ich inzwischen auch mehr als früher. Die Lebenszeit wird immer begrenzter und daher möchte ich sie so gut wie möglich nutzen und mich möglichst nicht ärgern. Und dazu gehört auch, dass ich mich zu Wort melde, wenn diese Bedingungen nicht stimmen, und versuche, sie zu ändern.

Im Arbeitsleben lässt sich das nicht immer leben, aber auch da gilt für mich: ich muss mich von einer Sache mitnehmen lassen, sie muss mich interessieren und mich anspornen, sie zu erfüllen, dann wird sie auch gut. Dann bin ich der kleine orangefarbene Kerl auf dem Bild oben, der sich auf seine Aufgaben freut. Natürlich spielt meine eigene Einstellung zu den Dingen eine erhebliche Rolle. Wenn ich jeden Morgen zur Arbeit gehe und denke, was für ein Mist da wieder auf mich wartet, wird das mit Sicherheit kein guter Tag! Wenn ich mich freue, etwas bewegen oder schaffen zu können, wenn ich mich auf die Zusammenarbeit mit meinen KollegInnen freue, auch dann wird mir der Tag besser gelingen.

Ich kann also auch an meiner intrinischen Motivation arbeiten. Und das ist, wie ich finde, die gute Nachricht! Meine Sicht auf die Welt entscheidet auch darüber, wie die Welt ist.

Also, bleibt schön motiviert!

Mein Buchtipp für Frankophile: Philippe Besson – Arrête avec tes mensonges

Heute nach langer Zeit mal wieder ein Buchtipp. Leider zunächst nur für Frankophile und des Französischen Mächtige, denn den Roman „Arrête avec tes mensonges“ (Hör mit deinen Lügen auf)  gibt es im Moment nur auf französisch. Ich gehe aber davon aus, dass er in nicht allzu ferner Zukunft auch in deutscher Übersetzung erscheint, wird er doch von manchen Kritikern schon als bisher bester Roman Philippe Bessons gehandelt.

‚Arrête avec tes mensonges‘ ist insofern ein besonderer Roman, als Philippe Besson erstmals sein Credo verlässt, dass seine Romane rein fiktiv seien und nichts mit ihm persönlich zu tun hätten .

Als Sohn des Schuldirektors muss Philippe immer der Beste sein, Eliteschule und Karriere sind vorprogrammiert, und Philippe stellt die Erwartungen seines Vaters nicht in Frage. Am liebsten liest er und erfindet Geschichten um die Menschen um ihn herum.

Sport ist ihm fremd. Er ist anders und er ist sich dieser Andersartigkeit bewusst, seit er 11 ist. Da hat er zum erstenmal verstanden, dass er sich für Jungen interessiert und erste Erfahrungen gesammelt. Es gibt Gerüchte über seine Homosexualität.

Es geschieht an einem Wintertag im Jahr 1984, als der 17 jährige Philippe von Thomas Andrieu, einem 18 jährigen Schüler aus einer höheren Klasse, unvermittelt und entgegen aller Erwartungen angesprochen und zu einem Treffen eingeladen wird. Philippe beobachtet ihn schon länger aus der Ferne, schwärmt für ihn wie man eben als junger Mensch schwärmt und sich verliebt und glaubt dennoch nicht daran, dass Thomas ihn überhaupt wahrnimmt. Offensichtlich hat er sich getäuscht.

Thomas erzählt ihm von seinen Zweifeln, Ängsten, seinem inneren Kampf, bevor er nicht mehr anders kann, als sich ihm zu eröffnen. Und Philippe will nur wissen, warum gerade er. Und da erhält er von Thomas eine Antwort, die er nie vergessen hat: „Weil du gehen wirst und weil wir bleiben“. Er ahnt,  dass ihm und Philippe nicht viel Zeit bleibt.

Er spürt instinktiv , dass Philippe zu mehr bestimmt ist , als sein Leben in seinem Heimatort Barbezieux zu fristen

Derlei Überlegungen sind fremd für Philippe und erst recht jeder Gedanke an eine schriftstellerische Zukunft. Sein Vater hätte es nicht zugelassen.

Zwischen Philippe und Thomas entspinnt sich eine der absoluten Geheimhaltung verpflichtete Beziehung, in der Philippe sich dem Willen von Thomas unterwirft, wohl wissend, dass dieser die Beziehung andernfalls sofort beenden würde. Thomas kommt aus einer bäuerlichen Familie. Er hat zwei jüngere Schwestern, die jüngste, Sandrine, ist behindert. Auf Thomas lastet als einzigem Sohn viel Verantwortung, der er sich nicht entziehen kann.

Philippe hat noch einen älteren, schon damals sehr erfolgreichen Bruder. Sieben Jahre nach seiner eigenen Geburt hat die Mutter eine Fehlgeburt, die sie niemals verwindet.

Nach dem Abitur trennen sich die Wege von Philippe und Thomas. Während Thomas nach Spanien zu Verwandten seiner Mutter fährt, verbringt Philippe seine Ferien wie immer auf der Ile de Ré. Nach der Rückkehr erfährt er, dass Thomas in Spanien geblieben ist und dort eine Arbeit gefunden hat.

23 Jahre später in Bordeaux: Philippe hat dort eine Signaturstunde abgehalten und unterhält sich gerade mit einer Journalistin, als er die Silhouette eines jungen Mannes sieht, ein Bild, das nicht sein kann! Er ruft den Vornamen und läuft dem jungen Mann hinterher….

‚Arrêtes avec tes mensonges‘ ist eigentlich kein Roman, sondern eine autobiographische Erzählung. Wir erfahren von dieser fast unglaublichen Geschichte einer ‚unmöglichen‘ und doch tiefen Liebesbeziehung. Wir erfahren, dass die schmerzlichen Erfahrungen dieser Beziehungen die Themen seiner Romane geprägt haben. Und vielleicht besteht auch darin die Bedeutung des Titels „Hör mit deinen Lügen auf“. Ursprünglich hatte seine Mutter diesen Satz geprägt, weil sie oft nicht zwischen Wahrheit und Erfindung bei ihrem Sohn unterscheiden konnte. Aber auch Philippe hat „gelogen“, wenn er immer wieder behauptet hat, dass seine Romane nichts mit ihm zu tun haben. Es hat einen Grund, warum er sein Schweigen lüftet.

Eine sehr berührende Geschichte, wie sie sich in ihrer Tragik so oder ähnlich sicherlich häufiger ereignet hat und noch ereignet.

Lesenwert, für Fans‘ von Philippe Besson ein Muss!