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Donnerstag vor einer Woche…

Da ich am Wochenende etwas vorhatte, zog ich den Hausputz um einen Tag vor, sicherlich nicht, weil ich ihm den Vorzug vor anderen Aktivitäten gegeben hätte, aber aus rein praktischen Erwägungen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe im Alltag so meine Rituale, vor allem, was die wöchentliche Grundreinigung angeht. Das erspart allwöchentliche neue Planungen.

Von der Küche arbeite ich mich mittels Staubwischen, Staubsaugen und Wischen durch die anderen Wohnräumen bis zur Reinigung des Badezimmers vor. Wenn ich dann dort angekommen bin, ist es mit der Geduld meistens nicht mehr so ganz weit her. Dann sind alle erlernten Methoden, die Ruhe zu behalten und sich in die Arbeit zu versenken, nur noch Makulatur und es geht um die zügige Abwicklung der Restarbeiten. Ich will hier nicht alle Einzelheiten beschreiben, wie ich z.B. den „Alibert“ (den Begriff habe ich für die jüngere Generation in einem früheren Beitrag bereits eingeführt) von oben reinige.

Alle Tätigkeiten sind soweit seit langem Standard und bergen kaum Überraschungen.

Bis letzten Donnerstag.

Ich war gerade in der Toilettenecke zugange oder zuwege (schon wieder so was altes) und wollte den Toilettenrollenhalter von außen abwischen.

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Wie auf dem Bild zu sehen, befindet sich um den unteren Rand herum eine blaue Gummilitze, vermutlich zum Schutz. Das war mir allerdings bis Donnerstag nicht klar. Ich wischte also mit Elan am unteren Rand entlang und geriet dabei unversehends unter die Gummiabdichtung und flutsch, der scharfe Metallrand, den ich offensichtlich freigelegt hatte, trieb sich in meinen rechten Daumen. Aua. Aua. Aua…Hypothetisch stieß ich einen entsprechenden Schmerzensschrei aus, der jedoch, wie nach bereits mehreren ähnlichen Alarmübungen nicht anders zu erwarten, von meiner Umwelt unbeachtet blieb. Weder mein Aufschrei, als ich kürzlich vom Stuhl gefallen bin, noch ein Rauchalarm wegen nicht beachteter Überhitzung der Pfanne (die Rauchmelder funktieren jedenfalls) veranlassten meine NachbarInnen, sich um mein Befinden Sorgen zu machen. So ist die Welt.

Nun stand ich da, das Blut schoss aus der Wunde, mit meinen Lippen presste ich die beiden Seiten meines Fingers zusammen und überlegte, was zu tun sei. Ich zog in Erwägung, die 110 zu wählen bzw. dachte ich, ich könnte versuchen, mit meinem Smartphone zu sprechen, um es zu veranlassen, den Notruf selbständig abzusetzen. Nachdem ich Google mit der Nase aufgerufen hatte, flüsterte ich durch die Lippen hindurch eennsennsnul. Leider verstand mich Google in dieser lebensbedrohlichen Situation nicht und bat ungerührt um Wiederholung. Als ich mich offensichtlich auch beim zweiten Versuch nicht verständlich machen konnte, herrschte mich die ansonsten immer so freundliche Google-Dame an, ich solle gefälligst den Finger aus dem Mund nehmen, wenn ich mit ihr spreche. Völlig verstört fiel mir der Finger tatsächlich in den Schoß. Es blieb mir keine Zeit, mit Frau Google über den Sinn oder Unsinn der totalen Überwachung zu diskutieren,  wenn sie im Notfall doch nicht funktioniert,  da ich meinen Finger unbedingt und sofort wieder an den vorherigen Ort zurückführen musste,  um eine weitere Blutlache auf meiner  weissen Hose  zu vermeiden. Nach anderen Auswegen aus dieser vertrackten Lage suchend, kam mir die Idee, jetzt lieber gleich die Luftrettung einzuschalten, denn schließlich hatte ich vor einem Jahr während des Tages der offenen Tür in einem der hiesigem Krankenhäuser mir just aus diesen Erwägungen heraus ein Jahres-Abo für bevorzugte Luftrettung erkauft. Ich will nicht verschweigen, dass mich die Zugabe eines leuchtend grünen Kulis endgültig überzeugte. Leider fiel mir ein, dass ich alle Zahlungsaufforderungen für die Verlängerung des Abos aus mir unverständlichen Gründen ignoriert hatte.

Was blieb mir also übrig, als mich selbst um meine Rettung zu kümmern. Immer noch den Finger zwischen meinen Lippen zusammenpressend, eilte ich in die Küche und suchte meinen Vorrat an Pflastern heraus.

Viele Küchentücher und Pflaster später lag ich ermattet ob des hohen Blutverlustes auf dem Sofa und betrachtete nicht ohne Stolz die Rundumversorgung meines Fingers. Gerettet!

Ich ahne es schon, ihr glaubt mir die ganze Geschichte nicht?

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Hier ist der Beweis, 1 Woche später…..

Jetzt wächst langsam wieder zusammen, was zusammen gehört.

Also: Augen auf beim Hausputz!

Nähmest du mich?

Nähmest du mich

Mann, der morgen meine Wege kreuzen und mein Herz erwärmen könnte

Nähmest du mich, mich allen meinen Narben auf der Haut und auf der Seele

mit meinen mühsam nur geschlossnen Wunden, die sich im Falle eines Falles

blutig wieder gegenwärtigen

Und nähme ich dich,

du, dessen Risse in des Lebens Laufe ich nicht kenne, dessen Sprache ich erst lernen muss

Nähme ich dich, dessen Täler ich nicht mit durchschritten, dessen Höhen ich nicht mit dir feiern konnte

Du, dessen junge Haut ich nicht gekannt, du, den die Jahre zeichneten und prägten

du, dessen Kraft allmählich schwindet, wie die meine

Und du?

Wie schautest du mich an?

Fänd‘ ich Sehnsucht in deinen Augen nach etwas, das schon längst vergessen schien?

Oder die Abgeklärtheit eines gelebten Lebens

Säh‘ ich Hoffnung, Aufbegehren, Trotz

gegen alle Routine, gegen alle Erfahrung, gegen all die Jahre

Nähmest du mich, nähme ich dich,

so wie wir sind

nähmen wir uns an, ließen wir uns ein

auf was immer in uns, mit uns möglich ist?

Granufink und Co

Vorletzte Nacht: 04:45 Uhr. Nach dem Toilettengang ist es mit dem Schlafen vorbei. Ich weiß nicht, wie es meinen AltersgenossInnen geht, aber die Blase kann entweder nicht mehr so viel speichern wie früher, oder sie muss sich ihres Inhaltes öfter entledigen. Also, dass ich nicht weiß, wie es Gleichaltrigen ergeht, stimmt so nicht, denn erfahrungsgemäß setzt sich nach spätestens anderthalb Stunden während unserer Sitzungen im Büro eine Karavane Richtung Toilette und zurück in Bewegung, so dass es dann besser ist, erstmal eine Pinkelpause für alle anzusetzen. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden.

Ich suche mir aus den gleichen Gründen bei Veranstaltungen wie z.B. im Kino immer schon einen Platz am Rand der Sitzreihe für den Fall der Fälle.

Da gibt es noch eine Anektdote aus meinem früheren Leben, die mir gerade wieder einfällt. Es ist allerdings bestimmt schon zehn Jahre her, dass ich mit einer Freundin mit der VHS eine Fahrt in die Fernsehstudios in Hamburg unternommen habe. Sehr interessant, das Fernsehen mal von drinnen zu erleben und am Pult der Nachrichtensprecher zu stehen.

Abends waren wir dann Statisten, nein Zuschauer, bei der  „Aktuellen Schaubude“. Gut, dass es Wikipedia gibt. Ich habe gerade den Werdegang der Aktuellen Schaubude nachgelesen und erfahren, dass sie bis 2009 regelmäßig ausgestrahlt wurde. Also muss es so lange her sein, dass wir dort waren. Damals war Ludger Abeln der Moderator. Ich kenne die Sendung aus frühester Kindheit (sie wurde 1957 das erste Mal ausgestrahlt), als noch die ganze Familie vor dem Bildschirm saß und gebannt zuschaute.

Zurück zu unserem Besuch: Während meine Freundin tierische Angst hatte, dass der Moderator das Wort an sie richten und sie etwas fragen könnte, ging ich alle 5 min zur Toilette, weil uns gesagt wurde, dass wir während der Sendung den Sendesaal nicht verlassen dürften. Was für ein Horror.

Und, wenn ich schon bei diesem Thema bin, muss ich zwangsläufig an die Werbung denken, um die ich ja nicht immer herumkomme. Ich schaue zwar fast nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen (was für ein Ausdruck, ist das andere nicht öffentlich und illegal, man weiß es manchmal nicht so recht), aber auch hier entkommt man der Werbung nicht immer. Und wenn ich dann verzweifelt von einem zum anderen Programm umschalte, läuft da garantiert auch gerade ein Werbbeblock. Also, wenn ich den Fernseher nicht so lange ausschalten will und dann eventuell einen Teil der Sendung verpasse, was im Allgemeinen auch kein Weltuntergang wäre, muss ich die Werbung über mich ergehen lassen. Auch wenn ich nur mit halbem Ohr hinhöre, haben sich Granufink und Prostagutt in mein Gedächtnis eingegraben. „Weniger müssen müssen“ schallt es durch meinen Kopf. Und „Prostagutt schützt die Sexualfunktion“. Ich frage mich kurz, wie die Zusammenhänge sind. Aber so genau muss ich dass auch nicht wissen.

Kurzum, bisher habe ich der Werbung widerstanden und meine nächtlichen Störungen so hingenommen. Bestimmte ungünstige Faktoren, wie das späte Trinken von Tee oder Stress, sind mir bekannt, und die kann ich entweder selbst beeinflussen oder muss sie hinnehmen, wie sie sind.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Vorgestern nacht 04:45 Uhr. Ich hellwach. Wenn ich um die Zeit raus muss, ist der Schlaf nicht mehr so tief, der Körper schon erholt, und wenn sich dann nur ein Gedanke zuviel in mein verschlafenes Gehirn einschleicht, ist es vorbei mit dem Schlafen.

Und dann läuft die Maschinerie unaufhaltsam an. Manchmal sind es angstvolle Gedanken, die sich in der Ruhe der Nacht Bahn brechen, mal geht mir durch den Kopf, was ich alles noch erledigen muss, mal melden sich meine kreativen Gehirnzellen und entwerfen schon die nächste Beiträge für meinen Blog.

Am besten wäre es, wenn ich gleich aufstehen und aufschreiben würde, was an Ideen alles aufkommt, aber dazu habe ich dann verständlicherweise auch keine Lust.

Ich hätte in der besagten Nacht schon eine Vorschau auf die nächsten 4/5 Beiträge machen können. Ihr könnt euch also vorstellen, was in meinem Kopf abgeht. Davon habe ich inzwischen aber vieles einfach wieder vergessen und muss nun auf die nächsten Eingebungen warten.

Also besser ohne Granufink, denn sonst sprudelt die nächtliche Quelle vielleicht nicht mehr.

 

Leben Geduldige besser und länger?

Im meiner LieblingsZEITung vom 4. Mai hat sich eine Autorin mit der Frage auseinandergesetzt, wer nun besser und länger lebt, der/die Ungeduldige oder der/die Geduldige. Sie verortet sich ganz klar auf der Seite der Ungeduldigen und wendet sich gegen die landläufige Meinung, dass geduldig sein eine positive Eigenschaft sei, dass sie mit Souveränität und Gelassenheit assoziiert werde und ein besseres Leben ermögliche.

Beim Lesen des Artikels habe ich mich gleich gefragt, wo ich mich einordnen würde, und habe, wie sooft, keine eindeutige Antwort gefunden.

Die Autorin nennt verschiedene Situationen, in denen sie ungeduldig ist und sich wünschte, diese Ungeduld auch ungeachtet ihre Erziehung zur Höflichkeit zum Ausdruck bringen zu können.

Wir kennen sie alle: die lange Warteschlange im Supermarkt an einem Freitagnachmittag. Ganz ehrlich: da bin ich auch nicht sonderlich geduldig, je nach dem, ob ich in Eile bin oder nicht. Aber meist schlagen alle Versuche, die Zeit durch Umschwenken zu einer anderen Kasse zu verkürzen, fehl, denn entweder gibt es auch dort Menschen, die ihre Waren nicht so schnell einpacken, oder ich habe übersehen, dass das Transportband links oder rechts neben mir viel voller ist als bei mir. Diebisch freue ich mich (muss ich mich dafür schämen?), wenn eine weitere Kasse geöffnet wird und es mir gelingt, mich dort als erste zu positionieren.

Ich füge eine weitere typische Situation hinzu, bei der ich den Eindruck habe, dass es hier fast nur Ungeduldige gibt: das Ein- und Aussteigen aus einem Bus. Ich weiß nicht so recht, woher es kommt, aber am Bus kommt es fast immer zu Rangeleien: die einen wollen möglichst schnell raus und die anderen rein. Nach meiner Erfahrung reagieren die Menschen fast nirgendwo so unglaublich ungeduldig wie hier. Ist es die Angst, entweder nicht mehr mitgenommen zu werden oder den Bus nicht rechtzeitig vor dem Wiederanfahren verlassen zu können? Oder ist es einfach nur die pure Ungeduld, die es nicht erträgt, dass andere mich in meiner Bewegung behindern. Ich kann mich nicht davon freisprechen, selbst ungeduldig zu reagieren aus oben genannten Gründen. Für mich ein Indiz dafür, dass in bestimmten Situationen all das, was uns als Kultur anerzogen worden ist, blitzschnell in Vergessenheit gerät, wenn es um die ureigensten Interessen aber auch Ängste geht.

Das kenne ich auch: ich sitze in einer Sitzung und der Vortrag ist so langweilig, dass ich mich am liebsten wegbeamen möchte, aber nicht kann. Ich werde ungeduldig, fange an,  auf meinem Block zu malen, bediene mich bei den Süßigkeiten auf dem Tisch…und habe Mühe, den Kopf hochzuhalten. Da reagiert mein Körper.

Wenn ich so schreibe, scheint meine persönliche Waage auch eher in Richtung ungeduldig auszupendeln.

Nein, es gibt auch Situationen, in denen ich geduldig bin. In Diskussionsrunden oder auch privaten Gesprächen ist es für mich wichtig, dass ich meinem Gegenüber zuhöre und umgekehrt. Das ich darauf achte, dass alle Beteiligten zu Wort kommen. Das Thema hatte ich schon öfter, wohl weil es mich beschäftigt und weil ich in solchen Situationen auch mal richtig ungehalten werden kann, insbesondere wenn jemand mir auch noch ins Wort fällt. Das ist ganz einfach respektlos.

Ich habe lange Jahre Erwachsene unterrichtet und da habe ich immer sehr viel Geduld gehabt, um ihnen etwas zu erklären.

Geduld hat immer etwas mit der jeweiligen Situation zu tun, in der ich mich befinde. Wahrscheinlich kennt ihr das auch: Ihr müsst kochen, aber eigentlich habt ihr keine Lust, weil der Tag schlecht gelaufen ist. Wird das was ? Wohl kaum. Wenn ich hingegen am Wochenende koche und mich nichts und niemand drängt, sieht das schon anders aus.

Ganz schlimm wird es bei mir hingegen, wenn ich ein neues technisches Gerät gekauft habe, und die Gebrauchsanweisung studieren muss. Ganz, ganz schlimm. Dazu habe ich einfach keine Lust, weil man sie meist sowieso nicht versteht und dann funktionierts auch noch nicht mal.

Ein Argument für die Vorteile ungeduldiger Mensch, das ich euch nicht vorenthalten will und das mir durchaus plausible erscheint, ist, dass ungeduldige Menschen schneller die Initiative ergreifen. Sie handeln schnell und vielleicht auch impulsiv. Manchmal kann das einfach notwendig sein, manchmal werden sich die so getroffenen Entscheidungen als falsch erweisen. Die Autorin, Sandra Danicke, nennt als Beispiel den Klimawandel: da haben wir keine Zeit mehr zu verlieren und das geduldige Abwarten, dass die Politiker die richtigen Entscheidungen treffen, könnte uns umbringen.

Wenn ich anfangs beim Lesen des ZEITartikels etwas die Stirn gerunzelt habe über die scharfzüngigen Äußerungen der Autorin über die angeblich Geduldigen, so bin ich mir im Laufe des Schreibens doch bewusst geworden, wie schnell ich selbst ungeduldig werde.

Was allerdings die Ausgangsfrage angeht, wer besser lebt, so kann sie nur jeder für sich persönlich beantworten. Jeder bringt seinen eigenen Charakter mit ins Leben und den kann man nur bedingt oder gar nicht ändern. Man kann sich alternative Handlungsweisen antrainieren, aber das, was man ursprünglich mitbringt, wird – so denke ich – doch immer sehr stark sein und im Zweifelsfall durchbrechen.

Es gibt Studien, denen zufolge ungeduldige Menschen früher sterben. Die Autorin sagt dazu: Was soll’s, dafür habe ich schneller und meinen Bedürfnissen entsprechend gelebt. Sicherlich gibt es oder wird es Studien geben, die das genaue Gegenteil behaupten.

Tatsache ist, dass jeder und jede mit sich selbst auskommen muss, geduldig oder ungeduldig. Wem es wie besser geht, ist eigentlich eine müßige Frage, denn der Ungeduldige wird sich vermutlich für glücklicher halten als der Geduldige und umgekehrt.

Wie ich nun selbst erkannt habe, gehöre ich auch nicht zu den geduldigsten Menschen, aber je älter ich werde, desto geduldiger muss ich mit mir selbst werden, mit meiner eigenen Langsamkeit. Und das sollte es mir erleichtern, auch mit anderen geduldiger zu sein.

Übrigens: an der Kasse im Supermarkt bin ich geduldiger geworden, und das erleichtert mir das Leben, denn ich ärgere mich weniger!

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Und, wie lange musst du noch?

Nachdem die  Frage nach dem allgemeinen Befinden abgehandelt ist, folgt im fortgeschrittenen Alter, und erst recht, wenn man oder frau die 60 überschritten hat, unweigerlich diese Frage: Und, wie lange musst du noch? Ja, was denn? Was muss ich denn? Was wohl? Arbeiten natürlich.

Vor einigen Jahren war ich noch fast beleidigt, wenn mir diese oder in diese Richtung weisende Fragen gestellt wurden, dachte ich, man müsse doch sehen, dass ich noch nicht so weit bin. Gut, mit dem Schätzen des Alters anderer Menschen habe ich auch so meine Schwierigkeiten.

Aber jetzt muss ich es wohl so hinnehmen, dass mir diese Frage mit allem Ernst gestellt wird und  der Gedanke an die Rente ist tatsächlich näher gerückt. Während ich in den letzten Monaten aufgrund meiner OPs zu Hause bleiben musste, erschien es mir plötzlich nicht mehr so unvorstellbar, irgendwann ganz zu Hause zu bleiben.

Das älter werden ist nicht mehr wegzudenken und wegzuschieben. So wie jeder Mensch sich intensiv mit der jeweiligen Lebensphase beschäftigt, in der er oder sie sich gerade befindet, so nimmt die Auseinandersetzung mit dem Altern bei mir einen zunehmenden Raum ein. So wie sich Kinder mit der nächsten Klassenarbeit, Studenten mit bevorstehenden Klausuren, Eltern sich mit ihrem Nachwuchs beschäftigen und in dem Moment nichts anderes zählt, so steht das Thema älter werden immer wieder auf der Tagesordnung, gezwungenermaßen oder auch ganz freiwillig.

Manchmal allerdings kann ich mich selbst nicht mehr hören, wenn ich über das altern spreche oder schreibe, aber ja, ich gehöre jetzt auch offiziell rein nach Jahren gerechnet zu den Seniorinnen.

An allen  Ecken und Kanten merke ich, dass es nicht mehr so rund läuft wie noch vor einigen Jahren, weder im Kopf noch in den Beinen. Kein Wunder, dass ich mich damit beschäftige. Es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig. Denn ich werde ja ständig daran erinnert.

Aber nein: Ich will mich davon nicht beherrschen lassen und irgendwo in meinem Inneren fühle ich nicht „alt“, nein, dort bin ich ganz jung. Wenn man an eine Seele glaubt, dann sagt man von ihr, dass sie nicht altert, dass sie die physische Existenz überdauert und dass es ihr völlig egal ist, dass Körper und Geist eine andere Sprache sprechen.

Gewiss ist es nicht einfach, diese beiden Seiten meiner Existenz zusammen zu bringen und sie gleichermaßen wertzuschätzen und ihnen Gehör zu verschaffen.

Meine physische Existenz verlangt, dass ich mich an die sich verändernden Bedingungen ständig neu anpasse, dass ich mich mit ihnen arrangiere, ihnen möglicherweise durch meine Lebensweise zu trotzen versuche. Ich muss akzeptieren, dass meine Abläufe langsamer geworden sind. Vielleicht bin ich dadurch aber auch gelassener geworden. Ich muss nicht mehr mit dem Tempo der jungen Leute mithalten, ich muss nicht mehr so viel kämpfen wie in früheren Jahren. Vieles muss ich nicht mehr, anderes möchte ich noch, kann es aber nicht mehr. Die Angst, was in einigen Jahren sein wird, wenn die Kräfte weiter nachlassen, reist immer mit, wohin ich mich auch fliehen mag.

Meine Seele hingegen schwingt noch immer in altersloser Schönheit und jugendlichem Leichtsinn durch das Universum. Sie beschert mir manchmal Gefühle wie einer 18jährigen, wie schön und wie aufregend. Sie wartet darauf, dass ich ihr Nahrung gebe, dass ich mich am Leben freue,  lache, tanze, schöne Dinge tue.

Ich erinnere mich gerne an meine Mutter, wenn sie mir von ihren Männerbekanntschaften aus jungen Jahren berichtete und wie ihre Augen dann zu glänzen begannen, wie aufgeregt sie mir erzählt hat, dass sich ein Herr aus dem Altersheim wohl für sie interessiert. Es gibt Dinge, die hören nie auf, die Liebe, die Sehnsucht danach, die ungestümen Gefühle.

Meine Seele ist hungrig nach Leben. Trauer, Zorn und negative Gefühle sind ihr Ding nicht. Trauer ist unvermeidlich, hat ihren Platz und ihre Notwendigkeit. Trauer um verlorene Fähigkeiten aber vor allem Trauer über den Verlust lieber Menschen. Zorn und negative Gefühle „beschmutzen“ die Seele und versperren den Blick auf die lebenswerten Seiten des Lebens.

Und dennoch wird das Leben enger, daran geht kein Weg vorbei. Es ist wie ein Trichter, am Anfang noch weit geöffnet für scheinbar unendliche Möglichkeiten  und nun immer schmaler werdend. Er zwingt mich oder gibt mir positiv gewendet die Möglichkeit, das Wesentliche vom Unwesentliche zu unterscheiden, das Leben  zu kondensieren und auf das zu konzentrieren, was mir wichtig ist und mir Kraft und Freude schenkt:

Menschen, die mir zuhören, und denen ich für die Zeit unseres Gesprächs meine ganze Aufmerksamkeit schenke. Menschen, die mich eigentlich nur als Projektionsfläche für ihre eigenen Gedanken brauchen, und denen es im Grunde egal ist, wer ihnen da gegenüber sitzt, tun mir nicht gut. Vielleicht steckt dahinter aber auch eine tiefsitzende Angst, sich mit den wirklich wesentlichen Themen ihrer eigenen Existenz auseinanderzusetzen. Kein Urteil. Das kommt mir nicht zu. Für mich aber „verlorene“ Zeit.

Bücher, die mich bereichern, die mich in sie hineinziehen wie in einen Sog und mich erst wieder freigeben, wenn das Buch ausgelesen ist. Da ist wie Spielen in der Kindheit. Ich vergesse Zeit und Raum, bin ganz in der Phantasiewelt des Buches, lebe und leide mit den Figuren und nehme auch noch etwas davon mit in meine Realität. Das ist es, was mich erfüllt: diese Momente, in denen ich ganz zugegen bin, in denen mich eine Sache mitreißt. Ich weiß nicht, woher ich das habe, wahrscheinlich aus irgendeinem philosophischen Ansatz, dass die Kunst des Lebens darin besteht, alles was man tut, mit ganzer Hingabe zu tun, dabei ist es ganz egal, was. Ehrlich gesagt: so ganz will mir es mir nicht gelingen, meine Wäsche mit der gewünschten Versenkung zu bügeln.

Aber wenn ich z.B. einen Artikel wie diesen schreibe, dann passiert mir genau das. Ich vergesse alles um mich herum, ich schaue auch nicht auf die Uhr…nur zu spät abends darf es nicht werden, denn dann nehme ich die Gedanken mit ins Bett uns spinne sie dort weiter. Das ist definitiv nicht gut!

So heißt es für mich immer wieder, die innere Balance zu halten zwischen dem, was schwer ist, was erlebt und gelebt werden muss und was schön ist, was mir Freude macht und mich erfüllt.

Und wenn mich mal wieder jemand fragt, wie lange ich noch muss, dann sage ich: ich muss gar nicht, ich möchte noch arbeiten. So lange es mir noch Freude macht, so lange ich es noch kann…..

Und dann sieht man weiter. Jeden Tag neu erfahren, sich erfahren, das Leben umher aufnehmen und seinen Weg finden.

 

Anonyme Stuhlprobe

Darüber spricht man nicht, schon gar nicht in der Öffentlichkeit! Ja, stimmt schon, aber zur Erheiterung der LeserInnen ist das sicher erlaubt, oder?

Also, mein Sohn und ich, wir sind aus einem Stall, wie man so schön sagt, und er kann nichts dafür, könnte er mir vorhalten.

Das als Vorrede zu diesem Beitrag.

Mein Sohn sollte aus gegebenem Anlass eine Stuhlprobe abgeben (ich meine jetzt nicht eine Sitzprobe auf seinem neuen Bürostuhl, der sich nicht , wie in der Beschreibung vollmundig behauptet, beim leichten Nachhintenlehnen dem Körper anpasst und nachgibt, sondern den Sitzer zu einer aufrechten bis steilen Haltung zwingt. Nein, darum geht es gerade nicht, auch wenn dies ein weiterer Anlass für einen Beitrag wäre.

Nein, er sollte eine Stuhlprobe im Rahmen einer Magen-Darm-Diagnostik abgeben bzw. an ein Labor irgendwo in Süddeutschland schicken. Ein paar Tage später trafen wir uns zum Kaffeetrinken. Er stellte fest, dass er vergessen hatte, die Stuhlprobe in den Brifkasten zu werfen. Ich erklärte mich bereit, das für ihn zu erledigen, da ich sowieso noch am Briefkasten vorbei kommen würde. Auftragsgemäß warf ich das Päckchen ein und vergewisserte mich, dass der Briefkasten noch am selben Tag geleert werden würde.

Am gleichen Tag versuchte ich, ein wenig Ordnung in die Papiere auf Schreib- und Esstisch (der von allen Familienmitgliedern auch gerne mal zur Zwischenlagerung benutzt wird) zu bringen. Ich stellte fest, dass dort noch Unterlagen zu der Stuhlprobe lagen. Einen kurzen Moment lang überlegte ich, ob ich einmal draufschauen sollte, um was es sich handelt, ob das Kunst ist, oder weg kann, entschied mich aber schnell für die Endlagerung in meiner Altpapierablage.

Am nächsten Tag fragte mich mein Sohn aufgeregt, wo die Unterlagen seien. Ich informierte ihn über deren Aufenthalt, wonach er erleichtert aufatmete und sie in  Sicherheit brachte. Es war sein Glück, dass an diesem Wochenende kein Altpapier abgeholt wurde, denn in diesem Fall wären die Papiere unwiderbringlich einfach weg gewesen.

Warum die ganze Aufregung? Meinem Sohn war in Nachhinein eingefallen, dass einige der Unterlagen der Stuhlprobe hätten beigelegt werden müssen! So war selbige also anonym an das Labor geschickt worden. …

Ein Telefongespräch klärte das Problem: Er sollte die Unterlagen dem Shit noch hinterherschicken!

So kann es kommen. Und jetzt erhellt sich wahrscheinlich auch meine anfängliche Bemerkung, dass wir aus einem Stall sind!? Ja genau, das hätte mir auch passieren können.

Diesen Satz sage ich mir immer dann, wenn ihm etwas passiert, das mir eben auch hätte passieren können oder schon passiert ist. Das führt dazu, dass ich in den meisten Fällen überhaupt nicht böse werden und den Kopf mit Unverständnis schütteln kann.

Shit happens but,  don’t worry, be happy!

Bin ich (noch) motiviert?

Wie alles im Leben verändert sich mit dem älter werden auch die Motivation für bestimmte Dinge.

Letzte Woche habe ich an einem Bildungsurlaub Englisch teilgenommen und dort ist mir wieder klar geworden, dass sich die Gewichtung von Dingen und mein Interesse dafür ändert. Das ist ein ganz normaler Vorgang und nicht unbedingt altersbedingt, sei hier vorab gesagt.

Während mein Kreislauf bei Veranstaltungen, deren Thematik mich nicht unmittelbar berührt und die auch keine aktive Teilnahme meinerseits erfordern, relativ schnell in den Ruhemodus übergeht mit entsprechender Stellung der Augen, war ich während der gesamten Woche mit Ausnahme der beiden Tage, an denen ich vorher schlecht geschlafen hatte, hellwach, während andere Teilnehmer schon längst gähnten, sich mit ihren Smartphones beschäftigten oder eben auch durch geistige Abwesenheit glänzten.

Hellwach und das über 8 Stunden Sprachunterricht, für mich schon eine außergewöhnliche Leistung. Woher das kommt? Weil mich Sprachen schon immer interessiert haben.  Weil ich  intrinsisch, das heißt aus einem inneren Antrieb heraus, motiviert bin. Das Gegenteil dazu ist die extrinsische Motivation, die sich aus äußeren Quellen speist, sei es aus der erhofften Anerkennung der Eltern, dem Ausblick auf eine Belohnung, eine Beförderung usw. Die intrinische ist relativ stabil (aus meiner Sicht), während die extrinische nur vorübergehend ist und immer wieder eines neuen, äußeren Impulses bedarf.

Also, für Sprachen bin ich intrinsisch motiviert und das war und ist und bleibt hoffentlich auch so. Natürlich bedarf es günstiger (Lern-)bedingungen: ein „guter“ Lehrer, der die Materie fachlich und didaktisch gut rüberbringt, eine gute Atmosphäre unter den Teilnehmern, ein angenehmer Lernraum etc. Günstige Bedingungen sind also eine weitere Voraussetzung für motiviertes Lernen und Handeln.

Ich habe zu Anfang darüber gesprochen, dass sich die Interessen und die Motivation für bestimmte Dinge im Leben immer wieder ändern. Im Hinblick auf meine Freizeitbeschäftigungen für mich auch dergestalt, dass ich zunehmend darauf achte, dass auch die o.g. äußeren Bedingungen für mich stimmen. Ich bin intrinisch motiviert, etwas zu tun, z.B. eine Sprache zu lernen oder Sport zu treiben, aber ein gutes Drumherum brauche ich inzwischen auch mehr als früher. Die Lebenszeit wird immer begrenzter und daher möchte ich sie so gut wie möglich nutzen und mich möglichst nicht ärgern. Und dazu gehört auch, dass ich mich zu Wort melde, wenn diese Bedingungen nicht stimmen, und versuche, sie zu ändern.

Im Arbeitsleben lässt sich das nicht immer leben, aber auch da gilt für mich: ich muss mich von einer Sache mitnehmen lassen, sie muss mich interessieren und mich anspornen, sie zu erfüllen, dann wird sie auch gut. Dann bin ich der kleine orangefarbene Kerl auf dem Bild oben, der sich auf seine Aufgaben freut. Natürlich spielt meine eigene Einstellung zu den Dingen eine erhebliche Rolle. Wenn ich jeden Morgen zur Arbeit gehe und denke, was für ein Mist da wieder auf mich wartet, wird das mit Sicherheit kein guter Tag! Wenn ich mich freue, etwas bewegen oder schaffen zu können, wenn ich mich auf die Zusammenarbeit mit meinen KollegInnen freue, auch dann wird mir der Tag besser gelingen.

Ich kann also auch an meiner intrinischen Motivation arbeiten. Und das ist, wie ich finde, die gute Nachricht! Meine Sicht auf die Welt entscheidet auch darüber, wie die Welt ist.

Also, bleibt schön motiviert!

Mein Buchtipp für Frankophile: Philippe Besson – Arrête avec tes mensonges

Heute nach langer Zeit mal wieder ein Buchtipp. Leider zunächst nur für Frankophile und des Französischen Mächtige, denn den Roman „Arrête avec tes mensonges“ (Hör mit deinen Lügen auf)  gibt es im Moment nur auf französisch. Ich gehe aber davon aus, dass er in nicht allzu ferner Zukunft auch in deutscher Übersetzung erscheint, wird er doch von manchen Kritikern schon als bisher bester Roman Philippe Bessons gehandelt.

‚Arrête avec tes mensonges‘ ist insofern ein besonderer Roman, als Philippe Besson erstmals sein Credo verlässt, dass seine Romane rein fiktiv seien und nichts mit ihm persönlich zu tun hätten .

Als Sohn des Schuldirektors muss Philippe immer der Beste sein, Eliteschule und Karriere sind vorprogrammiert, und Philippe stellt die Erwartungen seines Vaters nicht in Frage. Am liebsten liest er und erfindet Geschichten um die Menschen um ihn herum.

Sport ist ihm fremd. Er ist anders und er ist sich dieser Andersartigkeit bewusst, seit er 11 ist. Da hat er zum erstenmal verstanden, dass er sich für Jungen interessiert und erste Erfahrungen gesammelt. Es gibt Gerüchte über seine Homosexualität.

Es geschieht an einem Wintertag im Jahr 1984, als der 17 jährige Philippe von Thomas Andrieu, einem 18 jährigen Schüler aus einer höheren Klasse, unvermittelt und entgegen aller Erwartungen angesprochen und zu einem Treffen eingeladen wird. Philippe beobachtet ihn schon länger aus der Ferne, schwärmt für ihn wie man eben als junger Mensch schwärmt und sich verliebt und glaubt dennoch nicht daran, dass Thomas ihn überhaupt wahrnimmt. Offensichtlich hat er sich getäuscht.

Thomas erzählt ihm von seinen Zweifeln, Ängsten, seinem inneren Kampf, bevor er nicht mehr anders kann, als sich ihm zu eröffnen. Und Philippe will nur wissen, warum gerade er. Und da erhält er von Thomas eine Antwort, die er nie vergessen hat: „Weil du gehen wirst und weil wir bleiben“. Er ahnt,  dass ihm und Philippe nicht viel Zeit bleibt.

Er spürt instinktiv , dass Philippe zu mehr bestimmt ist , als sein Leben in seinem Heimatort Barbezieux zu fristen

Derlei Überlegungen sind fremd für Philippe und erst recht jeder Gedanke an eine schriftstellerische Zukunft. Sein Vater hätte es nicht zugelassen.

Zwischen Philippe und Thomas entspinnt sich eine der absoluten Geheimhaltung verpflichtete Beziehung, in der Philippe sich dem Willen von Thomas unterwirft, wohl wissend, dass dieser die Beziehung andernfalls sofort beenden würde. Thomas kommt aus einer bäuerlichen Familie. Er hat zwei jüngere Schwestern, die jüngste, Sandrine, ist behindert. Auf Thomas lastet als einzigem Sohn viel Verantwortung, der er sich nicht entziehen kann.

Philippe hat noch einen älteren, schon damals sehr erfolgreichen Bruder. Sieben Jahre nach seiner eigenen Geburt hat die Mutter eine Fehlgeburt, die sie niemals verwindet.

Nach dem Abitur trennen sich die Wege von Philippe und Thomas. Während Thomas nach Spanien zu Verwandten seiner Mutter fährt, verbringt Philippe seine Ferien wie immer auf der Ile de Ré. Nach der Rückkehr erfährt er, dass Thomas in Spanien geblieben ist und dort eine Arbeit gefunden hat.

23 Jahre später in Bordeaux: Philippe hat dort eine Signaturstunde abgehalten und unterhält sich gerade mit einer Journalistin, als er die Silhouette eines jungen Mannes sieht, ein Bild, das nicht sein kann! Er ruft den Vornamen und läuft dem jungen Mann hinterher….

‚Arrêtes avec tes mensonges‘ ist eigentlich kein Roman, sondern eine autobiographische Erzählung. Wir erfahren von dieser fast unglaublichen Geschichte einer ‚unmöglichen‘ und doch tiefen Liebesbeziehung. Wir erfahren, dass die schmerzlichen Erfahrungen dieser Beziehungen die Themen seiner Romane geprägt haben. Und vielleicht besteht auch darin die Bedeutung des Titels „Hör mit deinen Lügen auf“. Ursprünglich hatte seine Mutter diesen Satz geprägt, weil sie oft nicht zwischen Wahrheit und Erfindung bei ihrem Sohn unterscheiden konnte. Aber auch Philippe hat „gelogen“, wenn er immer wieder behauptet hat, dass seine Romane nichts mit ihm zu tun haben. Es hat einen Grund, warum er sein Schweigen lüftet.

Eine sehr berührende Geschichte, wie sie sich in ihrer Tragik so oder ähnlich sicherlich häufiger ereignet hat und noch ereignet.

Lesenwert, für Fans‘ von Philippe Besson ein Muss!

Lebensgefühle

Sie steht vor dem Spiegel und was er ihr zurückwirft, gefällt ihr mal mehr, mal  weniger. Morgens eher weniger, wenn die Haare noch zersaust und die Falten im Gesicht vom Kopfkissen noch tiefer eingegraben sind als sonst. Und außerdem leuchtet der neue Spiegel Stellen im Gesicht aus, die sonst im Unklaren geblieben sind. Untrügliche Wahrheiten über die Zeichen der Zeit. Eine Katastrophe? Sicher nicht, aber immer die Notwendigkeit, sich mit dem Gegebenen neu auseinanderzusetzen, sich zu gewöhnen und, wenn’s gut läuft, auch anzufreunden, denn zu ändern ist nichts und es gehört schließlich alles zu ihr.

Überhaupt, denkt sie, ist das Badezimmer offensichtlich ein Raum, in dem sie zum Nachdenken kommt. Keine Ablenkung, kein Fernseher, kein Computer, nichts, nur sie und das Badezimmer. Das hingegen erzählt ihr Geschichten, wie alles in ihrer Wohnung. Geschichten, wie sie hier vor 20 Jahren eingezogen ist und versucht hat, eigenhändig die alten Fliesen abzuschlagen, um noch ein paar Euro zu sparen, und diese Aufgabe schließlich doch den Fachleuten überlassen hat, bevor die ganze Wand eingestürzt wäre. Und über das, was sich alles seit Herbst letzten Jahres in diesem Raum abgespielt hat. Das Ausbeulen fast einer ganzen Wand durch die Erschütterungen beim Herausreißen der alten Türen. Der Einbau der neuen Badewanne, aus deren Abflußrohr am nächsten Morgen das Wasser ins Badezimmer lief. Und nicht zuletzt der selbst zusammengebaute Spiegelschrank. Sie nannte dieses Möbelstück früher immer nur „Alibert“, Überbleibsel aus ihrer Kindheit, in der der Alibert aufkam und als Zeichen von Modernität galt. Warum sie sich ausgerechnet einen Spiegelschrank als Bausatz und nicht als fertiges Modell ausgesucht hatte, konnte sie sich im Nachhinein nicht mehr erklären. Es war definitiv die falsche Entscheidung. Aber es gibt ja bekanntlich keine Probleme, sondern nur Lösungen. Und so hat sie kurzerhand den Dekorateur, der eigentlich für die Gardinen zuständig war, für die letzten Handgriffe beim Zusammensetzen und das Aufhängen dieses monsterschweren Schranks rekrutiert. So ist nun alles gut (so wie es im Moment aussieht) und sie kann unbeschwert von diesen Äußerlichkeiten ihren Gedanken nachhängen. Am Morgen sind es manchmal die Gedanken an die letzte Nacht, am Abend die Rückschau auf den Tag. Ein paar Minuten nur, in denen sie sonst alles um sich herum vergisst….Meditation beim Zähneputzen.

Hat sich das Lebensgefühl geändert seit ihrem Geburtstag? Es wird viel darüber diskutiert in ihrer Altersgruppe, ob runde Jahreszahlen, und hier vor allem die höheren, etwas verändern. Manche bringen offen ihre Angst vor dem Geburtstag und sicher vor dem, was sie zukünftig erwarten könnte, zum Ausdruck. Andere machen an diesem Ereignis keine besonderen Gefühle fest. Rückblickend stellt sie fest, dass die runden Geburtstage in ihrem persönlichen Leben auch immer von mehr oder weniger tiefgreifenden Veränderungen  begleitet waren. Außer vielleicht bei ihrem 20sten Geburtstag. Damals noch jung, mitten im Studium, in Aufbruchstimmung und politisch engagiert, aber auch schon nicht mehr so enthusiastisch, wie noch einige Jahre zuvor. Als sie 30 war, bekam sie ihren Sohn. Das ergreifenste und einschneidendste Ereignis in ihrem Leben. Nicht nur dieser eine Moment und die vorangegangene Schwangerschaft, die alles andere als einfach gewesen war, sondern natürlich die ganzen Jahre bis heute. Sie hat viel gelernt in dieser Zeit und tut es noch immer. Sie hätte es nicht missen mögen. Was wäre ihr Leben ohne diese wichtige Erfahrung gewesen? Und wieviel profitiert sie noch heute von den ausgiebigen Gesprächen mit ihm.

Wie wahrscheinlich viele alleinerziehende Mütter, hat sie ein sehr enges und gutes Verhältnis zu ihm. Damals, als er zum Studieren nach Malta gegangen ist, hat es ihr tagelang  buchstäblich den Atem verschlagen, aber sie wusste, dass es für ihn gut und notwendig war und hat ihn darin bestärkt, seinen Weg zu gehen.

Heute denkt sie daran, wie das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter sich irgendwann umgekehrt hat von der sie stets umsorgenden  zu der selbst hilfsbedürftigen Mutter. Es hat damals so seine Zeit gebraucht, bis sie die Veränderung akzeptiert und ihre Mutter auch so annehmen konnte, wie sie dann in ihrer zunehmenden Hilfsbedürftigkeit wurde. Aber vielleicht widerholt sich hier auch etwas. Ihre Mutter hatte ihr in ihrer Jugend immer zugehört, so hat sie es jedenfalls in Erinnerung. Sie hat sich stets bemüht, auch für ihren Sohn ein offenes Ohr zu haben. Und auch er wird sich eines Tages daran gewöhnen müssen, dass seine Mutter nicht mehr so sein wird, wie er es immer für selbstverständlich  gehalten hatte.

Wenn sie so schreibt, wird ihr wieder einmal bewusst, wie oft sie sich auch jetzt schon an Vergangenes erinnert, wie manchmal plötzlich Bilder aus der Vergangenheit wieder in ihren Bewusstsein kommen, die sie schon längst vergessen glaubte. Das ist wohl auch ein Zeichen des Alterns. Vielleicht brauchen wir einfach eine ganze Zeit lang, um all das Erlebte tatsächlich zu intergrieren, mit allem Frieden zu machen, bis wir dann eines Tages hoffentlich mit allem im Reinen gehen können.

Mit 40 hatte sie sich gerade nach jahrelangen nicht stattgefundenen Auseinandersetzungen von ihrem Mann getrennt  und musste sich nun mit ihrem Sohn ganz neu orientieren. Es war anfangs nicht leicht, in keinerlei Hinsicht, aber (lebens-)notwendig. Sie musste ihr Leben mit ihrem Sohn allein stemmen nach so vielen Jahren in einer wenn auch nicht immer glücklichen, aber dennoch irgendwie in einem geschützten Raum stattfindenden Ehe. Es kamen intensive Jahre der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Mit 50? Fast hätte  sie vergessen, dass es mit Ende 40 die Reise nach Sizilien gegeben  hat, ein  Ereignis, das sie lange Zeit beschäftigt hat. Aber darüber wird geschwiegen. Auch das muss es geben.

Sie hat sich mit den Jahren ihren Lebensraum neu erobert, ist stärker und selbstbewusster geworden, trotz immer noch quälender Selbstzweifel. Ob die jemals aufhören werden?

Und jetzt, um gleich den Sprung in die Gegenwart zu wagen, jetzt ist sie gerade 60 geworden. Wie ist ihr Lebensgefühl jetzt? Sehr gemischt. Sie würde nicht so weit gehen und sagen, dass der 60ste Geburtstag nun auch gleichzeitig eine neue Alterungsphase eingeleitet hat, festzustellen bleibt aber, dass sich Veränderungen einstellen. Ende letzten Jahres – aber das würde ja noch in die ante 60 Zeit fallen, die Operation am rechten Fuß, die sie allerdings schon Jahre vorher hätte machen können. Dann aber, kurz nach dem 60sten, Verschlimmerung des grauen Stars und Notwendigkeit einer Operation. Und Rückenschmerzen…und…und. Sie erinnert sich gerade an eine ehemalige Mitschülerin vom Gymnasium, die sie auf einem Klassentreffen (es war anlässlich des 30jährigen Abiturs) wieder traf und erschrocken war über ihr Aussehen: Sie war übermäßig geschminkt, wirklich übermäßig und wie man so schön sagt: unnatürlich. Das ist selbstverständlich ihre persönliche Meinung dazu, das gesteht sie unumwunden zu. Im Gespräch stellte sich allerdings tatsächlich heraus, dass diese Frau massive Probleme mit dem älter werden hatte und offensichtlich mit aller Kraft versuchte, das Alter zu kaschieren.

Sie ist anders gestrickt. Sicher machen ihr die Alterserscheinungen auch zu schaffen, aber sie kann und will sich deshalb nicht verbergen. Sie will sich nicht verbergen, nicht äußerlich und nicht innerlich. Sonst würde sie vermutlich auch nicht bloggen! Es gibt Bereiche, die nur ihr zugänglich sind und zugänglich bleiben werden, aber im Allgemeinen möchte sie über das, was ihr geschieht und womit sie sich beschäftigt, auch mit anderen teilen können. Wozu sind wir sonst soziale Wesen?

Sie vermutet, dass viele Frauen sich mit ähnlichen Gedanken auseinandersetzen und ähnliche Prozesse durchmachen, jede mit der ihr eigenen  Art, damit umzugehen.

Komisch, vor einiger Zeit sprach sie mit einem Arbeitskollegen, der ein Jahr älter ist als sie. Er berichtete auch über seine Wehwehchen und Gedanken über das Älter werden. Warum hat sie eigentlich gedacht, dass Männer davon nicht betroffen sind? Weil Frauen die Männer auch immer gerne in der Beschützerrolle sehen und damit Probleme haben, wenn eben diese Beschützer auch Schutz brauchen?

 

Aufgeschnappt

Heute mal was anderes….ich bemühe mich um Vielfalt, Diversität, wie man/frau neudeutsch sagt. Ich liebe es, Menschen zuzuhören, im persönlichen Gespräch, aber auch um mich herum, und bin immer wieder erstaunt…Kürzlich war da das Gespräch eines älteren Ehepaares, während ich auf meine Augen-OP wartete (wer es noch nicht gelesen hat, sollte es vielleicht noch tun, wenn er/sie noch etwas zum Schmunzeln braucht heute abend).

Vorgestern bin ich mal wieder mit der Bahn gefahren (so langsam muss ich anfangen, meine Bahncard 50, die ich jetzt als „Seniorin“, heu, ich kann’s noch nicht so richtig aussprechen, pardon hinschreiben, auch noch mal 50 % billiger bekomme, abzufahren). Heißt morgens um 10:15 Uhr am Bahnhof angekommen. Mein Zug sollte um 10:28 Uhr abfahren. Man glaubt es nicht, aber ich bin noch nie in meinem Leben, soweit ich mich erinnere, so in aller Ruhe zum Bahnhof gefahren. Da ich eine Stunde früher als der Wecker aufwachte, bin ich entsprechend früher aufgestanden und habe die Reisevorbereitungen für meinen Wochenendausflug getroffen. War dann also richtig pünktlich fertig und am Bahnhof. „Mein“ Zug stand da noch gar nicht auf der Anzeigentafel, oder ich habe gar nicht so weit gelesen, denn der Zug, der um 09:28 Uhr in die gleiche Richtung (Hamburg) hätte fahren sollen, hatte 120 min Verspätung!

Ich also zur Information und nachgefragt.

Das Geschehen wurde den Reisenden im Folgenden auf dreifache Art und Weise zur Kenntnis gebracht

  1. Offiziell per Lautsprecher:

Der für 09:28 Uhr erwartete Zug in Richtung Hamburg hat eine Verspätung von ca. 120 min aufgrund eines Notarzteinsatzes am Gleis.

2. Die Frau hinter dem Schalter sagte:

Es habe einen Suizid gegeben.

3. Die Beamtin neben ihr kommentierte das Geschehene mit den Worten, dabei leicht grinsend und den Kopf nach hinten werfend:

Da hat sich wieder so ein Vollpfosten vor den Zug geworfen.

Jeder mag sich nun die Variante aussuchen, die ihm am besten passt.

Die offizielle Version verschleiert das Geschehen, verständlicherweise, lässt die Hoffnung, dass der Notarzt vielleicht noch etwas retten konnte. …Wie sollen sie es auch laut anders verkünden?

Der Suizid trifft den Sachverhalt, wie das Wort sagt „sachlich“. Alles klar und deutlich.

Die dritte Version hat mich erschreckt! Jemanden als Vollpfosten zu bezeichnen, der so verzweifelt gewesen sein muss, dass er sich das Leben genommen hat, empfinde ich als geschmacklos. Für mich ist das eine Katastrophe! Eine wahrscheinlich lange Leidensgeschichte, die zu diesem Akt geführt hat.

Es gibt natürlich die andere Seite, die jemanden vielleicht zu so einem Kommentar veranlassen kann, die Tatsache, dass dieser Mensch andere Menschen in diese Katastrophe mit hineinzieht, an erster Stelle den Lokführer, dessen berufliche Existenz er damit u.U. auf Spiel setzt und nicht nur das. Wie soll der Lokführer das  bewältigen? Und die Reisenden, was ist mit denen? Auch sie wird das Geschehene nicht unbeindruckt hinterlassen. Da mag man böse sein. Ja, zu Recht. Warum hat der Selbstmörder diesen Weg gewählt? Konnte er darüber noch rational nachdenken? Ich glaube nicht.

Wir wissen alle nicht, was in so einem Menschen vorgeht. Sollte er mit Vorsatz auch noch andere Menschen haben schädigen wollen mit seinem Abgang, dann ist das unverzeihlich. Sollte er nicht mehr in der Lage gewesen sein, die Folgen seiner Tat abzuschätzen, dann ist es für mich eine tragische Gestalt.

Wie dem auch sei. Die Sprache verrät den Sprecher und seine Haltung gegenüber dem Gesprochenen.

Wir werden durch solche Ereignisse kurz aus unserem Trott herausgerissen. Viele werden schimpfen über den Selbstmörder, bringt er doch ihre Pläne durcheinander. Wieviel Verständnis, wieviel Nachdenken über so eine Nachricht bringen wir noch auf angesichts der vielen Horrornachrichten jeden Tag…Wie hatte Stalin gesagt: ein Toter ist eine Katastrophe, ein Million Tote sind Statistik. Je mehr wir mit diesen Nachrichten konfrontiert werden und kommen sie auch geographisch näher, desto mehr stumpfen wir ab und wollen irgendwann gar nichts mehr davon hören geschweige denn davon betroffen sein. Auch eine Art der Verdrängung der Schrecklichen.

Auch ich kann mich davon nicht frei sprechen. Dieser Selbstmord hätte meine Pläne gründlich durcheinander gebracht, denn ich wollte Freunde besuchen und die hätten lange auf mich warten müssen. Glücklicherweise ist der 09:28 Uhr dann doch bald gekommen und ich erreichte mein Ziel noch fast pünktlich. Ich habe eine schöne Zeit bei meinen Freunden verbracht….und diese Nachricht schnell verdrängt.

Durch diesen Artikel möchte ich den Selbstmörder und den Lokführer würdigen, ihnen sagen, dass ich sie nicht vergesse, und auch der Beamtin, die den Selbstmörder als Vollpfosten bezeichnet hat, wünsche ich, dass sie sich doch einmal Gedanken macht über ihre eigenen Worte.