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Über claudia rachut

Meine Name ist Claudia Rachut, ich bin 63 Jahre alt und ich schreibe seit ca drei Jahren Artikel zu verschiedensten Themen, die mich beschäftigen (Lesen, Kino, Politik, Philosophisches, was mir so im Leben passiert, Älter werden usw. ). Ein ziemlicher Gemischtwarenladen, aber so ist ja auch mein Leben! Ich freue mich natürlich sehr über Eure Kommentare!

Gemütszustände

 

Manchmal kann ich nicht mehr

Manchmal will ich nicht mehr

Manchmal hilft nur noch Abschalten,

Kreuzworträtsel oder Traumschiff….

 

Jeden Morgen sehe ich ihn, sieht er mich

Der Obdachlose, der „sans abri“, der ohne Schutz

Da liegt auf einer Matte am Wegesrand mit seinem ganzen Hab und Gut

Und schaut nicht weg

sieht mir geradewegs in die Augen

Es ist Sommer und es ist warm,

aber was ist, wenn es kälter wird

Was wird er tun, wohin kann er gehen?

Und ich, ich fahre vorbei oder nehme einen anderen Weg,

weil ich es nicht ertrage, dieses Elend,

weil ich zu feige bin, um ihn anzusprechen

erdenke mir hundert Ausflüchte und Rechtfertigungen

für meine Hilflosigkeit ..

 

Blick in meinen Kleiderschrank

Da hängt sowieso viel zu viel

Das macht auch nicht glücklich, nicht mal mehr für einen Moment

Schaler Nachgeschmack jedes neuen Kaufs

Aus Frust

 

Und das Schwarz

Hat keinen Platz mehr da

Muss raus

Kann ich nicht sehen

Nicht mehr tragen

Kein Schwarz

Den Tod in die Ecke gestellt, zur Strafe

Dass er sich immer wieder einmischt in mein Leben

Hat nichts zu suchen in meinem Schrank

 

Mir ist nach Rot, nach Gelb, am liebsten Blau

Das harmoniert so schön mit meinen blauen Augen

Irgendwas Schönes muss es doch geben

 

Ich weiß nicht, ob ich das alles noch schaffe

Im Leben, bei der Arbeit

Die 59 stecken schon in allen Knochen

Jedes Quartal ein Rezept für nen Physiotherapeuten

Der mich mal quält und knetet bis aufs Blut

Das in den Kopf steigt und ihn fast zum Platzen bringt

Ein anderer, der sanft die Wirbel zurechtrückt

Und mir das Gefühl gibt, dass es ihm wichtig ist,

dass es mir gut geht

ob das stimmt?

 

Da ist ein Mensch, den ich so lange kenne

Den ich nicht sehen, nicht sprechen kann

Seine Tage sind gezählt und keinen darf ich bei ihm verbringen

Irgendwie versteh‘ ich’s

Aber es tut so weh

So weit weg

Und ihm und ihr nichts sagen zu dürfen

Was auch mir das Herz beschwert

Oder was ich an Liebe zu geben hätte

 

Nachts

Wenn die Gedanken erstmal anfangen zu kreisen

Alles zu spät

Kein Halten mehr

Keine Meditation, verdammt, jetzt fällt mir das Wort nicht ein für das

Was ich da vergeblich versuche….

Um meinen Kopf zu leeren und ihm ein bisschen Pause zu verschaffen

 

Bevor mich die Nachrichten des nächsten Tages wieder

Greifen

Syrien, Türkei, Ukraine, Flüchtlinge, Attentate, Opfer, Täter…..

Wir tun alles für die Sicherheit

Garantieren können wir sie nicht

 

Wir werden damit leben müssen, es wird nicht besser

Wie auch, bei der Unruhe auf der ganzen Welt

Und der Wut und dem Hass

Von Menschen, die vor kurzem noch friedlich zusammen gelebt haben

Warum lassen wir uns scharf machen

Wem dient das? Wer hat was davon?

Du, ich?

Da spielen wir doch nur anderen in die Hände

Nein schlimmer,

sie treiben uns in den Hass

um ihrer Macht willen

um nichts anderes geht es hier

und wir sind ihre Handlanger

wenn wir den Verführern glauben

und ihnen nachlaufen

 

Du und ich

Wir sind doch beide Menschen

Stammen beide vom Affen ab, ob uns das gefällt oder nicht

Sind durch Zufall hier oder dort geboren

Haben Pech oder Glück gehabt

Und jetzt wollen sich die, die Pech gehabt haben,

sich das Glück von den anderen zurückholen

die auch nichts dafür können

wo sie geboren sind

 

Und außerdem

Lass uns doch mal prüfen, wessen anderer Rasse Blut auch in dir, in mir fließt

 

Wer ist hier mehr wert als der andere?

Wer hat das Recht, über wen zu bestimmen?

 

Ich brauche jetzt gerade mal Licht

Sonne, Wärme

Innen und außen

 

Kleine Gesten,

die ich nicht vergessen werde

die mir mein Menschsein und dein Menschsein

vor Augen führen

und mich mit dir verbinden

 

Meine Nachbarin, gerade 94 geworden, die nach einem der kurzen Gespräche, die wir

Ab und an im Flur miteinander führen, zu mir sagt:

„Es hat mich gefreut, dass wir miteinander gesprochen haben“

 

Du ,Wegbegleiterin meines Mannes in seinen letzten schwerkranken Jahren,

mit der ich an seinem Sterbebett gesessen und diesen schweren Moment teilen durfte

 

Du, meine Studienkollegin, die zu mir kam, als mein Vater gestorben war.

 

Und du, meine liebe Freundin, als ich dich eines Tages anrief, hast gar nicht erst abgewartet, bis ich ausgesprochen hatte, dass etwas Schlimmes passiert war, und dich gleich auf den Weg zu mir gemacht.

 

Es ist Zeit, sich an diese Momente mit euch und mit vielen anderen Menschen zu erinnern, um mich daran festzuhalten….

 

Das ist Leben

Darauf kommt es an….

 

Es ist so einfach

Es ist so einfach

Warum ist es so schwer zu erkennen

Was zählt?

 

Ich kann dich einfach nicht riechen…..

Inspiriert wie so oft durch einen Artikel in der …..klar… Zeit, bin ich dieses Mal meinen eigenen Gedanken – ja, die mache ich mir natürlich auch – zu dem Riechorgan im Allgemeinen und dem mir zugehörigen im Speziellen nachgegangen.

Zunächst zu dem Autor des Artikels, der beschreibt, dass er eines Tages auf einer Reise unvermittelt seinen Geruchssinn verloren und seitdem nicht mehr wieder erlangt hat. Er meint, dass man als Nichtbetroffener dem Riechorgan vielleicht weniger Bedeutung als den anderen Sinnen beimisst, vor allem dem Hören und Sehen, aber der Verlust des Geruchssinns ist nicht minder einschneidend und einschränkend in der Wahrnehmungsfähigkeit der Umwelt.

Beim Lesen des Artikels erinnerte ich mich an eigene Erfahrungen mit meinem Riecher. Wenn ich einem Menschen begegne, dann entsteht, dass ist wissenschaftlich belegt, innerhalb von wenigen Sekunden in meinem Kopf eine Einschätzung – topp oder hopp, also zumindest ist schon eine Intuition vorhanden. Woran macht sie sich fest?

Was nehme ich zuerst wahr? So genau kann ich das gar nicht sagen. Ich glaube, ich schaue zuerst auf die Augen und den Gesichtsausdruck, dann glaube ich schon auf die äußere Erscheinung, auf die Haltung. Jemand, der aufrecht geht, die Nase horizontal – da haben wir es schon – also nicht darüber aber auch nicht darunter in die Gegend reckt, ringt mir schon ein wenig Respekt ab. Dann kommt auch schon eine gepflegte Erscheinung, darf gerne sportlich sein, aber eben, was soll ich sagen, ohne mich „spießíg“ anzuhören, sauber und ordentlich – hach, hört sich doch spießig an. Also ich meine saubere Kleidung, gepflegte Haare, egal ob kurz oder lang (das haben meine Eltern damals auch immer gesagt, wenn es um mögliche Freunde ging!), und was für mich auch schon ein kleines Aushängeschild ist, saubere Fingernägel.

Mein Sohn sagte mir mal, die Frauen würden beim Mann auf Gürtel und Schuhe schauen. War mir nicht bewusst, bis ich einmal in einem VHS-Kurs einen Teilnehmer hatte, der immer sehr sagen wir akurat, nein sogar elegant, aber nicht aufdringlich gekleidet war. Und er trug immer tadellos geputzte Schuhe. Er war darüber hinaus aber auch außerordentlich sympathisch! Das hat mich dazu veranlasst, jetzt auch verstärkt auf geputzte Schuhe bei mir selbst zu achten. Also bei den Schuhen kann ich meinem Sohn aus eigener Erfahrung beipflichten.

Nun sind dies alles äußerliche Merkmale, die ich bewusst wahrnehme. Dahinter gibt es aber offensichtlich auch ein noch stärkeres und viel schneller reagierendes unterbewusstes Erfassen.

Die  Wahrnehmung des Geruchs fällt wahrscheinlich in den Bereich der konkreten Betrachtung, ist aber auch ein wichtiges Kriterium dafür, ob ich jemanden überhaupt in meine Nähe kommen lasse.

Aber welcher Geruch mir sympathisch ist, kommt woher? Was zieht mich an, was stößt mich ab? Manche Menschen mag es nicht stören, wenn jemand stark schwitzt. Ich bin da bei mir selbst und anderen schon recht empfindlich, obwohl es ja ein ganz natürlicher physiologischer Vorgang ist. Also, dass ich jemanden nicht riechen kann, fängt schon ganz konkret auf der Ebene der Körperausdünstungen an und überträgt sich dann u.U. auf die gesamte Person fort (Vorsicht wieder bei vorschnellen Beurteilungen).

Extrem sensibel habe ich reagiert, als ich die ersten Male in ein Altersheim kam und mich fragte, woher dieser über allem schwebende beißende Geruch kam, den ich so nicht kannte. Ja woher? Die alten Menschen können ihren Urin nicht mehr so halten wie wir – noch jüngeren – oder gar nicht mehr. Und diesen Geruch kriegst du nur ganz schlecht weg. Ja, auch darüber muss man sprechen, wenn es ums Älter werden geht, das zwar heute nicht im Mittelpunkt meines Artikels steht, aber in punkto Geruch auch benannt werden muss. In  diesem Fall können die alten Menschen ja nichts dafür und, auch wenn es Überwindung kostet, das fällt definitiv nicht unter die Ausschlusskriterien.

Nicht nur der unmittelbare Geruch eines Menschen beeinflusst meine Haltung zu ihm oder ihr schon mal ganz erheblich, sondern auch der Geruch seiner Wohnung. Nun, ich weiß nicht, wie meine Wohnung riecht. Komischerweise können wir den Geruch der eigenen vier Wände nicht ausmachen, Wenn ich versuche, mich an den Geruch der Wohnung meiner Mutter zu erinnern, gelingt mir das auch nicht. Also gilt das vielleicht auch für den „Familiengeruch“.

Also, ich habe zumindest die Erfahrung gemacht, dass aus meiner Sicht unangenehme Gerüche an einer Person sich auch in deren Wohnung wieder finden.

Ich weiß, ich bin da sehr empfindlich, d.h. ich könnte auch nicht als Landwirt arbeiten. Ich habe Hochachtung vor allen Menschen, die in der Landwirtschaft oder sonstigen Branchen arbeiten, die von unangenehmen Gerüchen begleitet werden.

Wohin hat mich dieses Thema nun schon wieder getrieben?

Ursprünglich wollte ich davon erzählen, dass mein Leben sich ja mit fortschreitendem Alter immer mehr aus Erinnerungen zusammensetzt und diese Erinnerungen natürlich auch oft mit bestimmten angenehmen oder unangenehmen Gerüchen verbunden sind.

Erinnerungen an Arztpraxen und vor allem Krankenhäuser, deren Geruch ich inzwischen nur noch schwer ertrage. Erinnerungen an Zahnarztpraxen mit ihrem aseptischen Geruch, auch nicht unbedingt angenehm, ganz zu schweigen von den schon genannten Altersheimen (wenn ich mich mal entscheiden müsste für ein Altersheim, dann würde ich zuallererst nach einem suchen, in dem die oben beschriebenen Gerüche gut im Zaum gehalten werden!!!

Angenehme (Geruchs-)Erinnerungen habe ich natürlich immer wieder an das Meer. Das ist ja im Normalfall „reine“ Luft – so möchte ich es einfach glauben. Was für ein Unterschied, wenn ich mich aus meiner „Großstadt“ dem Meer nähere. Da habe ich schon mal richtige Geruchsglücksmomente.

Solche Geruchserlebnisse und die Verbindung von Gerüchen mit bestimmten Ereignissen, Orten oder Menschen kennt sicher jeder selbst. Die Empfindung von etwas als gut riechend ist subjektiv und so will ich auch meine Ausführungen verstanden wissen. Etwas, das ich als gut riechend empfinde, muss für einen anderen Menschen nicht das gleiche bedeuten.

Ich schätze dezent angenehm riechende Personen mit entsprechender Körperhygiene, vielleicht mit etwas Parfüm oder was Männer so benutzen. Meine Vermutung dahinter ist, dass wir vielleicht schon rein intuitiv erfassen, welcher Mensch und welcher Geruch zu uns passt. Wäre doch irgendwie genial, oder? Es gibt bestimmt auch so etwas wie eine Geruchsaffinität zwischen Menschen. Dazu würde passen, dass sich, wie ich kürzlich gelesen habe, Männer und Frauen anziehen, die sich in ihrer genetischen Grundstruktur ähnlich sind. Also ganz tief in der Evolution angelegte Mechanismen für das Überleben der Spezies. Vielleicht gilt das eben auch schon für den Geruch.

Ja, ich glaube, das ist die Quintessenz dieses Artikels, die sich unvermittelt eingestellt hat.

Und damit viele schöne Geruchs- und sonstige Erlebnisse!

 

 

Prognosen für den Homo sapiens

Mal schauen, ob ich es hinbringe, den o.g. Artikel aus meiner Lieblingszeitung bzw. aus der Sonderbeilage vom 16. Juni 2016 der „Zeit“ in der Kurzfassung wider zu geben.

Es passiert relativ selten, dass ich mir die Zeit nehme – hahaha – und einen so langen Artikel oder wie in diesem Fall muss man es wohl einen Essay nennen (ich weiß nicht mehr wirklich, wie man den definiert, aber egal) bis zum Ende lese. Aber als ich einmal angefangen hatte, musste ich mich dadurch beißen, weil der Autor Klaus-Dieter Rauser die Frage gestellt hat, ob der Homo sapiens noch zu retten ist, oder ob es schon zu spät ist.

Seine These lautet, dass die Überbevölkerung die eigentliche Ursache für den derzeitigen Zustand der Erde ist mit dem daraus resultierenden übermäßigen Verbrauch von Ressourcen, Umweltverschmutzung, Klimawandel, kriegerischen Auseinandersetzungen usw.

Der Mensch konnte sich aufgrund seiner genetischen Ausstattung gegenüber den anderen Arten durchsetzen. Was zunächst als Vorteil erscheint und der Spezies Mensch das Überleben gesichert hat, könnte sich im Hinblick auf die Arterhaltung hingegen als Gen-Defekt auswirken, da sich der Mensch mehr und mehr und ohne natürlichen Feinde vermehren, sich die Ressourcen zu eigen machen bzw. ausbeuten konnte.

Der Autor schlägt vor, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen vom gegenwärtig herrschenden Idealbild des jeder kämpft für sich allein zu einer neuen solidarischen Bewegung für die Erhaltung der Spezies Mensch. Diese Bewegung soll in ein sich selbst regulierendes System münden, in dem sich die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft aus sich selbst heraus neu ausrichten und sich „artgerecht“ verhalten. Dabei macht man sich zunutze, dass der Mensch neben Nahrung, Schlaf, Sex und Schutz ein elementares Bedürfnis nach positivem Feedback aus seiner Umgebung hat. Weil alle Versuche, den Menschen durch religiöse Vorschriften, Gesetze, gesellschaftliche Konventionen zu „regulieren“, inzwischen zu zahnlosen Spielregeln verkommen sind, muss sich ein artgerechtes Verhalten für den einzelnen lohnen, in seinem ureigenen Interesse liegen, z. B. durch eine höhere Positionierung innerhalb der Gemeinschaft/Gesellschaft bzw. eine Herabstufung im Falle eines nicht artgerechten Verhaltens.

Der Mensch ist auf ein soziales Gefüge überlebenswichtig angewiesen. Er orientiert sich ständig an den Handlungen und Einschätzungen seiner Mitmenschen und sucht seinen Platz in diesem Gefüge. Dabei ist er bereit, sich den Erwartungen seiner Umgebung anzupassen und ggfs. mögliche Limitierungen hinzunehmen. Der Zugang zu Ressourcen ist abhängig von der Positionierung des Einzelnen in der Gemeinschaft. Der Paradigmenwechsel beruht nun einem positiven Feedback und entsprechender Anerkennung und Positionierung für ein artgerechtes Verhalten.

Zunächst muss eine Base Line, eine Ausgangslage – definiert werden, um ein möglichst umfassendes Bild von dem aktuellen Zustand der Erde zu erhalten und zu ermitteln, mit welchen Mitteln dieser Zustand verbessert werden kann. Aus den Erkenntnissen der Vergangenheit werden Prognosen für mögliche Szenarien/Entwicklungen in der Zukunft erstellt, die ständig an der Realität gemessen und ggfs. korrigiert werden.

Jedes Individuum wird dann im Idealfall sein eigenes Verhalten an dem Ziel einer Verbesserung ausrichten, da es mit einem positiven Feedback rechnen kann.

Wahrscheinlich habe ich mich durch den Artikel gefressen, weil mir das Thema der „Arterhaltung“ , der Zustand der Erde und die Konflikte aller Orten sicher genauso auf den Nägeln brennt, wie vielen anderen Menschen auch, die nicht nur auf ihren kurzfristigen Eigennutz schauen nach dem Motto „nach mir die Sintflut“. Es ist mal ein für mich ganz neuer Denkansatz. Der Autor meint, dass so eine Entwicklung durchaus friedlich vonstattengehen könnte, wobei er andererseits einräumt, dass diejenigen, die die Macht über die Ressourcen haben, diese Macht sicher nicht freiwillig abgeben und alles daran setzen werden, sie zu erhalten. Es hört sich für mich auch arg nach Manipulation an. Ja. Andererseits: wir werden doch ständig manipuliert. Am augenfälligsten in der Werbung, die uns unsere Bedürfnisse suggeriert. Also warum die Menschen nicht auch in gewisser Weise manipulieren, um sie auf eine andere Schiene zu bringen, die unser Überleben sichern könnte, wenn das überhaupt noch möglich ist.

Leider ist es wahrscheinlicher, dass es erst noch zu viel größeren Katastrophen kommen muss, bis ein kollektives Bewusstsein für einen Paradigmenwechsel entsteht, und dann könnte es schon zu spät sein.

Abschließend sei noch hinzugefügt, dass der Autor seinen Artikel selbst als Gedankenspiel bezeichnet hat. Aber es ist glaube ich allerhöchste Zeit, neue und ganz ungewohnte Gedanken zu entwickeln.

Ich freue mich auf eure Kommentare zu diesem sicher nicht einfachen Themen.

Schwer jetzt die Kurve zu kriegen für einen positiven Schluss dieses Beitrages.

Andererseits: nichts ist unmöglich!

 

Er wird sterben

 

Er wird sterben

Punkt.

 

Keine Frage mehr, kein Verhandeln, kein Weg heraus

Aus der Gewissheit

endgültiger Endlichkeit

Aus die Maus

 

Er wird sterben

Wie lange noch, wie viel Zeit

Bis zum Tage X, bis zum letzten Atemzug verbleibt

Bis zum Verderben

 

Oder Erlösung von irdischer Qual

Und der Frage, warum er das aushalten muss

Bis er gehen kann, gehen muss aus des Lebens Fluss

Ohne eine Wahl

 

Ich sehe ein, dass es nicht anders geht

Das Kommen und Gehen, Erblühen und Verblassen

Das Gebären, das Wachsen, das Lieben und Hassen

Das Leben und Sterben, damit die Erde sich dreht

 

Und erneuert

Er wird sterben

leiden, kämpfen, müde werden

Und wer beteuert

 

Es hätte alles seinen Sinn

Im Universum, was ihm und all den anderen geschieht

Ist es Karma oder wer auch immer an den Fäden zieht

So vermag ich ihn, diesen Sinn, jetzt und in diesem Fall ganz einfach nicht finden, weil ich betroffen bin

 

Der Tod ist auf einmal so nah

Was interessiert mich das Weltgeschehen, wenn du nicht mehr bist

Mit mir nicht mehr den Flügelschlag der Möwe vernimmst, die den Himmel vermisst

Was interessierte mich, dass es kein Leben ohne Sterben gibt, wenn ich dich sah

 

Und wünschte, nur einmal den Lauf der Zeit zu brechen

Deine Hand zu halten und dir noch eine Verlängerung zu versprechen….

 

 

Sein Bruder – Philippe Besson

 

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mir vor ca. 10 Jahren in die Hände fiel und das ich jetzt noch einmal gelesen habe, weil es mich damals wie heute tief beeindruckt hat und ich es deshalb hier rezensieren möchte.

Es ist der 2. Roman von Philippe Besson, seines Zeichens Franzose, erschienen 2001 und in viele Sprachen übersetzt. Der Roman ist außerdem verfilmt worden unter demselben Titel. Seither hat Besson mit einer Ausnahme jedes Jahr einen Roman veröffentlicht. Seine Bücher stehen alle in meinem Regal, aber „Sein Bruder“ (Son Frère), ist nach meiner Meinung sein bislang bestes Werk.

Luc, 28 und Schriftsteller, erzählt die Geschichte seines Bruders Thomas, nur 15 Monate jünger als er, der an einer Zerstörung seiner Blutplättchen leidet, deren Ursache noch nicht gefunden wurde. Die ursprüngliche Vermutung, dass es sich um Aids handeln könnte, bewahrheitet sich nicht, allerdings bedeutet dies keinerlei Entwarnung, denn in Thomas Körper schwelt eine, wenn auch andere, schwere Krankheit.

Während Luc erzählt, wie die Ärzte nach Ursachen suchen und verschiedene Behandlungsmethoden ausprobieren, erinnert er sich gleichzeitig immer wieder an ihre gemeinsame Kindheit und Jugend, und vor allem an ihre Ferien auf der Ile de Ré im Atlantik. Sie waren sich damals schon sehr nah gewesen und sehr ähnlich, eine Ähnlichkeit, die Luc selbst nicht sehen konnte und wollte, bedeutete das für ihn doch, dass Thomas die Aufmerksamkeit seiner Umwelt auf sich zog und verwöhnt wurde. Ja, er hatte sicherlich mehr darunter gelitten, als er es heute zugeben würde. Jetzt würde er sich freuen über die Feststellung, dass sie sich ähnlich sehen und er würde es gerne akzeptieren, nicht der Bevorzugte sein. Aber es ist zu spät.

Ihre Mutter ist dreizehn Jahr jünger als ihr Mann und Luc vermutet, dass sie ihren Mann wahrscheinlich gerne irgendwann verlassen hätte, aber sie bleiben in ihrer Uneinigkeit vereint. Wie ein Schatten hängt der Tod eines ersten ungeborenen Kindes, Clément (zu Deutsch Klemens, aber auch der „Milde“) über der Familie. Mutter und Vater wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Noch einen Sohn zu verlieren, würde die Mutter nicht verkraften. Und dann ist da noch Claire, die Freundin von Thomas, Claire mit den klaren Augen. Sie ist mit der Situation ebenfalls überfordert und stellt fest, dass sie nicht dafür gemacht ist, das Leid von Thomas auszuhalten.

Letztlich bleibt nur Luc übrig, der Thomas begleitet und versteht.

Als Luc 14 ist, bemerkt er zum ersten Mal, dass er sich für Jungs interessiert. Weder er noch Thomas machen daraus eine große Geschichte, und wenn sich mit dieser anderen Ausrichtung auch der erste größere Unterschied der beiden manifestiert, so ist doch auch schon das Wissen um die Unzertrennlichkeit und Unzerstörbarkeit ihrer Verbindung deutlich.

Schon ganz am Anfang der Behandlung sagt Thomas, dass er weiß, dass er die Krankheit nicht überleben wird. Er weiß es und Luc weiß es. Es kommen zwischendurch kurze Momente der Hoffnung auf, die aber immer schon das Scheitern in sich tragen.

Als sich Thomas gegen Ende weigert, noch irgendwelche Behandlungen an sich vornehmen zu lassen, wünscht er sich, mit Luc nach Saint Clément auf der Ile de Ré in ihr altes Feriendomizil zu reisen. Er will dort seine letzte Lebenszeit verbringen und es ist aus der Perspektive dieses letzten Aufenthaltes auf der Insel, aus der Luc aus der Kindheit berichtet.

Eines Tages setzt sich ein alter Insulaner neben sie auf eine Bank und erzählt aus seinem harten Leben am und auf dem Meer. Davon, dass ihm das Meer so viele Menschen genommen hat. Er kehrt mehrere Tage hintereinander wieder und erzählt…

An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine unvermutete Wendung.

Die Frage, die letztlich im Raum steht: Ist die Krankheit eine Strafe?

Philippe Besson beschreibt, ja seziert förmlich sowohl die äußeren Vorgänge der medizinischen Behandlung und deren Auswirkungen auf Thomas als auch die Gemütslagen der verschiedenen Beteiligten. Fast analytisch versetzt er sich in seine Personen, ohne Pathos, aber in wenigen, präzisen Worten so eindringlich, dass keine weiteren Erklärungen erforderlich sind. Er trifft mitten ins Herz.

Der menschlichen Psyche und den verschiedenen Varianten von Liebe, Scheitern und Tod gilt sein Hauptaugenmerk in allen seinen Romanen, in der Feststellung, weniger der Wertung, einer Feststellung, die dem Leser manchmal in ihrer Radikalität fast den Atem stocken lässt. Besson lässt seine Geschichten selten „gut“ ausgehen. Er beschäftigt sich mit der dunklen Seite der Seele, mit dem in seinen Romanen oft als Unvermeidliches dargestelltes und als solches hinzunehmendes.

Dabei enthalten die Geschichten immer auch noch einen (kriminalistischen) Überraschungseffekt.

„Sein Bruder“ ist eine Auseinandersetzung mit Krankheit, Verfall und Tod, mit der bisweilen brutalen und bis auf Äußerste getriebenen medizinischen Behandlung. Er beschreibt einerseits die Unfähigkeit, mit Leid und Tod umzugehen,  andererseits aber auch die Bedingungslosigkeit einer Bruderliebe.

Sehr beeindruckend!

Small World – Martin Suter

Konrad Lang, 63, ist vergesslich geworden…so weit, dass er eines Tages statt des Kaminholzes in der Villa auf Korfu, die er im Auftrag der Besitzerin betreut, das daneben aufgeschichtete Holz anzündet. Eigentlich bewohnt er ein kleines Pförtnerhaus oberhalb, aber wegen der Kälte will er in der Villa übernachten, obwohl ihm dies verboten ist. Konrad ist nicht nur vergesslich, er sagt auch dem Alkohol zu. Er macht sich an diesem Abend in seiner kleinen Küche noch etwas zu essen, nimmt auch noch Alkoholisches mit. Als er zurückkehrt, steht die Villa bereits in Flammen.

Im Folgenden wechseln sich Gegenwart und Rückblicke in die Vergangenheit miteinander ab. Immer wieder werden kleine Informationen gestreut, die nach und nach ein Bild ergeben.

Konrad steht offensichtlich unter dem merkwürdigen Schutz der Besitzerin der abgebrannten Villa, Elvira Senn. Sie war als 19jährige nach dem Tod seiner Frau in das Haus des Industriellen Wilhelm Koch zur Betreuung seines damals dreijährigen Sohnes Thomas gekommen. Schnell heiraten die beiden. Nach Wilhelms’ frühem Tod heiratet Elvira den Direktor der Koch-Werke, Edgar Senn, der 1965 ebenfalls verstirbt. Elvira übernimmt die Geschäfte und führt das Unternehmen erfolgreich.

Konrad ist das uneheliche Kind des Dienstmädchens Anna, das sich nach Wilhelms‘ Tod um Elvira kümmert. Elvira, Anna und die Kinder reisen bis kurz vor Kriegsbeginn viel in der Welt herum. Während einer Reise nach London verliebt sich Anna in einen deutschen Diplomaten, dem sie die Existenz von Konrad verschweigt. Vielmehr lädt sie Konrad bei einem Bauern im Emmental ab. Konrad ist damals 6 Jahre. Als 5 Jahre später kein Geld mehr fließt, bringt der Bauer Konrad zu Elvira, die ihn auf Bitten von Thomas widerwillig aufnimmt. Konrad selbst sagt, dass er und Thomas von da an wie Brüder aufwachsen. Als Thomas wegen schlechter Leistungen in ein Internat geschickt wird, in dem die zukünftige Elite ausgebildet wird, verlangt Thomas, dass Konrad mitkommt. Während Thomas Konrad gegenüber loyal ist, wenn sie allein sind, behandelt er ihn in Gegenwart der anderen reichen Schüler abschätzig als den Sohn einer ehemaligen Hausangestellten. Konrad wird gedemütigt, hat aber nicht die Kraft, sich zu wehren.

Er hat ein großes Talent zum Klavierspielen, aber auch diesen Traum kann er nicht verwirklichen, weil beim Spiel eine Hand immer wie eine „Marionette“ der anderen folgte.

Thomas spannt ihm auch noch seine erste Liebe Elisabeth aus und heiratet sie. Die Ehe scheitert.

Nach vielen Jahren überträgt Elvira formal die Firmenleitung an ihren nun 53jährigen Sohn, zieht aber im Hintergrund weiter die Fäden. Sie hält Thomas aus „charakterlichen“ Gründen nicht geeignet und plant, dessen Sohn Urs die Geschäfte zu übertragen, sobald dieser soweit ist.

Nach dem Brand muss Konrad Korfu verlassen. Elvira finanziert ihm seinen Lebensunterhalt in einer kleinen Wohnung in der Schweiz unweit ihres Wohnsitzes, der Villa Rhododendron. Sie hält ihn auf Abstand, lässt sich aber über seinen Gesundheitszustand informieren und scheint ihn loswerden zu wollen. Sie erhöht sogar sein monatliches Budget, damit er sich zu Tode trinken kann. Nach einer kurzen Liebesbeziehung mit Rosemarie, der geschiedenen Frau eines seiner damaligen Mitschüler im Internat, während der Konrad noch einmal auflebt, verfällt er zusehends, so dass er zunächst in einem Heim untergebracht wird. Da bekommt er Hilfe von Simone, der unglücklichen Ehefrau des ewig fremdgehenden Urs. Sie entdeckt in Konrad einen neuen Lebenssinn und setzt durch, dass er von nun an in dem ehemaligen Gästehaus der Villa Rhododendron mit aller notwendigen Betreuung leben kann. Konrad scheint immer mehr in das Vergessen zu sinken und Simone bringt es nicht mehr fertig, ihn zu besuchen, bis eine Schwester ihr eines Tages ein Bild von Konrad bringt, auf das er geschrieben hat: „Eigentlich wollte ich darüber noch schreiben“, d.h. es gibt da noch Dinge, an die sich Konrad erinnert, und die will Simone ans Tageslicht bringen.

Sie stiehlt  Fotoalben aus den “Gemächern“ von Elvira, als diese auf Urlaub ist, und zeigt Konrad Fotos aus seiner Vergangenheit. Konrad erinnert sich anfangs noch genau an Reisen, die er zusammen mit Thomas und Elvira unternommen hat.

Zwischendurch immer wieder die zusehends nervöser werdende Elvira. Es muss irgendein schlimmes Geheimnis geben, von dem sie fürchtet, dass Konrad sich daran erinnert.

Es kommt bis zur Auflösung des Rätsels noch zu verschiedenen Verwicklungen und dramatischen Ereignissen, die hier aber nicht mehr verraten werden. Es bleibt spannend bis zum Schluss!

Suter verbindet in seinem Roman gekonnt die differenzierte Beschreibung der fortschreitenden Alzheimer-Krankheit von Konrad, die jeder unterschreiben kann, der schon mal mit Demenz oder Alzheimer zu tun hatte, und eine Kriminalgeschichte.

Ich persönlich habe zunächst gezögert, diesen Roman zu lesen, da ich – wie man/frau vielleicht schon vermutet hat – reale Erfahrungen mit Demenz und ihren Auswirkungen gemacht habe und nicht wusste, ob ich mir das „antun“ sollte. Aber durch den zeitlichen Abstand zu den eigenen Erfahrungen war es letztlich nicht mehr schwierig. Höchstens immer wieder zustimmendes Nicken bei der Beschreibung der Symptome. Im Fall von Konrad nimmt die Geschichte sogar noch einen letztlich versöhnlichen und hoffnungsvollen Verlauf.Und wie schön, dass Konrad einen Menschen – Simone – gefunden hat, oder besser gesagt, sie ihn, der sich um ihn kümmert, seine Partei ergreift. Das ist für mich eine der wichtigsten Lehren aus meinen persönlichen Erfahrungen: den Menschen in ihrer Not beizustehen.

Der Krimi dahinter ist nicht gleich erkennbar in seiner ganzen Tragweite und beschreibt ein Familiendrama aus Lug und Trug und schließlich sogar Mord.

Der 1997 erschienene erste Roman Suters begründete seinen Durchbruch. Er ist zugleich der erste Band aus der von Suter selbst so genannten „neurologischen Trilogie“  („Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“), in der er Identitätskrisen der Protagonisten beschreibt. Es gibt in dem vorliegenden Roman mehrere Aspekte einer Identitätskrise: Konrad’s Abhängigkeit von Thomas un Elvira, die bewusste Irreführung Elviras über Konrads Identität und schließlich der Verlust derselben durch die Krankheit.

Suters Romane (zugegeben, ich habe erst zwei gelesen) sind sicher keine leichte Kost im Sinne eines Unterhaltungsromans, aber sie bieten eingebettet in eine spannende Handlung tiefe Einblicke in die menschliche Psyche und mögliche Verirrungen.

 lesenswert!

Wie kommunizierst du eigentlich?

Hast du dir diese Frage schon ein- oder mehrmals gestellt?

Dann wirst du in Gedanken jetzt schon eine Antwort parat haben, nehme ich an?

Leider kann ich hier nicht direkt mit dir in Kommunikation treten. Das kann von Vorteil sein, werde ich doch nicht direkt mit deiner Reaktion konfrontiert, die mich vielleicht verletzen oder beleidigen oder in meinem Ego treffen könnte, aber auch von Nachteil, denn schließlich möchte ich ja mit dir, meinem Leser, meiner Leserin, in Kontakt treten.

Das Bloggen ist insofern nicht unbedingt das Mittel der Wahl, um tatsächlich zu kommunizieren. Es ist ja, seien wir mal ehrlich, in erster Linie eine Selbstdarstellung. Ich will das gar nicht negativ beurteilen und die Motive sind natürlich auch sehr vielfältig. Für mich ist es zum Beispiel die Möglichkeit, meine Gedanken einer größeren Gruppe von Menschen mitzuteilen. Es gibt solche, die mitteilungsbedürftig sind und andere, die sich dafür interessieren, was andere schreiben und denken, also neudeutsch eine Win-Win-Situation. Bestenfalls kommt es zu dem einen oder anderen kurzen Gedankenaustausch.

Aber mit Kommunikation im eigentlichen Sinn hat das natürlich wenig zu tun.

Da der Mensch ein soziales Wesen und existentiell auf Kommunikation mit seiner Umwelt angewiesen ist, hat er im Laufe der Evolution Methoden entwickelt, schon vorsprachlich durch Körperhaltung, Gestik und Mimik Nachrichten zu übermitteln, die vom Gegenüber in Millisekunden wahrgenommen und auf der Grundlage von Erfahrungen interpretiert werden. Am Gesichtsausdruck können wir unschwer erkennen, in welcher Stimmung sich unser Gegenüber gerade befindet. So wie wir instinktiv wahrnehmen, wenn Gefahr in Verzug ist, sind wir in der Lage, sehr subtile Hinweise aufzunehmen, die signalisieren, dass irgendetwas nicht stimmt, dass jemand zu Beispiel gerade nicht die Wahrheit sagt.

Leider wird unsere Wahrnehmung durch das getrübt, was wir im Laufe unseres Lebens an Erfahrungen und Verletzungen erfahren haben, und es werden Schlussfolgerungen gezogen, die nicht immer der Realität entsprechen. Da ich schon oft genug richtig falsch gelegen habe mit meinen Interpretationen eines bestimmten Verhaltens oder von Aussagen versuche ich zumindest, mein Gegenüber erstmal besser kennenzulernen oder ihm wirklich zuzuhören und mich einzulassen, bevor ich mir ein Urteil bilde Das würde auch in das Thema der letzten Woche über die Macht der Gedanken fallen. Ich habe bestimmte Vorerfahrungen und in die ordne ich das aktuelle Geschehen ein. Diese Vorerfahrungen haben aber nur für mich Bedeutung und prägen nur mein individuelles Verständnis von Verhalten, sind also hochgradig subjektiv. Ich fühle mich angegriffen oder verletzt, obwohl das vielleicht gar nicht in der Absicht meines Gegenübers lag.

Ich denke mir die Welt, wie ich sie bisher erfahren habe.

Kommt euch das bekannt vor?

Die Folge ist eine gestörte Kommunikation.

Wie kann ich also meinem Gesprächspartner in einer Weise begegnen, die eine Kommunikation gelingen lässt?

Im Folgenden lehne ich mich an Elemente der sogenannten gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg an. Unter Gewalt wird in diesem Zusammenhang verstanden, dass jemand andere Menschen bestraft oder/und versucht, seine Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen.

Gewaltfreie Kommunikation basiert auf einem positiven Menschenbild und darauf, dass es der menschlichen Natur zu eigen ist, dass er erfüllende Beziehungen sucht und sich in die Gemeinschaft einbringt, wenn er empathische Bedingungen vorfindet. Das Schlüsselwort ist also Empathie:

(Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.Zur Empathie gehört auch die Reaktion auf die Gefühle anderer Menschen, wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz oder Hilfsimpuls.[1] Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener man für seine eigenen Emotionen ist, desto besser kann man die Gefühle anderer deuten.[2] , Wikipedia)

Sie lässt sich in der Kommunikation folgendermaßen herstellen:

  • Ich höre meinem Gegenüber zunächst zu, ohne Wertung und Interpretation
  • Ich vergewissere mich, ob ich ihn/sie richtig verstanden habe, indem ich in eigenen Worten widergebe, was ich verstanden habe
  • Ich höre hin, welche Gefühle mein Gegenüber hat/sich manifestieren
  • Ich formuliere, was ich wahrnehme und ob ich damit richtig liege
  • Ich höre hin, welche Bedürfnisse mein Gegenüber formuliert.

Dieser Prozess sollte natürlich hin und zurück funktionieren. Ich muss sagen, dass ich zu Anfang etwas skeptisch war, ob man auf diese Weise z.B. auch in beruflichen Zusammenhängen miteinander kommunizieren kann. Es kam/kommt mir so vor, als ob das eher für das therapeutische Gespräch von Bedeutung ist. Aber nein, ich denke, es sind wertvolle Hinweise für jede Art von Kommunikation, und wenn ich mich in einer bestimmten Weise verhalte, kann ich beim Gegenüber (hoffentlich) ebenfalls eine offener/wertschätzende Haltung erreichen.

Sehr eindrücklich war für mich die Darstellung von einer empathischen und einer nicht empathischen Kommunikation mittels des Bildes von Wolfs- bzw. Giraffenohren!

Wir kennen bei Hunden oder auch bei Wölfen die aufgestellten oder zurückgelegten Ohren.

In der Theorie der gewaltfreien Kommunikation bedeuten die aufgestellten Wolfsohren, dass ich nicht zuhöre, sondern sofort in die Angriffs- oder Verteidigungsstellung gehe z.B. mit Vorwürfen an meinen Gesprächspartner. Die zurückgestellten Wolfsohren hingegen bedeuten, dass ich immer sofort die Schuld bei mir suche, mich in mich selbst zurückziehe und resigniere. Diese Verhalten habe ich mir antrainiert als Abwehr gegen nicht wertschätzendes Verhalten z.B. der Eltern oder Lehrer mir gegenüber.

Die Giraffe hingegen kann einen neutralen Blick von oben auf das Geschehen werfen. Die aufgestellten Giraffenohren signalisieren, dass ich ganz bei dem anderen bin, dass ich ihm/ihr empathisch zuhöre. Die nach hinten gestellten Giraffenohren wiederum bedeuten, dass ich auch auf meine eigenen Bedürfnisse schaue und sie ernst nehme.

Eine für beide Seiten gelungene Kommunikation ist dann gegeben, wenn am Ende des Prozesses beide Partner das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse angemessen berücksichtigt worden sind.

Jeder Mensch hat das Bedürfnis, anerkannt, wertgeschätzt und verstanden zu werden. Wenn dieses Bedürfnis über lange Zeit nicht befriedigt wird, kann dies schwerwiegende und mitunter gefährliche Folgen haben.

Wenn ich also kommuniziere, sollte ich mir selbst und meinen Bedürfnissen, aber auch meinem Gegenüber Wertschätzung entgegenbringen.

Bei der Erprobung dieses Modells in einem Seminar haben mich meine Vorerfahrungen in der Kommunikation kalt erwischt, d.h. an den Punkten, an denen ich mich aus früheren Erfahrungen z. B. im Elternhaus, nicht wertgeschätzt fühlte, fiel es mir sehr schwer, „gewaltfrei“ zu kommunizieren und nicht die Wolfsohren aufzustellen. Da läuft plötzlich und unaufhaltsam ein Film im Kopf ab von sich verletzt und angegriffen fühlen. Ganz schön schwer, da raus zu kommen, merke ich immer wieder.

Aber das war dann auch für mich die wichtigste Erkenntnis aus dem Ganzen: Meine Kommunikation gründet sich auf meine bisherigen Erfahrungen im Leben. In dem Moment, in dem ich das erkenne, kann ich auch gegensteuern bzw. andere Wege der Reaktion finden, mir z.B. einfach andere Ohren aufsetzen. Ist doch nicht schlecht, oder?

Also, wem sich gerade die Wolfsohren hochgestellt haben beim Lesen des Artikels, der kann sich fragen, wenn er/sie will, woher das wohl kommt. Ich stelle euch ja nur eine Theorie vor 😉

Mit sonntäglichen Grüßen

 

 

 

TriloChi – Hä?

 

O.K. wie man oder frau einen griffigen und unwiderstehlichen Titel für einen Beitrag formuliert, habe ich noch nicht so richtig raus….aber egal. Heute geht es mal wieder um Fitness für nicht mehr blonde, sondern inzwischen silberblonde Frauen. Über die Phase, in der ich mich über Blondinen-Witze geärgert habe, ist lange vorbei, d.h. ich habe gar keinen Grund dazu gehabt, da ich ja nie naturblond war.

Was die Zielgruppe von TriloChi angeht, so hat sich gestern erstmals auch ein junger Mann in unsere Gruppe verirrt. Finde ich immer wieder stark, wenn sich männliche Artgenossen in angeblich weibliche sportliche und sonstige Domänen mischen. Und es ist auch nicht wahr, dass dieser neue Sport nur was für ältere Semester ist.

Ihr seid schon neugierig geworden, was das ist? So soll es sein!

Es handelt sich tatsächlich um einen relativ neuen Sport oder vielleicht besser gesagt „Energiearbeit“ mit starken Bezügen zur chinesischen Lehre der Meridiane, eine Mischung aus ChiSlowMotion, PowerChi und ChiYoga mit Yoga- und Pilateselementen für Rücken und Beckenboden. Yoga habe ich schon einige Male probiert, aber das isses einfach nicht für mich, mit meinen muskulären Verspannungen eher eine Tortur. Pilates betreibe ich nun auch schon eine ganze Weile, eine Form der Gymnastik, die mir sehr entgegenkommt, weil sie die Gelenke nicht belastet und trotz langsamer Bewegungen doch sehr effektiv und daher auch geeignet für ältere Semester ist. Es kommt mir immer noch komisch vor, wenn ich von mir selbst als älterem Semester spreche. Irgendwie kriege ich das noch nicht zusammen, ich und älter oder gar alt? Aber tatsächlich, laut Geburtsdatum bin ich zumindest schon älter und laut Mitteilungen meiner Gelenke und meines Denkapparates auch. Was soll’s. Ich will jetzt auch nicht den dummen Spruch bringen, man ist so alt wie man sich fühlt. Wenn‘s danach geht, bin ich an manchen Tagen schon uralt.

Nun denn, ich komme gerade wieder ins Plaudern. Eigentlich wollte ich gar keinen Beitrag schreiben, denn ich würde gerne kurz mit meinem Sohn skypen, der sich zur Zeit mal wieder am anderen Ende der Welt aufhält, aber obwohl er online ist, ist er es auch wieder nicht, so dass ich in Wartestellung bin und da habe mir gedacht, könnte ich dann doch gleich meinen Wochenbeitrag schreiben.

So, jetzt aber: Wie oben gesagt, handelt es sich um Bewegungen, die zunächst das Chi – in der chinesischen Medizin die Lebensenergie – erwecken, dann in Schwung bringen und schließlich wieder zur Ruhe kommen lassen. Wir machen immer 60 min Training, davon die letzten 10 min Entspannung. Die Übungen beginnen im Stehen, wechseln dann in schwingende Bewegungen und kehren am Schluss wieder in einen ruhigen Fluss, gegebenenfalls auch in Übungen am Boden aus Pilates oder Yoga, zurück. Das ganze unterlegt mit passender Musik selbstverständlich. Man bzw. frau muss es einfach mal ausprobieren. Es gibt Teilnehmerinnen, die mir gesagt haben, dass sie mit dem „esoterischen Kram“ nichts anfangen können. Ja, o.k. muss wieder mal jede für sich selbst herausfinden. Wir haben – wie ich finde – eine sehr engagierte und kompetente Sportlehrerin, die uns auch jeweils kurze Hinweise auf die Wirkungsweise der Übungen gibt und mit Bildern arbeitet, so sollen wir uns z.B. vorstellen, dass wir mit den Armen weite Kreise wie zu einem Vollmond ausführen. Ich persönlich kann damit sehr gut leben.

Für mich macht sich die Freude am Sport oder auch sonstigen Aktivitäten auch und in nicht unerheblichem Maße an der Lehrkraft fest, inwieweit sie sich auf die Teilnehmer einstellt und ihr Fach beherrscht. Keine Lust mehr, irgendetwas in meiner Freizeit zu tun, was mir keinen Spaß macht.

Hier habe ich etwas gefunden, was mir Spaß macht und mich im wahrsten Sinne des Wortes in Schwingung versetzt. Was will man/frau mehr?

Hola, gerade meldet sich mein Sohn und ich melde mich für heute ab.

Noch Fragen? Na dann, viel Spaß beim Ausprobieren!

 

 

 

Die Macht meiner Gedanken

 

Die Frage nach der eigenen Identität und den Möglichkeiten, das Leben selbstbestimmt zu gestalten und gegebenenfalls auch in neue Bahnen zu lenken, beschäftigt mich nicht erst seit gestern, aber in meinem jetzigen Lebensabschnitt noch einmal intensiver. Dabei bin ich letzte Woche wieder einmal in der „Zeit“ auf einen Artikel gestoßen, der der Frage und den Forschungen auf diesem Gebiet nachgeht, in wie fern nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, wie Karl Marx es postuliert hat, sondern umgekehrt, das Bewusstsein das Sein. Mit anderen Worten: „Wie viel Macht haben Gedanken über uns?“[1]

Während die Menschen im Mittelalter die Frage nach dem, was wir sind, vermutlich mit dem Willen Gottes oder der Macht des Schicksals begründet hätten, und Sigmund Freud im 20. Jahrhundert das Unbewusste als Triebkraft entdeckte, stellt die Harvard-Professoren Ellen Langer vielmehr die These auf, dass unsere Handlungen größtenteils auf Annahmen über die Welt beruhen, die uns im Laufe unseres Lebens vermittelt oder eingebläut wurden. Für sie ist das entscheidende Stichwort „Mindfulness“ – Achtsamkeit in dem Sinne, sensibel zu werden für die Frage, ob das, was ich über mich und die Welt denke, auch tatsächlich der Realität entspricht.

Der Artikel beschreibt eines ihrer bekanntesten Experimente, in dem sie Anfang der 80er Jahre alte Herren um die 80 in ein Kloster einlud, in dem alles so eingerichtet war, wie zu der Zeit, als die Probanden zwanzig Jahre jünger waren, einschließlich der Fernsehsendung „Rauchende Colts“ (ja, die Serie habe ich damals auch gerne geschaut, auch wenn ich – doch noch ein wenig jünger bin). Es stellte sich heraus, dass die alten Männer, die es bis dahin gewohnt waren, dass man sie betreut und gepflegt hatte, innerhalb einer Woche wieder viel selbständiger geworden waren, sich ihre Mahlzeiten selbst zubereiteten und auch in Intelligenztest deutlich besser abschnitten als zuvor. Die Frage, ob das Altern auch nur ein Produkt der eigenen Einstellung ist, erscheint mir denn doch zu kühn. Nicht allerdings der Gedanke, dass Menschen wesentlich fitter bleiben, wenn sie noch gefragt sind, Aufgaben erfüllen können und ihrem Leben so noch einen Sinn geben können, und sei es nur, dass sie ein Kreuzworträtsel lösen, leichte Gymnastik betreiben oder beim Backen und Kochen helfen.

Das Verfahren, um Menschen aus ihren gewohnten, angelernten Verhaltensweisen heraus zu holen, nennt Langer „Reframing“, d. h. nichts anderes, als die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Sie stellt grundsätzlich alles in Frage, denn wer legt fest, dass etwas so und nicht anders ist, wer bestimmt, was richtig und falsch ist. Das gilt selbstverständlich auch für unser (Vor-)urteil über bestimmte gesellschaftliche Gruppen, wie z.B. über Ausländer,  Flüchtlinge, Homosexuelle und sonstige Gruppen, die sich als Sündenböcke eignen.

Ein Beispiel aus der Forschung: Weiße Amerikaner schnitten in einem Test wesentlich schlechter ab, nachdem man ihnen mitgeteilt hatte, sie würden gemeinsam mit asiatischen Kommilitonen schreiben und die Ergebnisse später verglichen.

Veränderungen im Denken und Handeln sind aber nur möglich, wenn sich die Menschen ihrer vorgefassten Meinungen und deren Konsequenzen erstmal bewusst werden.

Interessanterweise haben Forschungen ergeben, dass es nicht reicht, positiv zu denken (die Zusammenhänge will ich hier nicht im Einzelnen schildern), sondern dass es erforderlich zu sein scheint, dass Menschen sich nicht nur gedanklich positiv auf eine Veränderung einstellen, sondern gleichzeitig Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin mitdenken. Die Idee dahinter ist, sich das Ziel und die Hindernisse auf dem Weg dorthin innerlich so anschaulich wie möglich vorzustellen. Negative „mind sets“ – Selbstbilder – können überwunden werden, indem man sich u.a. positive Erlebnisse vor Augen führt und in schwierigen Situationen abrufen kann wie z.B. ein Sportler, der auf einen Konkurrenten trifft, gegen den er bisher immer verloren hat und  sich Bilder von einem erfolgreichen Rennen vor Augen führt.

Die Kraft der Gedanken habe ich als jugendliche Turnerin regelrecht am eigenen Leib erfahren. Man nannte es damals schon mentales Training: Ich sollte mir einen Bewegungsablauf beispielsweise am Stufenbarren mental in allen Einzelheiten vorstellen. Wenn mir dieser Schritt gelang, konnte ich die Übung ausführen! Das müsste doch eigentlich auch mit anderen Dingen wie Aufhören zu rauchen oder Abnehmen passieren. Dazu noch was aus eigener Erfahrung: Das Abnehmen ist immer wieder einmal Thema, und auch hier habe ich bemerkt, dass ich im Kopf dazu bereit sein muss. Vor einigen Jahren konnte ich auf einmal regelrecht den Schalter im Kopf umlegen und abnehmen. Vielleicht noch ein anderes Beispiel dafür, dass man Verhaltensweisen und Einstellungen ändern kann: Als mein Sohn so um die 18/20 Jahre alt war, gab’s immer wieder harte Auseinandersetzungen um das Thema Aufräumen. Ich war immer so wütend und schimpfte und schimpfte. Aber alles half nichts bis …. ich, ich weiß nicht, wie das geschah, plötzlich meine Einstellung änderte und mich (fast) nicht mehr aufregte. Von da an schmiss ich seine rumliegenden Sachen stumpfweg in sein Zimmer und räumte dort auch nicht mehr auf. Sicherlich, mein Sohn ist immer noch kein Meister im Aufräumen, und wenn er zu Besuch ist, nervt er mich immer noch mal, aber ich kann’s gelassen nehmen und unsere Beziehung ist sehr gut. Und er verändert auch immer noch mal sein Verhalten, wenn wir uns in Gesprächen darüber auseinandersetzen. Nun hat er es sich auch explizit auf seine Fahnen geschrieben, sich immer neuen Erfahrungen auszusetzen und sein Verhalten ggfs. zu ändern.

Zum Schluss noch ein längeres Zitat aus dem genannten Artikel:

„Die Wirklichkeit ist – nach Kopp-Wichmann – das, was ich sehen will. Welche Bedeutung wir Ereignissen geben, hängt von unseren Erfahrungen ab, daraus entsteht eine „innere Landkarte“. Wer mit dieser Landkarte vertraut ist, kann laut Kopp-Wichmann nicht nur einzelne Verhaltensweisen verändern, sondern sein gesamtes Selbstbild….Hinderliche Selbstbilder versucht Kopp-Wichmann zu verändern. Das funktioniert nicht in zwei, drei Sitzungen, aber es kann der Beginn einer langsamen Umorientierung sein“ (a.a.O., S. 23).

Man darf nebenbei bemerkt nicht vergessen, dass das, was wir über uns selbst denken, auch das beeinflusst, was andere von uns denken im Sinn einer self fulfilling prophecy.

Hört sich alles einfacher an, als es ist, sage ich jetzt mal so dahin. Aber es ist auch nicht unmöglich.

 

Meine LeserInnen mögen verzeihen, wenn ich nicht alles korrekt zitiert oder als zitiert markiert habe. Ist schließlich keine Doktorarbeit, sondern nur eine Anregung und die Quelle ist hinreichend dokumentiert.

 

Würde mich über Kommentare freuen…wie immer

 

[1] Zeitmagazin, Nr. 22, Mai 2016, S. 16

Ein-Blick

 

Wir trafen uns wie immer

Auf ein gemeinsames Dinner

Vertraut und doch stets auf Distanz

Zu diskutieren über des Jahres Bilanz

Politik, Beruf und auch Privates

Was man so tut, von Yoga bis Pilates

Bevor wir wieder eintauchen in eines unserer Lieblingsthemen

Die verschiedenen Kulturen und ihre Art zu leben

Die Augen zu senken heißt asiatisch Respekt

Wir Europäer mögen es eher direkt

Manche missdeuten die Gesten auf beiden Seiten

Erkennen nicht an die Sitten aus anderen Breiten

Wir mögen es nicht begreifen noch anerkennen

Dass gesenkte Blicke mehr als Respekt auch Hierarchie benennen

Der direkte Blick in die Augen des Gegenübers bedeutet hingegen

Eine Kriegserklärung, so sagst du mir, das finde ich verwegen

Du verunsicherst mich und ich frage mich, und ich frage dich,

Ob ich dir jetzt noch direkt in die Augen schauen darf, ganz unverbindlich

Du lachst und erwiderst, natürlich, denn schließlich sind wir uns gleich

Und verbeugst dich vor mir sogleich

Was ist das mit uns beiden

Seit Jahren diese Begegnungen, bei denen wir uns stets voreinander verneigen

Immer darauf bedacht

Die Balance zu halten zwischen deutsch direkt und asiatisch sacht

Ich mag dich sehr, du bist so klug, so wissend und offen für alle Fragen

Du strahlst von innen, ruhst in dir, ich kann dir nicht sagen

Wie bereichernd du bist, so sehr, dass ich dir dieses Gedicht schreiben muss

Um es einmal auszusprechen, wie gut du mir tust

Einmal im Jahr, gewiss, das ist nicht viel

Aber einmal im Jahr, ein Gespräch mit solchem tiefem Grund und Einsicht in des Lebens Ziel

Wiegt mehr als hundert andere, banale und zum Zeitvertreib

In dem Alter, in dem ich stehe und suche nach dem, was bleibt

Was mich trägt und erfüllt…