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Über claudia rachut

Mein Name ist Claudia Rachut. Es ist Zeit, meine Vorstellungsseite zu aktualisieren, denn seit der Entstehung dieses Blogs sind sage und schreibe 9 Jahre ins Land gegangen. 9 Jahre, in denen viel passiert ist, mittendrin mein Ausscheiden aus dem Berufsleben. In den Anfängen habe ich meine Gedanken und Geschichten eifrig mit euch geteilt. Dann ließ die Energie nach...und jetzt, mal schauen.. Ich denke, ich bin seitdem keine andere geworden. Also werde ich euch etwas erzählen, was ich erlebt habe, was mich bewegt. Ich werde mich nicht in politische Diskussionen einklinken. Das überlasse ich anderen oder behalte meinem Privatleben bzw. meiner analogen Öffentlichkeit vor. Ich freue mich, dich auf meinen Seiten begrüßen zu können. Vielleicht gefällt dir das eine oder andere, vielleicht denkst du beim Lesen... ahja, das kommt mir bekannt vor...oder du klinkst dich schnell wieder aus...wie heißt es so schön, alles kann, nichts muss? Eure Claudia

Die Macht meiner Gedanken

 

Die Frage nach der eigenen Identität und den Möglichkeiten, das Leben selbstbestimmt zu gestalten und gegebenenfalls auch in neue Bahnen zu lenken, beschäftigt mich nicht erst seit gestern, aber in meinem jetzigen Lebensabschnitt noch einmal intensiver. Dabei bin ich letzte Woche wieder einmal in der „Zeit“ auf einen Artikel gestoßen, der der Frage und den Forschungen auf diesem Gebiet nachgeht, in wie fern nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, wie Karl Marx es postuliert hat, sondern umgekehrt, das Bewusstsein das Sein. Mit anderen Worten: „Wie viel Macht haben Gedanken über uns?“[1]

Während die Menschen im Mittelalter die Frage nach dem, was wir sind, vermutlich mit dem Willen Gottes oder der Macht des Schicksals begründet hätten, und Sigmund Freud im 20. Jahrhundert das Unbewusste als Triebkraft entdeckte, stellt die Harvard-Professoren Ellen Langer vielmehr die These auf, dass unsere Handlungen größtenteils auf Annahmen über die Welt beruhen, die uns im Laufe unseres Lebens vermittelt oder eingebläut wurden. Für sie ist das entscheidende Stichwort „Mindfulness“ – Achtsamkeit in dem Sinne, sensibel zu werden für die Frage, ob das, was ich über mich und die Welt denke, auch tatsächlich der Realität entspricht.

Der Artikel beschreibt eines ihrer bekanntesten Experimente, in dem sie Anfang der 80er Jahre alte Herren um die 80 in ein Kloster einlud, in dem alles so eingerichtet war, wie zu der Zeit, als die Probanden zwanzig Jahre jünger waren, einschließlich der Fernsehsendung „Rauchende Colts“ (ja, die Serie habe ich damals auch gerne geschaut, auch wenn ich – doch noch ein wenig jünger bin). Es stellte sich heraus, dass die alten Männer, die es bis dahin gewohnt waren, dass man sie betreut und gepflegt hatte, innerhalb einer Woche wieder viel selbständiger geworden waren, sich ihre Mahlzeiten selbst zubereiteten und auch in Intelligenztest deutlich besser abschnitten als zuvor. Die Frage, ob das Altern auch nur ein Produkt der eigenen Einstellung ist, erscheint mir denn doch zu kühn. Nicht allerdings der Gedanke, dass Menschen wesentlich fitter bleiben, wenn sie noch gefragt sind, Aufgaben erfüllen können und ihrem Leben so noch einen Sinn geben können, und sei es nur, dass sie ein Kreuzworträtsel lösen, leichte Gymnastik betreiben oder beim Backen und Kochen helfen.

Das Verfahren, um Menschen aus ihren gewohnten, angelernten Verhaltensweisen heraus zu holen, nennt Langer „Reframing“, d. h. nichts anderes, als die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Sie stellt grundsätzlich alles in Frage, denn wer legt fest, dass etwas so und nicht anders ist, wer bestimmt, was richtig und falsch ist. Das gilt selbstverständlich auch für unser (Vor-)urteil über bestimmte gesellschaftliche Gruppen, wie z.B. über Ausländer,  Flüchtlinge, Homosexuelle und sonstige Gruppen, die sich als Sündenböcke eignen.

Ein Beispiel aus der Forschung: Weiße Amerikaner schnitten in einem Test wesentlich schlechter ab, nachdem man ihnen mitgeteilt hatte, sie würden gemeinsam mit asiatischen Kommilitonen schreiben und die Ergebnisse später verglichen.

Veränderungen im Denken und Handeln sind aber nur möglich, wenn sich die Menschen ihrer vorgefassten Meinungen und deren Konsequenzen erstmal bewusst werden.

Interessanterweise haben Forschungen ergeben, dass es nicht reicht, positiv zu denken (die Zusammenhänge will ich hier nicht im Einzelnen schildern), sondern dass es erforderlich zu sein scheint, dass Menschen sich nicht nur gedanklich positiv auf eine Veränderung einstellen, sondern gleichzeitig Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin mitdenken. Die Idee dahinter ist, sich das Ziel und die Hindernisse auf dem Weg dorthin innerlich so anschaulich wie möglich vorzustellen. Negative „mind sets“ – Selbstbilder – können überwunden werden, indem man sich u.a. positive Erlebnisse vor Augen führt und in schwierigen Situationen abrufen kann wie z.B. ein Sportler, der auf einen Konkurrenten trifft, gegen den er bisher immer verloren hat und  sich Bilder von einem erfolgreichen Rennen vor Augen führt.

Die Kraft der Gedanken habe ich als jugendliche Turnerin regelrecht am eigenen Leib erfahren. Man nannte es damals schon mentales Training: Ich sollte mir einen Bewegungsablauf beispielsweise am Stufenbarren mental in allen Einzelheiten vorstellen. Wenn mir dieser Schritt gelang, konnte ich die Übung ausführen! Das müsste doch eigentlich auch mit anderen Dingen wie Aufhören zu rauchen oder Abnehmen passieren. Dazu noch was aus eigener Erfahrung: Das Abnehmen ist immer wieder einmal Thema, und auch hier habe ich bemerkt, dass ich im Kopf dazu bereit sein muss. Vor einigen Jahren konnte ich auf einmal regelrecht den Schalter im Kopf umlegen und abnehmen. Vielleicht noch ein anderes Beispiel dafür, dass man Verhaltensweisen und Einstellungen ändern kann: Als mein Sohn so um die 18/20 Jahre alt war, gab’s immer wieder harte Auseinandersetzungen um das Thema Aufräumen. Ich war immer so wütend und schimpfte und schimpfte. Aber alles half nichts bis …. ich, ich weiß nicht, wie das geschah, plötzlich meine Einstellung änderte und mich (fast) nicht mehr aufregte. Von da an schmiss ich seine rumliegenden Sachen stumpfweg in sein Zimmer und räumte dort auch nicht mehr auf. Sicherlich, mein Sohn ist immer noch kein Meister im Aufräumen, und wenn er zu Besuch ist, nervt er mich immer noch mal, aber ich kann’s gelassen nehmen und unsere Beziehung ist sehr gut. Und er verändert auch immer noch mal sein Verhalten, wenn wir uns in Gesprächen darüber auseinandersetzen. Nun hat er es sich auch explizit auf seine Fahnen geschrieben, sich immer neuen Erfahrungen auszusetzen und sein Verhalten ggfs. zu ändern.

Zum Schluss noch ein längeres Zitat aus dem genannten Artikel:

„Die Wirklichkeit ist – nach Kopp-Wichmann – das, was ich sehen will. Welche Bedeutung wir Ereignissen geben, hängt von unseren Erfahrungen ab, daraus entsteht eine „innere Landkarte“. Wer mit dieser Landkarte vertraut ist, kann laut Kopp-Wichmann nicht nur einzelne Verhaltensweisen verändern, sondern sein gesamtes Selbstbild….Hinderliche Selbstbilder versucht Kopp-Wichmann zu verändern. Das funktioniert nicht in zwei, drei Sitzungen, aber es kann der Beginn einer langsamen Umorientierung sein“ (a.a.O., S. 23).

Man darf nebenbei bemerkt nicht vergessen, dass das, was wir über uns selbst denken, auch das beeinflusst, was andere von uns denken im Sinn einer self fulfilling prophecy.

Hört sich alles einfacher an, als es ist, sage ich jetzt mal so dahin. Aber es ist auch nicht unmöglich.

 

Meine LeserInnen mögen verzeihen, wenn ich nicht alles korrekt zitiert oder als zitiert markiert habe. Ist schließlich keine Doktorarbeit, sondern nur eine Anregung und die Quelle ist hinreichend dokumentiert.

 

Würde mich über Kommentare freuen…wie immer

 

[1] Zeitmagazin, Nr. 22, Mai 2016, S. 16

Ein-Blick

 

Wir trafen uns wie immer

Auf ein gemeinsames Dinner

Vertraut und doch stets auf Distanz

Zu diskutieren über des Jahres Bilanz

Politik, Beruf und auch Privates

Was man so tut, von Yoga bis Pilates

Bevor wir wieder eintauchen in eines unserer Lieblingsthemen

Die verschiedenen Kulturen und ihre Art zu leben

Die Augen zu senken heißt asiatisch Respekt

Wir Europäer mögen es eher direkt

Manche missdeuten die Gesten auf beiden Seiten

Erkennen nicht an die Sitten aus anderen Breiten

Wir mögen es nicht begreifen noch anerkennen

Dass gesenkte Blicke mehr als Respekt auch Hierarchie benennen

Der direkte Blick in die Augen des Gegenübers bedeutet hingegen

Eine Kriegserklärung, so sagst du mir, das finde ich verwegen

Du verunsicherst mich und ich frage mich, und ich frage dich,

Ob ich dir jetzt noch direkt in die Augen schauen darf, ganz unverbindlich

Du lachst und erwiderst, natürlich, denn schließlich sind wir uns gleich

Und verbeugst dich vor mir sogleich

Was ist das mit uns beiden

Seit Jahren diese Begegnungen, bei denen wir uns stets voreinander verneigen

Immer darauf bedacht

Die Balance zu halten zwischen deutsch direkt und asiatisch sacht

Ich mag dich sehr, du bist so klug, so wissend und offen für alle Fragen

Du strahlst von innen, ruhst in dir, ich kann dir nicht sagen

Wie bereichernd du bist, so sehr, dass ich dir dieses Gedicht schreiben muss

Um es einmal auszusprechen, wie gut du mir tust

Einmal im Jahr, gewiss, das ist nicht viel

Aber einmal im Jahr, ein Gespräch mit solchem tiefem Grund und Einsicht in des Lebens Ziel

Wiegt mehr als hundert andere, banale und zum Zeitvertreib

In dem Alter, in dem ich stehe und suche nach dem, was bleibt

Was mich trägt und erfüllt…

Morgens, mittags, abends

Morgens, mittags, abends

Aufsteh‘n, Schule, Freizeit, schlafen

Morgens, mittags, abends

Aufsteh‘n, Studium, Freizeit, schlafen

Morgens, mittags, abends

Aufsteh‘n, Arbeit, Kinder, Mann und schlafen

Morgens, mittags, abends

Trennung, Tränen, Einsamkeit

Morgens, mittags, abends

Zaudern, Zagen, Neubeginn

Morgens, mittags, abends

Abschied, Sterben, Trauer

Morgens, mittags, abends

Fragen, Fragen, Fragen

An das Leben, was es war und was es ist

An mich selbst,

was soll werden

was du noch nicht gewesen bist

Morgens, mittags, abends

War es, was es war

Nichts ist zu ändern, nichts kommt zurück

Plötzlich war es nur noch, wird nicht mehr

Zeit ist knapp,

um Sinn zu finden in der Endlichkeit

hätte, wäre , könnte, sollte

Konjunktive haben keine Zukunft

hier, und jetzt, am Besten gleich

tun, was noch getan werden kann

sagen, was schon längst gedacht

bevor sie kommt, die Nacht

 

 

Zeit im Zug

Heute geht es um meinen heimischen Blätterwald. Mangels Grünzeug vor der Haustür also mein Ersatz aus nachwachsenden Wäldern, zwar nicht grün, was meiner politischen Auffassung durchaus nahe käme, dafür aber in einem ansehnlichen Format und mit dem vielsagenden Titel „die Zeit“. Die Zeit, allgegenwärtig, unabwendbar, philosophisch, biologisch, theologisch…..

Als ich vor ca 1 ½ Jahren begann, mich mit der Welt im Allgemeinen und der Sicht der Zeit auf dieselbe auseinanderzusetzen, fuhr ich noch jedes Wochenende in meine Heimatstadt zu meiner Mutter. So hatte ich Zeit, mir der Zeit bewusst zu werden und sie zu nutzen. Wer die Zeit kennt, kann die Probleme ermessen, die sich einstellen, wenn man versucht, dieses Blatt in seiner ganzen Breite zu öffnen und zu lesen, umso mehr, wenn man oder auch frau neben sich einen weiteren Fahrgast zu sitzen hat (komische Konstruktion, aber sie geht glaube ich), der oder die auch seinen/ihren berechtigten Anspruch auf Platz geltend macht.

Nun las ich so eines Sonntags im Zug in meiner Zeit und vertrieb mir so die Zeit – mit meiner Zeit kann ich schließlich machen, was ich will – als ich merkte, wie mein Platznachbar unruhig hin und her rutschte. Ich vermutete erstmal in meiner ganzen Naivität, dass er es wahrscheinlich nicht mehr aushielt, von der Zeit abgeschnitten und ausgeschlossen zu sein. So bot ich ihm großzügig an, die rechte Außenseite meiner Zeit hochzuhalten, so dass ich die linke und er gleichzeitig die rechte Seite würde lesen können. Ich hätte mir wohl vorher anschauen sollen, um welches Exemplar von Mann es sich handelte bzw. um welche Alterskategorie! Er muss Mitte 20 gewesen sein und der Gebrauch meiner Zeit hatte ihn offensichtlich daran gehindert, seine Zeit mit dem Bedienen seines Tabletts tot zu schlagen. Ganz schön arrogant an dieser Stelle, nicht wirklich ernst gemeint. Jedenfalls fragte er mich, nachdem ich ihm meinen Vorschlag unterbreitet hatte, ganz entgeistert, aus welchem Jahrhundert ich denn stamme. Also antwortete ich wahrheitsgemäß: aus dem letzten. Nichts funkte in die Stille. Er brauchte jetzt eine Auszeit, um sacken zu lassen, dass er gerade ein Eigentor geschossen hatte. Schließlich war er ja auch noch im letzten Jahrhundert in die menschliche Zeitrechnung eingetreten. Nun trennen uns zweifelsohne ganze Universen technischer Entwicklungen voneinander, aber faktisch stammt auch er aus dem letzten Jahrhundert. Da er an dieser Erkenntnis offensichtlich nicht vorbeikam, schob er die rechte Seite meiner Zeit wortlos zu mir zurück, so dass nun rechte und linke Seite meiner Zeit übereinanderlagen und ich sie nicht mehr auseinanderhalten und voneinander trennen konnte.

Nun hegte ich keinerlei Rachegedanken, indem ich ihn z.B. mit intellektuellen Fragen zu den Ereignissen der letzten Woche hätte beschämen können, die ich mir gerade angelesen hatte. Vielleicht tat ich ihm ja auch unrecht und er wusste nur nicht, wie er seine Zeit sinnvoller verbringen sollte, und wer will schon beurteilen, wer hier seine Zeit verschwendet?

Um ähnlichen Begegnungen dennoch zukünftig vorzubeugen und trotzdem nicht wie aus der Zeit gefallen daher zu kommen,  falte ich von nun an meine Zeit im Zug immer, nicht wie früher als Kind zu einem Schiffchen , sondern sorgfältig soweit, bis sie die Größe einer DIN A 5 Seite erreicht hat und vom Format nun durchaus mit einem Tablett Schritt halten kann. So entblättere ich jetzt jede Seite meiner Zeit noch einmal Stück für Stück, bis sie wieder ganz ist, die Zeit.

 

Wieder allein

es ist wieder still,  im Haus

nachdem die Wellen deiner Reisen dich wieder an den heimatlichen Strand gespült

für ein paar Tage, Wochen nur, zieht es  mit Macht dich nun hinaus

auf der Suche nach dir selbst und nach dem Platz, du hast es lange schon gefühlt

an dem dein Leben sich entfaltet, deine Seele tanzt in der Sonne hellem Licht

noch ist er dir verborgen, dieser Ort,

der dich glücklich macht und mit dir spricht

an dem du bleiben kannst , musst nicht mehr fort

an dem du Menschen findest, die dich lieben, leiten, mit dir streiten

blauen Himmel, Meer und klare Luft zum Atmen

fremde Sprachen und Kulturen, Freunde , die dich treu begleiten

ich weiß, das ist dein Weg, ich muss es nicht erraten

auch wenn ich dich mit Wehmut gehen lasse,  Sohn

so liebe ich dich doch zu sehr, um nicht zu wissen und zu bekennen

dass dein Glück ist auch meines Lebens Lohn

vergangner Jahre Fragen, Zweifel, Freuden und Erkennen.

Im Geiste und in unseren Gedanken sind wir uns immer nah

so nah, dass jeder neue Abschied schmerzt

und doch bin ich im Grunde mir so unbarmherzig klar

dass du nur anderswo auf dieser Welt dein Herz

vergeben kannst und leben

und bin trotzdem gewiss, dass keine Ferne unserer Kontinente

das, was uns eint, uns einander erkennen lässt und mich erheben

über jeden Schmerz und jede Trauer,  je trennen könnte

und tief im Innern bleibt

die stille Freude über jenes große Glück

dich zu begleiten, seiest du auch fern, noch ein Stück

bei den Geschichten, die das Leben für dich schreibt

 

mein Sohn

 

 

 

 

Peter Stamm – An einem Tag wie diesem

Heute mal die Besprechung eines Buches, das schon 2006 erschienen ist und das mir erst jetzt in die Hänge gefallen ist: „ An einem Tag wie diesem“ von Peter Stamm. Soweit ich mich erinnere, habe ich vor Zeiten auch sein Buch „Ungefähre Landschaft“ gelesen, kann mich aber nicht mehr an Einzelheiten erinnern.

Bücher zu kommentieren für mich also auch die Möglichkeit, später noch mal nachzulesen, worum es ging.

Der langen Vorrede kurzer Sinn: Vage Erinnerung, dass mir „Ungefähre Landschaften“ gefallen hatte und ich mir deshalb auch dieses Buch ausgesucht habe. Übrigens, war mal ein Spiegelbestseller.

 

Andreas, der Protagonist, ist um die vierzig, als er den Entschluss fasst, sein Leben zu ändern, nicht freiwillig indes. Ein nicht nachlassender Husten führt ihn zum Arzt, der ihm sagt, es könne harmlos oder aber auch ernsthaft sein. Andreas lässt zur Klärung ein MRT machen, verlässt aber die Arztpraxis, bevor ihm das Ergebnis mitgeteilt wird. Er will es nicht wissen oder, besser gesagt, er hat Angst….

Andreas fühlt sich eher als Statist oder Zuschauer eines „imaginären Films“, denn als Akteur in seinem eigenen Lebens. In einem kleinen Schweizer Dorf geboren und aufgewachsen, erlernt er den Lehrerberuf und bekommt schließlich eine Stelle an einer Pariser Schule.

Eines Tages, als er den Unterricht vorbereitet, fällt ihm ein kleines Büchlein mit Liebesgeschichten als Lehrstoff für seine Schüler in die Hände. Eigentlich mag er keine Liebesgeschichten für den Deutschunterricht wegen der Tuscheleien der Schüler. Er beginnt zu lesen von der Romanze zwischen einem französischen Au-pair-Mädchen und einem deutschen Jungen und erinnert sich an den Sommer, in dem er Fabienne kennen- und lieben gelernt hatte. Schon damals hatte er sich nicht getraut, Fabienne seine Liebe zu gestehen, bis auf einen flüchtigen Kuss, den er gewagt hatte. Man darf vermuten, dass Fabienne gerade auf dieses Geständnis seiner Liebe gewartet hatte.

Einige Jahre später begegnen sie sich wieder in Paris, wo Fabienne noch studiert und Andreas ein Praktikum absolviert. Aber auch hier bringt er es nicht fertig, seine tatsächlichen Gefühle zu äußern, und so bleibt es auch hier bei Äußerlichkeiten.

Später erfährt Andreas, dass Fabienne inzwischen Manuel geheiratet und ein Kind bekommen hat, Manuel, sein damaliger Freund, der in dem besagten Sommer auch dabei gewesen war.

Andreas führt ein Leben, das wesentlich durch das Gefühl der Leere gekennzeichnet ist. Er lebt in den Routinen seines Lehrerberufs, hat Affären mit verschiedenen Frauen und es gefällt ihm, wenn diese keine Ansprüche stellen und möglichst unbeteiligt bleiben, wie er selbst.

Aber da ist die Erinnerung an Fabienne…

Als Andreas die Mitteilung bekommt, dass er vielleicht eines lebensbedrohliche Krankheit hat, schmeißt er alles hin, kündigt seinen Stelle, verkauft seine Möbel und trennt sich von (fast) allem, was von seinem bisherigen Leben an Erinnerungen übrig geblieben ist . Bleibt nur noch der rote Kunstlederkoffer, mit dem er vor achtzehn Jahren nach Paris gekommen war, und neben ein paar anderen Kleinigkeiten, die Briefe von Fabienne.

„Nicht einmal sein Adressbuch packte er ein. Er fühlte sich sehr leicht, von allem Ballast befreit. Es war ihm, als habe er die ganzen Jahre geschlafen, als sei er taub geworden wie ein Körperteil, das man lange nicht bewegt hat. Jetzt empfand er jenen seltsam lustvollen Schmerz, den man spürte, wenn das Blut zurück in den Arm oder das Bein schießt. Er war noch am Leben, bewegte sich“.

Und dann macht sich Andreas auf den Weg zurück in die Schweiz, um einige Dinge zu klären…

In diesem Roman verbinden sich zwei Stränge miteinander. Da ist die Frage des, was wäre geschehen, wenn eine Liebe – der man irgendwann im Leben begegnet ist, die damals aber unerfüllt und unbeantwortet geblieben war – doch gelebt worden wäre? Eine Geschichte, die wahrscheinlich viele von uns erlebt haben. Es bleibt immer diese Frage, ob man nicht glücklicher gewesen wäre, ob das Leben nicht besser, schöner, reicher verlaufen wäre.

Der zweite Strang ist das Leben von Andreas, das in Gleichförmigkeit und Leere erstarrt ist, einer Gleichförmigkeit und Routine, die ihm gleichzeitig Halt gibt, denn er hat Angst, dass sein Leben im Chaos versinken würde, wenn er sich aus diesem Leben hinaus begäbe. Auch das sicherlich eine Erfahrung von vielen von uns, dass wir zwar mit dem, was wir gerade tun, nicht zufrieden sind, diesen Zustand aber lieber so beibehalten, als auszubrechen und das Unbekannte zu wagen.

Und dann tritt ein Ereignis in unser Leben, das uns dazu auffordert, nochmal alles zu überdenken.

Als ich vor ein paar Tagen einer französischen Freundin den Inhalt des Buches erzählte, merkte ich , wie sie mir sehr aufmerksam zuhörte, wie sie ganz aufgeregt wurde und mir schließlich erzählte, dass auch sie eine ähnliche Geschichte erlebt hatte als junges  Mädchen auf einem Ausflug nach Deutschland…und wie sie die Geschichte auch jetzt, nach so vielen Jahren, noch bewegt. Ich habe etwas Ähnliches erlebt und wahrscheinlich nicken einige von euch jetzt auch verstehend mit dem Kopf. Wie mächtig sind diese Erinnerungen.

Ja, von daher betrachtet kann das Buch alte Wunden wieder aufreißen oder schöne Erinnerungen wieder wach rufen.Die Frage, was gewesen wäre wenn, hat mich lange Jahre nicht losgelassen und ich habe eine Antwort eingefordert, die ich nie erhalten habe. Es sind die Beziehungen, die letztlich einfach so, ohne ein Wort plötzlich zerbrechen und in der Luft hängen bleiben, die uns ein Leben lang beschäftigen.

Andreas befreit sich schließlich in einem guten Sinn und hat Raum für Neues geschaffen. Und er befreit sich auch ein Stück weit von der Angst vor sich selbst und seinen Gefühlen, die übermächtig sein muss, da er sie die ganzen Jahre unterdrückt hat. Endlich, am Ende, fließen Tränen….

 

 

Nachrichtenflut

Soll ich dieses Gedicht noch schreiben

Oder soll es ungereimt und formlos bleiben

Nachdem die Gedanken tagelang und unbeachtet

In meinem Kopf herumlagen und nicht mehr betrachtet

Seit sie in jener Nacht erstanden in Worten

An irgendwelchen Orten

Die ich am nächsten Tag nur bruch- und stückhaft wiederfand

Und gleich darauf auf später verschob ins Niemandsland

Bis ich sie, so meinte ich, besser durch-und nach-gedacht

Zu Papier oder in ein digitales Bild davon gebracht

Das Bild ist nicht entstanden, die Gedanken nicht mehr neu

Wie trenne ich den Weizen von der Spreu

Schon kommt der Nachrichten nächster Sturm

Was ist noch wichtig, was obsolet, was quält, was treibt mich um

Und was geht es dich an, was interessiert es dich,

meine Sicht von der Welt, meine Ängste, meine Zweifel über das Leben an sich….

Vielleicht, und das mag mich treiben, eine vage Hoffnung

Das du dich wiederfindest in meiner Verzweiflung

Das die Dinge sich nicht ändern und wenn doch, dann scheinbar nicht zum Bessren

Das alles so kompliziert ist und kein Maßstab mehr, an den man sich halten kann und messen.

Ich bin erschrocken über mich selbst und die Zukunft, die sich in Frage stellt

Über den Pessimismus, der mir nicht gefällt

Denn eigentlich liebe ich das Leben, und die Kraft und die Herrlichkeit

Mein Wort in Gottes Ohr, in Ewigkeit

Amen

 

Mein Buchtipp – Morgen kommt ein neuer Himmel

 

Gerade ausgelesen will ich kurz meine Eindrücke über das Buch

„Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spielman an euch weiter geben.

Brett, 34 Jahre, weiß nicht, wie sie den Verlust ihrer in kurzer Zeit an Krebs verstorbenen Mutter ertragen soll, zu der sie ein sehr inniges Verhältnis gehabt und die sie bedingungslos geliebt hatte.

Aber dann der Schock. Bei der Testamentseröffnung erfährt Brett, dass ihre Mutter nicht ihr die Leitung ihres Unternehmens Bohlinger Cosmetics anvertraut hat, wie sie es für selbstverständlich gehalten hatte, sondern ihrer Schwägerin, die sie auch noch als Geschäftsführerin einsetzt. Brett’s  Brüder erhalten soviel Geld aus dem Erbe, dass sie ausgesorgt haben.

Nachdem die anderen Familienmitglieder gegangen sind, holt der von ihrer Mutter mit der Testamentseröffnung beauftragte Anwalt Brad Midar einen Aktenordner aus dem Regal und zieht einen ehemals zerknüllten und wieder glatt gestrichenen Zettel hervor, auf dem Brett im Alter von 14 Jahre ihre Träume und Ziele für ihr kommendes Leben aufgeschrieben hatte. 20 an der Zahl. Ihre Mutter hatte diesen Zettel offensichtlich damals aus dem Papierkorb gefischt und im Laufe der Jahre abgehakt, welche Wünsche sich für Brett erfüllt hatten. Aber da waren noch 10 Leerstellen.

Brett versteht die Welt nicht mehr. Das, was sie sich damals gewünscht hatte, entspricht doch nicht mehr ihrem jetzigen Leben. Und doch: ihre Mutter war der Meinung, dass das Leben, das Brett jetzt führt, ihr eigentlich nicht entspricht und sie ihre Träume von damals verwirklichen solle….Und noch etwas Unerhörtes, was Brett aus dem Tagebuch ihrer Mutter erfährt. Ihr Vater ist gar nicht ihr Vater.

Auf den folgenden Seiten erleben wir mit, wie Brett  ihre „Aufgaben“ erfüllt (und manchmal auch grandios scheitert), damit sie, so ist es im Testament festgelegt, ihr Erbe antreten kann. Ihr bleibt ein halbes Jahre Zeit.

Neben der zunächst aussichtlos erscheinenden Suche nach ihrem richtigen Vater gestaltet sich die Suche nach einem Mann, in den sie sich richtig verlieben kann, am schwierigsten,  nachdem sie festgestellt hat, dass ihr Freund Andrew nicht dieser Mann ist. Sie schwankt zwischen Brad Midar, dem Rechtsanwalt ihrer Mutter, dem Psychologen und Arzt Dr. Taylor und einem Mann im Burberry Mantel, mit dem sie mehrfach kurze Begegnungen hat, ohne dass er für sie greifbar wird. Und dann ist da noch Dr. Herbert Moyer. Bretts Bruder Jay glaubt, er wäre eine gute Partie für sie.

Die Abarbeitung der Ziele hat einige Längen, wie ich finde. Es wird aber nie richtig langweilig, sonst hätte ich das Buch sicher zur Seite gelegt. Spannend wird es wieder gegen Ende, nachdem Brett eine Stellung als Hauslehrerin angenommen hat und auf diesem Wege Dr. Taylor, der einen ihrer Schüler betreut,  und ein junges schwangeres Mädchen kennenlernt…

Mein persönliches Fazit:

Mich hat vor allem der Beginn über die so tiefe Mutter-Tochter-Beziehung und die Trauer über den Tod der Mutter aus eigener Erfahrung berührt. Und wer gerade dabei ist, mal wieder Bilanz zu ziehen über das eigene Leben und was noch übrig ist von früheren Träumen, dem gibt das Buch vielleicht neue Anstöße, das zu verwirklichen, was noch ungelebt geblieben ist.

Insgesamt ein unterhaltsames Buch. Keine große Literatur, aber durchaus geeignet für einige gemütliche Leseabende….und was sich durchaus als Lebensmotto eignet, gibt Brett’s Mutter ihr mit: Morgen kommt ein neuer Himmel.

 

Nachtgedanken

In welche Form kann ich sie gießen

die kleinen Niederlagen des Alltags, die Trauer, das leise Entsetzen

der müden Knochen, die am Morgen die Zeit noch genießen,

sich zu  recken, zu strecken und keine Lust verspüren, sich in Bewegung zu setzen

Wie kann ich sagen, worüber niemand gerne spricht

die Puzzleteile im Kopf, wo eins nur mühsam den Weg zum anderen findet

die Ohren müde vom lärmenden Leben, das nachlassende Gesicht

all das, was manchmal erdrückend den Mut nimmt und Kräfte bindet

Und der Trotz, der sich regt, sich nicht zu beugen

der unbändige Wunsch, noch vieles zu erleben

was damals nicht ging oder ich bereit war zu verleugnen

die Kraft, die mich ausbremst, nicht mehr ausreicht, mich zu bewegen

das zu tun, was ich immer schon erträumte und mich nicht traute

zu wollen

und doch und doch und jetzt erst recht

was nützt es, dem Leben, dem Schicksal, dem Gott weiß was zu grollen

kein Mensch muss müssen, ich kann, ich will, ich bin nicht gerecht

mit mir selbst gehe ich zu hart in Gericht

was hat schon Gewicht?

Die Sonne am Morgen, der Bach, der übermütig in sein Bett sich ergießt

der Mond, der freundlich mir die Nacht erhellt

das Blut, das pochend durch meine Adern fließt

das Herz, das aufgeregt beim Universum ein verwandtes Du bestellt…

 

 

Hin und her gerissen

Bin hin und her gerissen dieser Tage

zwischen Lachen und Weinen, mehr wachen als schlafen

und wenn ich mich frage

woran es liegt, dass ich  keine Ruhe finde, mich nächtens wälze und drehe, als kämpfte ich mit einem nimmermüden Drachen

dann finde ich Antworten und finde sie auch nicht

es ist das Draußen, das mich in seinen Fängen hält

es ist das verstörte Drinnen, es ist sein Gesicht

das mich fragend ansieht und seine Wahrheit zur Debatte stellt

Es gibt nur das Jetzt, das Heute und diese Minute

das Gestern ist vorbei und gewährt kein zurück

heute ist heut und was morgen kommt, ist übermorgen schon wieder von gestern ein Stück

drum muss ich wohl leben in dieser Erkenntnis und mit heißem Blut

annehmen, dass es nichts anderes gibt, als dieses Leben zu nehmen, wie es ist

das Altern, das Sterben, das Fliehen, die mordende Brut

und trotzdem oder gerade deshalb jede Minute flüchtigen  Glücks ergreifen als meinen Besitz

die Liebe nicht vergessen, die in allem liegt,

in jeder Blume, jedem Baum, jedem Fluss, jedem freundlichen Blick

in der Schöpfung und jedem, der ihre Großartigkeit erkennt und sich geborgen in ihrer Schönheit wiegt

die einzig und allein kann wenden unser Geschick

Wir fühlen uns getrennt und leben doch alle unter einem Dach

Wir haben nur diese eine Welt, die uns Herberge gewährt und Wege bahnt

Wir erschaffen sie neu oder wir schaffen sie ab mit einem Handstreich über Nacht

es liegt in unserer Hand…