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Über claudia rachut

Mein Name ist Claudia Rachut. Es ist Zeit, meine Vorstellungsseite zu aktualisieren, denn seit der Entstehung dieses Blogs sind sage und schreibe 9 Jahre ins Land gegangen. 9 Jahre, in denen viel passiert ist, mittendrin mein Ausscheiden aus dem Berufsleben. In den Anfängen habe ich meine Gedanken und Geschichten eifrig mit euch geteilt. Dann ließ die Energie nach...und jetzt, mal schauen.. Ich denke, ich bin seitdem keine andere geworden. Also werde ich euch etwas erzählen, was ich erlebt habe, was mich bewegt. Ich werde mich nicht in politische Diskussionen einklinken. Das überlasse ich anderen oder behalte meinem Privatleben bzw. meiner analogen Öffentlichkeit vor. Ich freue mich, dich auf meinen Seiten begrüßen zu können. Vielleicht gefällt dir das eine oder andere, vielleicht denkst du beim Lesen... ahja, das kommt mir bekannt vor...oder du klinkst dich schnell wieder aus...wie heißt es so schön, alles kann, nichts muss? Eure Claudia

Nachtgedanken

In welche Form kann ich sie gießen

die kleinen Niederlagen des Alltags, die Trauer, das leise Entsetzen

der müden Knochen, die am Morgen die Zeit noch genießen,

sich zu  recken, zu strecken und keine Lust verspüren, sich in Bewegung zu setzen

Wie kann ich sagen, worüber niemand gerne spricht

die Puzzleteile im Kopf, wo eins nur mühsam den Weg zum anderen findet

die Ohren müde vom lärmenden Leben, das nachlassende Gesicht

all das, was manchmal erdrückend den Mut nimmt und Kräfte bindet

Und der Trotz, der sich regt, sich nicht zu beugen

der unbändige Wunsch, noch vieles zu erleben

was damals nicht ging oder ich bereit war zu verleugnen

die Kraft, die mich ausbremst, nicht mehr ausreicht, mich zu bewegen

das zu tun, was ich immer schon erträumte und mich nicht traute

zu wollen

und doch und doch und jetzt erst recht

was nützt es, dem Leben, dem Schicksal, dem Gott weiß was zu grollen

kein Mensch muss müssen, ich kann, ich will, ich bin nicht gerecht

mit mir selbst gehe ich zu hart in Gericht

was hat schon Gewicht?

Die Sonne am Morgen, der Bach, der übermütig in sein Bett sich ergießt

der Mond, der freundlich mir die Nacht erhellt

das Blut, das pochend durch meine Adern fließt

das Herz, das aufgeregt beim Universum ein verwandtes Du bestellt…

 

 

Hin und her gerissen

Bin hin und her gerissen dieser Tage

zwischen Lachen und Weinen, mehr wachen als schlafen

und wenn ich mich frage

woran es liegt, dass ich  keine Ruhe finde, mich nächtens wälze und drehe, als kämpfte ich mit einem nimmermüden Drachen

dann finde ich Antworten und finde sie auch nicht

es ist das Draußen, das mich in seinen Fängen hält

es ist das verstörte Drinnen, es ist sein Gesicht

das mich fragend ansieht und seine Wahrheit zur Debatte stellt

Es gibt nur das Jetzt, das Heute und diese Minute

das Gestern ist vorbei und gewährt kein zurück

heute ist heut und was morgen kommt, ist übermorgen schon wieder von gestern ein Stück

drum muss ich wohl leben in dieser Erkenntnis und mit heißem Blut

annehmen, dass es nichts anderes gibt, als dieses Leben zu nehmen, wie es ist

das Altern, das Sterben, das Fliehen, die mordende Brut

und trotzdem oder gerade deshalb jede Minute flüchtigen  Glücks ergreifen als meinen Besitz

die Liebe nicht vergessen, die in allem liegt,

in jeder Blume, jedem Baum, jedem Fluss, jedem freundlichen Blick

in der Schöpfung und jedem, der ihre Großartigkeit erkennt und sich geborgen in ihrer Schönheit wiegt

die einzig und allein kann wenden unser Geschick

Wir fühlen uns getrennt und leben doch alle unter einem Dach

Wir haben nur diese eine Welt, die uns Herberge gewährt und Wege bahnt

Wir erschaffen sie neu oder wir schaffen sie ab mit einem Handstreich über Nacht

es liegt in unserer Hand…

 

 

 

 

Noch mal Flüchtlinge…

Ich bin immer noch dabei, in der Ausgabe der „Zeit“ vom 23.03.2016 zu lesen und komme nicht umhin, dass Thema der Flüchtlinge noch einmal aufzunehmen. Wie auch mir nicht entgangen ist, hat Norbert Blüm, der ehemalige Bundesarbeitsminister – am meisten im Gedächtnis geblieben durch seinen Ausspruch, dass die Rente sicher ist – das Flüchtlingscamp in Idomeni besucht und dort eine Nacht verbracht. Er schildert in dem Artikel „Ich will Nachricht geben“ seine Gedanken und Erlebnisse. Viele mögen ihn für verrückt halten oder schlimmer noch ihm unterstellen, dass er die Aktion für die eigene Publicity gemacht hat. Ich halte das für unerträglich. Ich ziehe meinen Mut vor Norbert Blüm, dass er sich in seinem hohen Alter dieser Strapaze und dieser menschlichen Herausforderung stellt, um der Welt aus der direkten Erfahrung heraus zu berichten, was sich in Idomeni abspielt.

Er geht hart ins Gericht mit den europäischen Politikern, die sich allesamt des Abends in ihre warmen Betten liegen und sich vielleicht noch selbst und gegenseitig rühmen, dass sie die Flüchtlingskrise nun in den Griff bekommen.

„Wir“ scheinen ja auch nicht nur insgeheim froh darüber zu sein, dass der Flüchtlingsstrom jetzt rapide abgenommen hat und man die Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze jetzt schon bald wird aufheben könnte (Ankündigung von de Mazière von heute).

In der gleichen Ausgabe der Zeit äußert sich Joschka Fischer zu der Frage, ob man mit autokratischen Staatoberhäuptern wie Putin reden sollte. Er bejaht dies, da Blockade und Einstellen der Beziehungen keine Alternativen und darüber hinaus gefährlich seien. Weiterhin beschreibt Fischer das Dilemma, in dem sich demokratische Staaten befinden, die sich einerseits ein Wertesystem gegeben haben, das auf der Einhaltung der Menschenrechte und der Menschenwürde fußt, anderseits aber natürlich auch knallharte politische Interessen verfolgen (müssen), also Werte gegen Interessen. Wenn ich Frau Merkel bei ihren Auftritten beobachte, habe ich den Eindruck, dass sie sich seit ihrer Begegnung mit dem pakistanischen Mädchen in einer Fernsehsendung verändert hat, dass sie diese Begegnung tief berührt und sie innerlich vielleicht auch erschüttert hat.

Nun ist sie in der Folge wieder mit der Realpolitik konfrontiert worden, die ihr einerseits den Widerstand der meisten europäischen Staaten und anderseits Drohgebärden aus der sogenannten Schwesterpartei und den eigenen Reihen beschert und sie gezwungen hat, sich den Bedingungen anzupassen und Lösungen zuzustimmen, die sie persönlich so vielleicht nicht getroffen hätte. Ich räume ein, dass ich nicht sicher bin, ob ich da richtig liege.

Um den Bogen zu schlagen zu Norbert Blüm: Er steht nicht mehr auf der politischen Bühne und kann jetzt endlich das sagen, was ihn bewegt und aus der moralischen Perpektive argumentieren Ich finde es sehr wichtig, dass Menschen wie er uns immer wieder vor Augen führen, dass es nicht in Ordnung ist, was dort in Idomeni und anderswo passiert, und dass wir uns nicht zuviel Sand in die Augen streuen lassen von denjenigen, die behaupten, dass das alles mit „rechtstaatlichen“ Mitteln vonstatten geht.

Gut, meine Perspektive ist auch moralisch und vielleicht christlich orientiert, aber was ist denn mit uns Menschen, wenn wir uns dieser Kategorie im Denken und Handeln entledigen mit dem Hinweis auf die politischen Zwänge.

Andererseit erkenne ich natürlich an, dass die Politik beide Seiten im Auge behalten muss. Zurück zu den Gedankengängen von Joschka Fischer, der schreibt, dass man mit Assad reden müsse, „solange er über die Macht verfügt, dem Morden in Syrien vielleicht ein Ende zu bereiten“. Bezüglich der Türkei fährt er fort “ Die EU wird ihre südöstlichen Außengrenzen nich ohne Kooperation mit der Türkei schützen können. Darüber hinaus spielt das Land im Nahen Osten bis hin nach Zentralsaien geopolitisch eine bedeutende Rolle…“ Auch dieser Argumentation kann ich mich nicht entziehen. (Einschub: Der Begriff der Sicherung der Außengrenzen geht mir auf die Nerven, d.h. doch mit anderen Worten nichts anderes, als das wir die Flüchtlinge eigentlich gar nicht haben wollen, dass sie gefälligst draußen zu bleiben haben. Die Flüchtlinge in Idomeni werden aktuell geopfert für diese Politik der Abschottung und Abschreckung!)

Fischers Schlussfolgerung: „Die Kunst demokratischer Außenpolitik besteht darin, vor allem die langfristigen Weichenstellungen so vorzunehmen, dass möglichst wenige Widersprüche zwischen Werten und Interessen auftreten und tagtäglich die Balance zwischen beiden Teilen ihrer Fundamente gelingt“. Ich frage mich allerdings, wo im Moment die Werte noch ihren Ausdruck in der konkreten Politik finden, was das für Werte sind, auf die die EU sich aktuell gründet und ob z. B. das gestrige Nein der Niederländer zum Assoziierungsvertrag mit der Ukraine nicht schon der Anfang vom Ende der EU ist.

So, das musst jetzt einfach raus zu den politischen Ereignissen. Irgendwo muss man/frau ja hin mit den Gedanken.

Es grüßt euch

Claudia

Mein Buchtipp – Ein ganzes Leben

 

Heute möchte ich euch das Buch

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

aus dem Goldmann Verlag vorstellen, das ich kürzlich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe.

Der Roman beschreibt die Lebensgeschichte von Andreas Eggert, der Anfang des 20sten Jahrhunderts geboren wurde. Das genaue Datum ist unbekannt, da seine Mutter früh verstirbt und er bei einem Onkel in einem Gebirgstal mehr schlecht als recht, also mehr schlecht aufwächst. Der Onkel hat ihn nur deshalb aufgenommen, weil er bei seiner Ankunft ein Ledersäckchen mit Geld bei sich trug. Andreas eindrücklichste Erinnerung an diese Zeit sind die Schläge, die er meistens über einer Leine hängend mit einer Rute auf den nackten Hintern bekam. Eines Tages wird er so heftig geschlagen, dass ein Bein dabei bricht und er fortan humpelt. Mit 18 verlässt er, nun ein trotz seiner Behinderung starker junger Mann geworden, den Hof seines Onkels und verdingt sich mit den verschiedensten Arbeiten, die so anfallen. Er ist fleißig und kräftig und fragt nicht viel. Diese Eigenschaften ziehen sich durch sein gesamtes Leben. Dieses Leben ist weitgehend unaufgeregt, bis er eines Tages Marie begegnet, Marie, der Liebe seines Lebens.

Andreas ist sich bewusst, dass er, wenn er Marie heiraten will, nun für ein regelmäßiges, auskömmliches Einkommen sorgen muss, denn das gehört sich so. Für eine Lohnerhöhung arbeitet er noch mehr und noch härter bei der Seilbahngesellschaft, bei der er angestellt ist, bis er sich endlich traut, Marie einen Antrag zu machen.

Es scheint, als begänne nun ein glücklicheres Leben für die beiden. Aber es kommt anders. Marie wird eines Tages von einer Lawine verschüttet…

Mein Resümee: Mir hat der Roman sehr gut gefallen, in seiner einfachen Sprache, die dem Charakter von Andreas Eggert entspricht, aber auch in seiner Poetik, wenn Andreas über das Leben und die Liebe sinniert, oder wenn er immer wieder staunt, über eben dieses Leben und über die Schönheit der Natur.

Sehr angenehm zu lesen, nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der größeren Schrift und des größeren Zeilenabstandes. Vielleicht auch Spiegel der Bedächtigkeit der Erzählung und der Lebensart von Andreas, der nur wenige Male in seinem Leben aus seiner Spur gerissen wird.

Glücklich, wer wie Andreas am Ende seiner Tage und eines doch harten und meistens entbehrungsreichen Lebens feststellt, dass es eigentlich doch kein schlechtes war!

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

 

Jesus oder Pilatus

So titelt die „Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 23. März in der Rubrik „Glauben und Zweifeln“ und stellt dabei die Frage nach unserer Antwort auf die Flüchtlingskrise. Sie stellt dabei aus christlicher Sicht zwei Positionen gegenüber: die radikale, bis zur Selbstaufopferung reichende Nächstenliebe (Jesus) und die von Pilatus, dem römischen Statthalter, der Jesus kreuzigen lässt, nicht, weil er ihn unbedingt für schuldig hält, sondern weil er die politisch pragmatische  Entscheidung fällt, Jesus zu opfern für die Bewahrung des Friedens.

Der Autor fragt weiter nach der Relevanz der beiden Verhaltensweisen für unser heutiges Handeln in der Flüchtlingskrise. Er nennt dabei das Beispiel von 4 Nonnen und 12 Pflegern in einem Altenheim im Jemen, die bei den ihnen anvertrauten alten Menschen bleiben, als das Heim von Djihadisten überfallen wird. Die Nonnen und das gesamte Personal werden ermordet. Ihre Barmherzigkeit war den Angreifern Provokation genug. Die Alten werden verschont, wenn man das verschonen nennen kann, denn sie sind jetzt auch verloren. Der Autor des Artikels: „Für sie (die Nonnen und ihre KollegInnen) ist das Maximum an Barmherzigkeit das Mindeste. Ihr Mut lässt unsere derzeitigen Debatten über das nötige Minimum an Hilfe in der „europäischen Flüchtlingskrise“ kleinlich erscheinen. Und jetzt wird es interessant. Er fährt fort:  „Denn wir ziehen Grenzen der Hilfsbereitschaft, ohne an unsere Grenzen gegangen zu sein…“

Die entscheidende Frage ist letztlich, was wir in den aktuellen Lage tun können. Die absolute Opferbereitschaft eines Christus oder der mutigen Nonnen und ihrer Mitarbeiter sind ein „moralischer Extremfall“, der vermeintliche Selbstschutz eines Pilatus offensichtlich das, was derzeit praktiziert wird mit noch nicht absehbaren Folgen für unser so gepriesenes europäisches Wertesystem, wenn man den letzten Nachrichten von Amnesty International Glauben schenken darf, denen zufolge syrische Flüchtlinge in großer Zahl aus der Türkei zurück nach Syrien gebracht werden! Alles nur Selbstschutz, oder sagen wir besser Abschottung? Ist der Versuch nicht durchsichtig, uns unserer eigenen Verantwortung zu entziehen, indem wir die Türkei – wie wir so schön sagen – mit ins Boot holen? Die Politik hat sicher immer auch abzuwägen zwischen  „Moral“ und „Pragmatismus“ und den Schutz des eigenen Landes zu berücksichtigen. Aber wovor schützen? Vor den Flüchtlingen, die  ein Anrecht auf Asyl und Schutz haben oder vor rechtsradikalen Tendenzen, die gerade schon unser Parteiensystem durcheinander bringen. Ich bin auch Realist genug für die Feststellung, dass die Gesellschaft – wie immer gesagt wird – einen ungehinderten Zustrom von Flüchtlingen  nicht verkraftet, wie man das auch immer definieren mag. Es müssen zweifelsohne Strukturen, Personal und viele, viele Helfer da sein, die an der Integration der Flüchtlinge mitwirken, sonst kann sie nicht funktionieren und führt zu nachhaltigen gesellschaftlichen Problemen.

Was die rechtsaussen Seite der Gesellschaft angeht, weiß ich auch nicht recht, wie man ihr begegnen kann und muss. Sicherlich mit einer konsequenten Strafverfolgung. Ob es einen Diskurs mit diesem Teil der Gesellschaft geben kann, bezweifle ich. Das Einzige, was m.E. hilft, ist, das die Politik zeigt, dass sie glaubwürdige Lösungen für die Probleme der Menschen anbietet. Kürzlich sah ich einen Film über Wähler der AfD bzw. der NPD oder beides gleichzeitig im Osten und Westen der Republik und musste feststellen, dass die meisten Bürger auf die Frage, in wieweit sie durch die Flüchtlinge tatsächlich beeinträchtigt werden, keine oder nur sehr vage Antworten geben konnten. Einer sagte nur: Iss eben so…Wo soll man da anfangen zu diskutieren? Oder vielleicht doch gerade da ansetzen und mit den Menschen reden, um doch noch einen Sinneswandel zu erreichen?

Nun  zurück zu der Ausgangsfrage, wie wir alle mit der Flüchtlingskrise umgehen. Der Autor des Artikels stellt die Frage: „Könnte es sein, dass viele Deutsche sich insgeheim schämen, weil sie zu keinem wirklichen Opfer bereit wären?“ Ja, könnte sein, was mich persönlich betrifft. Es ist nicht die Angst vor der Begegnung, ganz im Gegenteil, ich bin neugierig und möchte etwas von den Menschen erfahren, was sie erlebt haben und wer sie sind. Aber ich habe Angst, Verantwortung übernehmen zu müssen, denn wenn man sich einlässt auf Menschen, übernimmt man immer auch ein Stück Verantwortung. Würde ich das schaffen?

Ich zitiere noch einmal aus dem „Zeit“-Artikel: “ Da hilft es auch nicht, über „nahes“ und „fernes“ Mitleid zu philosophieren und mit pilatushaftem Bedauern festzustellen, dass wir nun mal nicht sämtliche Konflikte der Welt befrieden können…Vielleicht ist die österliche Gestalt der Stunde ja weder Jesus noch Pilatus, sondern eine ganz andere, unscheinbare: Simon von Cyrene…. Am Karfreitag hilft er dem erschöpften Jesus das Kreuz zu tragen. Eigentlich wollte Simon das nicht, denn er fürchtet, selber zum Opfer zu werden. Aber dann geht er den Kreuzweg ein Stück mit. Wie weit? So weit er kann. Sein Beispiel zeigt, dass es hilft, zu helfen. Das Maß der Hilfsbereitschaft aber lässt sich nicht vorherbestimmen. Pathetisch gesagt: Man muss das Kreuz erst schultern, bevor man weiß, wie weit man es tragen kann.“

 

Prophylaxe

Schon mal gehört? Prophylaxe gibt’s ja überall: Gesundheitsprophylaxe, Krisenprophylaxe, Profilaxe usw usf.

Bei mir persönlich findet Prophylaxe im Allgemeinen nur beim Zahnarzt statt, meine Zähne sind mir schließlich „heilig“, und all die anderen Ratgeber fürs Leben lasse ich meist links oder rechts liegen. Frau weiß beim Lesen nach kurzer Zeit sowieso nicht mehr, was sie tun und nicht lassen kann…Jeder weiß es besser.

Zurück zu meiner Prophylaxe.

Da bin ich konsequent: einmal im Jahr findet eine Grundreinigung statt. Bisher hatte ich von meinem Zahnarzt immer gute Pflegenoten bekommen und heischte nach einer Bestätigung durch meinen neuen Zahnarzt und dessen Helferin. Nun, letztere bestätigte mir bei der Durchsicht lediglich, dass ich an die tiefen Stellen im Zahnfleisch mit der Bürste gar nicht ran käme. Also nur Teilentlastung.

Dann werde ich per Knopfdruck in eine liegende Position gebracht, die jeden Widerstand sogleich zwecklos macht, und ein Rotor beginnt in meinem Mund sein Unwesen zu treiben. Unaufhörlich bohrt er sich unter mein Zahnfleisch, während der Absauger vergeblich gegen die Wassermassen, die meinen Mund überschwemmen, ankämpft. Bevor ich absaufe, reiße ich verzweifelt meinen linken Arm in die Höhe – mit dem anderen hätte ich zweifelsohne die Zahnartzhelferin vom Hocker geholt – und sie gewährt mir,  auch aus Selbstschutz, eine kurze Schluck- und Atempause.

Anschließend kommt sie mit dem Skalpell für Zahnärzte und ritscht und ratscht von oben nach unten jedes Körnchen Zahnstein weg und zeigt mir auch noch stolz das Ergebnis.

Dann wird noch poliert und ich gebe mich der Hoffnung hin, dass ich mich jezt entspannen kann, denn in meinem Mund verbreitet sich ein angenehm frischer Pfefferminzgeschmack.

Als ich mich also schon am Ende der Behandlung wähne, und der Blutdruck sich langsam wieder auf sein normales  Niveau einpendelt, fragt mich die Zahnarzthelferin, ob ich schon „Air Flow“ kennen würde. Ich verneine. Ich hätte zwar schon mal davon gelesen im Angebotsspektrum der IGEL-Leistungen meines vorherigen Zahnarztes, (der inzwischen wegen Insolvenz das Land verlassen hat, wahrscheinlich weil nicht genügend PatientInnen von diesen Sonderleistungen Gebrauch gemacht hätten), wüsste aber nicht genau, was das ist. Sie erklärt, dass man damit Verfärbungen entfernt, und die Zähne anschließend wieder in strahlendem Weiß erscheinen. Naja, kann mir nur recht sein. Das schaffe ich dann auch noch.

Daraufhin cremt sie mir die Lippen ein und zieht über dieselbigen eine Plastikapparatur, die die Lippen schützen und gleichzeitig meinen Mund offensichtlich weit geöffnet halten soll. Schade, dass ich davon keine Selfie machen konnte. Das wär ein schönes neues Bild geworden für die Social Media. Scherz beiseite, Mund weit aufhalten bei notorischer Verspannung der Nacken- und Kiefermuskulatur ist eine Tortur an sich. Dann wird mir noch das Gesicht verhängt mit einem Tuch, und die Zahnarzthelferin bittet mich, die Augen während der Behandlung auch schön gesschlossen zu halten. Was kommt denn jetzt noch?

War ich  mir eben noch sicher, mich auf dem Behandlungsstuhl meines neuen Zahnarztes zu befinden, fühle ich mich augenblicklich in einen Sandsturm in der Sahara versetzt, als sich ein Sandstrahlgebläse in Gang setzt und mir gefühlt nicht nur den gesamten Zahnschmelz von meinen Zähnen entfernt, sondern auch noch in jeden Winkel meines Mundes eindringt und eine feucht-sandige Masse hinterlässt. Inzwischen sehe ich ein, dass die von mir gerade noch mit einem geistigen Kopfschütteln bedachten Sicherheitsmaßnahmen der Erhaltung meines Lebens dienen und schenke meiner Zahnartzhelferin einen dankbaren Blick, als sie mir das Tuch wieder vom Gesicht nimmt und ich feststelle, dass ich weitgehend unversehrt wieder auf meinen Zahnarztstuhl zurückgekehrt bin.

Als ich endlich ausspülen darf, stelle ich fest, dass das Becken, das die Sand-Speichelmischung aufnehmen soll, sowohl, was seine Höhe als auch den Winkel zum Behandlungsstuhl angeht, nur schwer erreichbar ist, so dass ich bei dem Versuch, den Becher zum Ausspülen zu erreichen, halb aus dem Stuhl falle und mit dem Kinn auf dem Beckenrand lande. Ich erinnere mich an das Gefühl, als ich vor Jahren mit meinem Sohn in einen Vergnügungspark gefahren bin, in dem ein überdimensionales Haus aufgebaut war, um zu demonstrieren, wie sich kleine Kinder angesichts der fast unerreichbaren Möbelstücke fühlen. Auch die Zahnarzthelferin räumt ein, dass es sich wohl um  eine Fehlkonstruktion handelt. Jetzt wird mir auch blitzartig klar, warum sie mir nicht schon früher die Möglichkeit angeboten hat, den Mund zu spülen. Mit letzter Kraft gelingt es mir, den Becher zu ergreifen, an meinen Mund zu führen und mich endlich vom Saharasand zu befreien.

Geschafft.

Zu Hause angekommen, schaue ich neugierig in den Spiegel und bins zufrieden. Hat sich dann doch gelohnt, die Tortur. Und bis zum nächsten Jahr ist es noch lange hin!.

Viel Spaß bei der nächsten Prophylaxe!

an einem verregneten Karfreitag….

was tut frau da? Pröckelt zu Hause im Haushalt rum und versucht, sich von Altlasten jeder Art zu befreien, guckt nachmittags Filme, die sie schon mindestens dreimal gesehen hat und immer noch schön findet, taut sich dabei ein leckeres Stück selbstgemachten Pflaumenkuchen vom letzten Herbst auf (da hat es mal gut geklappt mit dem Backen), trinkt dazu einen handgemachten sizilianischen Espresso..und geht dann abends, als es draußen doch noch zu regnen aufhört, ins Kino!

Kurz vorher noch ins Programm geschaut. Entscheidung fällt für einen französischen Film (klar, da kommt wieder die Romanistin durch), Gott sei Dank aber in deutscher Sprache, in Französisch wärs mir heute echt zu anstrengend. Will mich schließlich entspannen.

Also:  Birnenkuchen mit Lavendel soll es werden. Der Film findet in unserem Traditions-Hasetorkino statt. Vor vielen Jahren (oje, vor wie vielen Jahren? Das verschweigen wir lieber) war ich dort regelmäßig Gast (Gästin sagt Gerburg Jahnke immer in Ladies Night) und freue mich drauf. Als ich ankomme, steht die Schlange schon bis auf die Straße. Ich hab nicht reserviert. Meistens kriege ich das nicht hin, weil ich mich auch immer so kurzfristig entscheide. Große Menschenmassen verlassen gerade das Kino, nachdem der vorhergehende Film zu Ende ist…Wo kommen die bloß alle her. Deshalb geht es in der Schlange auch nicht vorwärts.

Ich sehe schwarz, dass ich noch einen Platz ergattere. Irgendwann kommt dann auch noch die Durchsage, dass doch jetzt erstmal diejenigen vortreten mögen, die reserviert haben und alle die glücklichen Unzähligen schlängeln sich jetzt rechts und links an mir vorbei in den Saal..Ich hatte mich schon so gefreut!

Da die Hoffnung auch bei mir zuletzt stirbt, gebe ich nicht auf und arbeite mich schneckenmäßig weiter nach vorn. Höre, wie durchgesagt wird, welche Plätze noch frei sind…Reihe 5 rechts außen, Reihe 1 Mitte..Ich rücke weiter vor, immer noch was frei….weiter, weiter. Dann höre ich, dass noch „Thekenplätze“ frei sind. Das gibts doch nicht! Genau davon hatte ich geträumt. „Damals“ habe ich immer dort gesessen, ganz hinten auf den erhöhten Thekensesseln mit  Überblick über den ganzen Saal. Schon wieder eine Erinnerung. Ich komme von dem Thema zurzeit gar nicht weg. Ein Cappuccino,  der lässig auf der „Theke“ vor einem abgestellt wurde, gehörte auch immer fürs Wohlbefinden dazu. Überall lauern Erinnerungen!

So bekomme ich also nicht nur eine Karte, sondern sogar noch meinen Lieblingsplatz dazu!

Ich weiß nicht, woran es gestern lag: entweder sind meine Beine im Laufe der Jahre länger oder der Abstand zwischen Hocker und Theke kleiner geworden. Ungefähr eine halbe bis dreiviertel Stunde benötigte ich, bis ich eine halbwegs angenehme Position fand, in der ich mich dann ganz dem filmischen Geschehen hingeben konnte. Bis dahin schmiss ich unter den quietschenden Geräuschen meines Hockers meine Beine abwechselnd nach rechts oder links außen, um dann eins über das andere zu schlagen. Spätestens, wenn es in einem der Beine unangenehm zu kribbeln anfing, alles wieder in die andere Richtung, zur Abwechslung mal beide Beine jungfräulich nebeneinander aufgestellt, dann wieder den Oberkörper schwer auf der Theke abgelegt….

Wie gesagt, nach einer langen Weile gaben meine Beine den Widerstand auf und beugten sich den Bedingungen. Vielleicht sollte ich das nächste Mal doch einen „vernünftigen“ – was immer das heißen mag – Platz wählen und die Erinnerung, die den Kampf mit dem Hocker offensichtlich erfolgreich verdrängt hatte, Erinnerung sein lassen.

Und jetzt komme ich endlich an das eigentliche Ziel meiner Erzählung: den Film

 Birnenkuchen mit Lavendel

Gestresst durch Geldschwierigkeiten wegen säumiger Kunden fährt die gerade verwitwete Obst-Birnenbauerin Louise einen attraktiven jungen Mann – Pierre – über den Haufen, der auf der Flucht vor einer „Evaluierung“ seines Zustands unversehends über die Straße läuft. Unerwartet steht er nach dem Unfall auf und läuft einfach davon…

Louise läuft ihm hinterher, nimmt ihn zur Versorgung seiner Schürfwunde mit nach Hause….und stellt fest, dass er „anders“ ist. Der junge Mann leidet an dem Asperger Syndrom, d. h. er kann Eindrücke nicht sortieren bzw. aussortieren und ist leicht überfordert, wenn zuviel auf ihn einströmt. Mit Zahlen fühlt er sich wohl, Gefühle zu äußern, fällt ihm dagegen schwer. Sie dagegen… ..Also, frau kann es sich denken…Die Frage aller Fragen: Kommen die beiden zusammen?

Mehr wird nicht verraten. Insgesamt eine einfühlsame Liebesgeschichte der leisen Töne in der großformatig dargestellten wunderbaren Landschaft der Provence…

Bei den ganzen Katastrophenmeldungen und der Unruhe in der Welt braucht frau/man auch mal eine Auszeit. Dafür ist der Film bestens geeignet. Das Kino war rappelvoll, so dass es offensichtlich nicht nur mir so geht. Und auch sonst sehenswert.

Viel Spaß beim Schauen….

Du fehlst mir…

….Mama.

Wenn ich mit meiner Schwester telefoniere, unterhalten wir uns meistens auch noch über unsere Mutter, die jetzt gerade ein Jahre tot ist. Wir erinnern uns gemeinsam, und das tut gut.

Meine Schwester erzählt mir, dass die Erinnerung meistens wie aus heiterem Himmel kommt aus einer bestimmten Situation heraus. Bisher habe ich es nicht so erlebt, vielmehr ist meine Mutter eigentlich immer sehr präsent (nun, ein Foto von ihr steht in meinem Wohnzimmer).

Heute Morgen traf es mich allerdings wie der Blitz.

Gegen meine Gewohnheit, und weil ich kein Brot mehr im Haus hatte, legte ich ein gefrorenes Brötchen, das noch von meinem Geburtstag übrig geblieben war, auf den Toaster. Als das Brötchen durch das Erhitzen seinen Geruch in der ganzen Wohnung verströmte, durchfuhr es mich:

Meine Mutter holte sich jeden Morgen ein Brötchen aus dem Eisfach und backte es   auf. Das war eine ihrer größten Freuden, wenn sie in das frisch aufgebackene Brötchen beißen konnte.

Als mir jetzt dieser Geruch in die Nase stieg, standen mir die Tränen in den Augen!

Mama, du fehlst mir!

 

 

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Dieses inzwischen geflügelte Wort von Richard David Precht bringt die Frage unseres Lebens auf den Punkt: Wer bin ich…und wie viele, d.h. gibt es mich als kohärentes Wesen, oder bestehe ich aus mehreren Wesenheiten gleichzeitig, und was ist mein wahres Ich, was macht mich aus, bin ich die, die ich sein möchte…

Dazu einen anderen Satz, den ich auf einem Kalender mit indischen Weisheiten gefunden habe:

„Jeder von uns besitzt eine ihm eigene Natur, der er folgen muss und durch die er den Weg zur Befreiung finden wird“. (Swami Vivekananda)

Ich glaube, jeder kommt in seinem Leben an einen Punkt, an dem er/sie sich diese Frage stellt. Meist sind es Krisen, die vermehrt in der Lebensmitte oder im fortgeschrittenen Alter auftreten, wenn der Blick sich erstmalig nach der Konzentration auf Ausbildung, Karriere und Familie in einer andere, existentielle Richtung bewegt. Frau fragt sich, ob das alles so richtig ist, was frau tut und getan hat, ob es noch andere Lebensziele gibt, die bisher nicht gelebt wurden. Bei mir begann diese Auseinandersetzung bereits im Alter von etwa 3o Jahren auf Grund einer Krise in meiner Ehe. Mein Sohn wurde geboren, das größte und schönste Ereignis in meinem Leben überhaupt, aber der krisenhafte Zustand besserte sich dadurch nur kurzzeitig…Kinder können eben keine Ehe retten!

In den folgenden Jahren beschäftigte ich mich auf verschiedenen Wegen und in Seminaren intensiv mit dem Thema „Selbstfindung“.

Das vorläufige Ende dieses Prozesse war die Trennung erst 9 Jahre später. So lange hatte ich gebraucht, um mich im o.g. Sinn zu befreien. Nun bedeutete diese Entscheidung nicht, dass von heute auf morgen alle Probleme gelöst und ich fortan glücklich und zufrieden weiter lebte. Jetzt musste ich mich und meine Stellung im Leben neu definieren. Alles allein stemmen, allein leben (mit meinem Sohn natürlich, aber in punkto Lebensbewältigung war ich auf mich allein gestellt), das Leben neu organisieren, einen neuen Bekanntenkreis aufbauen. Von den alten Freund*innen blieb kaum jemand übrig, werden alleinerziehende Mütter von anderen verheirateten Frauen doch eher argwöhnisch beäugt und Kontakte abgebrochen.

Um das Ganze von der persönlichen Ebene zu lösen, geht es für mich oder wahrscheinlich für jeden von uns immer noch darum herauszufinden, warum wir eigentlich hier sind und worin wir unseren Sinn finden. Ich habe immer Menschen beneidet, die konsequent einen bestimmten Weg verfolgt haben, z.B. Schauspieler, die schon früh spürten, wohin die Reise für sie gehen sollte und die sich allen Widrigkeiten zu Trotz auf ihren Weg gemacht haben. Mir fehlte immer diese konsequente Richtung in meinem Leben und ich habe sie bis heute nicht gefunden. Vielleicht stimmt das aber auch nicht und ich bin längst auf dem mir gemäßen Weg und habe es nur noch nicht bemerkt. Ich glaube, irgendwo habe ich mich dazu schon mal geäußert. Ist ja auch egal.

Aus der Erfahrung heraus würde ich sagen, der Weg zur Selbstfindung führt über das Hineinhören in sich selbst. Es gibt da Stimmen, die sich Gehör verschaffen wollen. Wenn sie ignoriert werden, finden sie immer neue Wege, auf sich aufmerksam zu machen in Form z. B. von psychosomatischen Störungen oder ernsthaften bis schlimmstenfalls tödlichen Krankheiten. Man möge mich nicht falsch verstehen: Ich glaube nicht daran, dass alle Krankheiten daher rühren, dass wir nicht auf unsere innere Stimme gehört haben, aber es gibt meines Erachtens einen Zusammenhang zwischen einem Leben, das nicht zu meiner Natur und dem, was ich eigentlich hier auf der Welt zu tun habe, passt und Krankheiten begünstigen kann. Ich erinnere an das Buch von Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke aus dem Jahre 1998: „Krankheit als Weg – Deutung und Be-deutung der Krankheitsbilder“. Es gibt andere, konkrete Beispiele aus dem täglichen Leben. Eine Kollegin arbeitet lange Zeit immer viel zu viel. Sie erkrankt immer mal wieder leicht, nimmt diese Symptome aber nicht ernst. Dann zwingen sie massive Rückenschmerzen zur Ruhe. Ich konnte schon mehrere Male in meinem Leben Zusammenhänge zwischen  einer Überlastung und bestimmten Ereignissen  herstellen. Mal erwischte mich im Bus zur Arbeit ein Hexenschuss, so dass ich mich geschlagen geben und eine Zwangspause einlegen musste. Ein anderes Mal hatte ich nach einer sehr anstrengenden beruflichen Phase einen Unfall u.v.a.m. Wie gesagt, ich glaube, die innere Stimme gibt immer abgestufte Signale, je nachdem, wie dringend eine Kehrtwende, ein Innehalten erfolderlich ist. Viele Menschen, die ernsthafte Krankheiten überstanden haben, geben ihrem Leben anschließend eine komplett neue Richtung, weil sie erkannt haben, dass das frühere Leben ihrer eigentlichen Natur widersprochen hat.

Um es nochmal zu betonen: Immer einen kausalen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Lebensweise und dem Auftreten von Krankheiten herzustellen, halte ich sogar für gefährlich, würde es doch bedeuten, dass wir für alle unsere Erkrankungen letztlich selbst verantwortlich und an ihnen „schuld“ sind.

Es kann aber in jedem Fall nicht schaden, auf die Signale zu hören, die der Körper oder auch die Seele senden. Dabei geht es nicht nur um die genannten Signale in Form von Krankheitssymptonen. Die innere Stimme kann manchmal sehr laut werden und bestimmte Handlungen gleichsam einfordern. Dann sollte man ihr auf jeden Fall folgen!

Vielleicht habt ihr in eurem Leben auch schon mal solche Momente erlebt, in denen ihr das Gefühl hattet, irgendetwas tun zu müssen, ohne dass ihr darüber nachgedacht hattet, eine Kraft, die euch in eine bestimmte Richtung führen wollte. Würde mich freuen, davon zu hören.

Eure

Claudia

 

 

Der Musiker

Scheinwerfer tauchen die Bühne in gedämpftes Licht
Er huscht den kurzen Weg hin zu seinem Hocker
Fast als fürchte er, auf dem kurzen Weg dorthin noch zu straucheln
Mit Mühe nimmt er Platz auf seinem erhöhten Hocker                                                                      Zupft sich die Hose über dem linken Knie zurecht
Dann greift er zur Gitarre zu seiner rechten, hebt sie an
Wie ein kleines Kind, das man liebevoll auf den Arm nimmt
Legt sich den Haltegurt um den Hals
jede Geste mit großem Bedacht…
Und beginnt zu spielen
„Der Musiker“

Er spielt Lieder aus früheren Sturm und Drang-Zeiten
Als wir beide noch jung und ungestüm in unseren politischen Ideen waren
Und ich ihn schätzen lernte
Jetzt zieht er sein Publikum mit seinen so poetischen Balladen
Über das Leben, seinen Vater und die Liebe in seinen Bann
Es ist ganz still im Raum
Nur kein Wort, keinen Ton verlieren
Er verzaubert uns und trägt ein Lächeln auf dem Gesicht
Ich glaube, er ist glücklich

Wenn er singt, ist er zu Hause
Seine feingliedrigen Finger schlagen sicher ihre Töne an
Vertraut sind ihm die Worte seiner Lieder noch
Das Reden ist ihm schwer geworden, scheint‘s
Wenn er erzählt aus seinem Leben
Darum spielt er lieber, spielt noch einmal sein ganzes Repertoire an Fingerfertigkeit
Singt seine Lieder
Mal stürmisch seine Stimme erhebend
Meist sanft wie ein ruhiger Fluss dahingleitend
Einmal scheint ein Ton nach der Ewigkeit zu greifen
Als er in „Les feuilles mortes“ dem leisen Sterben einer Liebe seinen Ausdruck gibt
Fast bis zur Atemlosigkeit
Ich schließe meine Augen
Und höre ihn
An diesem Ort ist er jung

In der Pause lasse ich mir eines seiner Bücher signieren. Wir wünschen uns alles Gute…

Durch unseren Beifall am Ende des Konzerts bekunden wir ihm
Dass wir ihn eigentlich nicht gehen lassen wollen
Und so bringt er uns mit drei Zugaben noch alle herzlich zum Lachen                                              vor allem mit seiner Version der Vertreibung aus dem Paradies
Ich denke bei mir, ob wir ihm nicht zu viel abverlangen
Aber es steht Dankbarkeit im Raum
Dankbarkeit, dass wir zu ihm gekommen sind und Dankbarkeit, dass wir ihn hören durften.
Der Musiker
Er ist Musik