Bin ich (noch) motiviert?

Wie alles im Leben verändert sich mit dem älter werden auch die Motivation für bestimmte Dinge.

Letzte Woche habe ich an einem Bildungsurlaub Englisch teilgenommen und dort ist mir wieder klar geworden, dass sich die Gewichtung von Dingen und mein Interesse dafür ändert. Das ist ein ganz normaler Vorgang und nicht unbedingt altersbedingt, sei hier vorab gesagt.

Während mein Kreislauf bei Veranstaltungen, deren Thematik mich nicht unmittelbar berührt und die auch keine aktive Teilnahme meinerseits erfordern, relativ schnell in den Ruhemodus übergeht mit entsprechender Stellung der Augen, war ich während der gesamten Woche mit Ausnahme der beiden Tage, an denen ich vorher schlecht geschlafen hatte, hellwach, während andere Teilnehmer schon längst gähnten, sich mit ihren Smartphones beschäftigten oder eben auch durch geistige Abwesenheit glänzten.

Hellwach und das über 8 Stunden Sprachunterricht, für mich schon eine außergewöhnliche Leistung. Woher das kommt? Weil mich Sprachen schon immer interessiert haben.  Weil ich  intrinsisch, das heißt aus einem inneren Antrieb heraus, motiviert bin. Das Gegenteil dazu ist die extrinsische Motivation, die sich aus äußeren Quellen speist, sei es aus der erhofften Anerkennung der Eltern, dem Ausblick auf eine Belohnung, eine Beförderung usw. Die intrinische ist relativ stabil (aus meiner Sicht), während die extrinische nur vorübergehend ist und immer wieder eines neuen, äußeren Impulses bedarf.

Also, für Sprachen bin ich intrinsisch motiviert und das war und ist und bleibt hoffentlich auch so. Natürlich bedarf es günstiger (Lern-)bedingungen: ein „guter“ Lehrer, der die Materie fachlich und didaktisch gut rüberbringt, eine gute Atmosphäre unter den Teilnehmern, ein angenehmer Lernraum etc. Günstige Bedingungen sind also eine weitere Voraussetzung für motiviertes Lernen und Handeln.

Ich habe zu Anfang darüber gesprochen, dass sich die Interessen und die Motivation für bestimmte Dinge im Leben immer wieder ändern. Im Hinblick auf meine Freizeitbeschäftigungen für mich auch dergestalt, dass ich zunehmend darauf achte, dass auch die o.g. äußeren Bedingungen für mich stimmen. Ich bin intrinisch motiviert, etwas zu tun, z.B. eine Sprache zu lernen oder Sport zu treiben, aber ein gutes Drumherum brauche ich inzwischen auch mehr als früher. Die Lebenszeit wird immer begrenzter und daher möchte ich sie so gut wie möglich nutzen und mich möglichst nicht ärgern. Und dazu gehört auch, dass ich mich zu Wort melde, wenn diese Bedingungen nicht stimmen, und versuche, sie zu ändern.

Im Arbeitsleben lässt sich das nicht immer leben, aber auch da gilt für mich: ich muss mich von einer Sache mitnehmen lassen, sie muss mich interessieren und mich anspornen, sie zu erfüllen, dann wird sie auch gut. Dann bin ich der kleine orangefarbene Kerl auf dem Bild oben, der sich auf seine Aufgaben freut. Natürlich spielt meine eigene Einstellung zu den Dingen eine erhebliche Rolle. Wenn ich jeden Morgen zur Arbeit gehe und denke, was für ein Mist da wieder auf mich wartet, wird das mit Sicherheit kein guter Tag! Wenn ich mich freue, etwas bewegen oder schaffen zu können, wenn ich mich auf die Zusammenarbeit mit meinen KollegInnen freue, auch dann wird mir der Tag besser gelingen.

Ich kann also auch an meiner intrinischen Motivation arbeiten. Und das ist, wie ich finde, die gute Nachricht! Meine Sicht auf die Welt entscheidet auch darüber, wie die Welt ist.

Also, bleibt schön motiviert!

Mein Buchtipp für Frankophile: Philippe Besson – Arrête avec tes mensonges

Heute nach langer Zeit mal wieder ein Buchtipp. Leider zunächst nur für Frankophile und des Französischen Mächtige, denn den Roman „Arrête avec tes mensonges“ (Hör mit deinen Lügen auf)  gibt es im Moment nur auf französisch. Ich gehe aber davon aus, dass er in nicht allzu ferner Zukunft auch in deutscher Übersetzung erscheint, wird er doch von manchen Kritikern schon als bisher bester Roman Philippe Bessons gehandelt.

‚Arrête avec tes mensonges‘ ist insofern ein besonderer Roman, als Philippe Besson erstmals sein Credo verlässt, dass seine Romane rein fiktiv seien und nichts mit ihm persönlich zu tun hätten .

Als Sohn des Schuldirektors muss Philippe immer der Beste sein, Eliteschule und Karriere sind vorprogrammiert, und Philippe stellt die Erwartungen seines Vaters nicht in Frage. Am liebsten liest er und erfindet Geschichten um die Menschen um ihn herum.

Sport ist ihm fremd. Er ist anders und er ist sich dieser Andersartigkeit bewusst, seit er 11 ist. Da hat er zum erstenmal verstanden, dass er sich für Jungen interessiert und erste Erfahrungen gesammelt. Es gibt Gerüchte über seine Homosexualität.

Es geschieht an einem Wintertag im Jahr 1984, als der 17 jährige Philippe von Thomas Andrieu, einem 18 jährigen Schüler aus einer höheren Klasse, unvermittelt und entgegen aller Erwartungen angesprochen und zu einem Treffen eingeladen wird. Philippe beobachtet ihn schon länger aus der Ferne, schwärmt für ihn wie man eben als junger Mensch schwärmt und sich verliebt und glaubt dennoch nicht daran, dass Thomas ihn überhaupt wahrnimmt. Offensichtlich hat er sich getäuscht.

Thomas erzählt ihm von seinen Zweifeln, Ängsten, seinem inneren Kampf, bevor er nicht mehr anders kann, als sich ihm zu eröffnen. Und Philippe will nur wissen, warum gerade er. Und da erhält er von Thomas eine Antwort, die er nie vergessen hat: „Weil du gehen wirst und weil wir bleiben“. Er ahnt,  dass ihm und Philippe nicht viel Zeit bleibt.

Er spürt instinktiv , dass Philippe zu mehr bestimmt ist , als sein Leben in seinem Heimatort Barbezieux zu fristen

Derlei Überlegungen sind fremd für Philippe und erst recht jeder Gedanke an eine schriftstellerische Zukunft. Sein Vater hätte es nicht zugelassen.

Zwischen Philippe und Thomas entspinnt sich eine der absoluten Geheimhaltung verpflichtete Beziehung, in der Philippe sich dem Willen von Thomas unterwirft, wohl wissend, dass dieser die Beziehung andernfalls sofort beenden würde. Thomas kommt aus einer bäuerlichen Familie. Er hat zwei jüngere Schwestern, die jüngste, Sandrine, ist behindert. Auf Thomas lastet als einzigem Sohn viel Verantwortung, der er sich nicht entziehen kann.

Philippe hat noch einen älteren, schon damals sehr erfolgreichen Bruder. Sieben Jahre nach seiner eigenen Geburt hat die Mutter eine Fehlgeburt, die sie niemals verwindet.

Nach dem Abitur trennen sich die Wege von Philippe und Thomas. Während Thomas nach Spanien zu Verwandten seiner Mutter fährt, verbringt Philippe seine Ferien wie immer auf der Ile de Ré. Nach der Rückkehr erfährt er, dass Thomas in Spanien geblieben ist und dort eine Arbeit gefunden hat.

23 Jahre später in Bordeaux: Philippe hat dort eine Signaturstunde abgehalten und unterhält sich gerade mit einer Journalistin, als er die Silhouette eines jungen Mannes sieht, ein Bild, das nicht sein kann! Er ruft den Vornamen und läuft dem jungen Mann hinterher….

‚Arrêtes avec tes mensonges‘ ist eigentlich kein Roman, sondern eine autobiographische Erzählung. Wir erfahren von dieser fast unglaublichen Geschichte einer ‚unmöglichen‘ und doch tiefen Liebesbeziehung. Wir erfahren, dass die schmerzlichen Erfahrungen dieser Beziehungen die Themen seiner Romane geprägt haben. Und vielleicht besteht auch darin die Bedeutung des Titels „Hör mit deinen Lügen auf“. Ursprünglich hatte seine Mutter diesen Satz geprägt, weil sie oft nicht zwischen Wahrheit und Erfindung bei ihrem Sohn unterscheiden konnte. Aber auch Philippe hat „gelogen“, wenn er immer wieder behauptet hat, dass seine Romane nichts mit ihm zu tun haben. Es hat einen Grund, warum er sein Schweigen lüftet.

Eine sehr berührende Geschichte, wie sie sich in ihrer Tragik so oder ähnlich sicherlich häufiger ereignet hat und noch ereignet.

Lesenwert, für Fans‘ von Philippe Besson ein Muss!

Lebensgefühle

Sie steht vor dem Spiegel und was er ihr zurückwirft, gefällt ihr mal mehr, mal  weniger. Morgens eher weniger, wenn die Haare noch zersaust und die Falten im Gesicht vom Kopfkissen noch tiefer eingegraben sind als sonst. Und außerdem leuchtet der neue Spiegel Stellen im Gesicht aus, die sonst im Unklaren geblieben sind. Untrügliche Wahrheiten über die Zeichen der Zeit. Eine Katastrophe? Sicher nicht, aber immer die Notwendigkeit, sich mit dem Gegebenen neu auseinanderzusetzen, sich zu gewöhnen und, wenn’s gut läuft, auch anzufreunden, denn zu ändern ist nichts und es gehört schließlich alles zu ihr.

Überhaupt, denkt sie, ist das Badezimmer offensichtlich ein Raum, in dem sie zum Nachdenken kommt. Keine Ablenkung, kein Fernseher, kein Computer, nichts, nur sie und das Badezimmer. Das hingegen erzählt ihr Geschichten, wie alles in ihrer Wohnung. Geschichten, wie sie hier vor 20 Jahren eingezogen ist und versucht hat, eigenhändig die alten Fliesen abzuschlagen, um noch ein paar Euro zu sparen, und diese Aufgabe schließlich doch den Fachleuten überlassen hat, bevor die ganze Wand eingestürzt wäre. Und über das, was sich alles seit Herbst letzten Jahres in diesem Raum abgespielt hat. Das Ausbeulen fast einer ganzen Wand durch die Erschütterungen beim Herausreißen der alten Türen. Der Einbau der neuen Badewanne, aus deren Abflußrohr am nächsten Morgen das Wasser ins Badezimmer lief. Und nicht zuletzt der selbst zusammengebaute Spiegelschrank. Sie nannte dieses Möbelstück früher immer nur „Alibert“, Überbleibsel aus ihrer Kindheit, in der der Alibert aufkam und als Zeichen von Modernität galt. Warum sie sich ausgerechnet einen Spiegelschrank als Bausatz und nicht als fertiges Modell ausgesucht hatte, konnte sie sich im Nachhinein nicht mehr erklären. Es war definitiv die falsche Entscheidung. Aber es gibt ja bekanntlich keine Probleme, sondern nur Lösungen. Und so hat sie kurzerhand den Dekorateur, der eigentlich für die Gardinen zuständig war, für die letzten Handgriffe beim Zusammensetzen und das Aufhängen dieses monsterschweren Schranks rekrutiert. So ist nun alles gut (so wie es im Moment aussieht) und sie kann unbeschwert von diesen Äußerlichkeiten ihren Gedanken nachhängen. Am Morgen sind es manchmal die Gedanken an die letzte Nacht, am Abend die Rückschau auf den Tag. Ein paar Minuten nur, in denen sie sonst alles um sich herum vergisst….Meditation beim Zähneputzen.

Hat sich das Lebensgefühl geändert seit ihrem Geburtstag? Es wird viel darüber diskutiert in ihrer Altersgruppe, ob runde Jahreszahlen, und hier vor allem die höheren, etwas verändern. Manche bringen offen ihre Angst vor dem Geburtstag und sicher vor dem, was sie zukünftig erwarten könnte, zum Ausdruck. Andere machen an diesem Ereignis keine besonderen Gefühle fest. Rückblickend stellt sie fest, dass die runden Geburtstage in ihrem persönlichen Leben auch immer von mehr oder weniger tiefgreifenden Veränderungen  begleitet waren. Außer vielleicht bei ihrem 20sten Geburtstag. Damals noch jung, mitten im Studium, in Aufbruchstimmung und politisch engagiert, aber auch schon nicht mehr so enthusiastisch, wie noch einige Jahre zuvor. Als sie 30 war, bekam sie ihren Sohn. Das ergreifenste und einschneidendste Ereignis in ihrem Leben. Nicht nur dieser eine Moment und die vorangegangene Schwangerschaft, die alles andere als einfach gewesen war, sondern natürlich die ganzen Jahre bis heute. Sie hat viel gelernt in dieser Zeit und tut es noch immer. Sie hätte es nicht missen mögen. Was wäre ihr Leben ohne diese wichtige Erfahrung gewesen? Und wieviel profitiert sie noch heute von den ausgiebigen Gesprächen mit ihm.

Wie wahrscheinlich viele alleinerziehende Mütter, hat sie ein sehr enges und gutes Verhältnis zu ihm. Damals, als er zum Studieren nach Malta gegangen ist, hat es ihr tagelang  buchstäblich den Atem verschlagen, aber sie wusste, dass es für ihn gut und notwendig war und hat ihn darin bestärkt, seinen Weg zu gehen.

Heute denkt sie daran, wie das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter sich irgendwann umgekehrt hat von der sie stets umsorgenden  zu der selbst hilfsbedürftigen Mutter. Es hat damals so seine Zeit gebraucht, bis sie die Veränderung akzeptiert und ihre Mutter auch so annehmen konnte, wie sie dann in ihrer zunehmenden Hilfsbedürftigkeit wurde. Aber vielleicht widerholt sich hier auch etwas. Ihre Mutter hatte ihr in ihrer Jugend immer zugehört, so hat sie es jedenfalls in Erinnerung. Sie hat sich stets bemüht, auch für ihren Sohn ein offenes Ohr zu haben. Und auch er wird sich eines Tages daran gewöhnen müssen, dass seine Mutter nicht mehr so sein wird, wie er es immer für selbstverständlich  gehalten hatte.

Wenn sie so schreibt, wird ihr wieder einmal bewusst, wie oft sie sich auch jetzt schon an Vergangenes erinnert, wie manchmal plötzlich Bilder aus der Vergangenheit wieder in ihren Bewusstsein kommen, die sie schon längst vergessen glaubte. Das ist wohl auch ein Zeichen des Alterns. Vielleicht brauchen wir einfach eine ganze Zeit lang, um all das Erlebte tatsächlich zu intergrieren, mit allem Frieden zu machen, bis wir dann eines Tages hoffentlich mit allem im Reinen gehen können.

Mit 40 hatte sie sich gerade nach jahrelangen nicht stattgefundenen Auseinandersetzungen von ihrem Mann getrennt  und musste sich nun mit ihrem Sohn ganz neu orientieren. Es war anfangs nicht leicht, in keinerlei Hinsicht, aber (lebens-)notwendig. Sie musste ihr Leben mit ihrem Sohn allein stemmen nach so vielen Jahren in einer wenn auch nicht immer glücklichen, aber dennoch irgendwie in einem geschützten Raum stattfindenden Ehe. Es kamen intensive Jahre der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Mit 50? Fast hätte  sie vergessen, dass es mit Ende 40 die Reise nach Sizilien gegeben  hat, ein  Ereignis, das sie lange Zeit beschäftigt hat. Aber darüber wird geschwiegen. Auch das muss es geben.

Sie hat sich mit den Jahren ihren Lebensraum neu erobert, ist stärker und selbstbewusster geworden, trotz immer noch quälender Selbstzweifel. Ob die jemals aufhören werden?

Und jetzt, um gleich den Sprung in die Gegenwart zu wagen, jetzt ist sie gerade 60 geworden. Wie ist ihr Lebensgefühl jetzt? Sehr gemischt. Sie würde nicht so weit gehen und sagen, dass der 60ste Geburtstag nun auch gleichzeitig eine neue Alterungsphase eingeleitet hat, festzustellen bleibt aber, dass sich Veränderungen einstellen. Ende letzten Jahres – aber das würde ja noch in die ante 60 Zeit fallen, die Operation am rechten Fuß, die sie allerdings schon Jahre vorher hätte machen können. Dann aber, kurz nach dem 60sten, Verschlimmerung des grauen Stars und Notwendigkeit einer Operation. Und Rückenschmerzen…und…und. Sie erinnert sich gerade an eine ehemalige Mitschülerin vom Gymnasium, die sie auf einem Klassentreffen (es war anlässlich des 30jährigen Abiturs) wieder traf und erschrocken war über ihr Aussehen: Sie war übermäßig geschminkt, wirklich übermäßig und wie man so schön sagt: unnatürlich. Das ist selbstverständlich ihre persönliche Meinung dazu, das gesteht sie unumwunden zu. Im Gespräch stellte sich allerdings tatsächlich heraus, dass diese Frau massive Probleme mit dem älter werden hatte und offensichtlich mit aller Kraft versuchte, das Alter zu kaschieren.

Sie ist anders gestrickt. Sicher machen ihr die Alterserscheinungen auch zu schaffen, aber sie kann und will sich deshalb nicht verbergen. Sie will sich nicht verbergen, nicht äußerlich und nicht innerlich. Sonst würde sie vermutlich auch nicht bloggen! Es gibt Bereiche, die nur ihr zugänglich sind und zugänglich bleiben werden, aber im Allgemeinen möchte sie über das, was ihr geschieht und womit sie sich beschäftigt, auch mit anderen teilen können. Wozu sind wir sonst soziale Wesen?

Sie vermutet, dass viele Frauen sich mit ähnlichen Gedanken auseinandersetzen und ähnliche Prozesse durchmachen, jede mit der ihr eigenen  Art, damit umzugehen.

Komisch, vor einiger Zeit sprach sie mit einem Arbeitskollegen, der ein Jahr älter ist als sie. Er berichtete auch über seine Wehwehchen und Gedanken über das Älter werden. Warum hat sie eigentlich gedacht, dass Männer davon nicht betroffen sind? Weil Frauen die Männer auch immer gerne in der Beschützerrolle sehen und damit Probleme haben, wenn eben diese Beschützer auch Schutz brauchen?

 

Aufgeschnappt

Heute mal was anderes….ich bemühe mich um Vielfalt, Diversität, wie man/frau neudeutsch sagt. Ich liebe es, Menschen zuzuhören, im persönlichen Gespräch, aber auch um mich herum, und bin immer wieder erstaunt…Kürzlich war da das Gespräch eines älteren Ehepaares, während ich auf meine Augen-OP wartete (wer es noch nicht gelesen hat, sollte es vielleicht noch tun, wenn er/sie noch etwas zum Schmunzeln braucht heute abend).

Vorgestern bin ich mal wieder mit der Bahn gefahren (so langsam muss ich anfangen, meine Bahncard 50, die ich jetzt als „Seniorin“, heu, ich kann’s noch nicht so richtig aussprechen, pardon hinschreiben, auch noch mal 50 % billiger bekomme, abzufahren). Heißt morgens um 10:15 Uhr am Bahnhof angekommen. Mein Zug sollte um 10:28 Uhr abfahren. Man glaubt es nicht, aber ich bin noch nie in meinem Leben, soweit ich mich erinnere, so in aller Ruhe zum Bahnhof gefahren. Da ich eine Stunde früher als der Wecker aufwachte, bin ich entsprechend früher aufgestanden und habe die Reisevorbereitungen für meinen Wochenendausflug getroffen. War dann also richtig pünktlich fertig und am Bahnhof. „Mein“ Zug stand da noch gar nicht auf der Anzeigentafel, oder ich habe gar nicht so weit gelesen, denn der Zug, der um 09:28 Uhr in die gleiche Richtung (Hamburg) hätte fahren sollen, hatte 120 min Verspätung!

Ich also zur Information und nachgefragt.

Das Geschehen wurde den Reisenden im Folgenden auf dreifache Art und Weise zur Kenntnis gebracht

  1. Offiziell per Lautsprecher:

Der für 09:28 Uhr erwartete Zug in Richtung Hamburg hat eine Verspätung von ca. 120 min aufgrund eines Notarzteinsatzes am Gleis.

2. Die Frau hinter dem Schalter sagte:

Es habe einen Suizid gegeben.

3. Die Beamtin neben ihr kommentierte das Geschehene mit den Worten, dabei leicht grinsend und den Kopf nach hinten werfend:

Da hat sich wieder so ein Vollpfosten vor den Zug geworfen.

Jeder mag sich nun die Variante aussuchen, die ihm am besten passt.

Die offizielle Version verschleiert das Geschehen, verständlicherweise, lässt die Hoffnung, dass der Notarzt vielleicht noch etwas retten konnte. …Wie sollen sie es auch laut anders verkünden?

Der Suizid trifft den Sachverhalt, wie das Wort sagt „sachlich“. Alles klar und deutlich.

Die dritte Version hat mich erschreckt! Jemanden als Vollpfosten zu bezeichnen, der so verzweifelt gewesen sein muss, dass er sich das Leben genommen hat, empfinde ich als geschmacklos. Für mich ist das eine Katastrophe! Eine wahrscheinlich lange Leidensgeschichte, die zu diesem Akt geführt hat.

Es gibt natürlich die andere Seite, die jemanden vielleicht zu so einem Kommentar veranlassen kann, die Tatsache, dass dieser Mensch andere Menschen in diese Katastrophe mit hineinzieht, an erster Stelle den Lokführer, dessen berufliche Existenz er damit u.U. auf Spiel setzt und nicht nur das. Wie soll der Lokführer das  bewältigen? Und die Reisenden, was ist mit denen? Auch sie wird das Geschehene nicht unbeindruckt hinterlassen. Da mag man böse sein. Ja, zu Recht. Warum hat der Selbstmörder diesen Weg gewählt? Konnte er darüber noch rational nachdenken? Ich glaube nicht.

Wir wissen alle nicht, was in so einem Menschen vorgeht. Sollte er mit Vorsatz auch noch andere Menschen haben schädigen wollen mit seinem Abgang, dann ist das unverzeihlich. Sollte er nicht mehr in der Lage gewesen sein, die Folgen seiner Tat abzuschätzen, dann ist es für mich eine tragische Gestalt.

Wie dem auch sei. Die Sprache verrät den Sprecher und seine Haltung gegenüber dem Gesprochenen.

Wir werden durch solche Ereignisse kurz aus unserem Trott herausgerissen. Viele werden schimpfen über den Selbstmörder, bringt er doch ihre Pläne durcheinander. Wieviel Verständnis, wieviel Nachdenken über so eine Nachricht bringen wir noch auf angesichts der vielen Horrornachrichten jeden Tag…Wie hatte Stalin gesagt: ein Toter ist eine Katastrophe, ein Million Tote sind Statistik. Je mehr wir mit diesen Nachrichten konfrontiert werden und kommen sie auch geographisch näher, desto mehr stumpfen wir ab und wollen irgendwann gar nichts mehr davon hören geschweige denn davon betroffen sein. Auch eine Art der Verdrängung der Schrecklichen.

Auch ich kann mich davon nicht frei sprechen. Dieser Selbstmord hätte meine Pläne gründlich durcheinander gebracht, denn ich wollte Freunde besuchen und die hätten lange auf mich warten müssen. Glücklicherweise ist der 09:28 Uhr dann doch bald gekommen und ich erreichte mein Ziel noch fast pünktlich. Ich habe eine schöne Zeit bei meinen Freunden verbracht….und diese Nachricht schnell verdrängt.

Durch diesen Artikel möchte ich den Selbstmörder und den Lokführer würdigen, ihnen sagen, dass ich sie nicht vergesse, und auch der Beamtin, die den Selbstmörder als Vollpfosten bezeichnet hat, wünsche ich, dass sie sich doch einmal Gedanken macht über ihre eigenen Worte.

Vorsicht, Bahn kreuzt

Es fehlt noch mein Wort zum Sonntag. Das ist ja im Allgemeinen mein WordPress-Tag, da ich mich an diesem Tag meistens bibelkonform von den Mühen der Woche erhole und Muße finde, meinen Gedanken nachzuhängen und sie  – aus ökonomischen Gründen – auch gleich noch in Schriftform zu gießen, bevor sie dem Vergessen anheim fallen.

Heute war bei uns, wie wahrscheinlich bei den meisten von euch, wettertechnisch ein wunderschöner Tag und ich habe den Nachmittag genutzt, um zunächst mit meinem Sohn einen Cappuccino in einem unserer Lieblingscafés zu trinken und philosophisches und banales Gedankengut auszutauschen. Dabei haben wir heute mal die hochinteressanten Erörterungen physikalischer Gesetzmäßigkeiten außen vor oder besser gesagt zu Hause gelassen.  Obwohl: sie hätten für die Erforschung des Phänomens, dass bei manchen Menschen im Prozess der Weitergabe der Erbanlagen das für Physik (und Chemie gleichermaßen) zuständige Gen offensichtlich vergessen wurde,  mit Sicherheit bahnbrechende und zugleich erschreckende Erkenntnisse über diesen Leerstand liefern können.

Gerade beim Zähneputzen schweifte ich dann gleich noch in Erinnerungen an die Schulzeit ab. Chemie und Physik – wie gesagt – weitgehend Leerstellen. Bio allerdings Leistungskurs. Als wir dann eines Tages ein(en) Kuhembryo auf dem Seziertisch liegen hatten, war mir klar, dass das nicht mein Weg sein würde. Im Abitur setzte ich mich stattdessen verhaltenstheoretisch mit dem Phänomen  auseinander, dass eine bestimmte Affenart Kartoffeln vor dem Verzehr an einer Wasserstelle wusch. So manches ist doch noch hängengeblieben.

Anschließend, ich meine nach dem intellektuellen Teil des Nachmittags, habe ich mich noch auf mein zweirädriges Gefährt geschwungen, um eine meiner üblichen Rundfahrten zu machen. Es war meine erste längere Fahrt nach der OP, da mir augenärztlicherseits angeraten worden war, zunächst auch auf das Radfahren zu verzichten. Heute habe ich mich darüber hinweggesetzt und ich denke, 3 Wochen nach der OP ist das o.k. Ich bin schließlich kein Radrennfahrer.

Ich war so froh, wieder im Sattel zu sitzen und habe die Fahrt in vollen Zügen genossen. Es ist eine sehr schöne Landschaft, durch die ich da fahre…Wohngebiete, landwirtschaftliche Flächen, Wälder. Und das ist für mich auch ein Stückcken Heimat. Ich kenne diese Strecke, sie ist mir vertraut und ich liebe sie. Ich fahre sie seit vielen Jahren.

Zuerst geht es den Berg hinauf entlang einer Kleingartensiedlung („Deutsche Scholle“, nunja, man kann sich nicht alles aussuchen).

Dann über eine Autobahnbrücke hinein in den Stadtteil Sutthausen. Rechts abgebogen in den Gröbelweg wieder den Berg hinunter (das schönste Stück, wenn es so schön heftig bergab geht, am Friedhof vorbei, auf dem mein Ex-Mann begraben liegt. Manchmal „besuche“ ich ihn und erzähle ihm was aus meinem Leben). Am Ende des Weges liegt die Sutthauser Mühle, ein Gartenrestaurant der älteren Sorte mit nicht wirklich bequemen Klappstühlen, aber eben so schön draußen sitzen. Heute mache ich dort nicht halt, weil es schon etwas später geworden ist und ich meinen Cappuccino schon gehabt habe. Also jetzt rechts halten auf der Rundfahrt nach Hause.

Dann an Feldern und Weisen, nein Wiesen vorbei, auf denen Hühner, Schafe und in einem speziellen „Kuhhotel“ auch vierbeinige Rindviecher logieren . Auf der anderen Seite ein anderer Anziehungspunkt: Dort sorgen jedes Jahr Storche für Nachwuchs. Schon ein schöner Anblick. Das letzte Mal, als ich hier vor etwas mehr als drei Wochen vorbeifuhr, hatte sich das Storchenpaar wohl gerade auf dem Nest eingefunden, heute brütete schon eine/r von beiden.

Weiter geht’s auf der Landstraße. Der Raps beginnt zu blühen, am Straßenrand sind Amphibienschutzzäune aufgebaut. Habe mich gerade nochmal genauer informiert, wie das funktioniert. Man vergisst ja so viel. Es werden wohl auch schon extra Tunnel gebaut (in Berlin, habe ich gelesen), um den Tierchen die Überquerung der Straßen hin zu ihren Laichplätzen und dadurch den sicheren Verkehrstot zu ersparen. Man erläuterte in dem Artikel, dass es sehr wohl besonderer klimatischer und sonstiger Bedingungen bedürfe, damit die Tiere überhaupt so einen Tunnel betreten würden, dem Kommentar von Dieter Nuhr, dass man demnächst die Tunnel sicher auch mit Beleuchtung würde ausstatten müsse, wurde allerdings vehement widersprochen.

Jetzt ist schon wieder ein neuer Tag angebrochen…und ich sitze hier immer noch – habe morgen Urlaub, hahaha…

Wieder rein in ein kleineres Wohngebiet und dann stehe ich vor den Gleisen

Ein Schild  warnt mich: „Bahn kreuzt“. Aha, denke ich. Und dann darunter: bitte links und rechts schauen. Das haben meine Eltern auch immer gesagt, als ich noch klein war und über die Straße gehen wollte.

Ich also ordnungsgemäß links und rechts geschaut und mich dann mit dem Fahrrad durch die Absperrung gezwängt.

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huch…noch mal Glück gehabt…..

 

 

Was kann Literatur in diesen Zeiten bewirken?

Diese Frage kommt immer mal wieder auf. Eine Antwort darauf ist schwierig und kann wahrscheinlich auch nur individuell beantwortet werden.

Der israelische Schriftsteller David Grossman (Jahrgang 1954) hat in einem Artikel in der Zeit vom 09. März 2017 eine Antwort darauf versucht. Ich will seine interessanten Gedankengänge kurz skizzieren, sofern mir das gelingt und mir dann noch meine eigenen Gedanken dazu machen. Letztlich ruft er genau dazu auf.

Grossman schildert den aktuellen Zustand der Welt im „postfaktischen“ Zeitalter insbesondere nach der Amtsübernahme von Donald Trump, für den es (nach einem Zitat von George Orwell und so kundgetan von Trump-Beraterin Kellyanne Conway) Fakten gibt und alternative Fakten, der keine eindeutige Wahrheit anerkennt (z.B. Klimawandel) und den sein Geschwätz von gestern schon lange nicht mehr interessiert. Die Menschen sind zutiefst verunsichert, es fehlt ihnen (uns) das Gefühl von Verlässlickeit,  der Möglichkeit,  die Wirklichkeit mit den ihnen bislang zur Verfügung stehenden Mitteln zu entschlüsseln. Sie haben Angst vor der Zukunft, weil sie die Gegenwart nicht mehr verstehen, weil sie keine Maßstäbe mehr haben für das, was wahr ist. Grossman schreibt, dass Donald Trump Kräfte freisetzt, die demokratische Systeme seit Jahrhunderten durch Gewaltenteilung und einem bis dato breit anerkannten Wertesystem von Freiheit, Gleichheit und Pluralismus einzudämmen versucht haben.

Wo gibt es noch verlässliche Gewissheiten?

Laut Grossman findet der Mensch letzte Gewissheiten in der großen Literatur, die uns  mit allem in Berührung bringt, was das menschliche Dasein umfasst, „das Wunder, das ganze Glück und das ganze Grauen, die Einsamkeit, die Zugehörigkeit und das Erbarmen, die dem menschlichen Dasein innewohnen“. In dem wir uns so in unserer Seele berühren lassen, spüren wir intuitiv, was Wahrheit ist und können uns der massenhaften Manipulation entziehen und uns ihr entgegen stellen.

Stalin soll gesagt haben „Ein Tod ist eine Tragödie, Millionen Tode sind Statistik“. Ein brutaler Satz, der darum nicht weniger wahr ist, wenn wir an die Entwicklung der Flüchtlingskrise denken. Wir nehmen das tausenfache Sterben inzwischen als Statistik hin.

Grossmann meint, Literatur kann uns Anleitung geben, wie wir „die Tragödie unserer Existenz als Einzelne vor Stalins verächtlicher Statistik retten“: Er meint, dass der beim Lesen entstehende Wunsch, das Innen- und Seelenleben der Protagonisten mit seinen Werten, Ängsten, Brutalitäten und Momenten der Größe kennenzulernen, politisches Bewusstsein weckt, ohne das keine Wendung zum Guten möglich ist. Er postuliert, dass das massenhafte Sterben nur dann zur Statistik wird, wenn Einzelwesen einen  Gutteil ihres Lebens und Denkens dem Maßstab der Masse unterwerfen. Sonst hält er eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber der Tragödie für unmöglich.

Und wie wird der Einzelne Bestandteil einer Masse? Indem er es aufgibt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, sein Dasein eigenverantwortlich zu definieren.

Vor einer solchen Definition seiner selbst kann er nicht fliehen und er kann sie auch nicht ignorieren.

Literatur hilft ihm dabei, „sein Wesen auf individuelle Weise auszubuchstabieren“, sich selbst durch die Kraft der Literatur zu erkennen und sich gleichzeitig als Teil des Ganzen zu begreifen.

Für mich hochphilosophische Gedankengänge, die ich versuche, auf meine Erfahrungen herunter zu brechen. Literatur kann mich zutiefst bewegen, zu tiefster Betroffenheit und höchstem Glück. Sie bringt mich mir selbst näher, indem ich mich in den Protagonisten meiner Bücher erkenne oder eben auch nicht. Auch wenn ich den Inhalt der meisten Bücher nach der Lektüre meist wieder schnell vergesse, so glaube ich doch, dass sie tief in mir Spuren hinterlassen.

Ich gestehe zu, dass Bücher einen Einfluss auf mich und meine Selbsterkenntnis haben, ob das allerdings reicht, mich und vor allem mein (politisches) Verhalten zu verändern, da bin ich nicht so sicher. Bücher bereichern mein Innenleben, erweitern meine Sicht auf die Welt, das Verständnis für die Welt. Ich bin für jedes gute Buch dankbar, dafür, dass ich die Gelegenheit und Fähigkeit habe, es zu lesen, dass es mich bewegt, dass es mich über meinen Horizont herauszuheben vermag. Was für eine große stille Freude, wenn ich in einem Buch versinke und nicht eher Ruhe gebe, als bis ich es zu Ende gelesen habe!

Aber was ändert das an der gesellschaftlichen Realität? Was mir zu denken gegeben hat, ist vor allem die Stelle, an der Grossman sagt, dass ich vor dem, wie ich mich auch über die Literatur selbst definiere und nicht irgendwelche andere, nicht weglaufen kann, d.h., wenn ich dem zuwider handle, was ich eigentlich als für mich zueigen definiert habe (sagen wir z.B. Mitgefühl), dann werde ich meines Lebens nicht mehr froh. Dann bin ich nicht mehr authentisch.

Wer sagt aber, über welche Werte sich der Mensch identifiziert. Grossman setzt offensichtlich voraus, dass der Mensch im tiefsten Innern gut ist.

Zurück zu der Ausgangsfrage, was Literatur bewirken kann. Grossman sagt: sehr wenig und sehr viel, wenn man darauf schaut, wie tiefgreifend ein Herr Trump oder Erdogan oder Putin die Welt durch ihre Aktionen auf den Kopf stellen können, und sehr viel, wenn der Geist der Literatur die Menschen an das „Substrat menschlichen Verständnisses, menschlicher Intuition und menschlicher Erfahrung rührt“.

in diesem Sinne wünsche ich mir und euch viele gute Bücher

Heute: Die einäugige unter den Blinden

Nachdem die äußeren Reparatur- und Renovierungsarbeiten abgeschlossen und die Peroneus brevis Sehne an meinem rechten Fuß wieder hergestellt waren, stellte sich kurzfristig nach meinem ….Geburtstag (ich habe euch ja im Detail über die jeweiligen Ereignisse auf dem Laufenden gehalten – hahaha) eine Eintrübung meines linken Auges ein, die ich nicht ignorieren konnte und mich wiederum zum Handeln zwang.

Umgehend eingeleitete Termine in einer Klinik bzw. bei meiner Augenärztin ergaben – d.h. ich wusste schon seit etwas mehr als  einem Jahr, dass ich unter einem grauen Star litt – bzw noch nicht litt, aber dennoch bereits von ihm heimgesucht war, bestätigten die Diagnose Katarakt, so der medizinische Fachbegriff.

In der Klinik wurde ich zweimal von verschiedenen ÄrztInnen mit unterschiedlichen Diagnosen untersucht, so dass ich trotz der Ablehnung des meinungsführenden Arztes dort beschloss, mir von „meiner“ Augenärztin, die so schnell keinen Termin freigehabt  hatte, aber dem gleichen Verbund von Augenärzten angehört, eine Zweitmeinung einzuholen. Wie erwartet, bestätigte sie die Diagnose in Gänze. Ja, ich hatte das erwartet, aber in Fällen von Operationen sollte man/frau doch immer, oder zumindest, wenn Zweifel bestehen, eine Zweitmeinung einholen.

Wie gesagt: Diagnose bestätigt. Auf dem linken Auge nur noch eine Sehkraft von 60%. Zahlen allein sagen nichts aus über die tatsächliche Einschränkung des Sehkraft, aber man kann sich vorstellen, dass 60% von 100 nicht gerade wenig sind. Also wurde ein OP-Termin für heute, den 20.03.2017, angesetzt.

Ich wurde zunächst aufgeklärt, was es mit dem grauen Star auf sich hat, und wie/was die Operation beinhaltet. Für mich Neuland, da ich mich mit bestimmten Themen erst  dann auseinandersetze, wenn sie für mich relevant werden. Kurzum: Der Katarakt ist eine Eintrübung der Linse, die meist altersbedingt ab dem 60. Lebensjahr (sic!) also bei mir mehr als pünktlich) eintritt. Man sieht alles durch einen Schleier und das Auge ist sehr blendempfindlich, für alle, die dieses Thema interessiert.

Aber Heilung ist nah: Die Linse wird durch eine Kunstlinse aus Silikon oder anderem Material ersetzt (ich hoffe, es handelt sich nicht um Restbestände des Silikons, wie es verheerend bei Brustvergrößerungen in Umlauf war).

Wie ihr oben seht, habe ich die Operation gut überstanden, morgen bei der Verbandentfernung werde ich erstmals sehen, hoffentlich, wie ich zukünftig wieder mit klarem Blick in die Welt schauen werde. Der Vorteil der Operation – wenn sie denn gelingt – liegt darin, dass man/frau dann bestenfalls nur noch eine Lesebrille benötigen wird! Das ist doch was! Nungut, da mein rechtes Auge soweit noch intakt ist und noch keiner OP bedarf, was sich ja sehr schnell ändern kann, wie ich gesehen habe, werde ich die Dinge nur zu 50 % wieder ganz klar sehen. Und was mache ich mit dem Rest? Kann ich bestimmen, welchen Teil ich glasklar und welchen nur schemenhaft erkennen möchte? Dieser Gedanke kommt mir so gerade eben beim Schreiben.

Zurück zu der OP. Es interessiert euch sicherlich brennend, wie sie abgelaufen ist, oder etwa nicht? Also, die Älteren unter euch, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben.

Das Ganze hat etwas mehr als 2 Stunden gedauert. Letzte Mahlzeit am Abend vorher, Trinken bis 2 Stunden vor dem Eingriff. Dann mit Leidensgenossen im Wartezimmer warten, warten, warten mit mehrmaligem Einträufeln von Puppillen erweiternden Tropfen.

Derweil habe ich einem Gespräch von einem älteren Ehepaar neben mir gebannt gelauscht. Offensichtlich musste sich der Mann der OP unterziehen:

Sie: Die kommen da alle ganz fröhlich raus, die da operiert worden sind.

Er: Ja. Mir tut mein Fuß weh, wenn man da was drauf legt.

Sie: So schlimm war das damals nicht mal mit deinem Knie. Wir holen dann Pflasters aus der Apotheke. Unsere Pflaster sind doch alle?

Er: Ja. Wenn wir in die Apotheke hier gehen, kriegen wir die Parkgebühr für die erste Stunde wieder. Aber ich weiß gar nicht, wo die Apotheke hier ist.

Sie: Ach, da laufen wir jetzt aber nicht rum. Da müssen wir wieder so weit laufen.

Sie nach kurzem Schweigen: Verhältnismäßig sind wir oft hier, wenn man das im Verhältnis sieht. Viermal warst du in letzter Zeit hier.

Er: Eins zieht das andere nach sich.

Er weiter: Es ist schon ein Vorteil, dass wir so im Zentrum wohnen. Die Soundso müssen immer von Atter kommen.

Sie: Ja, mit seiner Herzklappe ist das auch nicht so einfach

Er: Aber die sind ja auch noch jünger.

Sie: Sie, das ist eine Person….die weiß immer alles besser.

In diesem Moment wird der Mann zur Operation gerufen.

Ich will mich nicht über die Menschen lustig machen. Ich fand es einfach nur zu schön, ihnen zuzuhören. Als ich meinem Sohn davon erzählte, meinte er nur. Ja, irgendwann fängt das an (ob er mich damit gemeint hat?).

Dann war ich irgendwann an der Reihe. Mir wurde jeder Schritt erläutert, was ich sehr hilfreich und beruhigend fand, das mal vorweg. Ich bekann Tropfen in die Augen zur lokalen Anästhesie und per Infusion ein Mittel zur Beruhigung, das mich in einen sogeannten Dämmerschlaf versetzen sollte. Ich kann nicht sagen, warum, aber ich hatte weder vorher Angst und hatte die Nacht ganz unaufgeregt geschlafen, noch jetzt, wo ich auf dem Stuhl saß und von rechts und von links betüddelt wurde.

Dann wechselte ich noch einmal auf den Operationsstuhl, bekam dort nochmal Tropfen in die Augen. Jetzt wurde mein Augen mit dem Operationstuch abgedeckt. Ich war schon richtig tiefenentspannt. Der Operateur begann – wie gesagt – immer mit vorab Ansage, was er nun tun würde. Es wird ein milimetergroßer Schnitt an der Kapsel angebracht, in der die Linse sich befindet, die Linse wird mit Ultraschall zertrümmert und entfernt. Dann wird die zusammengeklappte neue Linse eingeführt und „aufgeblasen“. Ich weiß nicht mehr genau, ob sie sich selbst verankert oder mit Häkchen verankert wird. Ich glaube, ich habe von beiden Varianten gelesen.

Schmerzen? Nein, man sieht das Licht der Operationslampe und man spürt bisweilen Druck und einen ganz geringen Schmerz. Nicht mal Schmerz zu nennen. Das Ganze dauert max. eine halbe Stunde, wenn alles glatt geht. Anschließend wurde gleich ein Salbenverband (s. oben) angelegt.

Und dann, da war ich ja sehr positiv überrascht, erwartete mich – und selbstverständlich alle anderen Katarakt-Patienten – ein verspätetes Früstück mit Brötchen, Kaffee und Tee. Ich hatte mich vorher schon mit Lebensmitteln für die Zeit unmittelbar nach der OP versorgt, war mir doch klar, dass ich Hunger haben würde. Also, das hat mir sehr gut gefallen! Das machen sie wohl auch, weil man noch nicht gleich gehen darf, sondern noch ein bisschen überwacht wird (mit Blutdruckmessen), bevor man nach Hause gehen darf.

Also, alles kein Problem. Mir ging und geht es gut. Ich habe keine Probleme. Man soll in den ersten 24 Stunden nach der OP nicht alleine sein, denn es könnte sein, dass etwas Unerwartetes wie z.B. ein Kreislaufkollaps eintritt und dann muss man sofort wieder ins Krankenhaus. Bei mir alles gut.

Nun kann ich nur hoffen, dass sich das Auge nicht entzündet. Das kann in seltenen Fällen passieren. Morgen wie gesagt, der erste Kontrolltermin und Verbandentfernung.

Ja, also, gerade 60 geworden, und schon gehts weiter mit den inneren Reparaturarbeiten …

Aber, was den grauen Star angeht: keine Angst!

Da ich in den nächsten Tagen noch krankgeschrieben bin, habe ich noch Zeit, über einige andere Dinge zu berichten, die sich so ereignet haben. Je nachdem, wie die Stimmung ist.

einäugig

Claudia

Sie denkt….

Samstagabend. Der Tag-Nacht-Rhythmus ist mal wieder aus dem Lot. Immer dasselbe im Urlaub. Aber morgens ist es so schön, noch ein bisschen im Bett liegen zu bleiben und sich erst langsam auf den Tag einzuschwingen, vorausgesetzt, das vor-sich-hin-träumen mündet nicht in eine erneute Schlafphase….Also spät aufgestanden. Nach dem Frühstück (auf dem Sofa) Wochenendputz, der sich lange hinzieht. Der Rücken…zwingt sie zwischendurch immer wieder, sich mal kurz hinzulegen. So geht das nicht weiter. Der Termin beim Orthopäden ist gemacht. Sie öffnet die Balkontür um zu schnuppern, wie sich der Tag draußen anfühlt. Ein laues, frühlingshaftes Lüftchen schlägt ihr entgegen. Eigentlich müsste sie bei dem Wetter mit dem Rad rausfahren zum See, und dort gemütlich in der Sonne einen Cuppuccino zu trinken. Aber nicht bevor die Wohnung gereinigt ist. Das gehört zum wochenendlichen Ritual. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, oder so. Nein, das geht gar nicht: das Haus verlassen und bei der Wiederkehr mit dem Abwasch von gestern und dem Staub der letzten Woche konfrontiert zu werden.

Als der Zustand der Wohnung ihren Ansprüchen an ein reines Gewissen entspricht, ist es inzwischen zu spät, um zum Markt zu gehen. Oh wie schade, der samstägliche Marktbesuch gehört ebenso zu ihren Ritualen wie das Saubermachen. Aber auch die zuvor ins Auge gefasste Alternative, die Radtour zum See, wird wohl ausfallen, denn die Sonne scheint nur noch fahl durch die Wolken. Sie senkt sich schon langsam gegen Westen.

Na dann wird sie wohl mal wieder im Café um die Ecke enden, schnell zu erreichen, und wenn sie Glück hat, kann sie sich nach draußen setzen und noch einige Sonnenstrahlen einfangen.

Sie hat Glück. Es ist noch ein Platz frei und das Café stellt ihr eine Decke zum Warmhalten der Beine zur Verfügung. Die Jüngeren schämen sie ihren Beobachtungen zufolge wohl eher, sich eine Decke umzulegen. Solche Eitelkeiten leistet sie sich nicht mehr.

Im Briefkasten lag schon die Sonntagszeitung mit dem Kreuzworträtsel, auf das sie sich immer schon freut. Früher hat sie nie, oder fast nie, Kreuzworträtsel gelöst. Das war ihrer Mutter vorbehalten, mit der sie in ihrem letzten Lebensjahr bei ihren Besuchen im Altersheim immer noch rätselte und sich so freute, wenn ihrer Mutter die Lösungen einfielen. Wie sehr sie immer mehr ihrer Mutter ähnlich wird! Wie sie das findet? Schwer zu sagen. Aber nein, sie hatte nie so etwas im Kopf wie „So wie meine Mutter will ich nie werden“. Allerdings war es ihr auch nicht in den Sinn gekommen, dass es einmal so sein könnte.

Während des Rätselns spricht sie ein freundlicher älterer Herr an, der wohl an ihrem Gestus bemerkt hat, dass sie über gewichtigen Fragen brütet. Er bietet ihr seine Google-Hilfe an, für den Fall, dass ihr das eine oder andere nicht einfiele. So entspinnt sich ein  kurzes, nettes Gespräch. In der gut besuchten Bäckerei mit Café, so scheint es, kann man auch mal Kontakte knüpfen. Warum auch nicht.

Nachdem sie das Lösungswort dieser Woche gefunden hat (zugegeben nicht ganz ohne Unterstützung ihres eigenen Smartphones vor allem in geographischen Fragen), zieht sie aus ihrem Rucksack ihr Spanischbuch B1 gemäß europäischem Referenzrahmen. Die nächsten zwei Unterrichtsabende fallen aus, und die Teilnehmer*innen sind aufgerufen, über die Zeit ein Tagebuch in spanisch zu schreiben. Ob die Lehrerin sich bewusst ist, was da an Ergüssen auf sie zukommen wird? Da sie immer auch die anderen in ihrem Tun mitdenkt, hält sie ihre Notizen kurz. Spaß macht es trotzdem!

Es wird langsam kühl, denn die Sonne hat sich lange hinter den Dächern zurückgezogen, und als sie auf die Uhr schaut, ist sie erstaunt, dass es schon halb sechs ist. Der Discounter ist gleich nebenan – da wurde marktwirtschaftlich geplant – Apotheke, Ärzte, Physiotherapie, Discounter und Bioladen auf einer Fläche – so dass sie noch schnell ihre Wochenendeinkäufe erledigt. Die Atmosphäre in dem Laden ist nicht gerade anheimelnd und normalerweise zieht sie den anderen Supermarkt vor, aber jetzt will sie einfach nur fertig werden und nach Hause fahren.

Mit dem Essenkochen ist es nicht weit her, wenn sie allein ist…so bleibt die Küche heute abend kalt. Immerhin gibt es noch einen Salat mit warmem Ziegenkäse.

Danach folgt das allabendliche Fernsehprogramm. Sie kann sich mal wieder nicht für einen Sender entscheiden, eigentlich interessiert sie weder das eine (Verleihung der Goldenen Kamera) noch das andere (Krimi). Sie sieht und hört nur mit halber Aufmerksamkeit hin. Nur zweimal bleibt sie kurz dabei. Das erste Mal, als zurückgeblickt wird auf die Verleihung des Preises an den totkranken Rudi Carrell im Jahr 2007 und heute an Dieter Thomas Heck für sein Lebenswerk. Es ist wohl nicht erstaunlich, dass sich die Aufmerksamkeit auf diese Personen richtet, die ihr Leben  begleitet haben und die jetzt alt oder schon verstorben sind. Ob es den anderen in ihrem Alter auch so geht. Denkt man nicht unausweichlich das eigene Alter mit?

Bis Mitternacht zappt sie sich durch die verschiedenen Kanäle. Dann geht sie nach entsprechenden Vorbereitungen zu Bett, um dort den nächsten Teil der täglichen Routinen einzuleiten. Wie und wann das angefangen hat, weiß sie nicht mehr…jedenfalls spielt es sich fast jeden Abend in der gleichen oder leicht abgewandelten Reihenfolge so ab: Zuerst wird ein Sudoko-Rätsel gelöst (in den letzten Tagen hat sie sogar auf die Uhr geschaut, um zu sehen, wie lange sie für ein Rätsel braucht, das Ergbnis wird hier nicht verraten). Kurzum, es bleibt noch Zeit für die anderen Bestandteile des Rituals. Als nächstes folgt die Lektüre ihrer einzigen Lieblingswochenzeitung, also ein bis drei Artikel pro Abend. Heute Abend ist kein Artikel dabei, dessen Inhalt sie ihren Lesern auf Wortpress nahe bringen möchte. Und dann der letzte Akt. Das Buch, das sie aktuell liest. Gerade ist es wieder eins von Martin Suter. Titel: Der Teufel von Mailand. Sie liest noch etwa bis 1:30 Uhr nachts und meint, nun schlafen können zu müssen. Weit gefehlt. Auch dies nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht heute, da sich die Geschichte zum Ende hin zuspitzt und zusehends spannend wird. Also macht sie das Licht wieder an und liest den Roman bis zum Ende (3:00 Uhr). Martin Suter begeistert sie immer wieder durch seine Sprache; schnörkellos, glasklar und immer treffende, überraschende Formulierungen.

Nachdem das Trio aus Rätsel, Info und Belletriskik abgearbeitet ist, muss sie ihren Schlafplatz noch Feng Shui mäßig herrichten: die bereits gelesenen Zeitungsartikel werden zerrissen und unter das Bett gelegt, damit man am nächsten Tag nicht wieder alles durchblättern muss. Die restliche Zeitung verbleibt entweder sorgfältig zusammengelegt auf dem freien Platz (Doppelbett, mangels Alternative) neben ihr zusammen mit Rätselheft und Roman, oder alles wird – um den Schlaf nicht durch ungebetene Energien zu stören, ebenfalls unter dem Bett deponiert. Vielleicht ist das aber auch noch nicht der richtige Ort!

Und sie denkt: War ich eigentlich schon immer so empfindlich oder was? War das jetzt ein ausgefüllter Tag? Was ist ein ausgefüllter Tag? Habe ich das Leben wirklich gelebt heute oder nur so dahin gelebt? Ist das Lesen ein sinnvoller Lebensinhalt? Ist es genug, wenn ich das Alltägliche erledige, was mir schon nicht mehr so leicht fällt, ist es genug, wenn ich ein paar anspruchsvolle Artikel in der Zeitung lese und mir meine Gedanken mache? Schon wieder ein Tag weniger auf meiner Lebenstimeline. Ist genug getan? Darf ich mich ausruhen auf meinen Lorbeeren, wenn ich denn je welche geerntet habe? Was kann ich noch anderes tun?

Sie beschließt, die Gedanken für heute einzustellen.

martin-suter

Mein Partner – der liebenswerte Idiot

Ziemlich provokant, diese Aussage – auf den ersten Blick!

Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, sondern von dem (mir bisher un-) bekannten Philosophen Alain de Botton, der viele seiner Bücher dem Thema „Liebe“ gewidmet hat. Zu hören in einem Interview auf 3Sat am vergangenen Sonntag in „Sternstunden der Philosophie“ zum Thema, wie die Liebe im Alltag überleben kann.

Anmerkung: Im folgenden spreche ich immer von dem Partner – aus Einfachheitsgründen – die weibliche Form denke ich dabei immer mit, denn alles bezieht sich natürlich auf beide Geschlechter.

Einige der Thesen von de Botton:

Die Liebe ist nichts Mysteriöses, das uns rein zufällig zustößt.

Wir verlieben uns aus logischen Gründen. Gründe, die bisweilen abstrus oder unverständlich erscheinen, aber es sind eben logische Gründe, wie z.B., dass uns jemand an unsere Mutter/unseren Vater erinnert, oder an eine andere Person aus unserer Kindheit, die wir geschätzt haben. Logisch möchte ich das vielleicht nicht nennen, zumal uns diese Gründe oft oder meist nicht bewusst sind, also einer inneren, vorbewussten Logik folgen und damit auch nicht steuerbar sind. Bottons Schlussfolgerung aus dieser Annahme ist, dass die Liebe auch „logisch“, d.h. rational betrachtet und entwickelt werden kann.

Der Partner kann unsere Gedanken nicht lesen.

Wir wünschen uns, dass unser Partner intuitiv erfasst, wie es uns geht, dass er in uns hineinschauen kann und daraus die richtigen Schlüsse bzw. Handlungen ableitet. Aber wie soll das gehen? Wir sind alle schlichtweg nicht in der Lage, Gedanken zu lesen. Wir sind darauf angewiesen, miteinander zu kommunizieren.

Hinter jeder Stärke steckt eine Schwäche und umgekehrt.

Wenn wir uns in jemanden verlieben, sind wir zunächst geblendet von seinen Stärken. Im Regelfall suchen wir uns jemanden aus, der etwas verkörpert, das uns vermeintlich fehlt, das wir bei ihm bewundern. Unser Gegenüber erscheint uns vielleicht unkonventionell und kreativ, wir fühlen uns dagegen zu konformistisch, zu ordungsversessen. Nun tragen die vermeintlichen Stärken aber (immer) auch Schwächen in sich. Der Kreative lässt seine Sachen überall herumfliegen, kann sich an keine Abmachungen halten. Der Ordnungsliebende treibt seinen Sauberkeitsfimmel bis ins Extrem, ist immer überpünktlich….

Liebe und Sex erlöschen meist aufgrund von „Kleinigkeiten“.

Es sind meist nicht die großen Probleme, die Liebe und  Leidenschaft ersterben lassen, sondern die kleinen Dinge des Lebens, die oft als unwichtig abgetanen kleinen Zwistigkeiten oder Eigenschaften des Partners. Immer wieder gern genanntes Beispiel die offen gelassene Zahnpastatube oder die herumfliegenden Socken.

Wir können nicht alles haben!

Leben ist Glück, und Leben ist Leid. Wir können nicht alles haben: eine liebevolle, stabile Liebesbeziehung und ein ausschweifendes (außereheliches) Leben zugleich. Dafür ist der Mensch nicht geschaffen. Er ist in der Liebe am verletzlichsten, er ist eifersüchtig und fürchtet sich vor dem Verlust. Also müssen wir uns entscheiden, aber egal, wie wir uns entscheiden, der eingeschlagene Weg bringt auch immer Leid mit sich.

Wie also können wir unsere Liebe trotzdem erhalten?

  1. Wir müssen miteinander reden. Immer und immer wieder.Das kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut, und die meisten von euch sicherlich auch: Es gibt einen Konflikt – typisch: er oder sie kommt mal wieder zu spät zu einer Verabredung. Es kocht in mir, aber ich scheue mich, ihr/ihm zu sagen, dass mich das verletzt. Er müsste das von selbst erkennen. Innerlich brodelt es in mir und ich kann den Abend nicht mehr genießen und auf Sex habe ich sowieso keine Lust mehr. Nicht die Liebe oder die Leidenschaft sind verschwunden, aber sie sind vergraben unter den vielen kleinen, nicht besprochenen Konflikten. Habe gerade so eine Situation – allerdings mit einer Freundin – erlebt: Wir sitzen im Kino. Der Film hat gerade begonnnen und da höre ich mein Handy klingeln. Nicht sehr laut, aber ich muss es natürlich schnellstens ausschalten. Dazu muss ich es aus der Tasche holen, um die Tastatur zu erkennen. Es dauert ein bisschen. Mir wird schon ganz heiß. Plötzlich fährt meine Freundin mit ihrer Hand über mein Handy. Ich habe zwar ein schlechtes Gewissen, aber schließlich wollte ich das Handy ja ausschalten. Ich empfinde das als einen Eingriff in meine „Souveränität“ als erwachsener Mensch. Das lässt mich den ganzen Film nicht los. Früher hätte ich die Sache wahrscheinlich auf sich beruhen lassen, um einem eventuellen Konflikt aus dem Wege zu gehen. So habe ich sie daraufhin angesprochen, und sie hat mir erklärt, dass es ihr keinewegs darum ging, mich zu maßregeln, sondern dass das Display sie extrem geblendet hat. So war die Angelegenheit sofort aus der Welt geschafft und wir hatten noch einen sehr schönen Abend. So kann es gehen, auch wenn Mut dazu gehört.
  2. Wir müssen bereit sein, von den Stärken des anderen zu lernen und den anderen als Lehrer anzunehmen. Das dürfte die schwerste Hürde sein, denn gemeinhin wird gesagt, mein Partner muss mich so nehmen, wie ich bin. Aber das gelingt in den wenigsten Fällen, wenn wir ehrlich sind. Je länger man sich kennt, desto mehr werden die zunächst als Stärken empfundenen Eigenschaften des Partners in unseren Augen zu Schwächen. Und da kommen wir zurück zu dem provozierenden Titel – Mein Partner, der liebevolle Idiot. Wir halten unseren Partner – überspitzt ausgedrückt – manchmal für einen Idioten. Aber wenn wir ihn als liebenswerten Idioten erkennen, das heißt in erster Linie, seine von uns als Schwächen empfundenen Eigenschaften mit Humor zu nehmen, dann ist das schon mal eine gute Voraussetzung für die Erhaltung der Liebe. Gleichzeitig sollten wir den Blick wieder auf die Stärken unseres Partners richten.Und noch ein toller Satz von de Botton: Wir sollten dem anderen helfen, das Beste von sich selbst zu werden! Das heißt eben nicht, so zu bleiben wie man ist, sondern immer auch nach Weiterentwicklung streben.
  3. Nachdenken kann nichts schaden! Also natürlich, ohne nachdenken vor allem über sich selbst, seine Beweggründe, seine Handlungsweisen geht es nicht. Sich auch in den anderen hineinversetzen und ihn mit den nachgiebigen Augen der Mutter oder des Vaters für ihr Kind betrachten. Das hört sich vielleicht merkwürdig an, aber da ist etwas dran. Wir sind mit unseren Kindern normalerweise nachsichtiger als mit unseren Partnern, weil wir wissen, dass sie noch Kinder sind und noch nicht über das Urteilsvermögen eines Erwachsenen verfügen. Aber in vielerlei Hinsicht bleiben wir auch als Erwachsene wie Kinder, vor allem in emotionalen Dingen, und man sollte uns mit Nachsicht begegnen und immer auch darüber nachdenken, was unser Gegenüber zu diesem oder jenem Verhalten bewogen haben könnte.

Und wo bleibt da die Romantik? De Botton meint, dass das, was wir vermeintlich für unromantisch halten wie z. B. miteinander essen gehen und miteinander reden,  vielleicht viel romantischer sein kann als das, was wir sonst dafür halten.

Und noch etwas: Manche philosophieren darüber, wie es wäre, wenn es eine „Liebespille“ gäbe, ob man damit nicht ganz einfach die Liebe entfachen oder wiedererwecken könnte. Das wird wohl nicht klappen. Wie de Botton richtig sagt: wir hätten doch immer das Gefühl oder den Verdacht, dass uns unser Partner nicht um unser selbst willen liebt, sondern wegen dieser Pille.

Wer sich den Beitrag nach meiner Zusammenfassung in Gänze anschauen möchte:

Brunchen für den guten Zweck

am 07.02. war es soweit: das neue Lebensjahrzehnt war angebrochen, und das war für mich Anlass zur Freude. Und weil ich mich so gefreut habe und meine Kollegen und Kolleginnen daran teilhaben lassen wollte und außerdem meine persönliche Herausforderung/Challenge für unser (terre des hommes) 50jähriges Jubiläum einlösen wollte (ich habe es nur inoffiziell als meine ganz persönliche Challenge laufen lassen, wurde aber dazu gedrängt, es als gutes Beispiel weiter zu verbreiten) habe ich alle meine Kolleginnen und Kollegen – es sind rund 70 – zu einem gemeinsamen Frühstück in meinem Büro eingeladen. Wie schon berichtet, habe ich dafür um eine Spende für unsere Projekte gebeten.

In der Spendendose befanden sich am Ende fast 220 Euro!

Ein tolles Ergebnis! Auch die nachfolgenden Feierlichkeiten stellte bzw. stelle ich in den Dienst unserer Projektarbeit und werde dann sicherlich ein ganz schönes Sümmchen überweisen können.

Nachdem während der Vorbereitungen die Schweißtropfen in Strömen flossen,  mir die Haare zwischenzeitlich zu Berge standen und ich nur mit Unterstützung lieber Kolleginnen die vielen Baguettes geschmiert, belegt und serviert hatte, wurde es ein sehr schönes Fest!

Ich habe eben tolle Kollegen und Kolleginnen!

Ganz knubbelig war es in unserer Hütte. Wir haben gegessen, getrunken, erzählt, herumgealbert. Leider hat unsere Fotografin erst gegen Ende den Fotoapparat geholt, als sich das Buffet schon merklich geleert und die meisten Kollegen bereits mit vollen Mägen gegangen waren.

Schließlich brachte man mir noch zwei Ständchen zu Gehör, was mich dann auch noch zu Tränen rührte.

Mit 60 ist man schon mal sentimental und dankbar für den Arbeitsplatz, für das Leben, die Freunde und das Glück, das man im Leben hatte!

 

Vielen Dank an die lieben Kolleginnen und Kollegen!!!