Mein Buchtipp – Mit der Reife wird man immer jünger – Texte und Gedichte von Hermann Hesse

Heute mal wieder etwas Neues/Altes zum Thema Lesen.

Auf einem Flohmarkt erstand ich kürzlich ein kleines Lesebuch mit Gedichten und Auszügen aus Briefen Hermann Hesses zum Thema alt werden und Sterben (Mit der Reife wird man immer jünger – Insel Taschenbuch 2857, 2002).

Zu Beginn ein Zitat, das mich schmunzeln ließ und dem Thema gleich etwas von seiner Schwere nimmt

Herrlich ist für alte Leute
Ofen und Burgunder rot,
Und zuletzt ein sanfter  Tod –
Aber später, noch nicht heute!

(1926)

Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren und starb am 9. August 1962 in seiner Wahlheimat Italien. Er hatte, wie es im Vorwort zu dem Lesebuch heißt, „… das Glück, alt zu werden und alle Lebensstufen auf charakteristische Weise erfahren und darstellen zu können“. Das Thema Altern und Sterben hat ihn offensichtlich auch schon in jüngeren Jahren beschäftigt. Ich kannte Hesse bis dahin als Autor so gewichtiger Werke wie „Narziß und Goldmund“ und eines meiner Lieblingsbücher „Siddartha“ sowie natürlich dem Gedicht „Stufen“.

In den vorliegenden Gedichten und Betrachtungen bedient er sich immer des Vergleichs mit den Vorgängen in der Natur, dem Erblühen und Verwelken, dem Wechsel der Jahreszeiten als Sinnbild für das menschliche Leben, das den gleichen Rhythmen unterliegt.

Hesse nähert sich dem Thema versöhnlich. Für ihn sind Altern und Sterben Stufen des Lebens, die den Menschen wie alle Lebensphasen zuvor vor neue Aufgaben stellen und ihn fordern, sich ihnen zu stellen und sie anzunehmen.

Dazu zwei Auszüge:

„Zehnmal und hundertmal noch wirst du mich wieder einfangen, bezaubern und einkerkern, Welt der Worte, Welt der Meinungen, Welt der Menschen, Welt der gesteigerten Lust und der fiebernden Angst. Tausendmal wirst du mich entzücken und erschrecken, mit Liedern am Flügel gesungen, mit Zeitungen, mit Telegrammen, mit Todesnachrichten, mit Anmeldeformularen und all deinem tollen Kram, du Welt voller Lust und Angst, holde Oper voll melodischen Unsinns. Aber niemals mehr, gebe es Gott, wirst du mir ganz verloren gehen, Andacht der Vergänglichkeit, Passionsmusik der Wandlung, Bereitschaft zum Sterben, Wille zur Wiedergeburt. Immer wird Ostern wiederkehren, immer wieder wird Lust zu Angst, Angst zu Erlösung werden, wird ohne Trauer mich das Lied der Vergänglichkeit auf meinen Wegen begleiten, voll Ja, voll Bereitschaft, voll Hoffnung.“ (1920)

Im Alter von 43 Jahren schon spürt er diesen Übergang vom ganz in dieser Welt und tätig sein hin zu der Erkenntnis und Anerkenntnis der Vergänglichkeit des Lebens und der Hoffnung, dass ihn dieses JA zu dieser Vergänglichkeit nicht mehr verlassen möge. Noch lebt und liebt er in dieser Welt und lässt sich mitreißen von ihrem Treiben, aber mehr und mehr weicht das in diesem Leben sein einer gelassenen Betrachtung von außen.

Aber auch das Alter entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung für sein Leben:

„Kurz gesagt: um als Alter seinen Sinn zu erfüllen und seiner Aufgabe gerecht zu werden, muss man mit dem Alter und allem, was es mit sich bringt, einverstanden sein, man muß Ja dazu sagen. Ohne dieses Ja, ohne die Hingabe an das, was die Natur von uns fordert, geht uns der Wert und Sinn unserer Tage – wir mögen alt oder jung sein – verloren, und wir betrügen das Leben“ (1952)

Dem ist nichts hinzuzufügen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reisetagebuch Borkum – Tag 3

Donnerstag, oder, wie verbringt man an der Nordsee einen verregneten Tag?

Ja, heute ist wirklich ein verregneter Tag, d. h. doch nicht ganz, denn zwischendurch sieht man am Himmel mal kurzzeitig Wolkenlücken, die dann mich und alle anderen Gäste veranlassen, sofort ihre Quartiere zu verlassen und nach draußen zu strömen. Mir tun die Servicekräfte in den Cafés mit Außenterrasse – und das sind ja fast alle – leid, denn sie müssen dieser Tage nicht stündlich, sondern ungefähr viertelstündlich die Sitzkissen und Speisekarten rein- und wieder rausholen und Tische und Stühle vom Wasser befreien. Aber wir, die Kurgäste, wollen unter allen Umständen draußen sitzen!

Morgens also Kurkonzert anhören vom Orchester Franz‘ L.aus Weimar, das heute wegen des schlechten Wetters im Restaurant „Leo’s“ gegenüber vom Musikpavillon spielt. Das Orchester spielt auf Borkum mit einem abgespeckten Kern von 4 Personen. Nichtsdestotrotz, ich finde, sie haben spielerisch was drauf, wenn ihre Musik auch nicht jedermanns Sache sein dürfte, sondern eher die ältere Generation anspricht. Heute morgen spielen sie Tanzmusik, und die gefällt mir sehr gut, denn damit bin ich bei tanzbegeisterten Eltern aufgewachsen und auch ich mochte Tanzen (Standardtänze) immer sehr gerne. Nun braucht es dazu freilich einen geeigneten Partner. Heute morgen bekomme ich kurzzeitig ein Exklusivkonzert, da ich die einzige Gästin bin.

Wie ich da so sitze und der Musik lausche, kommt ein älterer Herr mit Rucksack in das Café. Er setzt sich nicht, sondern läuft etwas herum und bleibt dann irgendwann stehen und lauscht der Musik. Nach einiger Zeit geht er Richtung Ausgang und bleibt dort noch einmal neben der Eistheke stehen. In einem – so denkt er – unbeobachteteten Moment öffnet er einen Behälter, in dem sich Kekse befinden, und nimmt sich einen heraus. Dann verlässt er seelenruhig diesen Ort. Kann nicht sagen, ob er arm ist oder einfach ein bisschen dreist…

Den Nachmittag verbringe ich mit dem Einkauf von kleinen Geschenken und entsprechendem Verpackungsmaterial. In der Pension schlafe ich ein wenig und gucke fernsehen.

Für den Abend habe ich mir eine Karte für ein Konzert der „Oldtimers“, dem Borkumer Shantychor, geholt. So habe ich wenigstens noch etwas vor…Als ich losfahre, ist es gerade mal trocken. Ich mache noch beim Knurrhahn halt, um kurz etwas zu essen. Da fängt es schon an zu regnen. Drinnen sind alle Plätze besetzt, aber draußen finde ich noch einen Platz an einer der großen Tonnen, die dort zum Essen aufgestellt sind. Neben mir ein Mann aus dem Ruhrgebiet, der gerade heute angekommen ist, und schon die Nase voll hat von Borkum! Ich versuche, ihm die Insel doch noch schmackhaft zu machen….naja, das Essen hat ihm schon mal gut geschmeckt. Derweil hat der Regen zugenommen, es plästert. Die Bedienung kommt alle paar Minuten heraus und stößt mit einem Besenstil gegen die Markise, damit das Wasser abfließen und auf die Straße bzw.auf uns hernieder regnen kann. Ich sehe schwarz für meinen Konzertbesuch, denn bei diesem Regenguss kann ich nicht weiter fahren. Glück gehabt! In einer kurzen Regenpause gebe ich meinem Fahrrad Gummi und erreiche die „Kulturinsel“, die neben dem Gezeitenland liegt und wo meine Veranstaltung stattfindet.

Die „Oldtimers“ von Borkum sind eine Institution. Es gibt sie nun schon 40 Jahre und die ältesten Sänger sind um die 80! Ihren vierstimmigen Gesängen und den Soli zuzuhören, ist ein Ohrenschmaus für alle diejenigen, die sich an dieser Art Musik erfreuen können.

Dabei erinnere ich mich wieder an meinen Vater, der im Krieg bei der Marine gewesen war und uns Kindern Seemannslieder beibrachte. Es ging soweit, dass meine Mutter mir Semannskleidchen nähte, entweder weiß blau oder blau weiß! Dass muss wohl nachhaltig gewirkt haben, denn meine Lieblingsfarben sind heute noch weiß und vor allem blau. Wenn wir auf Borkum abends mit den Eltern ausgingen, mussten wir alle unsere Leinenschuhe mit Schuhweiß behandeln, damit wir nach den Ansprüchen meines Vaters angemessen aussahen. Wenn das Marine-Musikcorps zum Konzert auf der Promenade anreiste, mussten wir natürlich dabei sein.

Vielleicht war mein Vater ja bei den Oldtimers dabei und hat sich an ihren Liedern erfreut!

 

 

Reisetagebuch Borkum Tag 2

Guten Morgen zu Tag 2 meines Reisetagebuchs, das ich mir als Mischung von Erinnerungen, Beobachtungen und Infos über Borkum vorstelle für diejenigen Leserinnen und Leser, die die Insel noch nicht kennen und so vielleicht Lust bekommen, ihren nächsten Urlaub dorthin zu planen, oder auch für Borkumkenner, die mit mir im Geiste meine Ausflüge begleiten.

Zurück zu Tag 2. Nach der ersten Nacht in meinem Quartier in dieser herrlichen Ruhe empfängt mich zunächst ein eher trüber Himmel. Ich frühstücke – es gibt ein reichhaltiges Buffet – und mache ich auf den Weg zu meiner ersten Radtour in diesem Jahr. Zuerst fahre ich zur Tourismusinformation gegenüber dem Bahnhof, wo ich mir den Veranstaltungskalender für August und einen Stadt- und Radwegeplan hole. Den vom letzten Jahr habe ich natürlich wieder zu Hause liegen gelassen. Eigentlich kenne ich die Wege ja schon in- und auswendig, aber wer weiß, vielleicht gibt es auch noch etwas Neues.

Das Wetter ist wechselhaft, heißt, sonnige Abschnitte wechseln in schneller Folge mit Schauern. Ich fahre auf der Verlängerung der Promenade mit dem Fahrrad zunächst am Café Sturmeck vorbei, weiter bis zum Café Seeblick und biege dort rechts ab und dann wieder links in den Rundweg Waterdelle durch Dünen- und Waldgelände.

Den Flughafen lasse ich rechts liegen  und fahre weiter durch die Dünen bis zum Café Bauernstuben im Ostland. Ich mache hier erstmal Station, da sich der Himmel gefährlich verdunkelt. Gleich nebenan gibt es noch das Café Ostland, so dass der Radler die Auswahl hat…Nach dem reichhaltigen Frühstück steht mir noch nicht der Sinn nach Essbarem, so dass ich mich  mit einem Milchkaffee begnüge und ein wenig lese. Bevor ich die Fahrt Richtung Neuer Deich fortsetze, da sich die Sonne gerade wieder zeigt, besuche ich noch das Örtchen für Froulü und scheitere fast wieder einmal am Handtuchautomaten. Wie bekomme ich jetzt hier wieder ein Papierhandtuch heraus? Muss ich die Händer unter dem Gerät hin- und her bewegen oder davor? Weder noch. Diemal muss ich auf einen Sensor drücken, bis ich das gewünschte Papier erhalte. Oh, wie blöd komme ich mir immer vor in solchen Fällen.

Bevor man auf den Deich fährt, sollte man die Aussicht über das Wattenmeer auf einer Bank am Info-Punkt genießen.

Wem der Gegenwind auf den Rad nichts ausmacht, für den ist es egal, aus welcher Richtung er auf den Deich fährt, wer sich die Windkraft lieber zunutze macht, der sollte morgens die Nase in den Wind halten und schauen, dass er oder natürlich auch sie den Wind im Rücken hat (also vom Ostland aus sollte der Wind auch aus dem Osten wehen).

Nach einem kleinen Mittagsschläfchen in meiner Pension – man ist ja auch nicht mehr die Jüngste und außerdem im Urlaub, begebe ich mich an meinen Lieblingsort, in das Café „Ria’s Beach“ auf der Strandpromenade. Ist das jetzt Schleichwerbung? Keine Ahnung. Ich sage auch dazu, dass es noch weitere Cafés auf der Promenade gibt und dort kann sich jeder den Platz suchen, der ihm/ihr am besten gefällt.

Diese Promenade mit Musikpavillon und Cafés mit Blick auf das Meer ist für mich das ganz Besondere auf Borkum. Da kommen wieder meine Erinnerungen ins Spiel. Damals Ende der 1960er Jahre gab es noch keine Cafés, sondern einen durchgehenden Raum – die Kurhalle – in der Mitte ein Rondell mit Tanzfläche und Orchester. Ja, dort spielte noch ein ganzes Orchester auf zum Kurkonzert mit Medodien wie dem Bolero von Maurice Ravel oder dem Can Can aus Paris…und die Eltern machten sich chic für den Tanzabend…

 

Am Abend gibt es noch ein Jazz-Konzert im Restaurant Upholm. Das ist oft was los mit Live-Musik. Wer Lust hat…..

 

Borkum und zurück – ein persönliches Reisetagebuch

Borkum, was soll ich sagen, was diese Insel für mich bedeutet?

Sie ist ein Stück eigener Geschichte mit Erinnerungen an und aus den verschiedenen Phasen meines Lebens, sie ist meine Lieblingsinsel im Hochseeklima….warum, das werde ich versuchen, euch nahe zu bringen in meinem Reisetagebuch…..

Am 9. August 2016 starte ich. Es ist ein wechselhafter, kühler Tag. Für die Hinfahrt entscheide ich mich für die Fähre, die 2 – 2 1/2 -Stunden von Emden aus braucht und mir die Möglichkeit gibt, schon mal etwas zu entspannen auf dem Weg ans Ziel. Ich fahre mit der „Ostfriesland“, die umgebaut wurde in ein hochmodernes Schiff mit umweltfreundlichem Gasantrieb. Das Wetter erlaubt mir nur kurze Aufenthalte auf dem Oberdeck, wenn es gerade mal nicht regnet. Der Ausblick auf das weite Meer fasziniert mich wie immer (siehe oben).

Auf Borkum angekommen, werden die Reisenden mit der „Bimmelbahn“ zum Borkumer Bahnhof gebracht, von wo aus sie in alle Richtungen in ihre Quartiere streben. Ich habe dieses Mal meine schwere Reisetasche vorausgeschickt (oh, was für eine Erleichterung!) und miete so umgehend für 14 Tage ein Fahrrad  (50 €) und fahre damit sogleich in meine Pension in der Westerstraße. Ich bin, seit ich im letzten Jahr hier war, gleich als „Stammgast“ eingeordnet worden (ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll?), was mir allerdings ein größeres Zimmer mit dem Preis zu dem eigentlich gebuchten kleineren eingebracht hat. Also, keine Klagen.

Und da bin ich schon beim Thema Unterkunft. Ich habe darüber nachgedacht, wann ich das erste Mal hier war. Es muss 1967 gewesen sein (oh Schreck, wie lange ist das schon her und wie viele Wellen haben sich seitdem am Strand gebrochen?). Damals noch mit meinen Eltern auf dem Campingplatz. Mit Sack und Pack und Zelt mit der Bahn nach Emden und dann rüber auf die Insel. Mehr Stress als sonst was, der sich noch erhöhte beim Aufbau des Zeltes, der sich regelmäßig zu Ehe- oder ganzen Familiendramen auswuchs. Einmal erlebten wir gar einen Wirbelsturm. Die Zeltstangen bogen sich, das Wasser drohte  ins Zelt einzudringen und konnte nur mit dem Einsatz der ganzen Familie beim Ausbaggern von Regenrinnen aufgehalten werden….

Aber ich will die schönen Seiten dieses Übernachtens in der freien Natur nicht unterschlagen! Toll, morgens aus dem Zelt zu steigen und  sich mit vielen anderen im gemeinsamen Waschraum grundzureinigen. Nein, echt, als Kind hat mir das Spaß gemacht, immer draußen sein und essen zu können, war klasse.

Dann wechselten wir 1969 in eine feste Unterkunft, in das kleine Zimmer des Försters, der ab und zu Auszubildende (sogenannte Eleven) hatte, die dort untergebracht waren. Es war wirklich nur ein Zimmer oberhalb der Försterwohnung in den Dünen, das meine Mutter und ich bewohnten. Dusche und Toilette nutzen wir in der Wohnung des Försters. Ich streunte durch die Dünen und fand auch ab und zu mal totes Getier….

In den folgenden Jahren zogen wir für die Urlaubszeit in das Schlafzimmer des Försters um (kann mich gar nicht erinnern, wo er und seine Frau für die Zeit blieben) und frühstückten in seinem Wohnzimmer. Die Familie war sehr nett und gastfreundlich und das Schönste für mich war, dass ich mit den beiden Hunden spazieren gehen durfte! Was mich als Tierschützerin allerdings auf die Barrikaden brachte, waren die Tage, an denen ein Reh oder ein Bock geschossen worden war. Die Einzelheiten will ich euch ersparen. Jedenfalls trafen sich die Jäger anschließend im Försterhaus, bliesen das Halalili und begossen ihren Schuss (Schuß).

Ich will noch erwähnen, dass der Weg, der am damaligen Forsthaus vorbeiführte, den Namen des Försters – Erich Rothkirch – erhalten hat wegen der vielen Verdienste des Försters für den Naturschutz! Wenn ihr mal eine Planwagenfahrt ins Ostland macht, werdet ihr dort hindurch fahren und ich nehme an, der Kutscher wird euch davon erzählen. Ja, und ich habe ihn gekannt!

So, da bin  ich nun schon mitten drin in den Erinnerungen!

Nachdem ich die Vermieterin begrüßt und meine Schlüssel in Empfang genommen habe, gehe ich zum „City Center“, dem Edeka-Markt im Zentrum, um meine Reisetasche bei der dortige Poststelle abzuholen.

Es ist schon früher Abend und ich gehe – das muss sein – die Bismarkstraße hinauf zum Strand, um zu sehen, was sich alles verändert hat seit dem letzten Jahr…Auf dem Rückweg gehe ich auch noch durch die Franz-Habich-Straße, die Fortsetzung der Fussgängerzone jenseits der Gleise und esse im „Knurrhahn“ eine Portion Kibbeling mit Pommes und Remoulade. Der Knurrhahn hat so etwas wie Kultstatus. Von der Größe her eher ein Imbiss, die Küche ist sehr gut, alles frisch und vor allem vor den Augen der Gäste zubereitet. Wie der Name schon sagt: Fisch in allen Variationen. Mich fasziniert weniger das „Ambiente“ als die Menschen hinter dem Tresen. Der Italiener, der die Bestellungen aufnimmt, muss ein fotographisches Gedächtnis haben. Es kann dir passieren, dass du bestellst und wenn du 15 oder 20 Minuten später bezahlen willst, weiß er noch, was du bestellt hattest, ohne auf seinen Zettel zu schauen. Faszinierend. Ebenso wie das Tempo, in dem dort gearbeitet wird. Unglaublich! Ich frage mich, wie viele Jahre man so etwas durchhalten kann…

So, das war der erste Tag…

 

Gemütszustände

 

Manchmal kann ich nicht mehr

Manchmal will ich nicht mehr

Manchmal hilft nur noch Abschalten,

Kreuzworträtsel oder Traumschiff….

 

Jeden Morgen sehe ich ihn, sieht er mich

Der Obdachlose, der „sans abri“, der ohne Schutz

Da liegt auf einer Matte am Wegesrand mit seinem ganzen Hab und Gut

Und schaut nicht weg

sieht mir geradewegs in die Augen

Es ist Sommer und es ist warm,

aber was ist, wenn es kälter wird

Was wird er tun, wohin kann er gehen?

Und ich, ich fahre vorbei oder nehme einen anderen Weg,

weil ich es nicht ertrage, dieses Elend,

weil ich zu feige bin, um ihn anzusprechen

erdenke mir hundert Ausflüchte und Rechtfertigungen

für meine Hilflosigkeit ..

 

Blick in meinen Kleiderschrank

Da hängt sowieso viel zu viel

Das macht auch nicht glücklich, nicht mal mehr für einen Moment

Schaler Nachgeschmack jedes neuen Kaufs

Aus Frust

 

Und das Schwarz

Hat keinen Platz mehr da

Muss raus

Kann ich nicht sehen

Nicht mehr tragen

Kein Schwarz

Den Tod in die Ecke gestellt, zur Strafe

Dass er sich immer wieder einmischt in mein Leben

Hat nichts zu suchen in meinem Schrank

 

Mir ist nach Rot, nach Gelb, am liebsten Blau

Das harmoniert so schön mit meinen blauen Augen

Irgendwas Schönes muss es doch geben

 

Ich weiß nicht, ob ich das alles noch schaffe

Im Leben, bei der Arbeit

Die 59 stecken schon in allen Knochen

Jedes Quartal ein Rezept für nen Physiotherapeuten

Der mich mal quält und knetet bis aufs Blut

Das in den Kopf steigt und ihn fast zum Platzen bringt

Ein anderer, der sanft die Wirbel zurechtrückt

Und mir das Gefühl gibt, dass es ihm wichtig ist,

dass es mir gut geht

ob das stimmt?

 

Da ist ein Mensch, den ich so lange kenne

Den ich nicht sehen, nicht sprechen kann

Seine Tage sind gezählt und keinen darf ich bei ihm verbringen

Irgendwie versteh‘ ich’s

Aber es tut so weh

So weit weg

Und ihm und ihr nichts sagen zu dürfen

Was auch mir das Herz beschwert

Oder was ich an Liebe zu geben hätte

 

Nachts

Wenn die Gedanken erstmal anfangen zu kreisen

Alles zu spät

Kein Halten mehr

Keine Meditation, verdammt, jetzt fällt mir das Wort nicht ein für das

Was ich da vergeblich versuche….

Um meinen Kopf zu leeren und ihm ein bisschen Pause zu verschaffen

 

Bevor mich die Nachrichten des nächsten Tages wieder

Greifen

Syrien, Türkei, Ukraine, Flüchtlinge, Attentate, Opfer, Täter…..

Wir tun alles für die Sicherheit

Garantieren können wir sie nicht

 

Wir werden damit leben müssen, es wird nicht besser

Wie auch, bei der Unruhe auf der ganzen Welt

Und der Wut und dem Hass

Von Menschen, die vor kurzem noch friedlich zusammen gelebt haben

Warum lassen wir uns scharf machen

Wem dient das? Wer hat was davon?

Du, ich?

Da spielen wir doch nur anderen in die Hände

Nein schlimmer,

sie treiben uns in den Hass

um ihrer Macht willen

um nichts anderes geht es hier

und wir sind ihre Handlanger

wenn wir den Verführern glauben

und ihnen nachlaufen

 

Du und ich

Wir sind doch beide Menschen

Stammen beide vom Affen ab, ob uns das gefällt oder nicht

Sind durch Zufall hier oder dort geboren

Haben Pech oder Glück gehabt

Und jetzt wollen sich die, die Pech gehabt haben,

sich das Glück von den anderen zurückholen

die auch nichts dafür können

wo sie geboren sind

 

Und außerdem

Lass uns doch mal prüfen, wessen anderer Rasse Blut auch in dir, in mir fließt

 

Wer ist hier mehr wert als der andere?

Wer hat das Recht, über wen zu bestimmen?

 

Ich brauche jetzt gerade mal Licht

Sonne, Wärme

Innen und außen

 

Kleine Gesten,

die ich nicht vergessen werde

die mir mein Menschsein und dein Menschsein

vor Augen führen

und mich mit dir verbinden

 

Meine Nachbarin, gerade 94 geworden, die nach einem der kurzen Gespräche, die wir

Ab und an im Flur miteinander führen, zu mir sagt:

„Es hat mich gefreut, dass wir miteinander gesprochen haben“

 

Du ,Wegbegleiterin meines Mannes in seinen letzten schwerkranken Jahren,

mit der ich an seinem Sterbebett gesessen und diesen schweren Moment teilen durfte

 

Du, meine Studienkollegin, die zu mir kam, als mein Vater gestorben war.

 

Und du, meine liebe Freundin, als ich dich eines Tages anrief, hast gar nicht erst abgewartet, bis ich ausgesprochen hatte, dass etwas Schlimmes passiert war, und dich gleich auf den Weg zu mir gemacht.

 

Es ist Zeit, sich an diese Momente mit euch und mit vielen anderen Menschen zu erinnern, um mich daran festzuhalten….

 

Das ist Leben

Darauf kommt es an….

 

Es ist so einfach

Es ist so einfach

Warum ist es so schwer zu erkennen

Was zählt?

 

Ich kann dich einfach nicht riechen…..

Inspiriert wie so oft durch einen Artikel in der …..klar… Zeit, bin ich dieses Mal meinen eigenen Gedanken – ja, die mache ich mir natürlich auch – zu dem Riechorgan im Allgemeinen und dem mir zugehörigen im Speziellen nachgegangen.

Zunächst zu dem Autor des Artikels, der beschreibt, dass er eines Tages auf einer Reise unvermittelt seinen Geruchssinn verloren und seitdem nicht mehr wieder erlangt hat. Er meint, dass man als Nichtbetroffener dem Riechorgan vielleicht weniger Bedeutung als den anderen Sinnen beimisst, vor allem dem Hören und Sehen, aber der Verlust des Geruchssinns ist nicht minder einschneidend und einschränkend in der Wahrnehmungsfähigkeit der Umwelt.

Beim Lesen des Artikels erinnerte ich mich an eigene Erfahrungen mit meinem Riecher. Wenn ich einem Menschen begegne, dann entsteht, dass ist wissenschaftlich belegt, innerhalb von wenigen Sekunden in meinem Kopf eine Einschätzung – topp oder hopp, also zumindest ist schon eine Intuition vorhanden. Woran macht sie sich fest?

Was nehme ich zuerst wahr? So genau kann ich das gar nicht sagen. Ich glaube, ich schaue zuerst auf die Augen und den Gesichtsausdruck, dann glaube ich schon auf die äußere Erscheinung, auf die Haltung. Jemand, der aufrecht geht, die Nase horizontal – da haben wir es schon – also nicht darüber aber auch nicht darunter in die Gegend reckt, ringt mir schon ein wenig Respekt ab. Dann kommt auch schon eine gepflegte Erscheinung, darf gerne sportlich sein, aber eben, was soll ich sagen, ohne mich „spießíg“ anzuhören, sauber und ordentlich – hach, hört sich doch spießig an. Also ich meine saubere Kleidung, gepflegte Haare, egal ob kurz oder lang (das haben meine Eltern damals auch immer gesagt, wenn es um mögliche Freunde ging!), und was für mich auch schon ein kleines Aushängeschild ist, saubere Fingernägel.

Mein Sohn sagte mir mal, die Frauen würden beim Mann auf Gürtel und Schuhe schauen. War mir nicht bewusst, bis ich einmal in einem VHS-Kurs einen Teilnehmer hatte, der immer sehr sagen wir akurat, nein sogar elegant, aber nicht aufdringlich gekleidet war. Und er trug immer tadellos geputzte Schuhe. Er war darüber hinaus aber auch außerordentlich sympathisch! Das hat mich dazu veranlasst, jetzt auch verstärkt auf geputzte Schuhe bei mir selbst zu achten. Also bei den Schuhen kann ich meinem Sohn aus eigener Erfahrung beipflichten.

Nun sind dies alles äußerliche Merkmale, die ich bewusst wahrnehme. Dahinter gibt es aber offensichtlich auch ein noch stärkeres und viel schneller reagierendes unterbewusstes Erfassen.

Die  Wahrnehmung des Geruchs fällt wahrscheinlich in den Bereich der konkreten Betrachtung, ist aber auch ein wichtiges Kriterium dafür, ob ich jemanden überhaupt in meine Nähe kommen lasse.

Aber welcher Geruch mir sympathisch ist, kommt woher? Was zieht mich an, was stößt mich ab? Manche Menschen mag es nicht stören, wenn jemand stark schwitzt. Ich bin da bei mir selbst und anderen schon recht empfindlich, obwohl es ja ein ganz natürlicher physiologischer Vorgang ist. Also, dass ich jemanden nicht riechen kann, fängt schon ganz konkret auf der Ebene der Körperausdünstungen an und überträgt sich dann u.U. auf die gesamte Person fort (Vorsicht wieder bei vorschnellen Beurteilungen).

Extrem sensibel habe ich reagiert, als ich die ersten Male in ein Altersheim kam und mich fragte, woher dieser über allem schwebende beißende Geruch kam, den ich so nicht kannte. Ja woher? Die alten Menschen können ihren Urin nicht mehr so halten wie wir – noch jüngeren – oder gar nicht mehr. Und diesen Geruch kriegst du nur ganz schlecht weg. Ja, auch darüber muss man sprechen, wenn es ums Älter werden geht, das zwar heute nicht im Mittelpunkt meines Artikels steht, aber in punkto Geruch auch benannt werden muss. In  diesem Fall können die alten Menschen ja nichts dafür und, auch wenn es Überwindung kostet, das fällt definitiv nicht unter die Ausschlusskriterien.

Nicht nur der unmittelbare Geruch eines Menschen beeinflusst meine Haltung zu ihm oder ihr schon mal ganz erheblich, sondern auch der Geruch seiner Wohnung. Nun, ich weiß nicht, wie meine Wohnung riecht. Komischerweise können wir den Geruch der eigenen vier Wände nicht ausmachen, Wenn ich versuche, mich an den Geruch der Wohnung meiner Mutter zu erinnern, gelingt mir das auch nicht. Also gilt das vielleicht auch für den „Familiengeruch“.

Also, ich habe zumindest die Erfahrung gemacht, dass aus meiner Sicht unangenehme Gerüche an einer Person sich auch in deren Wohnung wieder finden.

Ich weiß, ich bin da sehr empfindlich, d.h. ich könnte auch nicht als Landwirt arbeiten. Ich habe Hochachtung vor allen Menschen, die in der Landwirtschaft oder sonstigen Branchen arbeiten, die von unangenehmen Gerüchen begleitet werden.

Wohin hat mich dieses Thema nun schon wieder getrieben?

Ursprünglich wollte ich davon erzählen, dass mein Leben sich ja mit fortschreitendem Alter immer mehr aus Erinnerungen zusammensetzt und diese Erinnerungen natürlich auch oft mit bestimmten angenehmen oder unangenehmen Gerüchen verbunden sind.

Erinnerungen an Arztpraxen und vor allem Krankenhäuser, deren Geruch ich inzwischen nur noch schwer ertrage. Erinnerungen an Zahnarztpraxen mit ihrem aseptischen Geruch, auch nicht unbedingt angenehm, ganz zu schweigen von den schon genannten Altersheimen (wenn ich mich mal entscheiden müsste für ein Altersheim, dann würde ich zuallererst nach einem suchen, in dem die oben beschriebenen Gerüche gut im Zaum gehalten werden!!!

Angenehme (Geruchs-)Erinnerungen habe ich natürlich immer wieder an das Meer. Das ist ja im Normalfall „reine“ Luft – so möchte ich es einfach glauben. Was für ein Unterschied, wenn ich mich aus meiner „Großstadt“ dem Meer nähere. Da habe ich schon mal richtige Geruchsglücksmomente.

Solche Geruchserlebnisse und die Verbindung von Gerüchen mit bestimmten Ereignissen, Orten oder Menschen kennt sicher jeder selbst. Die Empfindung von etwas als gut riechend ist subjektiv und so will ich auch meine Ausführungen verstanden wissen. Etwas, das ich als gut riechend empfinde, muss für einen anderen Menschen nicht das gleiche bedeuten.

Ich schätze dezent angenehm riechende Personen mit entsprechender Körperhygiene, vielleicht mit etwas Parfüm oder was Männer so benutzen. Meine Vermutung dahinter ist, dass wir vielleicht schon rein intuitiv erfassen, welcher Mensch und welcher Geruch zu uns passt. Wäre doch irgendwie genial, oder? Es gibt bestimmt auch so etwas wie eine Geruchsaffinität zwischen Menschen. Dazu würde passen, dass sich, wie ich kürzlich gelesen habe, Männer und Frauen anziehen, die sich in ihrer genetischen Grundstruktur ähnlich sind. Also ganz tief in der Evolution angelegte Mechanismen für das Überleben der Spezies. Vielleicht gilt das eben auch schon für den Geruch.

Ja, ich glaube, das ist die Quintessenz dieses Artikels, die sich unvermittelt eingestellt hat.

Und damit viele schöne Geruchs- und sonstige Erlebnisse!

 

 

Prognosen für den Homo sapiens

Mal schauen, ob ich es hinbringe, den o.g. Artikel aus meiner Lieblingszeitung bzw. aus der Sonderbeilage vom 16. Juni 2016 der „Zeit“ in der Kurzfassung wider zu geben.

Es passiert relativ selten, dass ich mir die Zeit nehme – hahaha – und einen so langen Artikel oder wie in diesem Fall muss man es wohl einen Essay nennen (ich weiß nicht mehr wirklich, wie man den definiert, aber egal) bis zum Ende lese. Aber als ich einmal angefangen hatte, musste ich mich dadurch beißen, weil der Autor Klaus-Dieter Rauser die Frage gestellt hat, ob der Homo sapiens noch zu retten ist, oder ob es schon zu spät ist.

Seine These lautet, dass die Überbevölkerung die eigentliche Ursache für den derzeitigen Zustand der Erde ist mit dem daraus resultierenden übermäßigen Verbrauch von Ressourcen, Umweltverschmutzung, Klimawandel, kriegerischen Auseinandersetzungen usw.

Der Mensch konnte sich aufgrund seiner genetischen Ausstattung gegenüber den anderen Arten durchsetzen. Was zunächst als Vorteil erscheint und der Spezies Mensch das Überleben gesichert hat, könnte sich im Hinblick auf die Arterhaltung hingegen als Gen-Defekt auswirken, da sich der Mensch mehr und mehr und ohne natürlichen Feinde vermehren, sich die Ressourcen zu eigen machen bzw. ausbeuten konnte.

Der Autor schlägt vor, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen vom gegenwärtig herrschenden Idealbild des jeder kämpft für sich allein zu einer neuen solidarischen Bewegung für die Erhaltung der Spezies Mensch. Diese Bewegung soll in ein sich selbst regulierendes System münden, in dem sich die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft aus sich selbst heraus neu ausrichten und sich „artgerecht“ verhalten. Dabei macht man sich zunutze, dass der Mensch neben Nahrung, Schlaf, Sex und Schutz ein elementares Bedürfnis nach positivem Feedback aus seiner Umgebung hat. Weil alle Versuche, den Menschen durch religiöse Vorschriften, Gesetze, gesellschaftliche Konventionen zu „regulieren“, inzwischen zu zahnlosen Spielregeln verkommen sind, muss sich ein artgerechtes Verhalten für den einzelnen lohnen, in seinem ureigenen Interesse liegen, z. B. durch eine höhere Positionierung innerhalb der Gemeinschaft/Gesellschaft bzw. eine Herabstufung im Falle eines nicht artgerechten Verhaltens.

Der Mensch ist auf ein soziales Gefüge überlebenswichtig angewiesen. Er orientiert sich ständig an den Handlungen und Einschätzungen seiner Mitmenschen und sucht seinen Platz in diesem Gefüge. Dabei ist er bereit, sich den Erwartungen seiner Umgebung anzupassen und ggfs. mögliche Limitierungen hinzunehmen. Der Zugang zu Ressourcen ist abhängig von der Positionierung des Einzelnen in der Gemeinschaft. Der Paradigmenwechsel beruht nun einem positiven Feedback und entsprechender Anerkennung und Positionierung für ein artgerechtes Verhalten.

Zunächst muss eine Base Line, eine Ausgangslage – definiert werden, um ein möglichst umfassendes Bild von dem aktuellen Zustand der Erde zu erhalten und zu ermitteln, mit welchen Mitteln dieser Zustand verbessert werden kann. Aus den Erkenntnissen der Vergangenheit werden Prognosen für mögliche Szenarien/Entwicklungen in der Zukunft erstellt, die ständig an der Realität gemessen und ggfs. korrigiert werden.

Jedes Individuum wird dann im Idealfall sein eigenes Verhalten an dem Ziel einer Verbesserung ausrichten, da es mit einem positiven Feedback rechnen kann.

Wahrscheinlich habe ich mich durch den Artikel gefressen, weil mir das Thema der „Arterhaltung“ , der Zustand der Erde und die Konflikte aller Orten sicher genauso auf den Nägeln brennt, wie vielen anderen Menschen auch, die nicht nur auf ihren kurzfristigen Eigennutz schauen nach dem Motto „nach mir die Sintflut“. Es ist mal ein für mich ganz neuer Denkansatz. Der Autor meint, dass so eine Entwicklung durchaus friedlich vonstattengehen könnte, wobei er andererseits einräumt, dass diejenigen, die die Macht über die Ressourcen haben, diese Macht sicher nicht freiwillig abgeben und alles daran setzen werden, sie zu erhalten. Es hört sich für mich auch arg nach Manipulation an. Ja. Andererseits: wir werden doch ständig manipuliert. Am augenfälligsten in der Werbung, die uns unsere Bedürfnisse suggeriert. Also warum die Menschen nicht auch in gewisser Weise manipulieren, um sie auf eine andere Schiene zu bringen, die unser Überleben sichern könnte, wenn das überhaupt noch möglich ist.

Leider ist es wahrscheinlicher, dass es erst noch zu viel größeren Katastrophen kommen muss, bis ein kollektives Bewusstsein für einen Paradigmenwechsel entsteht, und dann könnte es schon zu spät sein.

Abschließend sei noch hinzugefügt, dass der Autor seinen Artikel selbst als Gedankenspiel bezeichnet hat. Aber es ist glaube ich allerhöchste Zeit, neue und ganz ungewohnte Gedanken zu entwickeln.

Ich freue mich auf eure Kommentare zu diesem sicher nicht einfachen Themen.

Schwer jetzt die Kurve zu kriegen für einen positiven Schluss dieses Beitrages.

Andererseits: nichts ist unmöglich!

 

Er wird sterben

 

Er wird sterben

Punkt.

 

Keine Frage mehr, kein Verhandeln, kein Weg heraus

Aus der Gewissheit

endgültiger Endlichkeit

Aus die Maus

 

Er wird sterben

Wie lange noch, wie viel Zeit

Bis zum Tage X, bis zum letzten Atemzug verbleibt

Bis zum Verderben

 

Oder Erlösung von irdischer Qual

Und der Frage, warum er das aushalten muss

Bis er gehen kann, gehen muss aus des Lebens Fluss

Ohne eine Wahl

 

Ich sehe ein, dass es nicht anders geht

Das Kommen und Gehen, Erblühen und Verblassen

Das Gebären, das Wachsen, das Lieben und Hassen

Das Leben und Sterben, damit die Erde sich dreht

 

Und erneuert

Er wird sterben

leiden, kämpfen, müde werden

Und wer beteuert

 

Es hätte alles seinen Sinn

Im Universum, was ihm und all den anderen geschieht

Ist es Karma oder wer auch immer an den Fäden zieht

So vermag ich ihn, diesen Sinn, jetzt und in diesem Fall ganz einfach nicht finden, weil ich betroffen bin

 

Der Tod ist auf einmal so nah

Was interessiert mich das Weltgeschehen, wenn du nicht mehr bist

Mit mir nicht mehr den Flügelschlag der Möwe vernimmst, die den Himmel vermisst

Was interessierte mich, dass es kein Leben ohne Sterben gibt, wenn ich dich sah

 

Und wünschte, nur einmal den Lauf der Zeit zu brechen

Deine Hand zu halten und dir noch eine Verlängerung zu versprechen….

 

 

Sein Bruder – Philippe Besson

 

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mir vor ca. 10 Jahren in die Hände fiel und das ich jetzt noch einmal gelesen habe, weil es mich damals wie heute tief beeindruckt hat und ich es deshalb hier rezensieren möchte.

Es ist der 2. Roman von Philippe Besson, seines Zeichens Franzose, erschienen 2001 und in viele Sprachen übersetzt. Der Roman ist außerdem verfilmt worden unter demselben Titel. Seither hat Besson mit einer Ausnahme jedes Jahr einen Roman veröffentlicht. Seine Bücher stehen alle in meinem Regal, aber „Sein Bruder“ (Son Frère), ist nach meiner Meinung sein bislang bestes Werk.

Luc, 28 und Schriftsteller, erzählt die Geschichte seines Bruders Thomas, nur 15 Monate jünger als er, der an einer Zerstörung seiner Blutplättchen leidet, deren Ursache noch nicht gefunden wurde. Die ursprüngliche Vermutung, dass es sich um Aids handeln könnte, bewahrheitet sich nicht, allerdings bedeutet dies keinerlei Entwarnung, denn in Thomas Körper schwelt eine, wenn auch andere, schwere Krankheit.

Während Luc erzählt, wie die Ärzte nach Ursachen suchen und verschiedene Behandlungsmethoden ausprobieren, erinnert er sich gleichzeitig immer wieder an ihre gemeinsame Kindheit und Jugend, und vor allem an ihre Ferien auf der Ile de Ré im Atlantik. Sie waren sich damals schon sehr nah gewesen und sehr ähnlich, eine Ähnlichkeit, die Luc selbst nicht sehen konnte und wollte, bedeutete das für ihn doch, dass Thomas die Aufmerksamkeit seiner Umwelt auf sich zog und verwöhnt wurde. Ja, er hatte sicherlich mehr darunter gelitten, als er es heute zugeben würde. Jetzt würde er sich freuen über die Feststellung, dass sie sich ähnlich sehen und er würde es gerne akzeptieren, nicht der Bevorzugte sein. Aber es ist zu spät.

Ihre Mutter ist dreizehn Jahr jünger als ihr Mann und Luc vermutet, dass sie ihren Mann wahrscheinlich gerne irgendwann verlassen hätte, aber sie bleiben in ihrer Uneinigkeit vereint. Wie ein Schatten hängt der Tod eines ersten ungeborenen Kindes, Clément (zu Deutsch Klemens, aber auch der „Milde“) über der Familie. Mutter und Vater wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Noch einen Sohn zu verlieren, würde die Mutter nicht verkraften. Und dann ist da noch Claire, die Freundin von Thomas, Claire mit den klaren Augen. Sie ist mit der Situation ebenfalls überfordert und stellt fest, dass sie nicht dafür gemacht ist, das Leid von Thomas auszuhalten.

Letztlich bleibt nur Luc übrig, der Thomas begleitet und versteht.

Als Luc 14 ist, bemerkt er zum ersten Mal, dass er sich für Jungs interessiert. Weder er noch Thomas machen daraus eine große Geschichte, und wenn sich mit dieser anderen Ausrichtung auch der erste größere Unterschied der beiden manifestiert, so ist doch auch schon das Wissen um die Unzertrennlichkeit und Unzerstörbarkeit ihrer Verbindung deutlich.

Schon ganz am Anfang der Behandlung sagt Thomas, dass er weiß, dass er die Krankheit nicht überleben wird. Er weiß es und Luc weiß es. Es kommen zwischendurch kurze Momente der Hoffnung auf, die aber immer schon das Scheitern in sich tragen.

Als sich Thomas gegen Ende weigert, noch irgendwelche Behandlungen an sich vornehmen zu lassen, wünscht er sich, mit Luc nach Saint Clément auf der Ile de Ré in ihr altes Feriendomizil zu reisen. Er will dort seine letzte Lebenszeit verbringen und es ist aus der Perspektive dieses letzten Aufenthaltes auf der Insel, aus der Luc aus der Kindheit berichtet.

Eines Tages setzt sich ein alter Insulaner neben sie auf eine Bank und erzählt aus seinem harten Leben am und auf dem Meer. Davon, dass ihm das Meer so viele Menschen genommen hat. Er kehrt mehrere Tage hintereinander wieder und erzählt…

An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine unvermutete Wendung.

Die Frage, die letztlich im Raum steht: Ist die Krankheit eine Strafe?

Philippe Besson beschreibt, ja seziert förmlich sowohl die äußeren Vorgänge der medizinischen Behandlung und deren Auswirkungen auf Thomas als auch die Gemütslagen der verschiedenen Beteiligten. Fast analytisch versetzt er sich in seine Personen, ohne Pathos, aber in wenigen, präzisen Worten so eindringlich, dass keine weiteren Erklärungen erforderlich sind. Er trifft mitten ins Herz.

Der menschlichen Psyche und den verschiedenen Varianten von Liebe, Scheitern und Tod gilt sein Hauptaugenmerk in allen seinen Romanen, in der Feststellung, weniger der Wertung, einer Feststellung, die dem Leser manchmal in ihrer Radikalität fast den Atem stocken lässt. Besson lässt seine Geschichten selten „gut“ ausgehen. Er beschäftigt sich mit der dunklen Seite der Seele, mit dem in seinen Romanen oft als Unvermeidliches dargestelltes und als solches hinzunehmendes.

Dabei enthalten die Geschichten immer auch noch einen (kriminalistischen) Überraschungseffekt.

„Sein Bruder“ ist eine Auseinandersetzung mit Krankheit, Verfall und Tod, mit der bisweilen brutalen und bis auf Äußerste getriebenen medizinischen Behandlung. Er beschreibt einerseits die Unfähigkeit, mit Leid und Tod umzugehen,  andererseits aber auch die Bedingungslosigkeit einer Bruderliebe.

Sehr beeindruckend!

Small World – Martin Suter

Konrad Lang, 63, ist vergesslich geworden…so weit, dass er eines Tages statt des Kaminholzes in der Villa auf Korfu, die er im Auftrag der Besitzerin betreut, das daneben aufgeschichtete Holz anzündet. Eigentlich bewohnt er ein kleines Pförtnerhaus oberhalb, aber wegen der Kälte will er in der Villa übernachten, obwohl ihm dies verboten ist. Konrad ist nicht nur vergesslich, er sagt auch dem Alkohol zu. Er macht sich an diesem Abend in seiner kleinen Küche noch etwas zu essen, nimmt auch noch Alkoholisches mit. Als er zurückkehrt, steht die Villa bereits in Flammen.

Im Folgenden wechseln sich Gegenwart und Rückblicke in die Vergangenheit miteinander ab. Immer wieder werden kleine Informationen gestreut, die nach und nach ein Bild ergeben.

Konrad steht offensichtlich unter dem merkwürdigen Schutz der Besitzerin der abgebrannten Villa, Elvira Senn. Sie war als 19jährige nach dem Tod seiner Frau in das Haus des Industriellen Wilhelm Koch zur Betreuung seines damals dreijährigen Sohnes Thomas gekommen. Schnell heiraten die beiden. Nach Wilhelms’ frühem Tod heiratet Elvira den Direktor der Koch-Werke, Edgar Senn, der 1965 ebenfalls verstirbt. Elvira übernimmt die Geschäfte und führt das Unternehmen erfolgreich.

Konrad ist das uneheliche Kind des Dienstmädchens Anna, das sich nach Wilhelms‘ Tod um Elvira kümmert. Elvira, Anna und die Kinder reisen bis kurz vor Kriegsbeginn viel in der Welt herum. Während einer Reise nach London verliebt sich Anna in einen deutschen Diplomaten, dem sie die Existenz von Konrad verschweigt. Vielmehr lädt sie Konrad bei einem Bauern im Emmental ab. Konrad ist damals 6 Jahre. Als 5 Jahre später kein Geld mehr fließt, bringt der Bauer Konrad zu Elvira, die ihn auf Bitten von Thomas widerwillig aufnimmt. Konrad selbst sagt, dass er und Thomas von da an wie Brüder aufwachsen. Als Thomas wegen schlechter Leistungen in ein Internat geschickt wird, in dem die zukünftige Elite ausgebildet wird, verlangt Thomas, dass Konrad mitkommt. Während Thomas Konrad gegenüber loyal ist, wenn sie allein sind, behandelt er ihn in Gegenwart der anderen reichen Schüler abschätzig als den Sohn einer ehemaligen Hausangestellten. Konrad wird gedemütigt, hat aber nicht die Kraft, sich zu wehren.

Er hat ein großes Talent zum Klavierspielen, aber auch diesen Traum kann er nicht verwirklichen, weil beim Spiel eine Hand immer wie eine „Marionette“ der anderen folgte.

Thomas spannt ihm auch noch seine erste Liebe Elisabeth aus und heiratet sie. Die Ehe scheitert.

Nach vielen Jahren überträgt Elvira formal die Firmenleitung an ihren nun 53jährigen Sohn, zieht aber im Hintergrund weiter die Fäden. Sie hält Thomas aus „charakterlichen“ Gründen nicht geeignet und plant, dessen Sohn Urs die Geschäfte zu übertragen, sobald dieser soweit ist.

Nach dem Brand muss Konrad Korfu verlassen. Elvira finanziert ihm seinen Lebensunterhalt in einer kleinen Wohnung in der Schweiz unweit ihres Wohnsitzes, der Villa Rhododendron. Sie hält ihn auf Abstand, lässt sich aber über seinen Gesundheitszustand informieren und scheint ihn loswerden zu wollen. Sie erhöht sogar sein monatliches Budget, damit er sich zu Tode trinken kann. Nach einer kurzen Liebesbeziehung mit Rosemarie, der geschiedenen Frau eines seiner damaligen Mitschüler im Internat, während der Konrad noch einmal auflebt, verfällt er zusehends, so dass er zunächst in einem Heim untergebracht wird. Da bekommt er Hilfe von Simone, der unglücklichen Ehefrau des ewig fremdgehenden Urs. Sie entdeckt in Konrad einen neuen Lebenssinn und setzt durch, dass er von nun an in dem ehemaligen Gästehaus der Villa Rhododendron mit aller notwendigen Betreuung leben kann. Konrad scheint immer mehr in das Vergessen zu sinken und Simone bringt es nicht mehr fertig, ihn zu besuchen, bis eine Schwester ihr eines Tages ein Bild von Konrad bringt, auf das er geschrieben hat: „Eigentlich wollte ich darüber noch schreiben“, d.h. es gibt da noch Dinge, an die sich Konrad erinnert, und die will Simone ans Tageslicht bringen.

Sie stiehlt  Fotoalben aus den “Gemächern“ von Elvira, als diese auf Urlaub ist, und zeigt Konrad Fotos aus seiner Vergangenheit. Konrad erinnert sich anfangs noch genau an Reisen, die er zusammen mit Thomas und Elvira unternommen hat.

Zwischendurch immer wieder die zusehends nervöser werdende Elvira. Es muss irgendein schlimmes Geheimnis geben, von dem sie fürchtet, dass Konrad sich daran erinnert.

Es kommt bis zur Auflösung des Rätsels noch zu verschiedenen Verwicklungen und dramatischen Ereignissen, die hier aber nicht mehr verraten werden. Es bleibt spannend bis zum Schluss!

Suter verbindet in seinem Roman gekonnt die differenzierte Beschreibung der fortschreitenden Alzheimer-Krankheit von Konrad, die jeder unterschreiben kann, der schon mal mit Demenz oder Alzheimer zu tun hatte, und eine Kriminalgeschichte.

Ich persönlich habe zunächst gezögert, diesen Roman zu lesen, da ich – wie man/frau vielleicht schon vermutet hat – reale Erfahrungen mit Demenz und ihren Auswirkungen gemacht habe und nicht wusste, ob ich mir das „antun“ sollte. Aber durch den zeitlichen Abstand zu den eigenen Erfahrungen war es letztlich nicht mehr schwierig. Höchstens immer wieder zustimmendes Nicken bei der Beschreibung der Symptome. Im Fall von Konrad nimmt die Geschichte sogar noch einen letztlich versöhnlichen und hoffnungsvollen Verlauf.Und wie schön, dass Konrad einen Menschen – Simone – gefunden hat, oder besser gesagt, sie ihn, der sich um ihn kümmert, seine Partei ergreift. Das ist für mich eine der wichtigsten Lehren aus meinen persönlichen Erfahrungen: den Menschen in ihrer Not beizustehen.

Der Krimi dahinter ist nicht gleich erkennbar in seiner ganzen Tragweite und beschreibt ein Familiendrama aus Lug und Trug und schließlich sogar Mord.

Der 1997 erschienene erste Roman Suters begründete seinen Durchbruch. Er ist zugleich der erste Band aus der von Suter selbst so genannten „neurologischen Trilogie“  („Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“), in der er Identitätskrisen der Protagonisten beschreibt. Es gibt in dem vorliegenden Roman mehrere Aspekte einer Identitätskrise: Konrad’s Abhängigkeit von Thomas un Elvira, die bewusste Irreführung Elviras über Konrads Identität und schließlich der Verlust derselben durch die Krankheit.

Suters Romane (zugegeben, ich habe erst zwei gelesen) sind sicher keine leichte Kost im Sinne eines Unterhaltungsromans, aber sie bieten eingebettet in eine spannende Handlung tiefe Einblicke in die menschliche Psyche und mögliche Verirrungen.

 lesenswert!